Notation des Mittelchinesischen nach Baxter

Bei der Notation des Mittelchinesischen nach William H. Baxter handelt es sich um eine alphabetische Transkription, welche die phonetischen Informationen über die mittchinesische Sprache, wie sie in mittelalterlichen Quellen beschrieben wird, geschlossen darstellt. Es handelt sich dabei bewusst nicht um die Rekonstruktion eines expliziten Sprachstands. Die Notation wurde von Baxter eingeführt, um ausgehend von diesen phonetischen Informationen eine Rekonstruktion des Altchinesischen vorzunehmen.

Mittelchinesische Quellen

Im Mittelpunkt der Studien zur historischen chinesischen Phonologie steht das Reimwörterbuch Qieyun, das 601 n. Chr. von Lu Fayan als Leitfaden für die korrekte Lesart klassischer Texte verfasst wurde. Das Wörterbuch verteilt die Schriftzeichen zunächst auf die vier Töne, dann in 193 Reimgruppen, welche wiederum dann in Homophon-Gruppen unterteilt werden. Die Aussprache jeder Homophon-Gruppe wird durch eine Fanqie-Formel angegeben, ein Paar geläufiger Schriftzeichen, die jeweils den Anlaut und Auslaut der Silbe bezeichnen. Lu Fayans Werk war sehr einflussreich und führte zu einer Reihe von erweiterten und korrigierten Versionen, die alle derselben Struktur folgten. Die wichtigste davon war das Guangyun‚ (1007–08 n. Chr.), in dem die Anzahl der Reimgruppen auf 206 erhöht wurde, ohne jedoch das phonologische System des Qieyun wesentlich zu verändern. Da das „Qieyun“ bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts als verloren galt, basieren die meisten wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Guangyun, und seine Reimkategorien werden noch immer verwendet. Der zu Zeiten der Qing-Dynastie tätige Gelehrte Chen Li analysierte die Fanqie-Schreibung des Guangyun und bestimmte, welcher Anlaut- und Auslaut-Schriftzeichen dieselben Laute repräsentieren und zählte dadurch die Anlaute und Auslaute des zugrundeliegenden Systems auf. Diese Methode allein ergibt allerdings noch keinerlei Hinweis auf die Aussprache derselben.[1][2]

Während der Song-Dynastie wurden ausgefeilte Analysen des Lautsystems der Reimwörterbücher in Tabellenform erstellt. Hierbei ist aber der zeitliche Abstand von mehreren Jahrhunderten zu beachten, der zwischen den Reimwörterbüchern und diesen Reimtabellen liegen, in denen sich der Lautbestand der Sprache weiterentwickelt hat. Die Anlaute wurden erstmals explizit aufgelistet und nach Artikulationsort und -weise angeordnet. Bei den Auslauten wurden 16 Reimklassen (攝 shè) unterschieden. Innerhalb jeder Reimklasse wurden die Silben als entweder „offen“ (, kāi) oder „geschlossen“ (, ) klassifiziert und nach Tönen differenziert. Zuletzt wurden sie auch noch einer von vier Unterteilungen zugeordnet (, děng), die durch vier aufeinanderfolgende Zeilen in der Tafel angezeigt wurden.

Die Qing-Philologen fanden heraus, dass einige der Auslaute der Reimwörterbücher stets in der ersten Zeile, einige stets in der zweiten und einige stets in der vierten Zeile standen und bezeichneten sie demzufolge als „Auslaute der respektive I., II. und IV. Abteilung“. Die restlichen Auslaute verteilten sich über die zweite, dritte und vierte Zeile und wurden später „Auslaute der III. Abteilung“ genannt.[3][4]

Spätere Analysen führten zu einer weiteren Unterteilung der III. Abteilung:

  • „Reine“ Auslaute der III. Abteilung, sind stets in der dritten Zeile der Reimtabelle aufgeführt. Sie kommen ausschließlich mit labialen, velaren oder laryngealen Anlauten vor.
  • „Gemischte“ Auslaute der III. Abteilung treten auch in der zweiten und vierten Zeile der Reimtabelle auf und sind nicht auf bestimmte Anlaute beschränkt. Die auftretende Zeile stellt dabei aber nicht das einzige Unterscheidungsmerkmal dar.
  • Die sogenannten Doublet-Auslaute (重紐, chóngniǔ) treten in der dritten und vierten Zeile auf, wobei die auftretende Zeile das einzige Unterscheidungsmerkmal darstellt. Wie bei den reinen Auslauten kommen sie ausschließlich mit labialen, velaren oder laryngealen Anlauten vor.

