Orthodoxe Kirche vom Berg Sinai
Die Orthodoxe Kirche vom Berg Sinai (griechisch Εκκλησία του Όρους Σινά Ekklisía tou Órous Siná) ist als Erzbistum Sinai, Pharan und Raithu eine autonome orthodoxe Kirche. Ihr Zentrum ist das Katharinenkloster auf der Sinai-Halbinsel, das den Unverbrennbaren Dornbusch und seit dem 9. Jahrhundert die Reliquien der heiligen Katharina von Alexandrien beherbergt.
Bereits im 4. Jahrhundert bestanden Mönchsgemeinschaften auf dem Berg Sinai. Kaiser Justinian I. ließ das Sinaikloster im 6. Jahrhundert befestigen und siedelte zum Schutz und zur Versorgung der Mönche 200 Bauernfamilien aus Ägypten und dem Trapezunt in der Umgebung des Klosters an. Mit der islamischen Eroberung der Sinai-Halbinsel 639 wurde das Gebiet Teil des Kalifats. Kirchlich gehörte das Kloster zum Bistum Pharan und erlangte mit der Absetzung des letzten orthodoxen Bischofs nach dem Dritten Konzil von Konstantinopel 681 selbst den Status eines Bischofssitzes, indem der Hegumen den Titel und die Jurisdiktion des Bischofs von Pharan übernahm. Schließlich wurde das Bistum mit dem benachbarten Bischofssitz Raithu, an dem bis ins 8. Jahrhundert ebenfalls ein von Kaiser Justinian erbautes Kloster bestanden hatte, zum Erzbistum vom Berg Sinai vereinigt, das die gesamte Sinai-Halbinsel umfasste und dem Patriarchen von Jerusalem als Metropolit unterstand. Im Jahr 1575 erhielt die Kirche den Status der Autonomie verliehen, der 1782 bestätigt wurde. Seitdem ist sie nur noch lose an das Patriarchat von Jerusalem gebunden, dessen Patriarch den von der Mönchsgemeinschaft gewählten Abt-Erzbischof weiht.[1] Die Kirche genießt dem Ökumenischen Patriarchen zufolge das einzigartige Vorrecht, völlig frei von allen und jedem zu sein, und wird von ihm als autokephal anerkannt:
„Diese Selbständigkeit wird von manchen orthodoxen Kirchen als ‚autokephal‘, von anderen als ‚autonom‘ bezeichnet. Man spricht am besten von einer Ehrenautonomie, da zu dieser ‚Kirche‘ nur etwa 100 Seelen des Katharinenklosters und kleiner umliegender Siedlungen sowie Metochien (kleine Klosterfilialen) in Kairo, Istanbul, auf Zypern und im Libanon gehören. Wie seine Vorgänger seit dem 18. Jahrhundert, residiert der heutige Erzbischof von Sinai, Faran und Reithun, Damianós (Samartsis, seit 1973), zumeist in Kairo.“[2]
Historisch unterhielt die Kirche vom Berg Sinai zahlreiche Metochien im Ausland, seit 1860 auch eine Schule in Kairo. 2006 gab es neben den Filialklöstern in Alexandria und Kairo, wo sich der Abt häufig aufhält, noch neun Metochien in Griechenland, drei auf Zypern und je eine im Libanon und in Istanbul.[1]
Der seit 1973 amtierende Erzbischof von Sinai, Pharan und Raithu und Abt des Sinaiklosters Damian wurde 2025 nach einem spektakulären Streit zwischen den Mönchen gestürzt und nach Griechenland ausgeflogen,[3] er wurde durch den von den Aufrührern einstimmig neu gewählten Archimandriten Symeon Papadopoulos ersetzt.[4]
Erzbischöfe von Sinai
- um 982–1002 Solomon[5]
- um 1091 Ioannes
- um 1202/3 Symeon
- um 1223/4 Makarios
- um 1227/8 Germanos
- um 1238/9 Theodosios
- um 1257/8 Symeon
- um 1264/65 Ioannes
- um 1285–1295 Arsenios[6]
- um 1306 Ioannes[7]
- † 16. Aug. 1336 Germanos[8]
- um 1357/8 Markos
- 1567–1583 Eugenios
- 1583–1592 Anastasios
- 1592–1617 Laurentios
- 1617–1661 Ioasaph ho Rhodios
- 1661 Nektarios
- 1661–1671 Ananias Byzantios
- Sep./Okt. 1671 – Feb./März 1702 Ioannikios I. Peloponnesios († 1703)
- Sep./Okt. 1702 – 13. Feb. 1706 Kosmas Byzantios (16. Jahrhundert – 1736)
- 7. Mai 1707 – 1720 Athanasios I. († 1720)
- Okt. 1720 – 1727 Ioannikios II. († 1727)
- Okt. 1729 – 1747 Nikephoros Marthales († nach 1747)
- April 1748 – 1758 Konstantios I. († 1758)
- Okt. 1759 – 23. Jan. 1790 Kyrillos I. (ca. 1700–1790)
- Sept. 1794 – Juni/Juli 1797 Dorotheos II. Byzantios († 1797)
- Juni/Juli 1802 – 17. Jan. 1859 Konstantios II. Byzantios (1770–1859)
- 19. Jan. 1859 – 5. Sep. 1867 Kyrillos II. Byzantios († 1882)[9]
- 2. Feb. 1867[9] – 21. Apr. 1885 Kallistratos (Kyrill Rodikis; 1818–1885)
- 21. Aug. 1885 – 20. Apr. 1904 Porphyrios I. (1838–1909)
- 7. Mai 1904 – 14. Juli 1926 Porphyrios II. Logothetos (1859–1926)
- 11. Aug. 1926 – 24. Nov. 1968 Porphyrios III. Paulinou (1878–1968)
- 4. Jan. 1969 – 11. Sept. 1973 Gregorios II. Maniatopoulos (1912–1973)
- 10. Dez. 1973 – 6. Sept. 2025 Damianos Samartsis (* 1935)
- 14. Sept. 2025 – (aktuell) Symeon Papadopoulos (* 1957)
Quelle: Wolfgang Hage u. a.[10]
Literatur
- Wolfgang Hage: Das orientalische Christentum (= Die Religionen der Menschheit. Band 29/2). Kohlhammer 2007, S. 104–109 (Das autonome Erzbistum Sinai in der Google-Buchsuche).
