Paola De Martin
Paola De Martin (* Oktober 1965 in Zürich) ist eine Schweizer Pädagogin, Textildesignin und Historikerin. Ihre Arbeit wurde 2024 mit dem Schweizer Kulturpreis ausgezeichnet.[1]
Leben
De Martin wurde 1965 in Zürich geboren. Als Tochter eines italienischen Saisonniers wuchs sie nach damaligem Gesetz illegal in der Schweiz auf. So begegnete das «Italienerkind» Vorurteilen und erfuhr Diskriminierung. Das Saisonnierstatut verwehrte den italienischen Arbeitern, ihre Familien mit in die Schweiz zu bringen. Nur mit Arbeitsbewilligung war der Aufenthalt in der Schweiz möglich. Das führte dazu, dass viele Kinder getrennt von ihren Eltern aufwachsen mussten oder in der Schweiz vor den Behörden versteckt wurden.[2] De Martins Mutter versuchte, Paola in einer Krippe unterzubringen, jedoch ohne Erfolg, weshalb sie im Alter von nur drei Monaten zunächst bei einem Onkel in Italien zurückgelassen werden musste.[3]
Paola de Martin begann mit der Ausbildung zur Primarschullehrerin, welche sie im Jahr 1987 abschliesst. Von 1988 bis 2005 unterrichtete sie als Klassen- und Fachlehrerin für Gestaltung & Musik an der Volksschule des Kantons Zürich.
1992 entschied sich De Marti für ein Studium an der Schule für Gestaltung Zürich SfGZ und belegte die Fachklasse für Textilgestaltung. Nach ihrem Diplomabschluss im Jahr 1996 gründete Paola De Martin mit Manuela Helg und Karin Maurer das Modelabel Beige Swiss Styling. Beim Zürcher Modelabel entstanden und entstehen Kleider und Accessoires aus Strick und unkonventionellen Stoffen. Heute wird das Modelabel von Manuela Helg und Karin Maurer geführt. Es präsentiert sich seit 2001 im eigenen Ladenlokal in Zürich.[4]
Von 2005 bis 2011 arbeitete De Martin als Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Didaktik des Fachbereichs Mensch & Umwelt an der Pädagogischen Hochschule Zürich PHZH. Von 2010 bis 2016 war sie als Dozentin an der Hochschule Luzern HSLU und seit 2010 ist sie an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK in den Departements Design DDE und Kunstvermittlung DKV tätig.[5]
In ihrer Dissertation „Give us a break“ am Lehrstuhl für Kunstgeschichte und Architektur der ETH Zürich beschäftigt sie sich mit dem Gefühl von Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit zur Zürcher Designszene. Sie erforscht seit Jahren den Klassismus und andere Formen der Diskriminierung in der Schweizer Kultur. Ihr Migrationshintergrund aus einer italienischen Arbeiterfamilie ist hierfür ein wichtiger Ausgangspunkt.[6]
De Martin setzt sich aktiv für die historische Aufarbeitung und die finanzielle Entschädigung der Saisonniers ein. 2018 schrieb sie einen offenen Brief[7] an die Bundesrätin Simonetta Sommaruga und forderte, dass die Illegalisierung der Kinder von Saisonniers und die damit verbundene Traumatisierung ihrer Familien historische Aufarbeitung erfahren solle, dass die Menschenrechtsverletzungen der Saisonniers von der Schweiz öffentlich anerkannt und entschuldigt werden sollten und dass die Betroffenen finanziell entschädigt werden müssten.
