Omama (Roman)

Omama ist der 2020 erschienene Debütroman[1] der österreichischen Kabarettistin, Poetry-Slammerin und Romanautorin Lisa Eckhart.

Kurzbeschreibung

Das Buch schildert eingangs das Leben insbesondere der Hauptfigur Helga Brandtner in einer österreichischen Ortschaft nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach Schulabschluss wird Helga in den 1950er Jahren als Tauschmittel im Gegenzug unter anderem für Lebensmittel als Dienstmädchen herumgereicht, ehe sie einem Wirt als Köchin zugesprochen wird. Helga lernt Rudi kennen, den charmanten Sohn des Wirtepaares. Rudi, als Dorfschönling verpflichtet, alle Frauen zu beglücken, wird von seiner Mutter geneckt und macht sich daher an Helga heran, die daraufhin schwanger wird und Rudi heiratet. Die Erzählung springt anschließend in die 1980er Jahre, in denen Helga zur findigen Geschäftsfrau wird, zunächst bei Schmuggelfahrten nach Ungarn, später als Händlerin von wundertätigem „Drachenbalsam“, noch später als neugierige Reinmachefrau. Verrentet, nimmt Helga ihre Enkelin auf ausgedehnte Reisen mit, bleibt später zwar mehr zu Hause, liefert der Enkelin aber weiterhin die Gelegenheit zu Alltagsbeobachtungen.

Inhalt

Prolog

Die Schilderung der Geburt der Ich-Erzählerin mit dem damit einhergehenden Tod einer der beiden Großmütter bietet der Ich-Erzählerin die Gelegenheit zu gedanklichen Abschweifungen über Mutterschaft und Großmutterschaft.

Erster Teil

Als im Jahr 1945 sowjetische Truppen in die steirische Ortschaft Mautern einrücken, eilt ihnen der Ruf grausamer Übergriffe voraus. „Der Russe bildete […] die strafende Instanz zwischen Gott und Über-Ich. Sei brav, sonst holen dich die Russen! Da spurte jeder“.[2] In dem Bestreben, die attraktive Inge Brandtner für eine vorteilhafte Verbindung in friedlicheren Zeiten zu bewahren, versteckt deren Mutter sie kurzerhand unter dem Bett – während man die weniger ansprechende Schwester Helga den Soldaten gewissermaßen anbietet. Doch entgegen aller Befürchtungen zeigt sich „der Russe“ überraschend respektvoll und lässt beide Mädchen unbehelligt, bleibt „bis zum Winter. Der Herr Kommandant mitsamt den Soldaten“ nistet sich sogar im Hause Brandtner ein, „ein Segen sondergleichen“: Die Brandtners „lebten fortan wie die Maden im Speck. Denn alles, was der Russe stahl, wurde bei ihnen eingelagert“.[3] Helgas Vater Anton nämlich ist des Nazismus unverdächtig: „Nicht jeder, welcher kein Mitläufer ist, ist darum gleich ein Widerständler. Mancher ist zum Mitlaufen einfach zu müde“, beispielsweise Anton Brandtner, vom bösen Brotberuf.[4] Antons Marillenschnaps spielt eine große Rolle bei der Völkerverständigung. Parallel dazu entfaltet sich das Panorama einer familiären Erziehung, die vor allem durch körperliche Züchtigung geprägt ist: „Die Mutter schmiert sich die Haut, und der Vater schmiert die Kinder. So gehört sich das nämlich.“[5] Außer, wenn Anton mal nicht arbeitslos und „vom Baggerführen abends immer zu erschöpft“ ist;[5] dann macht das die Mutter. Normalerweise. „Sie will die Tochter ja nicht schlagen. Ihr tut das selbst am meisten weh. Sie hat nämlich eine Sehnenscheidenentzündung vom Häkeln.“[6] Die Prügelpädagogik zeigt allerdings wenig bis gar keinen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung der beiden heranwachsenden Schwestern. Während Inge, geistig eher schlicht gestrickt, sich bereitwillig auf die Avancen der örtlichen Bauern einlässt, schützt Helga sie vor den kritischen Fragen der Mutter, entwickelt dabei aber eine tiefsitzende Missgunst, die das Verhältnis zwischen den Geschwistern dauerhaft prägt. Mit Ende der Schulzeit werden Helga und Inge „wild herumgereicht. Bald gibt es um Mautern kein Dorf mehr, wo nicht eines der zwei Mädchen Mist geschaufelt, Akten geordnet, Boden gewischt und Kartoffeln geschält hat.“[7] Grund: Mutter Brandtner bezahlt „Butter, Milch und Käse sowie jede Menge Schnickschnack“ dadurch, dass sie ihrer Töchter Arbeitskraft verspricht.[8] „Im Jahre 1953 trifft es sich, dass beide Schwestern jeweils von einem Ehepaar als Kindermädchen eingestellt sind“: Helga „lebt im Hause eines Doktors. Die Inge im Hause eines Professors. Der einzig wahre Unterschied ist jener, dass der Herr Professor keine Kinder hat. […] Genau genommen suchte also der Doktor eine Kinderfrau und der Professor eine Kindsfrau“,[9] macht Inge zu seiner Geliebten, während Helga trotz Arbeitszufriedenheit beim Doktor „dem Wirt in Freienstein versprochen“ wird.[10]

