Orgel der Petrikirche (Riga)
Die Orgel der Petrikirche in Riga war zunächst ein barockes Instrument, das 1734 von Gottfried Kloosen gebaut wurde. Sie verfügte über 41 Register auf drei Manualen und Pedal und war seinerzeit eine der größten Orgeln des Landes. 1888 ersetzte die Firma Walcker das Innenwerk im Stil der Romantik. 1941 wurde das Instrument der Petrikirche zerstört. Rekonstruktionspläne der Kloosen-Orgel wurden 2024 aufgegeben.
Geschichte
Die Petrikirche gehört zu den ältesten und größten Gotteshäusern im Baltikum, ist die Reformationskirche der über 800 Jahre alten Hansestadt Riga, der Hauptstadt Lettlands, und mit ihrem markanten Barockturm ein Wahrzeichen der Stadt.
Die Geschichte der Kirche ist durch eine herausragende musikalische Tradition geprägt, deren berühmtester Repräsentant der Organist Johann Gottfried Müthel ist, der letzte Schüler Johann Sebastian Bachs.[1] Er spielte auf der 1734 fertiggestellten Barockorgel des Orgelbauers Kloosen.
(Johann) Gottfried Kloosen (auch Cloosen, Closs und Kloss) stammte aus Meffersdorf. Er war mutmaßlich ein Schüler des Orgelbauers Andreas Hildebrandt und wirkte ab den 1720er-Jahren im Baltikum. Im Jahr 1720/1721 reparierte er die Orgel der Niguliste kirik in Tallinn.[2] Von 1728 bis 1740 war er Organist an der Johanneskirche in Riga.[3] Seit 1728 sind seine Tätigkeiten in der Petrikirche zu Riga nachgewiesen, für die er 1734 nach vier Jahren Bauzeit eine neue Orgel fertigstellte. Das Schnitzwerk schuf der Hofbildhauer Heinrich von Bergen. Sie war nach seinem Instrument im Dom zu Riga seinerzeit die zweitgrößte Orgel der Stadt.[4] Im Stadtarchiv Rigas wird zur Bauzeit, der Registerzahl und den Kosten Folgendes gesagt:
„Weil hiezu aber viele Mittel und Zeit erfordert wurde, so konte auch allererst im Jahr 1733 die Orgel, als eines der nohtwendigsten Stücke, zu Stande gebracht werden. Es wurde diese Orgel, welche von dem Orgelbauer Gottfried Klossen innerhalb vier Jahren verfertiget worden, den 23. Septembris des vorgedachten 1733sten Jahres zum erstenmahl gerühret. Selbige bestehet überhaupt aus dreyen Clavieren und 41 Stimmen, davon 12 in das Hauptmanual, 10 in das Oberwerck, 9 in das Brustwerck 9 und 10 in den Pedal vertheilet. Der OrgelBauer hat, laut des darüber mit der KirchenAdministration 1729 den 30. Septembris errichteten Contracts, für seine Arbeit und dazu erforderliche Materialien 4200 Rthl. Albr. nebst einer vierjährigen freyen Wohnung erhalten. Der Bildhauer Hinrich von Bergen hat für seine Arbeit 210 Rthl. Albr. bekommen. Und hat diese Orgel in allem ohngefehr 5350 gekostet.“
Die reichhaltig ausgestattete Barockorgel enthielt sowohl rückwärts gewandte Klänge (z. B. kurzbechrige Zungen und obertönige Aliquotregister) wie auch in die damalige Zukunft blickende Klangfarben (z. B. Streicher und überblasende Register). Ein solcherart umfassender Typ ist über einen längeren Zeitraum vorherrschend gewesen. Die barocke Orgel lebte von der Vielfarbigkeit sowohl der (Spät-)Renaissance,[6] die das vokale Ideal der Gesanglichkeit der Prinzipale einschließt, als auch des hochbarocken Instrumentariums, was sich in vielen Registerbenennungen als Nachempfindungen diverser Ensemble- und Soloinstrumente widerspiegelt.
