Päpstin Johanna

Die Päpstin Johanna (auch Johannes Anglicus sowie Johanna Angelica, Giovanni Femina, Jutta, Frau Jutte, Gilberta, Anna, Agnes oder Glancia genannt) ist ein bekannter Legendenstoff, der von einer sich als Mann ausgebenden gelehrten Frau erzählt, die im Mittelalter als Papst amtiert haben soll. Oft wird die angebliche Amtszeit der „Päpstin“ ins 9. Jahrhundert gesetzt.

Den bis heute gültigen Nachweis, dass es kein reales historisches Vorbild für Johanna gab, führte Ignaz von Döllinger in seinem Buch Die Papstfabeln des Mittelalters (1863).

Entstehung und Überlieferung

Ursprung der Legende

Die Legende um die Päpstin Johanna ist seit dem 13. Jahrhundert überliefert und erlangte im Spätmittelalter große Popularität und weite Verbreitung. Sie kursierte in zahlreichen Fassungen.

Die ältesten nachweisbaren Formen der Sage berichteten von einer namenlosen Päpstin, die gegen Ende des 11. Jahrhunderts amtiert haben soll; so berichten es die Chronica universalis Mettensis des Jean de Mailly (lat. Iohannes de Malliaco) und der Tractatus de diversis materiis predicabilibus des Stephan von Bourbon um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Beide zitieren eine angebliche, uralte Grabinschrift „P. P. P. P. P. P.“ Jean de Mailly deutete dies als den Hexameter Petre, pater patrum, papisse prodito partum („Petrus, Vater der Väter, verrate das Gebären der Päpstin“) und damit als Vorhersage einer Päpstin.

Martin von Troppau

Eine bis 1277 reichende Version des Chronicon pontificum et imperatorum („Papst- und Kaiserchronik“) des Dominikaner Martin von Troppau enthält eine ausführlichere Fassung der Legende.[1] Sie wurde später ausgesprochen stark rezipiert; zum einen ist eine große Zahl Abschriften erhalten,[2] zum anderen hängen alle weiteren Versionen der Legende bei anderen Autoren von dieser Fassung ab. Die Chronik verlegt die Legende ins 9. Jahrhundert, indem sie als Nachfolger Leos IV. (gestorben 855) einen „Johannes Anglicus“ nennt, von dem gesagt werde, er sei in Wahrheit eine Frau gewesen. Die Chronik liefert eine knappe, aber ereignisreiche Biographie: Geboren in England, habe sich die spätere Päpstin in jungen Jahren als Mann verkleidet, um in Athen zu studieren, was ihr mit glänzendem Erfolg in mehreren Fächern gelungen sei. Anschließend habe sie, ebenfalls in Männerkleidern und sehr erfolgreich, in Rom gelehrt. Nachdem sich der Ruhm ihres Lebenswandels und ihres Wissens verbreitet habe, sei sie einhellig zum Papst gewählt worden. Dann aber sei sie von einem Vertrauten schwanger geworden. Schließlich sei ihr weibliches Geschlecht bei einer plötzlichen Niederkunft während einer Prozession enthüllt worden. Sie starb bei der Geburt und sei vor Ort begraben worden. Die Episode endet mit dem Hinweis, dass der Name dieses Papstes Johannes nicht wie üblich in die Liste der Päpste aufgenommen worden sei.

Breite Rezeption im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit

Die in der Chronik des Martin von Troppau zu findende Version der Legende wurde im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit sehr weit verbreitet und dabei teilweise variiert. Boccaccio nahm eine Version unter dem Titel De Iohanna anglica papa in seine Sammlung De mulieribus claribus auf; in dieser Fassung überlebt Johanna die Geburt und verbringt ihren Lebensabend im Kloster. Bartolomeo Platina nahm die vermeintliche Päpstin 1479 ebenfalls in seinen Katalog der Päpste auf. Ab Ende des 15. Jahrhunderts verbreitet die Schedelschen Weltchronik eine weitere Version der Legende, die im Wesentlichen die des Martin von Troppau ist.

Im 15. und 16. Jahrhundert wird die Figur der Päpstin Johanna unter anderem zur Kritik des Papsttums bzw. der römischen Kirche verwendet.

Angebliche Bezeugung im Liber pontificalis

Eine der am häufigsten als Beleg für die Historizität der Päpstin Johanna genannten Quellen ist der Liber Pontificalis, der in diesem Zusammenhang oft Anastasius Bibliothecarius zugeschrieben wird. Wenn beides zuträfe, würde es sich um eine zeitgenössische Erwähnung der Päpstin aus dem Umfeld der päpstlichen Kurie handeln. Allerdings hat Anastasius Bibliothecarius den Liber pontificalis nicht verfasst, und dieser erwähnt auch keine Päpstin. Vielmehr enthält eine Abschrift des Liber (Bibliotheca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 3762) aus dem 12. Jahrhundert eine Ergänzung am Seitenrand von einem Schreiber wahrscheinlich des 14. Jahrhunderts, der die Erzählung in der Fassung des Martin von Troppau wiedergibt.[3][4]

Gleiches gilt für die Abschriften des Chronicon des Marianus Scotus. Während das Werk selbst im 11. Jahrhundert entstanden ist, sind alle Handschriften, die einen Verweis auf eine Päpstin enthalten, deutlich später entstanden. Abschriften von Scotus’ Werk, die vor dem späten 13. Jahrhundert entstanden sind, enthalten diese Hinweise nicht.

