Ostafrikanischer Sklavenhandel
Ostafrikanischer Sklavenhandel[3] bezeichnet den Sklavenhandel, in dessen Rahmen Menschen aus Ostafrika vor Ort, in die Arabische Welt, in andere Teile Asiens, auf Inseln im Indischen Ozean, die Kapkolonie und in die neue Welt als Sklaven verkauft wurden.
Geschichte
Über die Anfänge der Sklaverei in Ostafrika gibt es keine gesicherten Angaben. Ein archäologischer Nachweis ist so gut wie unmöglich[4].
Plantagensklaverei und Zandsch-Revolte
Einen ersten Höhepunkt erreichte der ostafrikanische Sklavenhandel mit der Erschließung der Sumpfgebiete im Süd-Irak unter den Abbasiden. Große Plantagen wurden von Sklaven aus Ostafrika – Zandsch[5] – urbar gemacht. Im Jahre 869 kam es zu einem großen Aufstand der Zandsch im Süd-Irak, der 883 von Al-Muwaffaq endgültig niedergeschlagen wurde, wobei die meisten Sklaven getötet wurden.[6] Ob es sich dabei um einen Sklavenaufstand oder eine religiöse Bewegung handelte, ist umstritten.[7]
Neuzeit
Ab 1543 kontrollierten die Portugiesen weite Teile der ostafrikanischen Küste[8] und damit auch die Häfen, in denen Sklaven eingeschifft wurden.
Madagaskar
Ein wichtiges Zentrum des Sklavenhandels war Madagaskar.[9] Der Sklavenhandel wurde sowohl durch einheimische Herrscher als auch durch europäische Händler betrieben.[10]
Mozambique
Ein Zentrum des portugiesischen Sklavenhandels war die Ilha de Moçambique, von hier wurden Sklaven unter anderem nach Brasilien verschifft. Die São José Paquete D’Africa, eines dieser Sklavenschiffe, ging 1794 bei Kapstadt unter und ist das bisher älteste wissenschaftlich untersuchte Sklavenschiff.
Kapkolonie
Die Kapkolonie, die seit 1652 der Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) unterstand, war das Zentrum des niederländischen Sklavenhandels im südlichen Afrika.[11] Auch von hier aus gelangten auch Sklaven aus Ostafrika und Madagaskar in den atlantischen Sklavenhandel. Zudem lebten hier zahlreiche Haussklaven.[12] Sklaven wurden auch großmaßstäblich im Ackerbau eingesetzt, der vor allem der Versorgung von Schiffen diente.[13]
19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert erreichte der ostafrikanische Sklavenhandel seinen Höhepunkt. Einerseits gab es an der afrikanischen Westküste zu wenige potentielle Sklaven, was europäische Sklavenhändler dazu veranlasste, sich an die Ostküste zu verlegen und von dort Sklaven für Amerika und für Inseln im Indischen Ozean zu beschaffen. Andererseits sank später die bedeutende Nachfrage aus Amerika und dem Indischen Ozean allmählich (Verbot in Frankreich 1848, in den USA 1865, in Brasilien 1888), wodurch in ganz Afrika die Preise für Sklaven fielen und es Käufern innerhalb Afrikas und im arabisch-islamischen Raum möglich wurde, mehr Sklaven einzukaufen. So wurden vermehrt Sklaven in den Nahen Osten exportiert, aber auch an der ostafrikanischen Küste auf Plantagen, etwa den unter Said ibn Sultan angelegten Gewürznelkenplantagen von Sansibar, eingesetzt.[14] Durch umfangreiche Sklavenjagden wurden ganze Landstriche Ostafrikas entvölkert. Ein bekannter Sklavenhändler war der Sansibarer Tippu-Tip, der bei seinen Expeditionen bis in das zentralafrikanische Kongobecken vordrang.
Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei
Die Bekämpfung des Sklavenhandels war eine der Rechtfertigungen für die Kolonialisierung Ostafrikas durch europäische Kolonialmächte[15]. Neben politischen Abhandlungen erschienen zwischen 1860 und 1890 zahlreiche Abenteuergeschichten, die Afrika/Ostafrika als einen Ort darstellten, der ein europäisches Eingreifen erforderte[16]. Arabische Sklavenhändler zählten hier zu den unentbehrlichen Versatzstücken, von Stanleys My Kalulu bis zu Edgar Rice Burroughs’ Tarzan.