Kloosen reparierte 1738 die Domorgel. Anschließend übersiedelte er nach Görlitz, wo er am 6. Februar 1740 das Bürgerrecht erwarb.[7]
Die Firma Walcker ersetzte im Jahr 1886 die Kloosen-Orgel durch ein romantisches Instrument. Dabei wurde das historische Gehäuse weiter verwendet. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche 1941 schwer beschädigt, die Orgel verbrannte mit der gesamten Kirchenausstattung.[8] 1984 war das Kirchengebäude restauriert und der Turm wieder aufgebaut. Die Orgelempore blieb jedoch leer.[9]
Im Jahr 2011 wurde ein Orgelverein gegründet, der die Pläne zur Wiederherstellung der Barockorgel in dem Jahr erstmals der Öffentlichkeit vorstellte. Die Planungen und die Rekonstruktion wurden dem Dresdner Orgelbauer Kristian Wegscheider übertragen. Der lettische Architekt Peteris Blums als Projektbeauftragter,[10] legte 2017 den Behörden der Stadt Riga das bautechnische Gutachten vor.[11]
Forschung und Rekonstruktionspläne
Laut dem Förderverein Orgel Petri-Kirche Riga bezeichneten Fachleute die geplante Rekonstruktion als interessantes europäisches Orgelprojekt. Als Gegenstück zur großen romantischen Orgel im Dom sollte Riga ein Instrument für die reiche Vielfalt der barocken Orgelmusik erhalten.[12] 2024 wurde der Neubau einer barocken Chororgel im Dom vertraglich mit dem Orgelbauer Wegscheider beschlossen[13] und die Orgelrekonstruktion in der Petrikirche zunächst aufgegeben.[14]
Die grundsätzliche technische und musikalische Konzeption und auch die optische Gestalt der Kloosen-Orgel sind weitgehend bekannt. Die genauen Details dieses Instruments von 1734 bedürfen jedoch noch weitergehender Forschungen.[15][16] Dazu gehören auch Untersuchungen von Orgeln aus dem zeitlichen und regionalen Umfeld, die für Analogieschlüsse herangezogen werden könnten. Ein hervorragendes Beispiel des damaligen Orgelbaus mit Ähnlichkeiten zur Kloosen-Orgel bietet die Hildebrandt-Orgel in der Pfarrkirche St. Bartholomäus in Pasłęk/Preußisch Holland (Polen).[17] Das Herderinstitut in Marburg bietet einige Fotos des alten Gehäuses und des Zierrats.[18] Der Orgelbau in Danzig im frühen 18. Jahrhundert und vergleichende Studien in Mitteldeutschland bieten gute Analogien.
Die Kosten für die Rekonstruktion der Orgel hätten sich voraussichtlich auf 1,5 Millionen Euro belaufen.[19] Die Trägerschaft und die bauliche Organisation des Projektes sollte die lettische Stiftung Orgel-Stiftung Petri-Kirche Riga (lettisch: Rīgas Sv. Pētera baznīcas ērģeļu fonds) übernehmen, die sich aus deutschen und lettischen Mitgliedern zusammensetzte. Schirmherr war der Geiger Gidon Kremer.[20]
Die Stiftung wurde 2011 gegründet und folgte dem Anliegen, die musikalische Tradition der Barockmusik zu erhalten. Neben den Aufgaben im Rahmen der Orgel-Rekonstruktion sollte die Stiftung dabei die deutsch-lettische Zusammenarbeit und den internationalen Austausch von Organisten und weiteren Künstlern fördern. Im Jahr 2016 wurde der deutsche „Förderverein Orgel Petri-Kirche Riga e. V.“ gegründet, um die lettische „Orgel-Stiftung-Petrikirche Riga“ als bauausführende Instanz des Projekts zu unterstützen.[21] Im Rahmen des Evangelischen Kirchentages 2017 in Berlin und 2019 in Dortmund informierte ein Stand auf dem Markt der Möglichkeiten über das Projekt.[22]
Disposition
Die ursprüngliche Disposition der Kloosen-Orgel ist bekannt.[23] Sie sah 41 Register vor, die auf drei Manuale und Pedal verteilt waren:.[21]
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Die Disposition der Walcker-Orgel von 1886 ist gleichfalls bekannt.[24] Sie umfasste 52 Register, die wiederum auf drei Manuale und Pedal verteilt waren:[8]
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Weblinks
- Orgel-Stiftung Petri-Kirche Riga (PDF; 7,3 MB)
Einzelnachweise
- ↑ Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa: Orgel-Stiftung Petri-Kirche Riga, abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Andrew McCrea: Towards a History of Organ-Building in the Baltic States. In: The Organ Yearbook. 25, 1995, S. 1–32, hier: S. 6.
