Hedwig und Otto Schrödter

Hedwig Schrödter (* 27. August 1896 in Kauffung, Provinz Schlesien als Frida Hedwig Pohl; † 11. Januar 1978 in Berlin) und ihr Ehemann Otto Schrödter (* 27. November 1898 in Prettin, Kreis Torgau als Robert Willi Otto Schrödter; † 8. April 1971 in Berlin), beide Sozialdemokraten, versteckten in ihrem Siedlungshaus in Berlin-Hohenschönhausen von September 1943 bis Ende April 1945 das jüdische Ehepaar Kurt und Ursula Reich und ihre Tochter Monika im Kleinkindalter sowie ab Dezember 1943 auch die jüdische Familie Robert und Eva Sachs und deren 63-jährige Mutter Johanna Hirsch.[1] Johanna Hirsch starb im März 1944 in ihrem Versteck an den Folgen eines Schlaganfalls. Die anderen fünf überlebten die Schoah.

Hedwig Schrödter

Hedwig Schrödter wurde am 27. August 1896 als drittes von acht Kindern des Fleischermeisters Karl Pohl in der Kleinstadt Kauffung in Niederschlesien geboren. Nach dem Schulbesuch erlernte sie den Beruf einer Verkäuferin. 1923 heiratete sie Otto Schrödter, den sie in Berlin kennengelernt hatte. Durch die politische Tätigkeit ihres Ehemannes begann sie, sich ebenfalls für Politik zu interessieren. 1926 wurde sie Mitglied der SPD. Eine Arbeit als Verkäuferin fand sie in der Folgezeit nicht. Um etwas dazu zu verdienen, trug sie Milch und Schrippen für „bessere Leute“ aus. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Otto Schrödter war sie aktiv politisch tätig. 1966 wurde Hedwig Schrödter in der DDR als Verfolgte des Naziregimes anerkannt.[2] Nach dem Tode ihres Ehemannes wohnte sie noch bis Januar 1975 in Berlin-Hohenschönhausen in der Große-Leege-Straße 86a und fand danach Aufnahme im Feierabendheim Judith-Auer-Straße 8. Dort verstarb sie am 11. Januar 1978 im Alter von 82 Jahren. Seit 1993 wird sie als Gerechte unter den Völkern in Yad Vashem geehrt.[1]

Otto Schrödter

Otto Schrödter wurde am 27. November 1898 als letztes von acht Kindern des Landwirtes Robert Schrödter in Prettin, Kreis Torgau, geboren. Nach dem Schulbesuch erlernte er von 1913 bis 1916 in Bernau bei Berlin das Schlosserhandwerk. Kaum ausgelernt, musste er als Soldat am Ersten Weltkrieg teilnehmen, wurde verwundet und erlebte die Revolution von 1918 in Kiel. Nach mehreren Jahren der Arbeitslosigkeit wurde er in Berlin sesshaft und heiratete hier im Jahre 1923. Im Jahr 1925 trat er in die SPD ein. Bis zum Verbot der SPD 1933 übte er verschiedene Funktionen aus und war zuletzt Bezirksführer der Abt. 38 in Berlin-Friedrichshain. Von 1927 bis zum Erreichen des Rentenalters im Jahr 1963 arbeitete Otto Schrödter bei der damaligen BEWAG (Berliner Kraft- und Licht-Aktiengesellschaft) als Betriebsschlosser. 1966 wurde er in der DDR als Verfolgter des Naziregimes anerkannt. Otto Schrödter verstarb am 8. April 1971 im Alter von 73 Jahren. Seit 1993 wird Otto Schrödter als Gerechter unter den Völkern in Yad Vashem geehrt.[1]

Versteck für sechs Jüdinnen und Juden

Bis zum Herbst 1933 bewohnten Hedwig und Otto Schrödter eine Einzimmer-Eckwohnung mit Balkon im Haus Büschingstraße 30, das von der SPD auch zu Agitationszwecken benutzt wurde. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden sie am 20. April 1933 (Hitlers Geburtstag) in dieser Wohnung von bewaffneten SA-Leuten überfallen. Otto Schrödter wurde misshandelt und mitgenommen. Durch glückliche Umstände kam er wieder frei.[3]