2024 wurde sie für ihre wegweisende Auseinandersetzung mit Normen, Regeln und Strukturen in der Designforschung mit dem Schweizer Grand Prix Design des Bundesamtes für Kultur ausgezeichnet. Sie nehme Einfluss auf verschiedensten Plattformen, auf denen Designgeschichte entstehe. «Die Themen von De Martins transdisziplinärer Arbeit sind in der heutigen Zeit zukunftsweisend und zwingend», schrieb die Jury, die Menschen zugewandte Arbeitsweise sei von Literatur, Kunst und Design geprägt und verbinde Geschichte und Soziologie mit Gestaltung. Ihre Arbeit wäre eine ineinander fliessende Metamorphose, die in Gegenständen, Performances, Lectures, Briefen, Fotos, Musik, Hörspielen, Essays, Artikeln mündet, war ein Punkt in dem würdigenden Text von Francesca Petrarca.[8]
Im selben Jahr realisierte sie die Ausstellung Der Elefant ist der Raum[9] des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur über das Bundesgesetz zu Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer und erhielt den internationalen Diaspora-Preis[10] der Associazione Bellunesi nel Mondo.[11] Paola De Martin ist Mitglied des Schweizer Netzwerks Designgeschichte, der Design History Society und des Beirats der Schweizer Arbeitsgruppe vom Europäischen Denkmalschutzjahr 2025.
Publikationen
- «Give Us a Break! Arbeitermilieu und Designszene im Aufbruch», Doktorarbeit, DIAPHANES, Zürich, 2022, ISBN 9783035805338
- How to start, how to stop. Autorinnen: Paola De Martin [und weitere], Präsens Editionen: Verein Weltformat, 2024, ISBN 9783906282350
- Schweizer Grand Prix Design 2024 Paola De Martin, Lucie Meier, Luciano Rigolini
- Schweizer Grand Prix Design 2024 / Grand Prix suisse de design 2024 / Gran Premio svizzero di design 2024 / Swiss Grand Award for Design 2024: Paola De Martin, Lucie Meier, Luciano Rigolini. Bundesamt für Kultur BAK, Zürich: Scheidegger & Spiess, 2024, ISBN 9783039422074
- Skulpturen anwenden im Leben = Using sculptures in life. Hrsg.: Beat Frank, mit Texten von Paola De Martin, André Vladimir Heiz, Benedikt Loderer (Stadtwanderer), Francesco Micieli, Albrecht Bangert, Florian Dombois, Beat Wyss, Claudia Mareis und einem Gedicht von Ilma Rakusa; Claude Lichtenstein im Gespräch mit Beat Frank Herausgeber: Kanton Bern, Biel/Bienne: edition clandestin, 2023, ISBN 9783907262559
Weblinks
- Künste im Gespräch: Soziale Herkunft im Design und komische Lyrik nur zum Lesen bei SRF Kultur
- «Welcher Art die Wärme ist», Audio auf SRF
- Saisonnierstatut: "Das war ein Attentat auf die Familien", Audio auf SRF
Einzelnachweise
- ↑ Lucie Meier, Luciano Rigolini und Paola De Martin erhalten den Schweizer Grand Prix Design 2024. Bundesamt für Kultur, abgerufen am 15. September 2025.
- ↑ Saisonnierstatut - Vorurteile, Überfremdungs-Angst und versteckte Kinder. SRF, 1. April 2022, abgerufen am 26. November 2024.
- ↑ Schweizer Saisonnierstatut - Saisonniers mussten sich zwischen Arbeit und Familie entscheiden. SRF, 8. Dezember 2021, abgerufen am 26. November 2024.
- ↑ BlueMouse GmbH: Home – www.beige.ch. Abgerufen am 26. November 2024.
- ↑ CV Paola de Martin ETH Zürich. ETH Zürich, 6. Juni 2024, abgerufen am 26. November 2024 (englisch).
- ↑ Grand Prix Design 2024 for Paola De Martin. ETH Zürich, 6. Juni 2024, abgerufen am 26. November 2024 (englisch).
- ↑ Brennende Unschärfe - offener Brief an Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Abgerufen am 19. September 2025.
- ↑ © Bundesamt für Kultur: Paola De Martin. Bundesamt für Kultur, abgerufen am 15. September 2025.
- ↑ gta Ausstellungen – Der Elefant ist der Raum. Abgerufen am 19. September 2025.
- ↑ Redazione ABM: ASSOCIAZIONE. In: ABM. Abgerufen am 19. September 2025.
- ↑ rivista. In: ABM. Abgerufen am 19. September 2025.