Nivaagaards Malerisamling
Die Nivaagaards Malerisamling (deutsch Nivaagaards Gemäldesammlung) ist ein Museum für Bildende Kunst in Dänemark. Es befindet sich am Gammel Strandvej 2 in Nivå. Der am nördlichen Stadtrand von Kopenhagen am Øresund liegende Ort ist Teil der Fredensborg Kommune und gehört zur Region Hovedstaden, der Hauptstadtregion Dänemarks. Das Museum wurde errichtet, um die private Kunstsammlung des dänischen Philanthropen, Politikers, Guts- und Ziegeleibesitzers Johannes Hage (1842–1923) aufzunehmen. Es beherbergt eine Sammlung europäischer bildender Kunst aus der Renaissance, dem Barock sowie dem Goldenen Zeitalter Dänemarks.
Der Sammler
Der seit 1767 bestehende Landsitz Nivågård (Nivaagaard) mit zugehöriger Ziegelei „Nivaagaards Teglværk“ wurde 1862 von dem Konsul und Großhändler Alfred Hage (1803–1872) erworben. Dessen ältester Sohn Johannes Hage (* 26. Mai 1842 in Emdrup/Kopenhagen; † 14. Januar 1923 Nivågård) hatte Wirtschaftswissenschaften studiert, nach der Unterbrechung durch seine Teilnahme als Leutnant am Deutsch-Dänischem Krieg 1864 das Studium aufgegeben, sich für die Landwirtschaft entschieden und betrieb 1865–1872 das Fährgut Kallehave im Süden Seelands.[1] Er war 1872 Erbe von Nivågård und Nivaagaards Teglværk und weiteren Ländereien. Unter seiner Leitung florierte die Ziegelei und wurde wichtiger Lieferant für Bauprojekte in Kopenhagen. Hage war außerdem 1876–1901 Abgeordneter des Folketings für den Bezirk Fredensborg und 1879–1907 Mitglied im Kreistag von Frederiksborg Amt.[1] Als politisch und sozial engagierter Mensch war Hage der Patriarch der lokalen Gemeinschaft, der sich um das Wohlergehen seiner Mitarbeiter kümmerte, etwa 1882 durch Einrichtung einer Krankenkasse für die Angestellten seiner Unternehmen oder 1891 durch Gründung des Nivagaard-Krankenhauses für chronisch Kranke im Bereich des Frederiksborg Amtes.
Johannes Hage wurde 1887 zum Ritter des Dannebrogordens ernannt, erhielt 1898 das Ehrenzeichen des Dannebrogsmænd und 1916 die Ernennung zum Kommandeur des Ordens.[1] Als Hage sich in den 1890er Jahren aus der Politik zurückzog, wurde das Sammeln von Kunst zu seiner großen Leidenschaft. Hierbei erhielt er wertvolle Hilfe von einem Freund und Kunstkenner, dem Kapitän Frederik Peter Grünwaldt (1840–1923), sowie von führenden dänischen und internationalen Museumsfachleuten und Kunsthistorikern wie Karl Madsen, Gustavo Frizzoni und Cornelis Hofstede de Groot.[2]
Johannes Hage blieb unverheiratet. Er starb im Januar 1923 im Alter von 80 Jahren und wurde auf dem Nivå Kirkegård begraben.[3] Nach seinem Tod gingen die Gebäude und die Sammlung an die „Den Hageske Stiftelse“, die noch heute Verwalter ist.[4]
Die Sammlung
1896 begann Hage mit dem Sammeln von Gemälden der deutschen, niederländischen und vor allem italienischen Renaissance und des Barocks. Diese sollten ursprünglich in die Dänische Nationalgalerie aufgenommen werden. Nach einem Sinneswandel begann Hage 1901 stattdessen, auf seinem Anwesen in Nivå ein eigenes Haus für die Sammlung zu bauen. Die Gemäldesammlung war ab 1903 in einem von Johan Schrøder (1836–1914) entworfenen Gebäude untergebracht.[5] 1908 machte Hage die Sammlung als „Nivaagaards Malerisamling“ für die Öffentlichkeit zugängig. Sie wurde in eine Selvejende Institution (selbstverwaltete/unabhängige Institution) überführt.[6] Bis zu seinem Tod war Hage Vorsitzender des Vorstandes. Erst 1981 wurde die Leitung des Museums professionalisiert und 1983 die erste Sonderausstellung organisiert. 1983 erhielt das Museum den Status eines staatlich anerkannten Museums.[7]
Die Sammlung umfasst Werke aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande, unter anderem: Rembrandt, Jan Steen, Egbert van Drielst (1745–1818), Jan van Goyen, Pieter de Hooch, Gabriel Metsu, Salomon van Ruysdael und Cornelis de Vos. Die deutsche Schule wird repräsentiert durch Lucas Cranach den Älteren, das Herzogtum Brabant durch den Genremaler Pieter Brueghel den Jüngeren. Die italienische Renaissance ist vertreten durch Werke von Giovanni Bellini, Tizian und Sofonisba Anguissola, die französische Schule durch Claude Lorrain, Dänemark durch Nicolai Abildgaard und Jens Juel.[8]
Das Goldene Zeitalter Dänemarks (dänisch Den Danske Guldalder) bezeichnet die Zeit von 1800 bis 1850, die als Epoche hoher kultureller Blüte gilt. Diese Epoche wird repräsentiert durch einige der bedeutendsten Künstler wie Christoffer Wilhelm Eckersberg, Constantin Hansen, Christen Købke, Johan Thomas Lundbye, Wilhelm Marstrand, Martinus Rørbye, P. C. Skovgaard und H. W. Bissen.[8]