Weil sie in ihrer Wohnung nicht mehr sicher waren, bauten sie 1934 unter Mithilfe von Verwandten, Freunden und SPD-Genossen ein Siedlungshaus in Hohenschönhausen, Straße 156, Nr. 12 (heute Nr. 5).[3]

Im Sommer 1943 erschien das jüdische Ehepaar Kurt und Ursula Reich und bat Hedwig Schrödter, ihr Baby Monika Reich bis Kriegsende zu sich zu nehmen. Die Adresse hatten sie von einem Geistlichen erfahren. Die Schrödters willigten ein und nahmen ab September auch das elterliche Paar bei sich auf.[4]

Als wenige Wochen später das Ehepaar Eva und Robert Sachs sowie Evas Mutter Johanna Hirsch folgten, wurde es im Haus eng. Familie Reich wohnte in einer Kammer im Erdgeschoss, das Ehepaar Sachs unter dem Dach und Johanna Hirsch schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer.[4]

Die Anwesenheit der Illegalen blieb wohl in der Nachbarschaft nicht ganz verborgen. Im Dezember 1943 fanden die Schrödters eine anonyme Postkarte in ihrem Briefkasten mit der Warnung „Reinig Sie ihre Augen von Fremdkörper. Sie laufen Gefahr zu erblinden. Aber sofort.“[5]

Herbert Schrödter, der Sohn von Hedwig und Otto, war bereits im Januar 1943 als Soldat an die Ostfront geschickt worden. Als er im Februar 1944 überraschend auf Heimaturlaub kam, fand er sechs versteckte Juden im Haus seiner Eltern: „Seit frühester Jugend fortschrittlich erzogen, überraschte mich dies nicht so sehr. Ich bewunderte den Mut meiner Eltern, sie hätten, wenn etwas bekannt geworden wäre, das Kriegsende nicht überlebt. So war ich nun vorübergehend zu Hause, und alles mußte noch ein wenig enger zusammenrücken.“[3]

Zweimal wurden bei den Schrödters Soldaten einquartiert; dabei durfte das Haus nicht abgeschlossen werden. Monika Reich und Johanna Hirsch wurden als Verwandte ausgegeben, während sich die beiden Paare bei Anwesenheit des Flaksoldaten in einem kleinen Zimmer verstecken mussten.[3][4]

Im März 1944[4] erlitt die alte Dame Johanna Hirsch einen Schlaganfall und hätte katheterisiert werden müssen. In ihrer Not rannte Hedwig Schrödter zu einem Arzt, der sie jedoch abwies. Als sie nach Hause kam, war Johanna Hirsch bereits verstorben.[6] Johanna Hirsch musste im Schutz der Dunkelheit am Zaun außerhalb des Gartens[7] der Schrödters beigesetzt werden. Sie bekam nach Ende des Krieges im Mai 1946 ihr Begräbnis auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee neben ihrem Ehemann Eduard Hirsch.[4]

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Familien Reich und Sachs blieben noch bis Oktober 1945 im Haus der Schrödters.[4]

Familie Reich wanderte im Mai 1946 in die USA aus und hielt noch einige Zeit Verbindung mit ihren Rettern. Sie schrieben Briefe und schickten Pakete aus den USA. Kurt Reich starb 1994, seine Ehefrau Ursula im Jahr 1996 in Jersey City.[8]

Das Ehepaar Sachs lebte ab den 1950er Jahren bis zu ihrem Tod 1969 (Robert Sachs) bzw. 1992 (Eva Sachs) in West-Berlin.[4]

Erst 1966 wurden Hedwig und Otto Schrödter in der DDR als Verfolgte des Naziregimes (VdN) anerkannt und erhielten eine Ehrenpension.[2]

Nach dem Fall der Berliner Mauer konnte im Januar 1992 der Kontakt zwischen Herbert Schrödter und Kurt Reich in Jersey City wiederhergestellt werden. Gemeinsam bemühten sich beide um Anerkennung von Hedwig und Otto Schrödter als Gerechte unter den Völkern in Yad Vashem. Die posthume Ehrung erfolgte im September 1995 im Rahmen einer Feierstunde im Berliner Centrum Judaicum.

