Paul Flaskämper
Paul Johannes Flaskämper (* 30. Juni 1886 in Leipzig; † 13. November 1979 in Steinfurt-Borghorst) war ein deutscher Statistiker und Hochschullehrer.
Leben
Flaskämper war der Sohn eines Fabrikbesitzers und besuchte ein humanistisches Gymnasium.[1] 1906/1907 studierte er Naturwissenschaften und Philosophie in Berlin und ab 1907 an der Universität München, wo er 1910 zum Dr. phil. promoviert wurde mit der Dissertation „Untersuchungen über die Abhängigkeit der Gefäß- und Sklerenchymbildung von äußeren Faktoren“. Danach war er in München als Privatgelehrter und Autor tätig. Von den Naturwissenschaften wandte er sich erst der Philosophie und schließlich den empirischen Sozialwissenschaften zu. Während des Ersten Weltkriegs leistete er von Dezember 1916 bis November 1918 Kriegsdienst.[2] Von 1922 bis 1924 war er wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Statistischen Landesamt in Hamburg. Ab 1925 war er als Assistent am Statistischen Seminar der Universität Frankfurt am Main tätig.[3] Dort habilitierte er sich 1928 mit der Arbeit „Theorie der Indexzahlen“, in der er sich gegen die Indextheorie von Irving Fisher positionierte.[4]
Flaskämper trat zum 1. April 1933 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.830.150).[5] Im gleichen Jahr veröffentlichte er in der Zeitschrift Volk im Werden einen Artikel mit Statistiken über das angeblich drohende Aussterben des deutschen Volkes und die Gefahr der „Rassenvermischung“ und „Entartung“. Gleichzeitig befürwortete er darin das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses.[6]
Von 1935 bis 1945 leitete Flaskämper das Statistische Amt der Stadt Frankfurt. Während dieser Zeit weitete er dessen Zuständigkeiten u. a. auf Energieversorgung, Verkehr und Kulturleben aus. Er war ab 1936 bzw. 1937 Herausgeber der Statistischen Vierteljahresberichte und Statistische Monatsberichte des Amtes.[3]
Parallel dazu lehrte Flaskämper an der Universität Frankfurt, zunächst ab 1927 als Privatdozent, ab 1933 als nichtbeamteter außerordentlicher Professor und 1939 als außerplanmäßiger Professor.[7] 1941 wurde er als Nachfolger von Franz Žižek Inhaber des Lehrstuhls für Statistik an der Universität Frankfurt, den er bis 1956 innehatte.[4] Nachdem im Jahr 1932 Emil Julius Gumbel, der an der Universität Heidelberg Statistik gelehrt hatte, die Lehrberechtigung entzogen worden war, nahmen Flaskämper und Adolf Blind in den Jahren 1934 bis 1944 mehrere Lehraufträge in Statistik an der Staats- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Heidelberg wahr.[8] Nachfolger von Flaskämper wurde im Jahr 1957 Adolf Blind.[9]
Flaskämper setzte sich insbesondere mit der Theorie der Statistik und Problemen der Bevölkerungsstatistik auseinander. Zudem griff er in einigen Publikationen hochschuldidaktische Themen auf. Als sein Hauptwerk gilt das 1944 erschienene Lehrbuch Grundriß der Statistik I: Allgemeine Statistik.[10] Flaskämper war eine zentrale Persönlichkeit in der so genannten „Frankfurter Schule der Statistik“ zu der außer ihm die Statistikprofessoren Franz Žižek, Adolf Blind, Heinrich Hartwig, Heinz Grohmann und Werner Neubauer gehörten. Er zählte zu den Begründern der eigenständigen sozialwissenschaftlichen Statistik und bemühte sich um deren klare Abgrenzung von der naturwissenschaftlichen Statistik.[3] Der Verein für Geographie und Statistik zu Frankfurt am Main (die heutige Frankfurter Geographische Gesellschaft) verlieh ihm die Eduard-Rüppell-Medaille.[11]
Literatur
- Adolf Blind (Hrsg.): Umrisse einer Wirtschaftsstatistik – Festgabe für Paul Flaskämper zur 80. Wiederkehr seines Geburtstages. F. Meiner, Hamburg 1966, DNB 458463531.
- Heinz Grohmann: Statistik als Instrument der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung – Eine methodologische Betrachtung aus der Sicht der Frankfurter Schule der sozialwissenschaftlichen Statistik. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Band 220, Nr. 6, 2000, S. 669–688, insb. S. 671, doi:10.1515/jbnst-2000-0605.
- Flaskämper, Paul Johannes. In: Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Band 3: Einstein–Görner. K. G. Saur, München 2006, ISBN 3-598-25033-9, S. 371 (google.de – eingeschränkte Ansicht).
- Peter von der Lippe: Die "Frankfurter Schule" der Statistik und warum wir den Anschluss an das Ausland verloren hatten – Dargestellt anhand von Paul Flaskämpers verfehlter Suche nach der einzig "logischen" Indexformel. 29. Juni 2012, abgerufen am 15. Mai 2023 (Vortrag am 29. 6. 2012 in Trier).
- Peter von der Lippe: Die Frankfurter Schule in der Statistik und ihre Folgen – Darstellung einer deutschen Fehlentwicklung am Beispiel der Indextheorie von Paul Flaskämper. In: AStA Wirtschafts- und Sozialstatistisches Archiv. Band 7, Nr. 1–2, 2013, S. 71–89, doi:10.1007/s11943-013-0129-y.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Flaskämper, J. Paul. In: Herrmann A. L. Degener (Hrsg.): Degeners Wer ist’s? 10. Ausgabe. Berlin 1935, S. 416 (online).
- ↑ Flaskämper, Paul. In: Vereinigung der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Hochschullehrer. Werdegang und Schriften der Mitglieder. Kölner Verlagsanstalt, Köln 1929.
- ↑ a b c Flaskämper, Paul. In: Wolfgang Klötzer: Frankfurter Biographie. Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-7829-0444-3, S. 206.
- ↑ a b Heinz Grohmann: Statistik als Instrument der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung. S. 671.
- ↑ Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/9041315
- ↑ Benjamin Ortmeyer: Rassismus und Judenfeindschaft in der Zeitschrift »Volk im Werden« 1933–1944 (Ernst Krieck). NS-Ideologie im Wissenschaftsjargon. Teil 2. Protagoras Academicus, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-943059-19-9, S. 58, 279 (PDF).
- ↑ Flaskämper, Paul. In: Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender 1950. 7. Ausgabe. Gruyter, Berlin 1950, S. 276 (online).
- ↑ Kilian Peter Schultes: Die Staats- und wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Heidelberg 1934-1946. Heidelberg 2010, S. 171–172 (uni-heidelberg.de [PDF] Geringfügig überarbeitete Dissertation aus dem Jahr 2007).
- ↑ Heinz Grohmann: Statistik als Instrument der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung. S. 675.
- ↑ Flaskämper, Paul Johannes. In: Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Band 3: Einstein–Görner. K. G. Saur, München 2006, ISBN 3-598-25033-9, S. 371 (google.de – eingeschränkte Ansicht).
- ↑ Karl E. Fick: 150 Jahre Geographische Gesellschaft zu Frankfurt am Main 1836–1986. In: Karl E. Fick (Hrsg.): Festschrift zur 150-Jahrfeier der Frankfurter Geographischen Gesellschaft: 1836–1986. Frankfurt am Main 1986, S. 3–106.