Eine Website des Museums bietet einen Überblick über die Werke der Sammlung.[8] In der Datenbank des Kunstindeks Danmark & Weilbachs Kunstnerleksikon sind 231 Gemälde des Museums aufgelistet, die 125 Künstler repräsentieren.[9][10][11]
Das Gebäude
Das ursprüngliche Gebäude aus dem Jahr 1903 von Johan Schrøder war in der Form eines Tempels in der Nähe des Haupthauses angelegt und mit einem ebenfalls für die Öffentlichkeit zugängigen Parkgelände umgeben. Zwei Erweiterungsbauten wurde 1988 und 1992 nach Plänen des königlichen Bauinspektors David Bretton-Meyer (1937–2015) ausgeführt. Es entstanden drei weitere Ausstellungshallen für Sonderausstellungen, ein Café und andere Besuchereinrichtungen sowie Lagerräume und ein Bürotrakt mit Sitzungssaal. 2022 wurden die Gebäude einer klimatechnischen Sanierung und architektonischen Sicherung unterzogen, die Ausführung oblag einem Kopenhagener Architekturbüro.[12]
Galerie
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Giovanni Bellini: Portræt af en ung mand, um 1500
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Rembrandt: Portræt af 39-årig kvinde, 1632
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Sofonisba Anguissola: Porträtgruppe mit dem Vater der Künstlerin, Amilcare Anguissola, und ihren Geschwistern Minerva und Astrubale, 1559
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Pieter Brueghel der Jüngere: Hemfärd från Kermesse, vor 1638
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Jan van Goyen: Strandbillede – Strandbild, 1638
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Artemisia Gentileschi: Susanna and the Elders, um 1646
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Salomon van Ruysdael: Landskab med et jagtselskab, 1648
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Meindert Hobbema: Vandmøllen, 1662
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Jens Juel: Landskap vid Öresund, um 1800
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Christen Købke: Parti i nærheden af Kalkbrænderiet med udsigt mod København, 1836
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Wilhelm Marstrand: En fængselsscene i Rom, 1837
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Martinus Rørbye: En sittande nubier, 1839
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Heinrich Hansen: Riddarsalen på Frederiksborg Slot, 1859
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P. C. Skovgaard: Stranden ved Hellebæk, 1858
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Janus la Cour: Slottet Chillon ved Genfersøen, 1876
Ausstellungen (Auswahl)
- 2025: Janus la Cour – Stilhed / auch Museum Kunst der Westküste, Föhr: Momente der Klarheit: Janus la Cour und das neue Bild der Natur
- 2022: Sofonisba – history's forgotten miracle / auch Rijksmuseum Twenthe, Enschede, 2023
- 2020: Wilhelm Marstrand – den store fortæller
- 2020: Hans Scherfig – myter og drømme
- 2018: The flower painter J. L. Jensen : between art and nature in the golden age
- 2017: Ditlev Blunck – En anderledes guldaldermaler
- 2014: Martinus Rørbye – det nære og det fjerne – under sydlige himmelstrøg
- 2010: Arne Haugen Sørensen – I myternes spejl
- 2009: Per Arnoldi – kunstens rum : aterlierbilleder og andre opdelinger
- 2004: Jens Adolf Jerichau & Co. – I stor stil
- 1998: Louis Gurlitt : 1812–1897 – Porträts europäischer Landschaften in Gemälden und Zeichnungen / auch Altonaer Museum Hamburg und Museumsberg Flensburg
- 1994: Møen i dansk kunst : naturromantik i Guldalderen
- 1994: Peter Cramers billedverden : en vandring i 1700-tallets teater- og folkeliv
- 1993: Symbolismen i dansk kunst
- 1989: Jens Juel *1745–1802*
Trivia
Am 29. Januar 1999 wurden aus der Sammlung zwei der wertvollsten Gemälde Dänemarks entwendet, Rembrandts „Porträt einer 39-jährigen Frau“ und Bellinis „Porträt eines jungen Mannes.“ Zunächst ging die Polizei von professionellen Kunsträubern aus, musste dann aber überrascht zur Kenntnis nehmen, dass Amateure für den Diebstahl verantwortlich waren.[13] Sechs Monate nach dem Raubüberfall gab es den Durchbruch, zwei Männer wurden bei dem Versuch, die Bilder zu verkaufen, verhaftet. Die Gemälde kamen unbeschadet zurück.[14] Der Coup lieferte 2003 den Stoff für die dänische Kriminalkomödie „Rembrandt“ – deutscher Titel „Stealing Rembrandt – Klauen für Anfänger“.
