Oberschlesischer Turm
| Oberschlesischer Turm | |
|---|---|
| Daten | |
| Baujahr/Bauzeit: | 15. September 1910 (Spatenstich) 10. Februar 1911 (Richtfest) |
| Architekt: | Hans Poelzig |
| Turmhöhe: | 52 Meter |
| Behältervolumen: | 4000 m³ |
Der Oberschlesische Turm war ein Ausstellungsgebäude und Wasserturm in Posen, der von 1911 bis in die 1950er Jahre existierte. Erhalten ist nur der unterste Teil der Außenmauern. Er war – gemessen an Höhe und Fassungsvermögen – nach dem Hamburger Schanzenturm der zweitgrößte Wasserturm im Deutschen Reich.
Hintergrund, Geschichte und Beschreibung
Posen benötigte im frühen 20. Jahrhundert einen neuen Wasserturm und eine Markthalle. So kam dem Direktor der Breslauer Königlichen Akademie, dem Architekten Hans Poelzig, vor dem Hintergrund der für 1911 anstehenden Ostdeutschen Ausstellung für Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft die Idee, den Ausstellungsraum mit den beiden anderen Funktionen zu verknüpfen.
Der Turm wurde in der Zeit von September 1910 bis Februar 1911 durch die in Zabrze ansässige Donnersmarckhütte AG (gegründet durch Guido Henckel von Donnersmarck) errichtet.[1] Der Turm stand axial hinter dem Haupteingang zum östlichen Teil des Ausstellungsgeländes an der Glogauer Straße – und damit auch in der Achse der 1910 gebauten Straßenbrücke über die Gleisanlagen des Hauptbahnhofs, einem Hauptzugang von der Innenstadt und vom Bahnhof zum Ausstellungsgelände.[2] Die Ausstellung fand vom 15. Mai bis zum 30. September 1911 statt. Das von zahlreichen Unternehmen aus dem Oberschlesischen Industriegebiet finanzierte Bauwerk, das über 625.000 Mark – nach anderer Quelle 850.000 Mark[2] – kostete, war Teil einer Leistungsschau der wirtschaftlichen Stärke der preußischen Provinz Schlesien.[1][3][4]
Das Erdgeschoss hatte eine Grundfläche von 2642 m² und war mit einem Durchmesser von 59 Metern als Sechzehneck geformt. Im Inneren befand sich in einer Höhe von 9 Metern eine Empore, die über zwei breite Treppen zugänglich war und eine Grundfläche von 1280 m² hatte. In Höhe von 23 Metern befand sich ein Innenumgang, der von einer Brücke durchzogen war, von wo wiederum eine Wendeltreppe zu einem in 34 Metern Höhe liegenden Restaurant führte. Die Wendeltreppe wand sich um einen elektrisch betriebenen 3 Meter breiten Aufzug, der vom Erdgeschoss zum Restaurant führte und 10 Personen aufnehmen konnte. Die Ebene des Restaurants hatte einen Durchmesser von 30 Metern und bot 600 Personen Platz. Im Bedarfsfall konnte das Gebäude vom Restaurant aus über eine als Notausgang angelegte Eisentreppe verlassen werden.[1][3] Während der Ausstellung im Jahr 1911 diente der Bau außerdem als Ausstellungsraum für die Erzeugnisse der oberschlesischen Industrie.[1][3]
An den Außenwänden war die Eisenkonstruktion mit teilweise in geometrischen Mustern angeordneten Ziegeln ausgefacht, aber auch zur Belichtung des Inneren mit vielen Fenstern versehen. Im Inneren befand sich ein hoher Kern, der von acht Stahlstützen in einer kastenförmigen Fachwerkkonstruktion (die auch als Aufzugsschächte dienten) getragen wurde. Er wurde zusätzlich von weiteren 16 Stahlstützen in einem Radius von 27 m gestützt. Für den Bau wurden zwischen 1375 und 1500 Tonnen Eisenkonstruktion von den oberschlesischen Hüttenwerken geliefert.[1][3][4]
Nach Ausstellungsende ging der Turm gegen eine „Entschädigung“ von 260.000 Mark ins Eigentum der Stadt Posen über. Wie bereits eingeplant, wurde im Jahr 1912 das Restaurant im Innern des Turms durch einen 4000 Kubikmeter fassenden Wasserbehälter ersetzt. Er versorgte die Posener Stadtteile St. Lazarus (Łazarz) und Jersitz (Jeżyce) mit Wasser.[4][1][3]