- Eugen Hämmerle u. a.: Zugänge zur Orthodoxie (= Bensheimer Hefte. Nr. 68). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, S. 222 (Das Erzbistum Sinai in der Google-Buchsuche).
- Adrian Marinescu: The Hierarchs’ Catalogue of Monastery St. Catherine in Mount Sinai. In: Etudes byzantines et postbyzantines. 4 (2001) S. 267–289.
- Alexander Treiger, Sinaitica (2): Ioasaph of Rhodes’ Inventory of the Archbishops of Sinai. In: Journal of Eastern Christian Studies 72 (2020) S. 33–70.
Weblinks
- Internetpräsenz des Sinaiklosters (griechisch/englisch/arabisch)
Einzelnachweise
- ↑ a b Ronald Roberson CSP: The Orthodox Church of Mount Sinai. CNEWA, 26. Oktober 2021, abgerufen am 27. September 2025.
- ↑ Hans-Dieter Döpmann: Die orthodoxen Kirchen in Geschichte und Gegenwart: 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. Peter Lang Gmbh, Internationaler Verlag der Wissenschaften (2010), S. 66 (Online-Auszug). – Zur Zahl ihrer Angehörigen, vgl. Theologische Realenzyklopädie. Pflichtfortsetzung / Ochino – Parapsychologie: Bd 25. De Gruyter (1995), S. 449 (Online-Auszug)
- ↑ Machtkampf um traditionsreiches Sinai-Kloster scheint beendet. In: Katholisch.de. 7. September 2025, abgerufen am 7. September 2025.
- ↑ New Abbot of the Monastery of Sinai, Archimandrite Symeon Papadopoulos. In: Orthodox Times. 14. September 2025, abgerufen am 26. September 2025 (englisch).
- ↑ M. N. Swanson: Solomon, Bishop of Mount Sinai (Late tenth century AD). In: Studies on the Christian Arabic Heritage (Festschrift Samit Khalil Samir = Eastern Christian Studies 5), Peeters, Leuven 2004, 91–111.
- ↑ N. P. Ševčenko: Manuscript Production on Mount Sinai from the Tenth to the Thirteen Century. In: Sharon E. J. Gerstel – Robert S. Nelson (Hrsg.): Approaching the Holy Mountain. Art and Liturgy at St Catherine’s Monastery in the Sinai (Cursor Mundi 11), Brepols, Turnhout 2010, 253.
- ↑ N. P. Ševčenko: Manuscript Production on Mount Sinai from the Tenth to the Thirteen Century. In: Sharon E. J. Gerstel – Robert S. Nelson (Hrsg.): Approaching the Holy Mountain. Art and Liturgy at St Catherine’s Monastery in the Sinai (Cursor Mundi 11), Brepols, Turnhout 2010, 253 Anm. 51.
- ↑ Kolophon Codex Vat. syr. 647.
- ↑ a b Zur Neuwahl bzw. Absetzung des Abtes im Zuge der internationalen Auseinandersetzungen um die Sinaifrage siehe: Athanassios E. Karathanassis: Spiridon Kontogiannis, The Sinai Question. 16th–19th Century, Jerusalem, Nea Sion, vol. 79, 1987, pp. 422. In: Journal of Balkan Studies, Bd. 32 (1991), Nr. 2, S. 374–376.
- ↑ Wolfgang Hage: Das orientalische Christentum. Kohlhammer, Stuttgart 2007, S. 472 f. („Erzbischöfe von Sinai, Pharan und Raithu“); Liste der Religious leaders auf der Website rulers.org, abgerufen am 28. September 2025 (englisch).