Paus (Familie)
Paus (auch de Paus und von Paus) (Aussprache [pæʉs]) ist eine norwegische Familie, die im 16. Jahrhundert aus der mittelalterlichen Stadt Oslo als aristokratische geistliche Familie hervorging und dem ostnorwegischen Patriziat zuzurechnen ist. Im 16. und 17. Jahrhundert war die Familie vor allem als Geistliche und Juristen in Øvre Telemark bekannt; spätere Generationen wirkten unter anderem als Reeder, Industriemagnaten, Gutsbesitzer, Beamte und Künstler. Der bekannteste Nachkomme ist Henrik Ibsen, der die Familie und ihr soziales Milieu in seinem literarischen Werk vielfach verarbeitete; sie gilt in der Ibsen-Forschung als ein zentrales historisches Vorbild für das von ihm dargestellte protestantische Beamten- und Verwaltungsmilieu. Zu den weiteren bekannten Angehörigen zählt der Musiker Ole Paus.
Geschichte
Die Familie trat im 16. Jahrhundert aus der mittelalterlichen Stadt Oslo als aristokratische geistliche Familie hervor. Die Familie gehörte seit den 1600er Jahren der regionalen Führungsschicht, der „Beamtenaristokratie“, in der Øvre Telemark an, als Priester, Richter und Beamten.
Der Name Paus ist in Oslo seit dem 14. Jahrhundert als Beiname und Hofname belegt. Er geht vermutlich auf eine metaphorische Verwendung des mittelniederdeutschen Wortes für „Papst“ zurück – möglicherweise in der Bedeutung „der Fromme“ – und spiegelt wahrscheinlich sowohl ausländische Einflüsse als auch eine Tradition der Namenssatire im mittelalterlichen Oslo wider.[1]
Als älteste gesicherte Stammväter der Familie gelten die aus Oslo stammenden Brüder Hans (1587–1648) und Peder Povelsson Paus (1590–1653), beide Geistliche. In seinem Werk Slekten Paus führte der Genealoge S. H. Finne-Grønn die Familie zwei weitere Generationen zurück auf den Domherrn Hans Olufsson († 1570) an der Marienkirche in Oslo, der adligen Rang besaß und vor wie nach der Reformation als Kanoniker der königlichen Kapellgeistlichkeit wirkte.[2][3]
Peder Paus kam 1618 als Pfarrer nach Vinje in Øvre Telemark, wurde 1633 Propst und begründete eine weitverzweigte Nachkommenschaft, die sich im 17. Jahrhundert zeitweise auch Vind (Wind) nannte, nach dem Pfarrbezirk Vinje. Sein Sohn Povel verfasste 1653 ein lateinisches Trauergedicht zu seinem Tod. Der Historiker Jon Nygaard beschreibt die Familie Paus als Teil eines im 17. Jahrhundert entstandenen aristokratischen Beamtenmilieus in Øvre Telemark, in dem insbesondere die Familien Paus, Blom und Ørn über Generationen hinweg die wichtigsten Ämter innehatten.[4] Das Amt des Sorenskriver (Bezirksrichters) in Øvre Telemark befand sich zwischen 1668 und 1774 über fünf Generationen hinweg in der Familie.
Ab dem späten 18. Jahrhundert ließen sich zwei Linien der Familie als Schiffer und Reeder in Skien und Drammen nieder. Im 19. Jahrhundert wurden Ole Paus und seine Brüder zu bedeutenden Industriellen in Christiania und gründeten unter anderem das Stahlunternehmen Ole Paus, die Den Norske Hesteskosømfabrik und das Christiania Stålverk. Ole Paus ließ die Pausvilla auf Bygdøy errichten und war der Vater des Abenteurers und norwegischen Generalkonsuls in Wien Thorleif (von) Paus, der mit Ella Stein verheiratet war und der Vater des Generals Ole (von) Paus sowie Großvater des Liedermachers Ole Paus wurde. Eine Linie der Familie begründete den Industriekonzern Paus & Paus. Familienmitglieder besaßen oder besitzen weitere Industrieunternehmen; eine Linie zählt zu den Haupteigentümern der Reederei Wilh. Wilhelmsen.
Die Familie besaß zeitweise mehrere Herrenhäuser und Schlösser in Schweden, darunter Herresta, das sich noch heute im Familienbesitz befindet. Die Herresta-Linie stammt von Tatiana Tolstoy-Paus, der letzten überlebenden Enkelin Leo Tolstois, ab. Der päpstliche Kammerherr und Holzerbe Christopher (de) Paus wurde 1923 von Papst Pius XI. zum Grafen ernannt; bereits 1918 hatte er die Paus-Sammlung, die größte private Sammlung antiker Skulpturen Nordeuropas, dem Nationalmuseum gestiftet. Das Dorf Pauspur in Indien ist nach der Familie benannt. Die Familie führte mehrere Siegel und Wappen; im 17. Jahrhundert ist unter anderem ein Wappen mit einem wachsamen Kranich belegt, später auch eines mit Ochsenkopf und Stern.