Der monumentale Turm weckte Bewunderung und wurde zu einem Wahrzeichen des modernen Posen im frühen 20. Jahrhundert. Zeitungen veröffentlichten Fotos, darunter Nachtaufnahmen, auf denen das Gebäude im bunten Licht großer Scheinwerfer zu sehen war, einer damals neuartigen Beleuchtung. Der Kuppelbau diente vermutlich als architektonische Inspiration für die Hochhaus-Silhouette im Film Metropolis (1927).[4] Auch der Architekt Walter Gropius, später Gründer des Bauhauses, äußerte sich positiv über das Bauwerk.[4]
Nach der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit im Jahr 1918 gab es während des Bestehens der Zweiten Polnischen Republik Pläne, den Turm abzureißen. Aufgrund der hohen Kosten und wegen der unentbehrlichen Funktion des Gebäudes wurden diese Pläne jedoch aufgegeben. Im Turm fanden Ausstellungen und Sportveranstaltungen (z. B. Ringkämpfe) statt. 1921 war er eines der Gebäude der ersten Posener Messe, die später in die Internationale Messe Poznań umgewandelt wurde.[4]
Während des Zweiten Weltkriegs errichteten die Deutschen auf dem Messegelände eine Zweigstelle der Flugzeugwerke Focke-Wulf. Diese wurde am 9. April 1944 Ziel eines Bombenangriffs der US-Luftstreitkräfte, wodurch auch der Turm teilweise zerstört wurde. Anfang 1945 wurde er bei den Kämpfen um die Stadt erneut in Mitleidenschaft gezogen.[4][5]
Nach dem Krieg wurde der obere Teil des Turms mit dem Wasserbehälter abgerissen. Der untere Teil wurde zum Pavillon der Sowjetunion erklärt. Die hoch aufragenden Stützen, die dabei vom ursprünglichen Turm übrig blieben, wurden zu Fahnenmasten umfunktioniert. Sie wurden im Jahr 1955 abgebaut, als die 67 Meter hohe Iglica (Turmspitze), ein durchbrochenes Bauwerk nach einem Entwurf von Bolesław Szmidt, errichtet wurde. Der untere Teil des ehemaligen Pavillons wurde wieder aufgebaut und weiß verputzt.[4]
In den 1980er Jahren wurde bei der Renovierung der Markthalle die ursprüngliche Stahlkonstruktion des Oberschlesischen Turms entdeckt, die innerhalb der Betonmauern erhalten geblieben war. Die Stahlträger wurden freigelegt und grau angestrichen.[4]
Literatur
- o. V.: Der Oberschlesische Turm. Festschrift, den Besuchern des Turmes gewidmet. Phönix-Verlag, Berlin / Breslau / Kattowitz o. J. (1911). (online als PDF auf dbc.wroc.pl; ca. 43 MB)
- Hohenberg: Ostdeutsche Ausstellung für Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft in Posen. In: Zentralblatt der Bauverwaltung, 31. Jahrgang 1911, Nr. 65 (vom 12. August 1911), S. 402–405 (Digitalisat) und Nr. 66 (vom 16. August 1911), S. 409 f., insbesondere S. 409, mit Innenaufnahme (Digitalisat).
Weblinks
- Historische Innenaufnahme der Treppenanlage auf artnet.de
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f Der Oberschlesische Turm. Festschrift, den Besuchern des Turmes gewidmet. (vergleiche Literatur)
- ↑ a b Zentralblatt der Bauverwaltung,... (vergleiche Literatur)
- ↑ a b c d e lostplaces - vergessene orte: Der Oberschlesische Turm in Posen. In: lostplaces - vergessene orte. 23. Februar 2010, abgerufen am 18. Oktober 2025.
- ↑ a b c d e f g h i j Wieża Górnośląska w Poznaniu - budynek, który wyprzedził epokę - Bryła - polska architektura. In: bryla.pl. 15. Mai 2025, abgerufen am 18. Oktober 2025 (polnisch).
- ↑ POLONIJNA AGENCJA INFORMACYJNA: POLONIJNA AGENCJA INFORMACYJNA POLECA: Międzynarodowe Targi Poznańskie (MTP). Abgerufen am 18. Oktober 2025 (polnisch).
Koordinaten: 52° 24′ 13,4″ N, 16° 54′ 33″ O