Forschungsgeschichte und Interpretation

Während frühere Forscher wie Bernhard Karlgren versucht hatten, basierend auf den Informationen der Reimwörterbücher und -tabellen einen bestimmten Sprachstand, bspw. die im 7. Jahrhundert in Chang’an gesprochene Sprache zu rekonstruieren, nahm Baxter an, dass die Reimwörterbücher eher diaphonemisch zu verstehen waren und versuchten, mehrere Sprachvarietäten gleichzeitig zu berücksichtigen. Diese Ansicht wird durch das kürzlich wiederentdeckte Vorwort der Qieyun untermauert und damit würde sich die hohe Zahl an unterschiedenen Silben und auch die teilweise sehr ungleichmäßige Verteilung derselben erklären. Die von ihm entwickelte Notation versuchte also vor allem, die in den Wörterbüchern vorhandene Information systematisch und kompakt darzustellen, als jeder Unterteilung einen Lautwert darzustellen.[5] Sein System ist eine erhebliche Vereinfachung der Karlgren-Li-Rekonstruktion des Mittelchinesischen, behält jedoch eine ähnliche Struktur bei, insbesondere in der Behandlung von Medialen und Vokalen.[6]

Baxter verwendet neben den Buchstaben des lateinischen Alphabets auch die Vokalzeichen æ, ɛ und ɨ, die in einer ASCII-Notation durch <ae>, <ea> und <+> ersetzt werden können.

Darstellung der Anlaute

Die Anlaute werden in der Notation nach Baxter wie folgt dargestellt:

Anlaute mit ihrem traditionellen Namen
Plosive und Affikanten Nasale Frikative Gleitlaute auftretende Abteilungen
tenus aspiriert stimmhaft tenus stimmhaft
Labiale p- ph- b- m- alle
Dentale t- th- d- n- I und IV
Laterale l- I, III und IV
retroflexe Plosive tr- trh- dr- nr- II und III
dentale Sibilanten ts- tsh- dz- s- z- I, III und IV
retroflexe Sibilanten tsr- tsrh- dzr- sr- zr- II und III
Palatale tsy- tsyh- dzy- ny- sy- zy- y- III
Velare k- kh- g- ng- alle
Laryngale ʔ- x- 匣/云 h- alle

Anmerkungen:

  • -r-, -y- und -h- stellen dabei keine eigenen Laute dar, sondern dienen dazu, eine retroflexe, palatalisierte und aspirate Artikulation des jeweils vorausgehenden Konsonanten anzuzeigen.
  • Der Anlaut h- stellt einen stimmhaften Frikativ ([ɣ] oder [ɦ]) dar, x- bildet das stimmlose Gegenstück dazu ([x] oder [h]).[7]
  • In den Reimtabellen werden und zu einem einzigen Anlaut zusammengefasst.
  • Der Glottisschlag ʔ- kann auch '- geschrieben werden.

Darstellung der Auslaute

Auslaute mit einer vokalischen Coda können im flachen (平聲 / 平声, píngshēng), ansteigenden (上聲 / 上声, shǎngshēng) und verlassenden Ton (去聲 / 去声, qùshēng) auftreten, im Folgenden wird die Schreibweise im flachen Ton angegeben. Einige wenige Auslaute treten nur im verlassenden Ton auf, diese sind in der Tabelle mit -H markiert.

Die Doublet-Auslaute der III. Abteilung werden dadurch bezeichnet, dass die Schreibung -ji- verwendet wird, wenn der Auslaut in der vierten Zeile der Reimtabelle aufgeführt wird, während die Schreibung -j- verwendet wird, wenn der Auslaut in der dritten Zeile der Reimtabelle auftritt. Der dafür hinzuzufügende Buchstabe ist in der folgenden Tabelle in Klammern geschrieben.

