Ōtomo no Sakanoue no Iratsume

Ōtomo no Sakanoue no Iratsume (japanisch 大伴坂上郎女; Lebensdaten unbekannt) war eine japanische Hofdame und Waka-Dichterin der frühen bis mittleren Nara-Zeit.[1] Bekannt ist sie für ihre 84 Gedichte aus der Anthologie Man’yōshū.

Leben

Ōtomo wurde als Tochter von Dainagon (Oberstaatsrat) Ōtomo no Yasumaro und Ishikawa no Iratsume (eigentlich: Ishikawa no Uchimyōbu 石川内命婦)[2] um das Jahr 696 geboren.[1] Sie war die Schwester von Ōtomo no Tabito, Ōtomo no Tanushi und Ōtomo no Sukunamaro. Ihr Name ist ein Notname, der aus dem Namen des Klans Ōtomo, dem Ort ihrer Herkunft Sakanoue (heute: Horenchō-kitamachi, Nara) und der alten Bezeichnung für eine junge Dame Iratsume besteht.

Es ist bekannt, dass sie im Alter von etwa 13 Jahren zunächst Prinz Hozumi (Hozumi-shinnō), den fünften Sohn von Kaiser Temmu heiratete.[1] Nachdem Hozumi 715 gestorben war, heiratete sie mit etwa 20 Jahren Fujiwara no Maro, den Sohn von Fujiwara no Fuhito.[3] Als auch ihr zweiter Ehemann starb, heiratete sie ihren älteren Halbbruder Ōtomo no Sukunamaro, von dem sie zwei Töchter Ōtomo no Sakanoue no Ōiratsume (大伴坂上大嬢) und Ōtomo no Sakanoue no Otōiratsume zur Welt brachte.[1] Von der Jinki-Ära (724–729) an lebte sie im Haushalt ihres Bruders Ōtomo no Tabito in Kyōto. Man nimmt an, dass sie als Lebensgefährtin für ihren Bruder oder als Erzieherin für dessen Sohn Ōtomo no Yakamochi in den Haushalt ihres Bruders aufgenommen wurde. 730 verließ sie den Haushalt ihres Bruders Tabito und kehrte in die Hauptstadt Nara zurück, blieb aber als Tante von Yakamochi einflussreich im Ōtomo-Klan.[1]

Mit 84 Gedichten, davon 6 Chōka und 77 Tanka und ein Sedoka, ist Ōtomo die bestvertretende Dichterin des Man’yōshū. Verschiedene ihrer Gedichte besitzen ein Epigraph, demnach die Gedichte anlässlich einer religiöen Zeremonie für die Sippengottheit (氏神, ujikami) entstanden ist. Dass so viele Gedichte von Ōtomo im Man’yōshū Eingang gefunden haben, führt man auf ihren Neffen Ōtomo no Yakamochi zurück, der als Kompilator der Anthologie gilt.

Beispiel

Die Übersetzung entstammt der Literaturgeschichte von Karl Florenz. Bei Florenz wird das Gedicht als Nr. IV, 127, also Gedicht Nr. 127 in Band IV von Edeldame Sakanoe geführt. Das entspricht im Man'yo-Corpus Gedicht IV. 619. Hier wiedergegeben ist die Fassung in modernem Japanisch, nicht die Originalfassung in Kanbun.

Japanisch[4] Übersetzung[5]
おしてる難波の菅のねもころに
君が聞こして年深く長くし言へば
まそ鏡磨ぎし心を許して
しその日の極み波のむた
なびく玉藻のかにかくに心は持たず
大船の頼める時にちは
やぶる神や放くらむ
うつせみの人か障ふらむ通はしし
君も来まさず
玉梓の使ひも見えずなりぬれば
いたもすべなみぬばたまの夜は
すがらに赤らひく日も暮るるまで
嘆けども験をなみ思へ
どもたづきを知らにたわやめと言はくも
著くたわらはの音のみ泣きつつたもとほり
君が使ひを待ちやかねてむ
Da du versprachst, dass du mich lieben wollest,
so hab' ich dir mein Herz dahingegeben,
Mein Herz so klar wie ein geschliffener Spiegel.
Seit jenem Tag schmiegt' ich mich an dich,
Wie sich das Seegras an die Wellen schmieget,
Und dir allein nur galt mein ganzes Sinnen.
Doch da ich so mein Hoffen auf dich stellte
Wie einem großen Seeschiff man vertraut,
Was ist geschehen? - hat von den ungestüm
Gesinnten Göttern Einer uns getrennt,
Ist es ein ird'scher Mensch, der zwischen uns
Getreten? - dass du nimmer mehr wie früher
Zu mir die Schritte lenkst, und auch kein Bote
Mit Heroldsstab von dir mir Kunde bringt?
Mein Herz ist trostlos, weiß sich nicht zu helfen.
Die ganze lange, rabenschwarze Nacht,
Den Tag bis sich die rote Sonne senkt,
Verschmacht' ich klagend, liebessehnsuchtsvoll.
Mein Herz ist trostlos, weiß sich nicht zu helfen.
Mit Recht nennt man uns Jungfraun zarte Wesen:
Gleich wie ein kleines Kind, so weine ich
Nun kläglich, wandle ruhelos umher.
Wie soll ich's tragen länger noch des Boten
Zu harren? Die Geduld wird endlich reißen!
Hätt'st du von Anfang
Mir Hoffnung nicht gewecket
Auf ewige Liebe,
Wär ich in diese herbe
Verzweiflung je geraten?

Literatur

  • Sen'ichi Hisamatsu: Biographical Dictionary of Japanese Literature. 3. Auflage. Kodansha International, Tokio 1982, ISBN 0-87011-253-8, S. 37–38.

Einzelnachweise

  1. a b c d e 大伴坂上郎女. In: デジタル大辞泉 bei kotobank.jp. Abgerufen am 27. Dezember 2025 (japanisch).
  2. 大伴坂上郎女. Nara Prefecture Complex of Man'yo culture, abgerufen am 28. Dezember 2025 (japanisch, Mit dem Text aller 84 Gedichte (japanisch)).
  3. Sen'ichi Hisamatsu Biographical Dictionary of Japanese Literature S. 37–38
  4. 大伴坂上郎女. Nara Prefecture Complex of Man'yo culture, abgerufen am 28. Dezember 2025 (japanisch).
  5. Geschichte der japanischen Litteratur. In: Die Litteraturen des Ostens in Einzeldarstellungen. Zehnter Band. C.F. Amelangs Verlag, Leipzig 1906, S. 104 (Online beim Internet Archive).