Otto Ernst Pfleiderer

Otto Ernst Pfleiderer (* 17. Januar 1904 in Ulm; † 6. Februar 1989 in Stuttgart) war ein deutscher Ökonom und Zentralbankpolitiker. Er war Präsident der Landeszentralbank zunächst von Württemberg-Baden, dann ab 1952 von Baden-Württemberg und als solcher maßgeblich an der Einführung der D-Mark beteiligt.

Familie

Otto Ernst Pfleiderer war Sohn des Stuttgarter Arztes Alfred Pfleiderer (* 1868; † 1945) und seiner Frau Angelika (* 1867; † 1958). Ottos Bruder ist Heinrich Pfleiderer.[1]

Pfleiderer war evangelisch und heiratete 1937 die aus Stuttgart stammende Volkswirtin Hildegard Hoffmann (1906–1970). Gemeinsam hatten sie einen Sohn.[1]

Leben

Studium

Pfleiderer begann 1924 im Alter von 18 Jahren das Studium der Volkswirtschaftslehre. Er studierte an den Universitäten Tübingen, Hamburg und Kiel, wo er sein Studium als Diplom-Volkswirt abschloss. In Kiel verfasste er 1929/1930 auch seine Dissertation unter dem Titel Die Staatswirtschaft und das Sozialprodukt.[1]

Zeit des Nationalsozialismus

Nach der Promotion zum Dr. sc. pol. war Pfleiderer von 1930 bis 1931 Redakteur bzw. Schriftleiter der Bamberger Zeitschrift Keramos. Von 1932 bis 1934 war er Assistent von Alfred Weber am Institut für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften der Universität Heidelberg. Nach Webers vorzeitigem Ausscheiden von der Lehrtätigkeit infolge der Machtergreifung der NSDAP in die USA verlor Pfleiderer seine Arbeitsstelle an der Universität. Sein begonnenes Werk Pfund, Yen und Dollar in der Weltwirtschaftskrise konnte er aber durch ein Stipendium der Rockefeller-Stiftung 1937 abschließen.[1]

Von 1935 bis 1937 war Pfleider wissenschaftlicher Mitarbeiter der „Internationalen Konferenz für Agrarwissenschaften“ in Berlin unter der Leitung von Max Sehring.[1][2]

Von 1937 bis 1945 war Pfleiderer Mitarbeiter der Volkswirtschaftlichen Abteilung der Berliner Reichs-Kredit-Gesellschaft AG. Seinen Zugang zu vertraulichen Materialien über das Ausland nutzte er, um Ökonomen-Kollegen beispielsweise über John Maynard Keynes’ Währungsplan zu informieren.[1]

Karriere als Zentralbankpolitiker

Nach seiner Flucht aus dem kriegszerstörten Berlin beriet Pfleiderer ab 1945 die Finanzabteilung der US-amerikanischen Militärregierung in Stuttgart. Ebenfalls 1945 wurde er Ministerialrat und in Stuttgart Hauptabteilungsleiter der Abteilung Banken- und Versicherungsaufsicht im neu geschaffenen Finanzministerium des Landes Württemberg-Baden sowie Mitglied des Bankrats der Amerikanischen Besatzungszone.[2]

Zugleich war er als Sachverständiger des Wirtschaftsrats der Bizone am Entwurf des „Gesetzes über die Errichtung der Bank deutscher Länder“ beteiligt. Unter Vorsitz von Ludwig Erhard gehörte Pfleiderer von 1947 bis 1948 in Bad Homburg der Expertenkommission Sonderstelle Geld und Kredit bei der Verwaltung für Finanzen der Bizone an.[1]

Im März 1948 wurde Pfleiderer zusätzlich zum Präsidenten der neuen Landeszentralbank von Württemberg-Baden berufen. Als solcher war er Mitglied des Zentralbankrats der Bank deutscher Länder (bzw. der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main) und unter anderem maßgeblich an der Einführung der D-Mark beteiligt.[1] 1948 war er Mitglied des deutschen Expertengremiums für die Vorbereitung der Währungsreform beim Konklave von Rothwesten.

Nach Gründung des Landes Baden-Württemberg und Zusammenlegung der jeweiligen Landeszentralbanken wurde Pfleiderer Präsident der neuen Landeszentralbank Baden-Württemberg. Diesen Posten füllte er bis 1972 aus.[2]

Ab 1950 arbeitete Pfleiderer für ein Jahr als stellvertretendes Mitglied des Direktoriums der neu gegründeten Europäische Zahlungsunion in Paris.[2] Ihr Ziel war die freie Konvertibilität der Währungen der Mitgliedsländer.

1952 wechselte Pfleiderer als Exekutivdirektor zum Internationalen Währungsfonds in Washington und blieb dort bis 1953.[2]

Karriere als Wissenschaftler

Otto Pfleiderer erhielt 1947 an der Universität Heidelberg einen Lehrauftrag für Geld und Kredit. 1961 erhielt er dort eine Honorarprofessur.[1] In Heidelberg trat Pfleiderer dem Kuratorium der 1963 gegründeten Deutsch-Israelischen Studiengruppe an der Universität Heidelberg bei.[3]

1965 wurde Pfleiderer Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft.[1]

Als Mittel gegen Inflation schlug Pfleiderer Indexierungsklausel im langfristigen Kapitalverkehr vor und zog damit Lehren aus dem Versagen der Reichsbank und der Brünings Deflationspolitik während der Weltwirtschaftskrise 1929.[1]

Ehrungen

Veröffentlichungen

  • Die Staatswirtschaft und das Sozialprodukt. G. Fischer, Jena 1930.
  • Pfund, Yen und Dollar in der Weltwirtschaftskrise. Monetäre Konjunkturpolitik in Großbritannien, Japan und den Vereinigten Staaten, ihre volks- und weltwirtschaftliche Bedeutung. Junker u. Dünnhaupt, Berlin 1937.
  • Die Mechanik des Kreditvolumens. In: Bankwirtschaft. Nr. 13, 1. Oktober 1943.
  • Zur Frage der Konvertibilität der Währung. Commerz- u. Credit-Bank, Frankfurt a. M. 1953.
  • Währungsreformen. Herder, Freiburg 1963.
  • Währungen. Herder, Freiburg 1963.
  • Währungsordnung und europäische Integration. 1964.
  • Notenbank und Kapitalmarkt. Knapp, Frankfurt a. M. 1974, ISBN 3-7819-2514-5.
  • Ziele und Grenzen der Währungspolitik. Gabler, Wiesbaden 1980.
  • Betrachtungen zur Stabilitätspolitik. Mohr, Tübingen 1980, ISBN 3-16-343281-6.

Literatur

  • Norbert Kloten: Pfleiderer, Otto Ernst. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 20. Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 352–353 (deutsche-biographie.de).
  • Frank Raberg: Biografisches Lexikon für Ulm und Neu-Ulm 1802–2009. Süddeutsche Verlagsgesellschaft im Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2010, ISBN 978-3-7995-8040-3, S. 313 f.
  • Nachruf, in: List-Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik. 15. Jahrgang, 1989, S. 196–198.
  • Pfleiderer, Otto. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 945.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k Norbert Kloten: Pfleiderer, Otto Ernst. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 20. Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 352–353 (deutsche-biographie.de).
  2. a b c d e Pfleiderer, Otto. bundesarchiv.de, abgerufen am 22. Juni 2013.
  3. Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen 2025, S. 109.
  4. Bernhard-Harms-Medaille. ifw-kiel.de, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 13. April 2014; abgerufen am 22. Juni 2013.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ifw-kiel.de