Patrick Catuz
Patrick Catuz (* 1985 oder 1986[1]) ist ein österreichischer Kultur- und Filmwissenschafter und Filmregisseur und lebt in Wien.
Tätigkeiten
Porn Studies
Patrick Catuz veröffentlichte 2013 eine Monographie über Perspektiven feministischer Pornoindustrie unter dem Titel Feminismus fickt![1][2] Er reflektiert darin die Entstehung des Nischenmarktes und der voranschreitenden Kommerzialisierung und bringt diese Aspekte in Verbindung mit seinen Erfahrungen in der Industrie.[3] Er lehrte zu dem Thema zwei Jahre an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz, hält regelmäßig Vorträge auf Konferenzen[4] und veröffentlicht Texte in der Fachzeitschrift Porn Studies.
Am Beispiel von Gonzo-Pornografie untersuchte Patrick Catuz in seinem 2025 erschienenen Buch Post-Truth Porn dominante Szenarien kommerzieller Online Pornos.[5] Diese würden eine aktive Teilhabe durch POV-Darstellungen (Point-of-View Perspektive) suggerieren und mittels möglichst amateurhafter Darstellungen einen hohen Realitätseindruck erzielen. Viele Menschen seien von der Echtheit dieser Formate überzeugt, obwohl es sich um Fiktionen handle. Gleichzeitig attestiert Catuz einen hohen Anteil misogyner Fantasien.[6]
Catuz spricht sich außerdem für ein neues Verständnis von Authentizität im Internetzeitalter aus. Authentizität dürfe nicht mehr als tatsächlicher Bezug eines Mediums zur Realität verstanden werden, sondern als Effekt. Damit verlagert Catuz den Begriff vom Medium selbst zur Medienerfahrung.
Pornoproduktionen
2015 bekannte er sich mit seinem Vortrag I am a Man. I am a Feminist. I do Porn.[7] in einem TedX Talk in Klagenfurt öffentlich zum Feminismus und diskutierte die Beweggründe, diesen als Mann zu unterstützen und doch gleichzeitig die im Feminismus kontrovers behandelte Pornographie aktiv zu betreiben. In der „klassischen“ Pornobranche nehmen seiner Annahme zufolge ausschließlich Männer wichtige Positionen ein und „bringen somit oft eine männliche Machtperspektive in die Filme mit rein, aus der Frauen ausgeschlossen sind“. Seine Arbeit habe daher einen „politischen, aufklärerischen Aspekt“.[8]
Catuz arbeitete ein Jahr lang als Produktionsassistent bei Erika Lust in Barcelona und betrieb von 2016 bis 2022 die feministische Pornoproduktionsfirma Arthouse Vienna,[9] zusammen mit der ehemaligen Opernsängerin Adrineh Simonian.[10][11] Catuz produzierte laut Eigenaussage „experimentelle, künstlerische Pornographie“, laut der Tageszeitung Kurier hingegen „feministische Pornos“. Es ist die erste und einzige Pornofirma Österreichs, die sich im Kontext alternativer oder feministischer Pornographie bewegt. 2020 teilten Simonian und Catuz die Arbeitsbereiche, während Simonian die Streamingplattform übernahm, kümmerte sich Catuz um die Produktionen. Simonian ging dabei 2023 in Insolvenz. Catuz produziert immer noch unter dem Label Arthouse Vienna.[12]
Ars Erotica
Patrick Catuz war Autor und Regisseur der TV-Dokumentation ARS EROTICA, eine Koproduktion von ARTE und des österreichischen ORF, produziert von Geyrhalter Film.[13] Der Begriff der Ars Erotica ist geprägt von der Philosophie von Michel Foucault und steht im Gegensatz zum modernen Verständnis von Sexualität, das der sogenannten Scientia Sexualis entspricht. Catuz erzählt in dem Film entlang dieser Linien eine Kulturgeschichte der Obszönität von der Antike bis heute. Während frühere Kulturen wesentlich freizügiger mit dem Thema umgegangen sind, sei das moderne Verständnis des Obszönen und das Tabu um Sexualität, wie wir es heute kennen, erst im Viktorianismus entstanden.[14] So wurde in der Moderne sogar die Vergangenheit umgedeutet, beispielsweise Artefakte aus der Antike versteckt, wie im lange nicht öffentlich zugänglichen "Geheimen Kabinett" in Neapel. Das Spannungsfeld aus Tabu und Übertritt, dessen kontroverses Potenzial auch kommerziell genutzt werden kann, entstand erst im 19. Jahrhundert und wurde bereits in den Anfängen der modernen Malerei genutzt, wie beispielsweise von Manet oder Courbet. Catuz zeigt auch verschiedenen Beispiele aktueller Bemühungen um einen liberaleren Umgang mit Sexualität auf.