Nachweis des legendarischen Charakters

Ernsthafte Zweifel an der Historizität der Legende, die lange Zeit sogar von manchen Päpsten für glaubwürdig gehalten wurde, finden sich schon bei dem reformierten Kirchengeschichtler David Blondel (1590–1655). Seither wurde die historische Existenz einer Päpstin Johanna unter Historikern immer wieder in Frage gestellt. In der modernen Forschung gilt aber erst die gründliche Analyse in Ignaz von Döllingers Werk Die Papstfabeln des Mittelalters von 1863 als der endgültige Beleg für den legendarischen Charakter der Erzählung. In der Geschichtswissenschaft wurde die Existenz einer Päpstin seither nicht mehr ernsthaft vertreten.[5] Döllinger wies insbesondere nach, dass die Legende erst im 13. Jahrhundert aufkam und nicht, wie bis dahin noch öfters vertreten, schon im 9. oder 11. Jahrhundert. Duchesne wies darauf hin, dass die entsprechende Passage im Liber pontificalis nur eine von späterer Hand ergänzte Glosse in einer einzigen interpolierten Abschrift von 1142 sei und machte dies durch seine bis heute maßgebliche Edition weithin bekannt.[4] Auch wenn in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen mitunter anderes behauptet wird – so etwa in einer ZDF-Dokumentation von 2012 mit Petra Gerster[6] –, besteht aus Sicht der Geschichtswissenschaft kein Zweifel daran, dass es niemals eine Päpstin Johanna gab.

Hypothesen zur Entstehung der Legende

Im Laufe der Zeit sind mehrere Hypothesen entwickelt worden, wie die Legende um eine Päpstin entstanden sei.

Johannes Aventinus erklärte die Geschichte der Päpstin Johanna als Legende, die ihren wahren Kern in der Machtstellung von Theophylakt gehabt habe, vor allem in den der beiden Frauengestalten Marozia, der Mutter von Papst Johannes XI., und ihrer Mutter Theodora,[7] denen von antirömischen Autoren wie Liutprand von Cremona die wahre Macht hinter dem päpstlichen Thron nachgesagt wurde.

Der Kirchenhistoriker Cesare Baronio deutete den Mythos um 1600 als eine Satire auf Papst Johannes VIII. (Papst 872–882) wegen seiner angeblichen Weichheit im Umgang mit dem Patriarchen von Konstantinopel Photios I.[8] Er und ihm folgend andere katholische Gelehrte wehrten sich gegen die Instrumentalisierung der Legende zur Kritik am Papsttum.

Ferdinand Gregorovius nahm eine Entstehung der Legende in der einfachen Bevölkerung des spätmittelalterlichen Rom an und erklärte sie als „Erzeugniß der Unwissenheit, der Sucht nach romanhaften Dingen, und vielleicht auch des Hasses der Römer gegen die weltliche Herrschaft der Päpste“.[9]

Ignaz von Döllinger, der als erster die Entstehung der Legende erst im 13. Jahrhundert nachwies, ging davon aus, dass es vier zunächst unabhängige Elemente gegeben habe, deren Deutung die Legende gestützt habe. Erstens habe es eine bei Prozessionen der Päpste gemiedene Gasse in Rom gegeben, in der zweitens eine als „Mutter und Kind“ gedeutete Skulptur zu sehen gewesen sei. Dort sei auch drittens eine antike Inschrift „P. Pater Patrum P. P. P.“, deren Deutung im Spätmittelalter rätselhaft gewesen sei, zur Entstehung der Legende beigetragen habe. Er nahm an, dass es sich um das Grab eines Mithras-Priesters gehandelt habe, da „Pater Patrum“ ein Hohepriester-Titel des Mithras-Kultes war, während „P.P.P.“ eine in antike Weiheinschriften gängige Abkürzung ist (proprie pecunia posuit, „stellte die notwendigen Mittel zur Verfügung“).[10] Vor allem aber hätten sich viertens um den steinernen „Porphyrstuhl“, auf dem neu gewählte Päpste im Rahmen ihrer Krönung rituell Platz nahmen, verschiedene Legenden gebildet, weil das Ritual unverständlich gewesen sei und einer der Stühle (eine antike Spolie) in der Sitzfläche durchbrochen war. Während der Sitz in der Antike die Funktion einer Toilette gehabt habe, sei er im Spätmittelalter mit einer Überprüfung des männlichen Geschlechts des neugewählten Papstes erklärt worden.[11]