Ab den 1860er Jahren suchten Flotten der Royal Navy im Indischen Ozean nach Daus, in denen Sklaven transportiert wurden (dhow-chasing). 1875 verbot Sultan Barghasch ibn Said von Sansibar auf Druck Großbritanniens den Sklavenhandel in Ostafrika, dieser Handel bestand jedoch illegal bis in das 20. Jahrhundert weiter. Zum Teil verlagerte er sich vom Seeweg auf Karawanenrouten, die an die Benadirküste im Süden Somalias führten, von wo die Sklaven nach Arabien verschifft wurden.[17]
Während die Briten gegen den Sklavenhandel vorgingen, tolerierten sie die Haltung von Sklaven, insbesondere in privaten Haushalten, zunächst.[18] Die Sklaverei selbst wurde im britischen Protektorat Sansibar 1897 abgeschafft,[19] 1907 folgte das Verbot in der Konzession Britisch-Ostafrika (dem späteren Kenia).[20]
In Saudi-Arabien gab es bis in die 1930er Jahre öffentliche Sklavenmärkte. 1956 berichteten Zeugen von einem öffentlichen Sklavenverkauf in Dschibuti, bei dem angeblich aus Tschad stammende Menschen verkauft wurden. 1924 wurde die Sklaverei im Irak offiziell abgeschafft, 1937 in Bahrain, 1949 in Kuwait und 1952 in Katar. Im Jemen wurde die Sklaverei nach dem Sturz der Monarchie 1962 abgeschafft. Im selben Jahr erfolgte die Abschaffung durch Prinz Faisal in Saudi-Arabien, wo aber von den 100.000 bis 200.000 größtenteils afrikanischen Sklaven nur einige Tausend sogleich freigelassen wurden. In Oman schaffte Sultan Qabus ibn Said die Sklaverei im Zuge einer allgemeinen Modernisierung des Landes ab, nachdem er 1970 die Macht gegen seinen Vater übernommen hatte.[21]
Zahlen
Die Zahl der Menschen, die vom 16. bis ins 19. Jahrhundert von arabischen Sklavenhändlern mit Karawanen durch die Sahara, über das Rote Meer und den Indischen Ozean aus Ostafrika exportiert wurden, wird auf 6,85 Millionen geschätzt. Das ist etwas mehr als die Hälfte der Opfer des atlantischen Sklavenhandels. Wie viele Menschen bei den Sklavenraubzügen und den unmenschlichen Transporten ums Leben kamen, entzieht sich jeder Schätzung.[22]
Gegenwart
Relativ wenig ist über die Nachfahren der ostafrikanischen Sklaven bekannt. Einige Gründe dafür sind: hohe Sterberaten, die Tatsache, dass zahlreiche männliche Sklaven als Eunuchen keine Nachkommen zeugen konnten, oder, dass die Sklaven und deren Nachkommen in der Mehrheitsbevölkerung aufgingen.[23]
Im Süden Somalias leben Sklavennachfahren heute als „Somalische Bantu“. In der Türkei sorgte Mustafa Olpak für Aufsehen, als er die Lebensgeschichte seines Großvaters veröffentlichte, der als Sklave aus Kenia auf das osmanische Kreta verkauft worden war.[24] Die Siddi in Indien und Pakistan stammen größtenteils von Sklaven, zum Teil aber auch von freien Afrikanern ab.
Sklavenjagden wie in früheren Zeiten fanden im Kontext des Sezessionskrieges im Südsudan statt.[21]
Siehe auch
- Sklaverei im Sudan
- Sklaverei im Islam
- Transsaharahandel
- Transregionaler Karawanenhandel in Ostafrika
- Watoro
Literatur
- Gwyn Campbell (Hrsg.): The Structure of Slavery in Indian Ocean Africa and Asia (= Studies in slave and post-slave societies and cultures.). Frank Cass, London u. a. 2004, ISBN 0-7146-5486-8.
- William Gervase Clarence-Smith (Hrsg.): The economics of the Indian Ocean slave trade in the nineteenth century. Frank Cass, London 1989, ISBN 0-7146-3359-3.
- Egon Flaig: Weltgeschichte der Sklaverei. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58450-3.
- Alexandre Popovic: The revolt of African slaves in Iraq in the 3rd/9th century. Markus Wiener Publishers, Princeton (NJ) 1999, ISBN 1-55876-162-4.
- Ronald Segal: Islam’s Black Slaves. The History of Africa’s other Black Diaspora. Atlantic Books, London u. a. 2001, ISBN 1-903809-80-0.
- Tidiane N’Diaye: Der verschleierte Völkermord. Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika. Rowohlt, Reinbek 2010; ISBN 978-3-498-04690-3.
Weblinks
- BBC: The Story of Africa: The East African Slave Trade (englisch)
- Sklavenhandel in Ostafrika – Deutsche Welle
- Jahrhunderte des Menschenhandels – Deutschlandfunk Kultur
Einzelnachweise
- ↑ "An Arab master's punishment for a slight offence."
- ↑ Slavery in Zanzibar. Royal Museums Greenwich, abgerufen am 19. Dezember 2025.