Zweiter Teil

„Es ist 1955. […] Hinter der Theke erstreckt sich der Busen einer keifenden Walküre, die abwechselnd das Personal oder die Wirtshausgäste anbrüllt.“[11] Das ist die Wirtin. Ihr Mann, der Wirt, „hat hier nicht viel zu sagen. Ab und an inspiziert er den Gastraum, um nach Problemen Ausschau zu halten, von welchen er im Traum nicht wüsste, wie er sie jemals lösen könnte.“[12] Lieber aber hält er sich von der Wirtin fern, aus gutem Grund: „Traktiert sie ausschließlich die Gäste, aber niemals ihren Mann, fühlt der sich doch alleingelassen. Und damit womöglich wohl.“[13] Warum soll es Helga, die in die Küche abgeordnet wird, da besser haben? Von dort aus lernt sie, gelegentlich angebrüllt, die örtliche Typengalerie kennen: den Stammgast, den Dorfdeppen, die „Dorfmatratze“ aber auch den Dorfschönling Rudi, zufällig Sohn des Wirtspaars. „Als Dorfschönling weiß er um die Pflichten, die mit seinem Amt einhergehen“, einem verantwortungsvollen Amt: Rudi muss „Verantwortung übernehmen. Er muss jedes der Weiber beglücken. Er darf sich nicht auf einer ausruhen. Er muss in jede Kiste springen, bevor er in die eigene darf“,[14] doch bevor er in den eigenen Sarg fährt, fährt er in den Hafen der Ehe: Weil die Wirtin ihn damit provozierte, eine „Tüchtige wie die Helga wirst du dein Leben lang nicht kriegen“,[15] machte sich Rudi an Helga heran. „Streng genommen will er gar nicht, dass sie aus ihrem Kleiderl fährt, sondern die Mutter aus der Haut.“[16] Schwanger wird Helga trotzdem. Ein Grund zur Heirat. Ein anderer: „Langsam sickert es durch bei den Weibern, dass der Rudi eine hat. Eine Feste. Jetzt werden es immer weniger. Manche spekulieren schon, wer der neue Dorfschönling wird. Der Rudi muss was unternehmen. […] Wenn er mit ihr verheiratet wäre, schwirren die Weiber wieder an.“[17] Andererseits: „Der Dorfschönling mit einem Kind! Was ist das Nächste? Fängt der Dorftrinker Mosttrinken an? Wenn die Schlampen davon Wind kriegen! Dann will ihn doch keine mehr! Oder alle! Und zwar so narrisch wie noch nie! Die beißen ihm das Zumpferl ab und reichen es einmal quer durch die Reihen. Weil sie jetzt alle einen kleinen Rudi wollen.“[18] Außer den Eltern der Brautleute taucht zur ausgelassenen Hochzeitsfeier überraschend auch Helgas Schwester Inge auf, die von der Professorengattin aus dem Haus geworfen wurde, ohne dass der Professor was dagegen unternahm.[19] Der Zweite Teil endet noch vor der Geburt des ersten von mehreren Söhnen etwa im Jahre 1956.[20]