Der bekannteste Nachkomme der Familie ist Henrik Ibsen, der die Familie in seinem literarischen Werk vielfach verewigte. Beide Eltern Ibsens gehörten der Familie Paus biologisch oder sozial an und wuchsen als nahe Verwandte auf. Ibsen griff Familienmitglieder, -traditionen und -ereignisse in mehreren Dramen auf, darunter Peer Gynt, Gespenster, Ein Volksfeind, Die Wildente, Rosmersholm und Hedda Gabler. In der Ibsen-Forschung wird die Familie Paus häufig als historisches Vorbild für das von Ibsen dargestellte protestantische Beamten- und Verwaltungsmilieu hervorgehoben. Ole Paus’ unvollendete Autobiographie For en mann wird als ebenso sehr Familiengeschichte wie persönliche Lebensbeschreibung verstanden.
Mitglieder
- Peder Povelsson Paus (1590–1653), Propst von Øvre Telemark 1633–1653
- Povel Pedersson Paus (1625–1682), Priester und Unterzeichner der dänisch-norwegischen Verfassung von 1661
- Hans Povelsson Paus (1656–1715), Priester und Dichter
- Christian Cornelius Paus (1800–1879), Richter, Regierungspräsident in Bratsberg, Mitglied des Stortings und Onkel Henrik Ibsens
- Christopher Blom Paus (1810–1898), Reeder, Bankdirektor und Onkel Henrik Ibsens
- Johan Altenborg Paus (1833–1894), Kriegskommissar
- Bernhard Cathrinus Pauss (1839–1907), Theologe und Pädagoge
- Ole Paus (1846–1931), Stahlgroßhändler
- Christopher Tostrup Paus (1862–1943), päpstlicher Kammerherr, Graf, Gutsbesitzer und Philanthrop
- Olav Eduard Pauss (1863–1928), Reeder und Generalkonsul in Sydney
- Alf Paus (1869–1945), Großhändler und Fabrikbesitzer
- Sigurd Pauss (1873–1952), Direktor des Nylands Verksted
- Nikolai Nissen Paus (1877–1956), Arzt und Präsident des Norwegischen Roten Kreuzes
- Thorleif Paus (1881–1976), Generalkonsul, Gutsbesitzer und Geschäftsmann
- Augustin Paus (1881–1945), Industrieller
- Christopher Lintrup Paus (1881–1963), britischer Diplomat
- George Wegner Paus (1882–1923), Rechtsanwalt und Wirtschaftsfunktionär
- Nicolay Nissen Paus (1885–1968), Großhändler und Fabrikbesitzer
- Ole Paus (1910–2003), General und NATO-Amtsträger
- Per Christian Cornelius Paus (1910–1986), Stahlgroßhändler
- Bernhard Paus (1910–1999), Arzt und Großmeister des Norwegischen Freimaurerordens
- Olav Paus (1912–1973), Großhändler
- Brita Collett Paus (1917–1998), Gründerin der Fransiskushjelpen
- Lucie Paus Falck (* 1938), Staatssekretärin
- Peder Paus (* 1945), Geschäftsmann
- Ole Paus (1947–2023), Musiker
- Cecilie Alexandra Pontine Paus (* 1973), Designerin
- Marcus Paus (* 1979), Komponist
Siehe auch
Weblinks
Fußnoten
- ↑ Kristin Bakken und Stefka G. Eriksen (2024), "Fortellinger fra Oslo og omegn: Fra rural til urban mentalitet." In: Egil Lindhart Bauer (Hrsg.), Det gamle Oslo 1000–1624, S. 50–65, Cappelen Damm, ISBN 978-82-02-73846-4
- ↑ Finne-Grønn, S.H.: Slekten Paus : dens oprindelse og 4 første generasjoner 1943, Oslo. Cammermeyer.
- ↑ Großes norwegisches Lexikon: Paus – Hans Olufsen Paus' slekt
- ↑ Nygaard, Jon (2013). «Det sammenfiltrede embetsaristokratiet i Øvre Telemark». In: «...af stort est du kommen»: Henrik Ibsen og Skien. Acta Ibseniania. VIII. S. 74–77. Senter for Ibsen-studier. ISBN 978-82-91540-12-2.