Weiterführende Veröffentlichungen

Elke Erb wurde nach 1966 auf die Geschichte der Schrödters aufmerksam. In einem Interview erzählt sie: „Ich bin in einem Dorf am Stadtrand von Berlin auf einen Dachboden gezogen, den hatte man ein bisschen eingerichtet mit einem Bett und einem Tisch und einem Sofa. Gegenüber war eine kleine Straße mit einem grauen Haus, in dem lebte eine Frau, die hatte dort während des Krieges Juden verborgen. Darüber habe ich einen Text gemacht.[6] Und dann meinte einer, ich hätte das erfunden. Das musst du dir mal vorstellen! Ich habe so was nie erfunden, ich habe es immer genau so aufgeschrieben, wie es war.“[9]

Im Jahr 1988 veröffentlichte das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR eine Broschüre mit zahlreichen Biografien, Berichten und Erinnerungen von Zeitzeugen. Die Geschichte von Hedwig und Otto Schrödter wurde hier ausführlich mit detaillierten Schilderungen ihres Sohnes Herbert Schrödter (1924–2011) beschrieben.[3]

Die Historikerin Bärbel Ruben, damals Leiterin des Heimatmuseums Berlin-Hohenschönhausen, veröffentlichte 1998 eine ausführliche Recherche im Sammelband Juden in Hohenschönhausen – Eine Spurensuche. Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz BY-SA verfügbar.

Die Foundation for Moral Courage veröffentlichte 1998 den zweiteiligen Dokumentarfilm Treason or Honor („Verrat oder Ehre“) mit Unterstützung von Yad Vashem und dem Goethe-Institut Jerusalem, in dem zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen. Sowohl Teil 1 mit der Schilderung von Herbert Schrödter (03:20 bis 06:30) als auch Teil 2 des Films sind auf YouTube abrufbar.[10][11]

Einzelnachweise

  1. a b c The Righteous Among the Nations Database – Schroedter Otto & Hedwig. Abgerufen am 6. Oktober 2025 (englisch).
  2. a b Landesarchiv Berlin, C Rep. 118-01 – Hauptausschuss Opfer des Faschismus (OdF)/Referat Verfolgte des Naziregimes (VdN), laufende Nummern 26604 und 26605
  3. a b c d e Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR, Berlin-Weißensee (Hrsg.): Antifaschistischer Widerstandskampf in Berlin-Weißensee 1933 bis 1945. Berlin 1988, S. 98–107.
  4. a b c d e f g Bärbel Ruben: Versteckt im Siedlungshaus, Straße 156. In: Juden in Hohenschönhausen – Eine Spurensuche. Schriftenreihe des Vereins „Biographische Forschungen und Sozialgeschichte e. V.“, Heft 5/1998, Berlin 1998, S. 50–60.
  5. Im Garten der Gerechten. In: Focus. Nr. 09/1994, 28. Februar 1994, S. 82–84.
  6. a b Elke Erb: Ein Siedlungshaus in Berlin-Hohenschönhausen. In: Gutachten, Poesie und Prosa. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1975, S. 82–88.
  7. Landesarchiv Berlin, C Rep. 118-01, Hauptausschuss Opfer des Faschismus (OdF) / Referat Verfolgte des Naziregimes (VdN), Versorgungsakten Hedwig (lfd. Nr. 26604) und Otto (lfd. Nr. 26605) Schrödter
  8. Originalbriefe im Besitz der Familie Schrödter.
  9. Manfred Rothenberger, Elke Erb: Tanzende Ordnungslust – Manfred Rothenberger im Gespräch mit Elke Erb. Starfruit publications, Fürth 2024, ISBN 978-3-922895-63-3, S. 47.
  10. Treason or Honor, part 1. Foundation For Moral Courage, 1998, abgerufen am 20. Oktober 2025 (englisch, deutsch).
  11. Treason or Honor, part 2. Foundation For Moral Courage, 1998, abgerufen am 20. Oktober 2025 (englisch, deutsch).