Dritter Teil

„Im dritten Teil wird’s dann etwas versöhnlicher – könnte man meinen, denn Eckhart reiht hier hübsch drapierte Anekdoten aus dem gemeinsamen Leben mit ihrer Großmama aneinander.“[21] Durch einen glücklichen Zufall wandelt Großmama Helga sich zunächst zur findigen Geschäftsfrau: Sie übernimmt kostengünstig nach einer katastrophal endenden ersten Fahrt nach Ungarn ein „Busimperium, das einen ganzen Bus umfasst“, den bei jeder Fahrt eine „geriatrische Armada“ besteigt, um zollwidrig günstige Waren in Ungarn einzukaufen.[22] „Es war vermutlich der einzige Bus, der weit über fünfzig Verbandskästen barg. Das bedeutete jedoch nicht, dass man im Notfall einen Verletzten großzügig bandagieren hätte können. Schließlich befanden sich in den Kästen weder Pflaster noch Kompressen, sondern ausschließlich Salami.“[23] Helga „versorgt ganz Freienstein mit Blutverdünnern, Büstenhaltern sowie natürlich Tonnen Wildbret“, gibt die Schmuggelfahrten jedoch nach achtjähriger Schmuggeltätigkeit eine Woche vor Geburt der Ich-Erzählerin auf; Helgas Ko-Chefin wirtschaftet das Busunternehmen innerhalb von vier Monaten herunter.[24] Jene Ko-Chefin initiiert allerdings auch die nächste Geschäftsidee: den Verkauf von sogenanntem Drachenbalsam, einer angeblich wundertätigen Salbe.[25] Alsbald „riecht es in ganz Freienstein wie in einer Opiumhöhle. Die Freiensteiner frohlocken in einem Taumel imaginierter Verjüngung und Glückseligkeit.“[26] Auch dieses Kleinunternehmen führt die Drachenbalsams-Vertrieblerin Helga zum Erfolg, so die Ich-Erzählerin: „Während meine Altersgenossen im Kindergarten eingesperrt sind, wo sie schmerzlich lernen müssen, dass Kinderscheren nicht so heißen, weil man damit Kinder schneidet, und zum Trost über das Aua einen Uhu-Stick nach dem anderen fressen, tingle ich mit Großmutter einmal quer durch Österreich. Binnen eines Jahres kenne ich sämtliche Messehallen, die dieses Land zu bieten hat.“[27] Nach einem Verkehrsunfall mit einem Streifenwagen, weswegen man Helga „auf Lebenszeit Führerschein und Auto wegnahm“, tut Helga sich „aus Neugier“ als Reinmachefrau um[28] und nimmt auch hierbei ihre Enkelin mit sowie auf Reisen nach Russland,[29] eine Spitzbergen-Kreuzfahrt samt überdrehtem Slapstick-Finale[30] oder, als die Ich-Erzählerin dort studiert, Paris.[31] „Einzig das Reisen kuriert von dem Glauben, die Welt sei größer als der Verstand. Großmutter reist schrecklich gerne. Sie will die Welt sehen. Nicht ergründen, nicht entdecken und erst recht nicht verstehen. Sie will sie nur sehen. Großmutter reist aus den richtigen Gründen. Nämlich aus keinen. Sie reist nicht, um sich selbst zu finden. Sie reist nicht, um sich selbst zu fliehen. Ebenso wie das Internet ist das Selbst eine Erfindung, die Großmutter nicht mehr mitmachen möchte.“[32] Mit den Einschränkungen des Alters dann fliegt Helga „nicht mehr um die Welt, sondern einzig mir um die Ohren“:[33] Das Leben wird „recht hausbacken und unspektakulär, bietet der Enkelin aber reichlich Anlässe für drastisch zugespitzte Schilderungen“[34] wie über das Telefonieren oder das Schenken.

