Nikolaus Haas (Mediziner)

Nikolaus Haas (* 29. September 1964 in Mannheim) ist ein deutscher Kinderarzt und Kinderkardiologe und Spezialist für angeborene Herzerkrankungen sowie pädiatrische Intensivmedizin, Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern (EMAH) und Behandlungen von Herzerkrankungen mittels Herzkathetereingriffen.

Leben

Haas wuchs in Ladenburg auf, wo er am Carl-Benz-Gymnasium 1983 sein Abitur machte. Nach seiner Wehrpflicht als Marinesoldat bei der Bundeswehr studierte er ab 1984 Medizin in Heidelberg, Mannheim und Los Angeles (UCLA) und begann anschließend die Weiterbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Mannheim. Nach Abschluss der Ausbildung als Pädiater in Berlin, als auch in Kinderkardiologie und Pädiatrischer Intensivmedizin am Deutschen Herzzentrum Berlin und Training in spezieller Kinderintensivmedizin am Royal Children’s Hospital in Melbourne war er Oberarzt am Olgahospital in Stuttgart.[1][2]

Zusammen mit Manfred May gründete Haas die Nicolas-May-Stiftung, benannt nach Nicolas May, der an plötzlichem Herztod verstorben war. Ziel der Stiftung ist die Einführung von Herz-Kreislauf-Vorsorgeuntersuchungen im Rahmen der gesetzlichen Vorsorgeprogramme für Kinder und Jugendliche. Im April 2024 startete dazu ein Pilotprojekt an Schulen im Großraum München, bei dem Schüler kostenlos untersucht werden.[3] Schirmherrschaft für das Projekt übernahmen die bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention Judith Gerlach sowie der Schauspieler Max von Thun.[4][5] Unterstützt wird die Initiative unter anderem von Sternstunden e.V.,[3] und der Jugend-Basketball-Abteilung des FC Bayern München.[5]

Karriere

Seit 1994 behandelt Haas erwachsene Patienten mit angeborenen Herzfehlern und hat die Zusatzbezeichnung EMAH-Arzt.[6] Von 2002 bis 2006 war Haas Direktor der Kinderkardiologischen Intensivstation im Prince Charles Hospital in Brisbane und Associate Professor der University of Queensland.[2] Von 2006 bis 2015 war er Leiter des Herzkatheter-Labors am Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen, wo er sich auch der Ruhr-Universität Bochum habilitierte.[7] Ende 2015 erfolgte der Ruf zur Professur an der Ludwig-Maximilians-Universität München.[6] Seit 2015 ist er Leiter der Abteilung für Kinderkardiologie und Pädiatrische Intensivmedizin des LMU Klinikums sowie im Dr. von Haunerschen Kinderspital.[8][2]

Haas ist Herausgeber des Lehrbuches der Kinderkardiologie[9] und Mitherausgeber des aktuellen Lehrbuchs für Echokardiografie angeborener Herzfehler.[10]

Nach Zeitungs- und TV-Berichten über eine Kindermumie des German Mummy Project, die an einem Herzfehler erkrankt gewesen sein sollte, untersuchte Haas diese erneut und stellte bei der mehr als 6000 Jahre alten Detmolder Kindermumie einen Herzfehler fest. Diese Mumie ist heute im Lippischen Landesmuseum in Detmold ausgestellt.[11]

Wissenschaftliche Arbeit und Forschung

Die Hauptschwerpunkte seines klinischen und wissenschaftlichen Arbeitens liegen in der interventionellen Behandlung von angeborenen Herzfehlern aller Altersklassen, insbesondere Neu- und Frühgeborener, der Behandlung von EMAH-Patienten, der postoperativen Versorgung von Patienten sowie der Behandlung von Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz inkl. Kunstherzen (z. B. Berlin Heart) und von Patienten im Rahmen einer Herztransplantation. Ein weiterer Schwerpunkt besteht in der Aus- und Weiterbildung von Kollegen in der Intensivmedizin sowie für Herzkatheteruntersuchungen inkl. des von ihm entwickelten Herzkathetertrainings mithilfe von 3D-Modellen.[8][12]

