Paul Kraft (Schriftsteller)

Paul Kraft (* 28. April 1896 in Magdeburg; † 17. März 1922 in Berlin) war ein deutscher Dichter des Expressionismus.

Leben

Paul Kraft war der Sohn des aus Calbe (Saale) stammenden Kaufmanns Max Kraft (1861–1901) aus dessen zweiter Ehe mit Emmi Simon (1869–1942).[1] Er besuchte ab 1908 das Reform-Realgymnasium (Bismarckschule) in Magdeburg.[2] 1910 kam es zur ersten Begegnung mit seinem in Hannover lebenden Cousin Werner Kraft (ihre Väter Max und Eduard Kraft waren Brüder), zu dem sich eine tiefe Freundschaft entwickelte:

„In Leipzig traf ich zum ersten Male Paul. Wir suchten uns, ehe wir uns gesehen hatten. Wir erkannten einander an unseren Namen. [...] Wir waren eines, im Zimmer und auf der Straße, an der Elbe und in der Eilenriede, sprechend bis in die Nacht hinein, Briefe schreibend in besessener Steigerung.“[3]

Seit 1913 entstanden seine ersten Gedichte. Da sein Vater früh verstorben war, zog er nach dem Abitur im Frühjahr 1914 mit der Mutter nach Berlin.[4] Im Oktober 1914 nahm er gemeinsam mit Werner Kraft das Studium der Deutschen Philologie, Romanistik und Philosophie an der Friedrich-Wilhelms-Universität auf:

„In Berlin hörten wir, Paul und ich, gemeinsam alles, was man hört, solange man noch nicht endgültig festgelegt ist. […] Wir lasen, lebten, liebten. Wir saßen in dem großartigen Rundsaal der Preußischen Staatsbibliothek. Wir tauschten Bücher über Bücher. Es gab auch Bücher, die man nicht erhielt, so das ‚Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen‘ von Magnus Hirschfeld, mit einem Aufsatz über George, und niemals später habe ich diesen Aufsatz, dessen Thematik gewiß merkwürdig war, gelesen. „Das kann ich Ihnen nicht geben“, sagte der sehr witzige Beamte in der Ausleihe, "sonst werde ich erschossen wie Robert Blum".“[5]

Erste Veröffentlichungen erschienen in der von Franz Pfemfert herausgegebenen Zeitschrift Die Aktion (in der auch Werner Kraft zuerst gedruckt wurde): 1913 und 1914 Rezensionen zu Franz Werfels Gedichtband „Wir sind“ und zu Heinrich Manns Roman „Die kleine Stadt“, 1915 zwei Gedichte („Für den, der mich hört“ und „Grauen“), 1917 schließlich in den Anthologien “Das Aktionsbuch” und “Vom jüngsten Tag. Ein Almanach neuer Dichtung”. In Berlin lernten die Cousins auch den Literaturkritiker Franz Blei kennen, der den Druck von Pauls Gedichten, „entstanden Oktober 1913 bis Januar 1915“[6] in der renommierten Buchreihe „Der jüngste Tag“ vermittelte: „unausgereifte und doch ergreifende Zeugnisse frühester Liebe“.[7] 1916 wurde er – wie sein Cousin Werner – zum Kriegsdienst einberufen. Während Werner Kraft Sanitätsdienst in Ilten bei Hannover leisten musste, wurde Paul trotz Erkrankung an einem Lungenspitzenkatarrh und Behandlung in Lazaretten in Brandenburg an der Havel und Fohrde im Oktober an die Westfront geschickt. Bald geriet er in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1920 zurückkehrte. 1921 versuchte Franz Blei die Veröffentlichung eines weiteren Gedichtbands, diesmal im S. Fischer Verlag, zu vermitteln, dessen Lektor Moritz Heimann das Manuskript jedoch wegen eines Missverständnisses an Paul Kraft zurückschickte. Zehn Jahre später erinnerte Franz Blei sich an ihn:

„Da war einer, hieß Paul Kraft und nannte sein Jüngstes-Tag-Bändchen 'Gedichte', und mit allen Rechten so. Es waren formstarke Gebilde einer Sensibilität aus der Uebergangszeit vom Knaben zum Jüngling, enthielten nichts als diesen Zustand einer Seele, ihn aber ganz und in elementarer Frische und Reinheit. Dieser Paul Kraft besuchte mich zuweilen, war ein schweigsamer Bursch von achtzehn Jahren, sehr arm, aber sich darein mit geringstem Anspruch ans Leben findend. Ohne jede Fähigkeit, sein zartes Fleisch durch eine Schale zu schützen. Neben ihm tauchte zuweilen ein Vetter, Werner Kraft, auf als Pauls Wortführer. Vom überlebenden Werner höre ich, daß Paul zwei Jahre nach dem Kriege am Kriege gestorben ist.“[8]

Der Ausbruch einer Lungentuberkulose erzwang seine Einweisung in ein Sanatorium in Braunlage und in die Heilanstalt Heidehaus bei Hannover. Am 17. März 1922 starb Paul Kraft im Krankenhaus Neukölln in Berlin. Pauls Mutter Emmi Kraft wurde 1942 deportiert und im Ghetto Riga ermordet.[9] Werner Kraft widmete ihr 1946 ein Gedicht: "Auf eine Verschollene (Emmy Kraft)".[10] Auch die Erinnerung an den früh verstorbenen Cousin Paul verließ Werner Kraft nie, wovon u. a. das lange Gedicht "Paul Kraft 1896-1922"[11] zeugt. Sein Sammelband "Augenblicke der Dichtung" (1964) trägt die Widmung: „Dem Dichter Paul Kraft (1896–1922) zu blühendem Gedenken“.[12] 1971 entstand die Aufzeichnung "Gedenken":