Epilog und Nachruf

Der Roman schließt im „Epilog“ mit einem familiären Wiedersehenstreffen im ungarischen Zalakaros und im „Nachruf“ mit der Beerdigung von Helgas langjähriger Ko-Chefin; beides bietet Raum für weitgreifende Reflexionen.

Textanalyse

Trotz Vorhandensein einer nur im Prolog und ab dem Dritten Teil auftretenden, doch weitgehend im Hintergrund bleibenden Ich-Erzählerin handelt es sich bei Omama um eine eigentlich auktorial erzählte „derbe Satire“, eine „mit slapstickhaften und kabarettistischen Einlagen grotesk fiktionalisierte Lebensgeschichte“.[35] Die Handlung des Ersten und Zweiten Teils spielt in der Zeit zwischen 1945 und 1956, die Handlung des Dritten Teils beginnt in den 1980er Jahren[36] und endet frühestens, als „Großmutter schon über achtzig ist“.[37] Genannte Orte der Handlung sind Mautern, Freienstein, Leoben, Gmunden, Wien sowie die Reiseziele von Helga Brandtner.

Figuren

Kennzeichen des laut Süddeutscher Zeitung und Spiegel zumindest latent feministischen Romans[38][39] ist, dass nach Einschätzung der Süddeutschen Zeitung „fast nur Frauen“ reden: „Die Männer sind in Summe leidenschaftlich arbeitslos, blödgesoffen und nutzlos“,[38] laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung „ausnahmslos schwach. Knödel essend sitzen sie, bar jeder Autorität, bei Tisch oder – je nach Grad der Männlichkeit – auf Motorrädern.“[40]

Hauptfigur

  • Helga Brandtner: Die circa 1934/35 geborene[41] „Omama“ der Ich-Erzählerin ist laut Prolog deren Großmutter väterlicherseits,[42] „von den Zähnen angefangen überall ein wenig schief“,[43] hat „aschenes Haar“ und „stahlblaue Augen“[44] sowie über den Augen schüttere Wimpern: „ein zerrupfter, dünner Kranz.“[44] Ebenso spärlich wie die Wimpern ist die Statur: Helga ist „zaundürr“,[45] läuft auf „knochigen Beinchen“[46] durchs Leben und hat eine „Nase wie ein Aktienkurs, für den es sich lohnt, aus dem Fenster zu springen.“[46] Charakterlich ist Helga „keine besonders sympathische Frau“, so der Deutschlandfunk:[47] Die Ich-Erzählerin hat Helga „nie weinen“ sehen,[48] der es egal ist, ob jemand sich durch Vorurteile vergrämen lässt („Großmutter untergräbt jedes Vorurteil, indem sie einfach alle vertritt“),[49] und auch der Herrgott ist Helga „wurscht. Ganz gleich, wie große Schmerzen sie leidet, sie wird immer aufrecht gehen. Sie wird sich nicht gehenlassen, und mit Sicherheit nicht schieben. […] Sie scheut sich nicht, um Hilfe zu bitten. Sie will nur keine Hilfe kriegen. Sonst stünde sie in jemandes Schuld, und Großmutter macht keine Schulden.“[50] Ferner nimmt es Helga mit der Wahrheit nicht immer so genau: „Sie ist kein unehrlicher Mensch. Sie lügt nicht, bis sich die Balken biegen. Großmutter verbiegt die Balken, bis, was sie sagt, die Wahrheit ist.“[51]

Nebenfiguren (Auswahl)