Bearbeitungen

Literarische Bearbeitungen

Der Legendenstoff um die Frau auf dem Papstthron hat nicht nur Historiker und Theologen beschäftigt, sondern wurde auch vielfältig literarisch bearbeitet.[12][13]

Dokumentarfilme

Spielfilme

Musical

Siehe auch

Quellen

  • Agostino Paravacini Bagliani: La papessa Giovanna. I testi della leggenda (1250-1500). Florenz 2021, ISBN 978-88-9290-130-8. (Kommentierte Anthologie mit ausführlicher Einleitung.)
  • Agostino Paravicini Bagliani: La papessa Giovanna e le sue leggende. Un percorso di ricerca tra codici e testi. Florenz 2023. ISBN 978-88-9290-229-9.
  • Klaus Völker (Hrsg.): Päpstin Johanna. Ein Lesebuch. Wagenbach, Berlin 1977, ISBN 3-8031-2031-4

Literatur

  • Ignaz von Döllinger: Die Papst-Fabeln des Mittelalters. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte. J. G. Cotta, München 1868, S. 1–45 (Digitalisat); 2. Auflage: J. G. Cotta, Stuttgart 1890 (Digitalisat).
  • Cesare D’Onofrio: La papessa Giovanna: Roma e papato tra storia e leggenda. Romana Societa Ed., Rom 1979.
  • Anna-Dorothee von den Brincken: Studien und Überlieferung der Chronik des Martin von Troppau. Erfahrungen mit einem massenhaft überlieferten historischen Text. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters Band 41 (1985), S. 460–531
  • Alain Boureau: La papesse Jeanne. Aubier, Paris 1988, ISBN 2-7007-2219-1.
  • Elisabeth Gössmann: Die Päpstin Johanna. Der Skandal eines weiblichen Papstes. Aufbau-Taschenbuchverlag, Berlin 2000, ISBN 3-7466-8040-9.
  • Max Kerner, Klaus Herbers: Die Päpstin Johanna. Biographie einer Legende. Böhlau-Verlag, Köln u. a. 2010, ISBN 978-3-412-20469-3.
  • Agostino Paravicini Bagliani: La papessa Giovanna e le sue leggende. Un percorso di ricerca tra codici e testi. Florenz 2023. ISBN 978-88-9290-229-9.
Commons: Päpstin Johanna – Sammlung von Bildern
Wikisource: Päpstin Johanna – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. Anna-Dorothee von den Brincken: Studien und Überlieferung der Chronik des Martin von Troppau. Erfahrungen mit einem massenhaft überlieferten historischen Text. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters Band 41 (1985), S. 460–531, hier S. 470.
  2. Anna-Dorothee von den Brincken: Studien und Überlieferung der Chronik des Martin von Troppau. Erfahrungen mit einem massenhaft überlieferten historischen Text. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters Band 41 (1985), S. 460–531, hier S. 482–494.
  3. Max Kerner, Klaus Herbers: Die Päpstin Johanna. Biographie einer Legende. Böhlau-Verlag, Köln u. a. 2010, S. 44 und 75 (mit Abbildung).
  4. a b Louis Duchesne (Hrsg.): Liber pontificalis. Band 2. Paris 1892, S. XXIV-XXVII (mit Abbildung von fol. 124v). Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3D%7B%7B%7B1%7D%7D%7D~GB%3D~IA%3Dduchesne02~MDZ%3D%0A~SZ%3Dn52~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D
  5. Max Kerner, Klaus Herbers: Die Päpstin Johanna. Biographie einer Legende. Böhlau, Köln u. a. 2010, S. 13–34.
  6. Ein Skandal und seine Geschichte (Memento vom 3. Dezember 2016 im Internet Archive) auf zdf.de
  7. Ignaz von Döllinger: Die Papst-Fabeln des Mittelalters. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte. Cotta, München 1863, S. 3.
  8. Ignaz von Döllinger: Die Papst-Fabeln des Mittelalters. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte. Cotta, München 1863, S. 27–28.
  9. Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom. Band 3. Cotta: Stuttgart 1890, S. 110.
  10. Ignaz von Döllinger: Die Papst-Fabeln des Mittelalters. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte. Cotta, München 1863, S. 27–28.
  11. Ignaz von Döllinger: Die Papst-Fabeln des Mittelalters. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte. Cotta, München 1863, S. 29–31.
  12. Max Kerner / Klaus Herbers: ''Die Päpstin Johanna. Biographie einer Legende.'' Böhlau-Verlag, Köln u. a. 2010.
  13. Agostino Paravicini Bagliani: La papessa Giovanna. I testi della leggenda (1250–1500), Florenz 2021.