Vokalische Coda
Reimklasse kāi
Abt. I Abt. II III gemischt III rein Abt. IV Abt. I Abt. II III gemischt III rein Abt. IV
guǒ -a -ja -wa -jwa
jiǎ -jæ -wæ
-jo
-u -ju
xiè -oj -ɛj -j(i)ejH -ej -woj -wɛj -jw(i)ejH -wej
-ɛɨ -wɛɨ
-ajH -æjH -jojH -wajH -wæjH -jwojH
zhǐ -j(i)e -jw(i)e
-(j)ij -(j)wij
-i -jɨj -jwɨj
xiào -aw -æw -j(i)ew -ew
liú -uw -juw -jiw

Anmerkungen:

  • Der Auslaut -jiw tritt auch nach einigen wenigen dentalen und sibilanten Anlauten aus und wird dann -iw buchstabiert.[8]
  • Das -j- der Auslaute der III. Abteilung wird nach palatalen Anlauten, welche in -y- enden, nicht geschrieben.[9]

Auslaute mit nasaler Coda -m, -n und -ng treten im flache, ansteigenden und verlassenen Ton auf. Im eintretenden Ton gibt es ihnen zugeordnete plosive Auslaute, die entsprechend auf -p, -t und -k enden.

Nasale Coda
Reimklasse kāi
Abt. I Abt. II III gemischt III rein Abt. IV Abt. I Abt. II III gemischt III rein Abt. IV
xián -am -æm -jæm -jom
-om -ɛm -j(i)em -em
shēn -(j)im
shān -an -æn -jon -wan -wæn -jwon
-ɛn -j(i)en -en -wɛn -jw(i)en -wen
zhēn -on -in -jɨn -won -jun
-(j)in -(j)win
dàng -ang -jang -wang -jwang
gěng -æng -jæng -wæng -jwæng
-ɛng -jieng -eng -wɛng -jwieng -weng
zēng -ong -ing -wong -wing
tōng -uwng -juwng
-owng -jowng
jiāng -æwng

Anmerkungen:

  • Der Auslaut -in tritt nur nach retroflexen Sibilanten auf und steht in komplementärer Stellung zu -in.[10]
  • Der Auslaut -jieng wird nach dentalen und sibilanten Anlauten als -jeng geschrieben.[11]

Darstellung der Töne

Der ansteigende Ton wird durch ein angefügtes X, der verlassende Ton durch ein angefügtes H gekennzeichnet. Der flache und der eintretende Ton sind nicht besonders markiert.[12] Silben mit eintretenden Ton lassen sich leicht anhand des plosiven Auslauts (-p, -t und -k) erkennen.

Einzelnachweise

Fußnoten
  1. Norman (1988), S. 24–28.
  2. Baxter (1992), S. 33–40.
  3. Norman (1988), S. 28–34.
  4. Baxter (1992), S. 41–43.
  5. Baxter (1992), S. 27, 818–819.
  6. Branner (2006), S. 269.
  7. Baxter (1992), S. 45–46.
  8. Baxter (1992), S. 81
  9. Baxter (1992), S. 31
  10. Baxter (1992), S. 821
  11. Baxter (1992), S. 80–81
  12. Baxter (1992), S. 31–32

Zitierte Werke

  • William H. Baxter: A Handbook of Old Chinese Phonology. Hrsg.: Mouton de Gruyter. Berlin 1992, ISBN 978-3-11-012324-1.
  • David Prager Branner: The Chinese Rime Tables: Linguistic Philosophy and Historical-Comparative Phonology. Hrsg.: John Benjamins. Amsterdam 2006, ISBN 978-90-272-4785-8, Appendix II: Comparative Transcriptions of Rime Table Phonology, S. 265–302.
  • Jerry Norman: Chinese. Hrsg.: Cambridge University Press. Cambridge 1988, ISBN 978-0-521-29653-3.