  • Monika: Diese Wirtin in Freienstein setzt gerne ihr Gebrüll und als Dreschwaffe gegen jedermann ein Wettex widerlichster Art ein, über dessen Widerwärtigkeit diverse Entstehungstheorien im Umlauf sind wie „Ich hab gehört, sie legt es manchmal in ranziges Schmalz ein, damit es mehr stinkt“ oder „Ich hab gehört, sie geht ins Spital und lässt die Schwindsüchtler drauf husten, damit man davon krank wird.“[52] Niemand traut sich, Monika Widerstand zu leisten, denn sie ist „gleichermaßen zum Kraftakt und Kraftwort befähigt“[53] und besitzt fast eine Eigenschaft der Medusa: „Unter jungen Burschen ist es zur Mutprobe geworden, der Wirtin in die Augen zu schauen, um deren Farbe zu erkennen. Wenige haben sich getraut. Und die, die es taten, waren hernach zu versteinert, um eine sinnvolle Auskunft zu geben.“[54]
  • Inge Brandtner: Die laut Süddeutscher Zeitung „schöne, aber wirklich heillos dumme“ Schwester Helgas[38] ist circa 1932 geboren[55] und hat einen Körper „von exemplarischer Proportionalität[44] und „saftigen, kräftigen“ Ausmaßen[56] sowie „langes, blondes Haar“[57] und braune Augen: „Wie ein Reh im Aufblendlicht kurz vor dem Zusammenstoß“.[46] An den Augen kann man Inges Hirnleistung absehen: „Die Inge denkt wie einer nach, von welchem alle sehen sollen, dass er gerade am Nachdenken ist. Mit leicht zugekniffenen Augen, die allem Irdischen entsagend irgendwo ins Leere starren, und einer Hand auf Kinn und Lippen, die einen daran hindern sollen, die gedankliche Brillanz allzu vorschnell auszuplaudern.“[58]
  • Anton Brandtner: Bei dem Vater von Helga und Inge handelt es sich um „einen bankrotten Autohändler ohne Führerschein“,[59] der vor und nach dem Krieg oftmals arbeitslos ist[60] und vom Krieg, in dem er nicht gedient hat,[59] zumindest aus einem Grund nichts hielt: „Letztlich hat auch ihn der Krieg die Arbeitslosigkeit gekostet, und er war bald dazu gezwungen, in einem nahe gelegenen Sägewerk als Holzführer zu arbeiten.“[61] Der „arg- und arbeitslose, gutmütige Trinker, der schon allein ob mangelnder Feinmotorik keiner Fliege etwas zuleide tun könnte“,[62] steht unter der Fuchtel seiner Ehefrau, und sei es aus Bequemlichkeit: „Ein Widerwort, das strengt nur an und wäre überdies auch zwecklos.“[63]
  • Rudi: Dieser „Pascha“[64] ist der motorradfahrende Sohn der Wirtin Monika, Stiefsohn des Wirtes Sepp. „Der Wirt ist vom Rudi nicht so begeistert wie dessen jähzornige Mutter und die gamsigen Dorfpomeranzen.“[64] Als „Dorfschönling“[14] und Liebling jener lüsternen Dorfpomeranzen ist Rudi „vielleicht nicht schlau, doch er weiß unermesslich viel. Weil er so viele Bücher liest. Das hält ihm auch zeitweilig die Weiber vom Hals. Ein Buch wirkt auf die wie Lavendel auf Motten. Vor allem in den Händen von Rudi. Das passt nicht zusammen.“[65]
  • Sepp: Der von seiner Gemahlin Monika unterdrückte Wirt in Freienstein ist „Linkshänder. Und zwar ausschließlich. Zumindest seit Kurzem. Genauer gesagt, seit dem Maibaumumschneiden. Da hat der Wirt nämlich allen bewiesen, dass man sich auch durchaus noch nach dem Krieg verstümmeln kann. Und das ganz ohne fremde Hilfe.“[66]