Kritische Männlichkeit
Catuz produzierte Interviewserien unter anderem mit Pionier der Männerforschung Klaus Theweleit, der mit seinem Bestseller Männerfantasien das interdisziplinäre Feld im deutschsprachigen Raum besetzte. Seit 2024 betreibt er den Podcast „Du musst dein Leben ändern“ zum Thema neuer Männlichkeit.
Flucht und Migration
Catuz stammt selbst aus einer Familie von Flüchtlingen. Er erreichte 2015 mit einem Flüchtlingskinder-Projekt und der Aktion 99 Probleme aber ein Flüchtling ist keins kurzweilig Platz zwei der österreichischen FM4 Charts.[15] Durchgeführt hat er es mit dem Linzer Rapper Willi Ban.[16]
Im selben Jahr beschäftigte er sich in seiner Doku Humanitarian Tourism mit der Flüchtlingskrise. Auf der Insel Lesbos portraitierte er Medien und Reporter, lokale Bevölkerung sowie freiwillige Helfer, unter anderem im berüchtigten Lager Moria, gleichzeitig aber auch den ausländischen Tourismus auf der Insel, der neben der humanitären Katastrophe scheinbar ungestört weiterlief.[17]
Bücher
- Feminismus fickt! Perspektiven feministischer Pornographie. Lit Verlag, 2013, ISBN 978-3-643-50521-7.
- Post-Truth Porn. Männerfantasien im Internetzeitalter. Schüren Verlag, 2025, ISBN 978-3-7410-0708-8.
Musikvideos
- 2015: 99 Probleme, aber ein Flüchtling ist keins
Filme (Auswahl)
- 2015: Humanitarian Tourism
- 2016: Food Porn (for realz)
- 2018: A fully furnished Threesome
- 2018: Blind Date – Im Wiener Museumsviertel
- 2019: Rückkehr in ein neues Leben - Ein IS-Rückkehrer erzählt
- 2021: Wiener Blut
- 2022: Bodywork
- 2025: ARS EROTICA
Weblinks
- patrickcatuz.de
- Patrick Catuz bei IMDb
- Literatur von und über Patrick Catuz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
- ↑ a b Im Gespräch ǀ „Es gibt mehr als Cum Shots“ — der Freitag. 13. Dezember 2024, abgerufen am 27. April 2025.
- ↑ Matthias Gruber: Feminismus fickt. In: Fräulein Flora. 1. August 2017, abgerufen am 6. August 2019 (deutsch).
- ↑ Interview von Theresa Bäuerlein: Von einem, der Pornos studierte und ratlose Männer fand. Abgerufen am 20. November 2020.
- ↑ Luca Bandirali: FilmForum 2017 XV MAGIS Film Studies Spring School 29 March – 2 April, Gorizia. (academia.edu [abgerufen am 20. November 2020]).
- ↑ Post-Truth-Porn - Schüren Verlag. Abgerufen am 28. November 2025.
- ↑ Pornos: Geben Sie’s zu – Sie schauen das auch. Aber ist das schlimm? In: Falter.at. 8. April 2025, abgerufen am 28. November 2025 (österreichisches Deutsch).
- ↑ TEDxKlagenfurt - Daring heights - Sept. 12th, 2015. Abgerufen am 6. August 2019.
- ↑ Pornoproduzent : "Nackten Leuten beim Sex zuzusehen, wäre mir zu wenig". In: Deutschlandfunk Nova. 16. Oktober 2020, abgerufen am 20. November 2020.
- ↑ Judith E. Innerhofer: Pornofilme: Sex in der Blackbox. In: Die Zeit. 2. März 2017, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 6. August 2019]).
- ↑ Eva Reisinger: Warum eine Wiener Opernsängerin nun Pornos produziert. In: ze.tt. DieZeit, abgerufen am 6. August 2019 (deutsch).
- ↑ Vom Riesenpenis zum "Fairtrade Porn". In: Süddeutsche Zeitung. Abgerufen am 20. November 2020.
- ↑ KSV: Insolvenzverfahren Adrinehs Arthouse Vienna. Abgerufen am 20. Dezember 2023.
- ↑ NGF - Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion - Ars Erotica. Abgerufen am 1. Dezember 2025.
- ↑ Ars erotica - Die Kunst der Enthüllung. Abgerufen am 1. Dezember 2025.
- ↑ Johanna Jaufer: "Flüchtlingskinder" - fm4.ORF.at. In: FM4. ORF, abgerufen am 6. August 2019.
- ↑ Siniša Puktalović: "99 Probleme, aber ein Flüchtling ist keines!" - derStandard.at. In: DerStandard. Abgerufen am 6. August 2019 (österreichisches Deutsch).
- ↑ Humanitarian Tourism. Abgerufen am 28. November 2025 (englisch).