- ↑ Vor Frue Kirke – Doria, S. 350, abgerufen am 9. November 2025.
- ↑ Ekkehard Ochs, Nico Schüler, Lutz Winkler (Hrsg.): Musica Baltica. Interregionale musikkulturelle Beziehungen im Ostseeraum. Lang, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-631-30480-3, S. 270.
- ↑ August von Bulmerincq (Hrsg.): Aktenstücke und Urkunden zur Geschichte der Stadt Riga 1710–1740. Bd. 3. Deubner, Riga 1906, S. 57 (online).
- ↑ Hans Klotz: Über die Orgelkunst der Gotik, der Renaissance und des Barock. Musik, Disposition, Mixturen, Mensuren, Registrierung, Gebrauch der Klaviere. 3. Auflage. Bärenreiter, Kassel 1986, ISBN 3-7618-0775-9, S. 60.
- ↑ Uwe Pape (Hrsg.): Lexikon norddeutscher Orgelbauer. Band 2: Sachsen und Umgebung. Pape Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-921140-92-5, S. 192.
- ↑ a b Orgeldatabase: Walcker-Orgel von 1886, abgerufen am 9. November 2025.
- ↑ Lettische Presseschau: Der historischen Petrikirche in Riga fehlt die Orgel ( vom 30. Mai 2018 im Internet Archive)
- ↑ Eine Orgel für Riga: Die barocke Kloosen-Orgel der Petri-Kirche soll wieder erklingen! ( vom 19. August 2018 im Internet Archive)
- ↑ Aktivitäten ab 2016 und Pläne ( vom 19. August 2018 im Internet Archive)
- ↑ Eine Orgel für Riga. (PDF) In: orgel-information.de. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Riga Dom – Chororgel | Opus 125. Abgerufen am 9. November 2025.
- ↑ Orgel im Seitenschiff des Doms zu Riga. In: baltische-baudenkmaeler.de. 2014, abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Eine Orgel für Riga – Anmerkungen von Prof. Klaus Eichhorn. In: YouTube. 2017, abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Vgl. Orgelbauer Kristian Wegscheider wird 70. In: NDR. 12. Januar 2024, abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Hildebrandt-Orgel in Pasłęk. Abgerufen am 9. November 2025.
- ↑ Herderinstitut: Orgel der Petrikirche Riga. Abgerufen am 17. November 2025.
- ↑ Reformatorisch Dagblad vom 16. August 2016: Plannen voor reconstructie barokorgel Petrikirche Riga. Abgerufen am 9. November 2025.
- ↑ Fortschritte beim Orgelbau in der Petri-Kirche in Riga. Abgerufen am 9. November 2025.
- ↑ a b Die Orgel der Petri-Kirche Riga (Lettland). Abgerufen am 9. November 2025.
- ↑ Orgel-Stiftung Petri-Kirche Riga, S. 23, 30. Abgerufen am 9. November 2025 (PDF).
- ↑ Erik Fischer: Musikinstrumentenbau im interkulturellen Diskurs. Franz Steiner, Wiesbaden 2006, ISBN 978-3-515-08811-4, S. 119 f.
- ↑ N.N.: Disposition der neuen Orgel in der Petri-Kirche zu Riga. Erb. v. Walcker in Ludwigsburg. In: Urania: Musik-Zeitschrift für Orgelbau, Orgel- und Harmoniumspiel. Band 43, Nr. 6, 1886, S. 84.
Koordinaten: 56° 56′ 51″ N, 24° 6′ 33,6″ O