Themen

„Zwar folgt die Ich-Erzählerin den Fährnissen im Leben der Großmutter im Grunde chronologisch, lässt sich jedoch beständig fortreißen zu spontanen Ausflügen. Dann schlägt sie mitunter weite Bögen in Raum und Zeit bis ins Heute und reflektiert oder spöttelt über wunderliche Charaktertypen, psychische Eigentümlichkeiten, körperliche und verhaltensmäßige Ausprägungen von Frauen und Männern aller Altersstufen, regionale und nationale Besonderheiten.“[34] Nach Auffassung des Standard beschäftigt sich der Roman unter anderem mit dem „Essen als emotionale Erpressung und Bindemittel“ sowie mit „stumpfer österreichischer Mentalität“,[67] nach Meinung der Zeit „lesen wir Lesenswertes zur Wesensart des Österreichers an sich, seinem Minderwertigkeitskomplex und seiner Lust am Hass und dem Trauma, dass ihm die Ungarn abhandengekommen sind. Oder über die grundsätzliche Psychologie von Großmüttern, die ihre sexuelle Energie in die Mästung der Enkel umleiten. Oder über die Pubertät, die vor allem hässliche Kinder nicht erwarten können.“[68]

Rezeption

Der nach seinem Erscheinen in Österreich und Deutschland zum Bestseller gewordene[69] Roman Omama wurde von der Kritik zwiegespalten aufgenommen. „Erste Reaktionen waren wohlwollend“, so der Spiegel.[39] Die Welt sprach von einem „als literarisch bemerkenswert eingeschätzten“ Werk,[1] und der Südwestrundfunk entdeckte in dem „nicht nur sprachlich anspruchsvollen Roman über Menschliches, Allzumenschliches […] ein wahres Lesevergnügen“, gerade weil den Lesern „hier und da das Lachen im Halse stecken bleiben wird.“[21] Auch der Deutschlandfunk fand den Roman in Teilen „geschmacklos, aber durchaus originell“, insgesamt aber harmlos.[70] Die Süddeutsche Zeitung dagegen erklärte Omama für „überflüssig“,[38] die Stuttgarter Zeitung für misslungen,[71] und für die taz war Omama „bloß ein weiterer Roman über das Leben einer sympathisch-schrulligen Großmutter“.[72]

Kritisiert wurde an Omama unter anderem die Ausgestaltung der Charaktere. Das Onlinemagazin kulturnews.de merkte diesbezüglich an, Eckhart setze „weniger auf psychologische Ausleuchtung, dafür auf ländliche Archetypen“[73] die Zeit stellte eine „Distanz zu den Figuren“ fest: „Die sind bei Eckhart, wie im Barock, ein bisschen kostümiert und auf ihre Rollen festgelegt“.[68] Uneinig waren sich die Kritiken über die Qualität der Handlung. Während die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine „ambitionierte Geschichte“ herauslas[40] und der Standard „viel Handlung“ in dem Roman feststellte,[67] befand der Deutschlandfunk, teilweise schleppe sich die Handlung mühevoll dahin,[70] und der Tagesspiegel meinte, dass Eckhart „sehr viele Wörter“ brauche, „um wenig Handlung auszuschmücken“.[35] Die Süddeutsche Zeitung stellte zwischen den Pointen „sehr viel Text“ fest, „Text, der vergisst, eine Geschichte zu erzählen“,[38] und der Zeit wurde ganz metaphorisch zumute: „Leider treibt das Schiffchen der Handlung manchmal ins offene Meer und findet dann nicht mehr in den Hafen zurück. Interessanterweise geschieht dies umso häufiger, je näher der Roman an sein Ende rückt und damit an die Gegenwart.“[68]