Haas hat an verschiedenen Studien mitgewirkt, unter anderem an dem PROPHET-Trial und dem PRELIEVE-Trial zum Einsatz des AFR-device bei HFpEF und HFrEF bzw. pulmonaler Hypertonie, an der IRFACODE II-Studie und an Studien von Sapien XT und S3 bei PPVI.[6] Haas befasste sich zudem in mehreren Studien mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Energydrinks auf Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die von ihm initiierte EDUCATE-Studie gilt als erste placebokontrollierte Untersuchung zu Effekten auf das Herz-Kreislauf-System bei Kindern.[13][14][15] In der Rhythm-of-the-Night-Studie wurde bei jungen Erwachsenen auch die Kombination von Energydrinks und Alkohol untersucht.[16] Haas war zudem als Sachverständiger in einer Expertenkommission des Deutschen Bundestags zum Thema Energydrinks vertreten.[17]

Mitgliedschaften und Kooperationen

Haas ist Mitglied mehrerer nationaler und internationaler Gesellschaften für Kinderheilkunde, Kinderkardiologie und Kinderintensivmedizin. Er war Mitglied der Leitlinienkommission der DGPK (Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und angeborene Herzfehler e. V.)[2] und aktives Mitglied der AEPC, außerdem gründete er die AKKI (AG der Kinder- kardiologischen Intensivmedizin) der DGPK. Seit März 2020 ist er Präsident der DGPK.[6] Es bestehen außerdem wissenschaftliche und klinische internationale Kooperationen mit anderen Herzzentren im Bereich Kinderintensivmedizin und Herzkathetereingriffen (z. B. Harapan Kita, Jakarta/Indonesien).[18]

Haas engagiert sich auch international mit der Aus- und Weiterbildung in Herzkathetertechniken und Kinderintensivmedizin. Haas bildete international Kollegen in Herzkathetertechniken aus; im Iran führte er erstmals einen Pulmonalklappenersatz bei einer Jugendlichen durch.[19]

Alfie

2018 war Haas Gutachter im Fall des schwerkranken Jungen Alfie aus England, dem vom britischen Gesundheitssystem eine Behandlung im Ausland nicht gestattet wurde und bei dem gegen den Willen der Eltern vom obersten Gericht entschieden wurde, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden.[20][21] Hierbei kritisierte Haas das britische Gesundheitssystem NHS sowie die englische Rechtsprechung hinsichtlich des Umgangs mit schwer behinderten Patienten.[20] Das Kinderkrankenhaus Alder Hey in Liverpool hatte gegen die Eltern geklagt, um die lebensrettenden Beatmungsmaschinen beenden zu dürfen, die Eltern wünschten eine Verlegung des Patienten in den Vatikan.[22] Dies wurde sogar von Papst Franziskus unterstützt; das italienische Parlament erteilte Alfie kurzfristig die italienische Staatsbürgerschaft, um dies zu ermöglichen.[23] Für sein medizinisch-ethisches Gutachten, den darin skizzierten Umgang mit Behinderten in Deutschland sowie der Unterstützung für die Eltern auf Mitbestimmung beim Tode ihres Kindes wurde Haas vom Obersten Gericht (High Court of Justice) kritisiert.[24][21]

Publikationen (Auswahl der Monografien)

  • Haas N.A., Pozza R.D., Kleideiter U.: Pädiatrische Echokardiografie: Ultraschall des Herzens im Kindesalter und bei angeborenen Herzfehlern. Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 2019, ISBN 978-3-13-241604-8.
  • Haas N.A., Kleideiter U.: Kinderkardiologie: Klinik und Praxis der Herzerkrankungen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Georg Thieme Verlag, 2. Unveränderte Auflage Juli 2018, ISBN 3-13-242705-5.
  • Haas, N.A., Kleideiter, U.: Pediatric Cardiology: Symptoms-Diagnosis-Treatment. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-13-174941-3.
  • Haas, N.A.: Entwicklung einer standardisierten Stufentherapie zur sicheren Behandlung postoperativer Herzrhythmusstörungen im Kindesalter mit Amiodarone. Bochum, Universität, Habilitations-Schrift, 2009.
  • Haas N.A.: Ein neues tierexperimentelles Untersuchungsverfahren für die Wirkungsprüfung von Substanzen zur Behandlung der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit. Heidelberg, Universität, Dissertation, 1990.