- ↑ Sklavenhandel in Ostafrika – DW – 22.08.2019. Abgerufen am 19. Dezember 2025.
- ↑ J. Alexander: Islam, archaeology and slavery in Africa. In: World Archaeology. Band 33, Nr. 1, 2001, S. 44–60.
- ↑ der Ausdruck Zandsch bezeichnet allgemein Ostafrika, siehe: Rudolph T. Ware III: Slavery in Islamic Africa, 1400–1800. In: David Eltis, Stanley L. Engerman (Hrsg.): Slavery in Africa and Asia Minor. (= The Cambridge World History of Slavery.). Cambridge University Press, Cambridge 2011, S. 75, doi:10.1017/CHOL9780521840682.005.
- ↑ Jacques Heers: Les négriers en terres d’islam. La première traite des Noirs VIIe-XVIe siècle. Perrin, Paris 2007, ISBN 978-2-262-02764-3, S. 231–240.
- ↑ Nimrod Hurvitz: Religion and Rebellion: Mobilisation through religious Image-Building – The Cases of the Zanj and Qarāmiṭa. In: Hannah-Lena Hagemann, Alasdair C. Grant (Hrsg.): Between Rebels and Rulers in the Early Islamicate World: Power, Contention and Identity (= Edinburgh Studies in Classical Islamic History and Culture: Power, Contention and Identity.). E-book, Edinburgh University Press, Edinburgh 2024, ISBN 978-1-3995-3020-0, S. 143–163.
- ↑ J. Alexander: Islam, archaeology and slavery in Africa. In: World Archaeology. Band 33, Nr. 1, 2001, S. 54.
- ↑ Titas Chakraborty: Slavery in the Indian Ocean World. In: Damian A. Pargas, Juliane Schiel (Hrsg.): The Palgrave Handbook of Global Slavery throughout History. Palgrave Macmillan, Cham 2023, ISBN 978-3-031-13259-9, S. 347.
- ↑ Gwyn Campbell: The East African Slave Trade, 1861-1895: The "Southern" Complex. In: International Journal of African Historical Studies. Band 22, Nr. 1, 1989, S. 1–26.
- ↑ Nigel Worden: Indian Ocean Slaves in Cape Town, 1695–1807. In: Journal of Southern African Studies.Band 42, Nr. 3, 2016, S. 389–408.
- ↑ Nigel Worden: Indian Ocean Slaves in Cape Town, 1695–1807. In: Journal of Southern African Studies.Band 42, Nr. 3, 2016, S. 389–408.
- ↑ Titas Chakraborty: Slavery in the Indian Ocean World. In: Damian A. Pargas, Juliane Schiel (Hrsg.): The Palgrave Handbook of Global Slavery throughout History. Palgrave Macmillan, Cham 2023, S. 343.
- ↑ Patrick Manning: Contours of Slavery and Social Change in Africa. In: The American Historical Review. Band 88, Nr. 4, 1983, S. 835–857, doi:10.2307/1874022.
- ↑ s. Joanna Lewis, Empire of Sentiment: The Death of Livingstone and the Myth of Victorian Imperialism. Cambridge University Press, Cambridge 2018, für Großbritannien.
- ↑ Justin D. Livingstone: A romance of slavery: exploration, encounters and cartographies of violence. In: H. M. Stanley: My Kalulu. In: Studies in Travel Writing. Band 21, Nr. 4, 2007, S. 349.
- ↑ Catherine Besteman: Unraveling Somalia: Race, Violence, and the Legacy of Slavery (Ethnography of Political Violence). University of Pennsylvania Press, Philadelphia 1999, ISBN 0-8122-1688-1, S. 54 f.
- ↑ Moses D. E. Nwulia: Britain and Slavery in East Africa. Three Continents Press, Washington 1975, ISBN 0-914478-12-5.
- ↑ Die Abschaffung der Sclaverei auf Zanzibar. In: Oesterreichische Monatsschrift für den Orient. Band 23, 1897, ZDB-ID 520152-4, S. 37–41. — Volltext online.
- ↑ Christian Delacampagne: Die Geschichte der Sklaverei. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2004, ISBN 3-538-07183-7, S. 247.
- ↑ a b C. Delacampagne: Geschichte der Sklaverei. Düsseldorf 2004, S. 283 f.
- ↑ Franz Ansprenger: Geschichte Afrikas. 5. Auflage, Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-73451-9, S. 45 f.
- ↑ La traite oubliée des négriers musulmans. In: L’Histoire. Nr. 280, La Vérité sur l’Esclavage. Oktober 2003.
- ↑ Deutschlandfunk: Kratzer im türkischen Geschichtsbild – Die schwarzen Sklaven der Osmanen.