Ambivalent wurde auch Eckharts Stil beurteilt. Die Frankfurter Allgemein Zeitung nannte ihn „mal abgeklärt, mal überdreht, immer detailreich im Dienste sprachlicher Pointen“,[40] die taz fühlte sich aufgrund „überraschend guter Wortspiele“ und des „bis zur letzten Seite konsequent durchgehaltenen ironischen“ Erzähltons „blendend unterhalten“,[72] der Standard stellte fest, eine Pointe jage die andere,[74] die Süddeutsche Zeitung lobte die „sehr vielen, sehr schmissigen Sätze“,[38] und die Rezensentin des Südwestrundfunks musste „beim Lesen laut lachen“.[21] Der Spiegel stellte fest: „Sprachlich erinnert ‚Omama‘ durchaus an die Kabarettistin. Das Assoziative in der Sprache, das Deftige in den Dialogen, der ausgesuchte Austriazismus. Gewohnt sardonisch ist auch der Einstieg“.[39] Diese zu große Nähe des Stils der Kabarettistin zum Stil der Autorin Eckhart wurde andererseits als Problem gesehen: Der Standard resümierte, dass Eckhart „sich in ‚Omama‘ zu wenig auf die Anforderungen der Romangattung eingelassen und stattdessen die kabarettistische Arbeitsweise, Pointe auf Pointe zu häufen, auf Buchlänge übertragen“ habe.[75] Nach Auffassung des Deutschlandfunks hätte Eckhart dabei die Form der Witze zu selten variieren lassen,[70] was laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der taz im Laufe der Lektüre einen gewissen Überdruss erzeuge.[40][72] Die Süddeutsche Zeitung erkannte darüber hinaus in manchen Textstellen „traktathafte Zwischensequenzen, in denen Eckhart nicht mehr erzählt, sondern welterklärt. Und immer, wenn sie das tut, scheint plötzlich die Kabarettistin zu übernehmen, mit ihrem gestelzten Wesen und ihren Lexikon-Fremdwörtern, mit ihrer aggressiven Künstlichkeit und den Plastik-Extension-Sprachpirouetten. Von ihr selbst rezitiert funktioniert das. […] Geschrieben liest sich die simple Information“.[38] Insgesamt gäbe es in dem Roman „von nichts zu wenig, von allem zu viel“, schlussfolgerte die Zeit, meinte jedoch dennoch versöhnlich, „nicht alle Pointen sitzen, aber das ist natürlich trotzdem tausendmal unterhaltsamer als die bleierne, humorresistente Empfindsamkeit, die in so vielen Gegenwartsromanen regiert, weil ja alles so schlimm ist.“[68]

Textausgaben

  • Omama. Roman. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2021. ISBN 978-3-423-21968-6.
  • Omama. Roman. Zsolnay, Wien 2020. ISBN 978-3-552-07201-5.