Literatur
Nivaagaard
- Mette Smed: Nivaagaard. In: Danmarks Nationalleksikon – Trap Danmark – 6. Auflage. trap.lex.dk, 2018 (dänisch).
- Mai Misfeldt: Nivaagaards Malerisamling. In: Danmarks Nationalleksikon – Trap Danmark – 6. Auflage. trap.lex.dk, 2018 (dänisch).
- Jens Peter Munk, Peter Kühn-Nielsen: Nivaagaards Malerisamling. In: Den Store Danske. denstoredanske.lex.dk, 2025 (dänisch).
- Karl Madsen: Fortegnelse over malerisamlingen paa Nivaagaard. 1. Auflage. H. H. Thieles Bogtrykkeri, Kopenhagen 1913 (dänisch, Commons.Wikimedia [PDF]).
- Karl Madsen: Johannes Hage og Nivaagaard-Samlingen. In: Illustreret Tidende. Band 64, Nr. 18, 28. Januar 1923, S. 405–408 (dänisch, illustrerettidende.kb.dk [PDF]).
Johannes Hage
- Hage, Johannes. In: Christian Blangstrup (Hrsg.): Salmonsens Konversationsleksikon. 2. Auflage. Band 10: Gradischa–Hasselgren. J. H. Schultz Forlag, Kopenhagen 1920, S. 639–640 (dänisch, runeberg.org).
- M. P. Friis: Hage, Johannes. In: Carl Frederik Bricka (Hrsg.): Dansk biografisk Lexikon. Tillige omfattende Norge for Tidsrummet 1537–1814. 1. Auflage. Band 6: Gerson–H. Hansen. Gyldendalske Boghandels Forlag, Kopenhagen 1892, S. 458–459 (dänisch, runeberg.org).
- P. Stavnstrup: Hage, Johannes. In: Povl Engelstoft, Svend Dahl: (Hrsg.): Dansk biografisk leksikon. Begründet von Carl Frederik Bricka. 2. Auflage. Band 8: Geelmuyden–Hall. J. H. Schultz, Kopenhagen 1936, S. 576–577 (dänisch, rosekamp.dk [PDF]).
- Helge Larsen, P. Stavnstrup: Johannes Hage (godsejer). In: Svend Cedergreen Bech, Svend Dahl (Hrsg.): Dansk biografisk leksikon. Begründet von Carl Frederik Bricka, fortgesetzt von Povl Engelstoft. 3. Auflage. Band 5: Frille–Hanssen. Gyldendal, Kopenhagen 1980, ISBN 87-01-77403-4 (dänisch, biografiskleksikon.lex.dk).
Weblinks
- Nivaagaards Malerisamling. Website des Museums (dänisch/englisch)
- 9 Masterpieces from The Nivaagaard Collection. bei Google Arts & Culture
Einzelnachweise
- ↑ a b c H. Larsen, P. Stavnstrup: Johannes Hage (godsejer). In: Dansk biografisk leksikon. 3. Auflage. Siehe Literatur.
- ↑ Nivaagaards Malerisamling – Historie, Website des Museums (dänisch/englisch)
- ↑ Johannes Hage, Dänischer Politiker und Großgrundbesitzer, gründete Nivaagaards Gemäldesammlung. bei gravsted.dk (dänisch, mit Kurzbiografie und Foto der Grabstätte).
- ↑ Mette Smed: Nivaagaard. In: Danmarks Nationalleksikon. Siehe Literatur.
- ↑ Malerisamlingen paa Nivaagaard – med Fotografier af G. Pauli. In: Illustreret Tidende. Band 45, Nr. 32, 5. August 1904, S. 539 (dänisch, illustrerettidende.kb.dk [PDF]).
- ↑ Musæet paa Nivaagaard og Godsejer Johs. Hage. In: Illustreret Tidende. Band 50, Nr. 10, 6. Dezember 1908, S. 111/116–118 (dänisch, illustrerettidende.kb.dk [PDF]).
- ↑ Mai Misfeldt: Nivaagaards Malerisamling. In: Danmarks Nationalleksikon. Siehe Literatur.
- ↑ a b c Nivaagaards Malerisamling – The Entire Collection, Website des Museums (dänisch/englisch)
- ↑ Artworks in Nivaagaards Malerisamling. In: Kunstindeks Danmark/Weilbachs Kunstnerleksikon (dänisch).
- ↑ Artists represented in Nivaagaards Malerisamling. In: Kunstindeks Danmark/Weilbachs Kunstnerleksikon (dänisch).
- ↑ In der dänischsprachigen Wikipedia ist unter dem Titel Værker fra Nivaagaards Malerisamling eine überwiegend bebilderte Liste der Werke des Museums zu finden.
- ↑ Nivaagaards Malerisamling. Website der Over Byen Arkitekter APS, Kopenhagen (Referenz, mehrere Bilder der Ausstellungssäle).
- ↑ Stealing Rembrandt – Klauen für Anfänger im Lexikon des internationalen Films
- ↑ The robbery at Nivaagaards Malerisamling. bei havneguide.dk (englisch)
Koordinaten: 55° 55′ 36,7″ N, 12° 30′ 38,6″ O