„Du hast sechsundzwanzig Jahre gelebt und bist ein volles Menschenalter tot. Ich lebe. Ich frage mich, was eigentlich dein früher Tod bedeute. Ich habe darauf nur eine Antwort. Du hast rein gelebt und bist schwer gestorben. Einen Menschen namens Hitler hast du nicht gekannt. Wir haben ihn gekannt, wir haben ihn überlebt, wir sind unrein geworden, wie immer wir wären, und die Welt als ganze. Als ein großer Dichter hättest du das Ächzen unserer Welt zu unwiderlegbarer Gestalt gebracht. Du bist tot, in der herrlichen Knospe geknickt, rein. Einen Menschen namens Hitler hast du nicht gekannt.“[13]

Paul Krafts Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee (Ehrenfeld für die im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten).

Werke

  • Gedichte. Leipzig: Kurt Wolff Verlag 1915 (Der jüngste Tag. Bd. 18). Motto: „Die klare Welt bleibt klare Welt.“ Goethe. - Fotomechanischer Reprint in: Der Jüngste Tag. Die Bücherei einer Epoche. Hrsg. und mit einem dokumentarischen Anhang versehen von Heinz Schöffler. Nachdruck der 1970 im Verlag Heinrich Scheffler erschienenen Ausgabe. Frankfurt Main: Societäts-Verlag 1981. Bd. 2, S. 603–639. ISBN 3-7973-0386-6
  • Gedichte. In: Der Griffel. Magazin für Literatur und Kritik. Braunschweig: Michael Kuhle Verlag. H. 6 (Dezember 1997), S. 66–71. – S. 64–65: Thomas Blume: Vorwort zu Paul Krafts Gedichten. S. 72–73: Werner Kraft: Nachwort zu Pauls Gedichten (31.5.1925).
  • Paul Kraft: [Anthologie]. Jena: Edition Poesie schmeckt gut 2022. (Versensporn. Nr. 49). - Auswahl aus den "Gedichten" (1915), ergänzt durch einzeln gedruckte Gedichte aus der "Aktion" (1915/16) und dem "Aktionsbuch" (1917) sowie zum Teil bisher unveröffentlichte Gedichte aus dem Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach und dem Literatur- und Kunstinstitut Hombroich (Werner Kraft-Archiv). Der ausführliche Lebenslauf von Paul Kraft auf der letzten Umschlagseite rundet diese sehr empfehlenswerte Publikation ab.

Literatur

  • Werner Kraft: Nachwort zu Pauls Gedichten (31. Mai 1925). In: Der Jüngste Tag. Die Bücherei einer Epoche. Hrsg. und mit einem dokumentarischen Anhang versehen von Heinz Schöffler. Nachdruck der 1970 im Verlag Heinrich Scheffler erschienenen Ausgabe. Frankfurt Main: Societäts-Verlag 1981. Bd. 7, S. 3485–3487. ISBN 3-7973-0386-6
  • Werner Kraft: Spiegelung der Jugend. Mit einem Nachwort von Jörg Drews. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973 (Bibliothek Suhrkamp. Bd. 356). ISBN 3-518-01356-4. - Taschenbuch-Ausg.: Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verl. 1996 (Fischer Taschenbuch. 12723). ISBN 3-596-12723-8
  • Thomas Piotrowski: Kraft, Paul. In: Magdeburger biographisches Lexikon. Magdeburg: Scriptum-Verlag 2002, S. 381. ISBN 3-933046-49-1 Link zum Lexikon-Text
  • David Henry Marlow: Uncovering their names and stories. 300+ years of a German-Jewish family 1697–2024. New York: JewishGen, New York: Museum of Jewish Heritage 2025. ISBN 978-1-962054-18-8

Einzelnachweise

  1. David Henry Marlow: Uncovering their names and stories. 300+ years of a German-Jewish family 1697-2024. New York 2025 (s. Literatur), S. 311 und 318f.
  2. Versensporn. Heft für lyrische Reize. Nr. 49: Paul Kraft, biographische Information
  3. Werner Kraft: Spiegelung der Jugend. Frankfurt am Main 1973, S. 26.
  4. Versensporn. Heft für lyrische Reize. Nr. 49: Paul Kraft, biographische Information
  5. Werner Kraft: Spiegelung der Jugend. Frankfurt am Main 1973, S. 42.
  6. Paul Kraft: Gedichte (1915), S. 2
  7. Werner Kraft: Spiegelung der Jugend, S. 27
  8. Franz Blei: Meteoriten. In: Der Querschnitt (Berlin). Jg. 12/1 (1932), S. 65–66.
  9. David Henry Marlow: Uncovering their names and stories. 300+ years of a German-Jewish family 1697-2024. New York 2025 (s. Literatur), S. 311 und 318f.
  10. Werner Kraft: Gedichte. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Jg. 20 (1966), H. 223 (Oktober), S. 940. Wieder in: Werner Kraft: Bewältigte Gegenwart. Alte und neue Gedichte. Darmstadt: Bläschke 1973, S. 68. ISBN 3-87561-181-0
  11. in: Werner Kraft: Diese Welt. Späte Gedichte 1976-1983. Bonn: Georg Heusch Verlag 1984, S. 78–80. ISBN 3-924866-00-7
  12. Werner Werner: Augenblicke der Dichtung. Kritische Betrachtungen. München: Kösel 1964, S. 7
  13. in: Werner Kraft: Eine Handvoll Wahrheit. 1967–1974. Salzburg: Otto Müller Verlag 1977, S. 30. ISBN 3-7013-0559-5.