Einzelnachweise

  1. a b Navid Kermani: Wirbel um Kabarettistin Eckhart. In: www.welt.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  2. Lisa Eckhart: Omama. Roman. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2021. ISBN 978-3-423-21968-6, S. 42.
  3. Eckhart, Omama, S. 51.
  4. Eckhart, Omama, S. 26.
  5. a b Eckhart, Omama, S. 59.
  6. Eckhart, Omama, S. 33.
  7. Eckhart, Omama, S. 85.
  8. Eckhart, Omama, S. 86.
  9. Eckhart, Omama, S. 92.
  10. Eckhart, Omama, S. 102.
  11. Eckhart, Omama, S. 119.
  12. Eckhart, Omama, S. 128.
  13. Eckhart, Omama, S. 151.
  14. a b Eckhart, Omama, S. 181.
  15. Eckhart, Omama, S. 186.
  16. Eckhart, Omama, S. 189.
  17. Eckhart, Omama, S. 207.
  18. Eckhart, Omama, S. 208.
  19. Eckhart, Omama, S. 221.
  20. Im Zusammenhang mit dem Paneuropäischen Picknick am 19. August 1989 wird erwähnt, dass Helgas ältester Sohn zu jenem Zeitpunkt 33 Jahre alt ist (Eckhart, Omama, S. 242).
  21. a b c Helen Roth: Lisa Eckhart – Omama. In: www.swr.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  22. Eckhart, Omama, S. 233.
  23. Eckhart, Omama, S. 234.
  24. Eckhart, Omama, S. 243–245.
  25. Eckhart, Omama, S. 258.
  26. Eckhart, Omama, S. 259.
  27. Eckhart, Omama, S. 273.
  28. Eckhart, Omama, S. 280.
  29. Eckhart, Omama, S. 305–307.
  30. Eckhart, Omama, S. 312–359.
  31. Eckhart, Omama, S. 308.
  32. Eckhart, Omama, S. 306.
  33. Eckhart, Omama, S. 360.
  34. a b buecherrezensionen.org: Omama. In: www.buecherrezensionen.org. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  35. a b Gunda Bartels: Lisa Eckhart im Interview: Vom Fundamentalismus der Gutunmenschen und rassistischen Omas. In: www.tagesspiegel.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  36. Ab Anfang 1989 lockerte Ungarn die Kontrollen an seiner Grenze zu Österreich in Folge wirtschaftlicher und politischer Reformen. Ab diesem Zeitpunkt konnten Ausflugsbusse mit österreichischen Pensionistinnen und Pensionisten nach Ungarn fahren, ohne dass die Fahrgäste bei Aus- und Einreise strenge Visakontrollen oder Devisenvorschriften befürchten mussten.
  37. Eckhart, Omama, S. 303.
  38. a b c d e f g Jakob Biazza: Schau an, ein Proömium! In: www.sueddeutsche.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  39. a b c Arno Frank: Die Leibhaftige. In: www.spiegel.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  40. a b c d Elena Witzeck: Nachts, wenn der Russe in die Spüle pinkelt. In: www.faz.net. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  41. Der Altersunterschied zwischen ihr und ihrer Schwester Inge, die 1945 dreizehn Jahre alt ist (Eckhart, Omama, S. 21), wird einmal mit zwei Jahren angegeben (S. 97), einmal mit drei (S. 203).
  42. Eckhart, Omama, S. 9.
  43. Eckhart, Omama, S. 173.
  44. a b c Eckhart, Omama, S. 23.
  45. Eckhart, Omama, S. 35.
  46. a b c Eckhart, Omama, S. 24.
  47. Ute Welty: Lisa Eckhart widerspricht Vorwürfen: Ich lasse keine Religion und keine Ethnie aus. In: www.deutschlandfunkkultur.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  48. Eckhart, Omama, S. 325.
  49. Eckhart, Omama, S. 310.
  50. Eckhart, Omama, S. 324.
  51. Eckhart, Omama, S. 366.
  52. Eckhart, Omama, S. 149.
  53. Eckhart, Omama, S. 130.
  54. Eckhart, Omama, S. 163.
  55. Sie ist zu Beginn der russischen Besatzung 13 Jahre alt (Eckhart, Omama, S. 21).
  56. Eckhart, Omama, S. 217.
  57. Eckhart, Omama, S. 21.
  58. Eckhart, Omama, S. 46–47.
  59. a b Eckhart, Omama, S. 25.
  60. Eckhart, Omama, S. 54.
  61. Eckhart, Omama, S. 25–26.
  62. Eckhart, Omama, S. 65.
  63. Eckhart, Omama, S. 43.
  64. a b Eckhart, Omama, S. 134.
  65. Eckhart, Omama, S. 182.
  66. Eckhart, Omama, S. 122.
  67. a b Michael Wurmitzer: Lisa Eckhart: Authentizität ist die Erzfeindin von Zivilisiertheit. In: www.derstandard.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  68. a b c d Adam Soboczynski: Eine literarische Malakoff-Torte. In: www.zeit.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  69. buchreport.de: Lisa Eckharts Omama ist gefragt. In: www.buchreport.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  70. a b c Jan Drees: Empathielosigkeit als Programm. In: www.deutschlandfunk.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  71. Stefan Kister: Geschichten aus der Hinterwelt. In: www.stuttgarter-zeitung.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  72. a b c Doris Akrap: Voll auf Provo. In: taz.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  73. Jürgen Wittner: Pariser Pulp. In: kulturnews.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  74. Michael Wurmitzer: Lisa Eckharts Boum: Zwischen tausend wohlerprobten Witzen keine Welt. In: www.derstandard.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
  75. Christoph Winder: Lisa Eckhart: Es ist ein Fehlschluss, das Gute in den Frauen zu verorten. In: www.derstandard.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.