Einzelnachweise

  1. Nikolaus Haas. In: European Association for Cardio-Thoracic Surgery. Abgerufen am 25. September 2025 (englisch).
  2. a b c d Prof. Dr. med. Nikolaus A. Haas. In: Kompetenznetz Angeborene Herzfehler e. V. Abgerufen am 25. September 2025.
  3. a b Stefan Salger: Aktion gegen den plötzlichen Herztod bei Jugendlichen. In: Süddeutsche Zeitung. 23. Juni 2025, abgerufen am 25. September 2025.
  4. Projektvorstellung mit Staatsministerin Judith Gerlach und Schirmherr Max von Thun. In: LMU Klinikum. Abgerufen am 25. September 2025.
  5. a b Susanne Ebner: Nicolas-May-Stiftung erhält 300.000 Euro aus BR-Sternstunden-Topf. In: Merkur. 26. Juni 2025, abgerufen am 25. September 2025.
  6. a b c d Herzkompass Referenten. (PDF) In: Herzkompass. Abgerufen am 25. August 2020.
  7. Stephan Handel: Ein Kinder-Herzchirurg für zwei Kliniken. In: Süddeutsche Zeitung. 3. November 2015, abgerufen am 26. August 2020.
  8. a b Abteilung für Kinderkardiologie und Pädiatrische Intensivmedizin. In: LMU Klinikum. Abgerufen am 26. August 2020.
  9. Nikolaus A. Haas, Ulrich Kleideiter: Kinderkardiologie: Klinik und Praxis der Herzerkrankungen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. 2., unveränderte Auflage. Thieme, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-13-242705-1.
  10. Ulrich Kleideiter, Robert Dalla Pozza, Nikolaus A. Haas: Pädiatrische Echokardiografie: Ultraschall des Herzens im Kindesalter und bei angeborenen Herzfehlern. 1. Auflage. Thieme, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-13-241604-8.
  11. Herzzentrum prüft Detmolder Kindermumie. In: Die Glocke. 3. April 2014, abgerufen am 1. September 2020.
  12. Zwei Welten eine Medizin. (PDF) In: LMU Aktuell. LMU, abgerufen am 1. September 2020.
  13. F. S. Oberhoffer, E. Bienenstein, P. Li, A. Jakob, M. Hermann, R. Dalla-Pozza, N. A. Haas, G. Mandilaras: Energydrinks und ihre Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Funktion bei Kindern und Jugendlichen. In: Monatsschrift Kinderheilkunde. 28. Juni 2023, ISSN 1433-0474, doi:10.1007/s00112-023-01791-x.
  14. Kinderkardiologie und Toxikologie: Energydrinks lösen kardiale Symptomatik aus. In: Deutsches Ärzteblatt. 15. September 2022, abgerufen am 25. September 2025.
  15. Schaden Energy Drinks Kinderherzen? In: Herzstiftung. Abgerufen am 25. September 2025.
  16. Rhythm of the Night-Study: Energy Drinks und Alkohol – Akute Auswirkungen auf das Herzkreislaufsystem junger, gesunder Erwachsener. In: DRKS – Deutsches Register Klinischer Studien. 1. Februar 2023, abgerufen am 25. September 2025.
  17. Mediziner warnen vor Energydrinks und fordern Altersgrenze. In: Deutscher Bundestag. 10. September 2024, abgerufen am 25. September 2025.
  18. Hilfe vom Herzspezialisten. Dr. Nikolaus Haas hat in Jakarta referiert und operiert. In: Neue Westfälische. 8. Mai 2008.
  19. Erste Transkatheter-Kinderherzklappe im Iran implantiert. In: Ruhr-Universität Bochum. 11. Mai 2012, abgerufen am 1. September 2020.
  20. a b Kerstin Rottmann: Großbritannien: „In Deutschland wäre Alfie schon ein Jahr lang zu Hause“. In: Die Welt. 25. April 2018 (welt.de [abgerufen am 26. August 2020]).
  21. a b Munich-based doctor failed Alfie and his parents. In: Jersey Evening Post. 6. März 2018, abgerufen am 26. August 2020 (englisch).
  22. Matthew Weaver: Alfie Evans' parents make last-ditch attempt to overturn court ruling. In: The Guardian. 25. April 2018, abgerufen am 21. Oktober 2020 (englisch).
  23. Alfie Evans granted Italian citizenship in life support legal row. In: BBC News. 23. April 2018 (bbc.co.uk [abgerufen am 21. Oktober 2020]).
  24. Clare Dyer: Doctors can withdraw treatment from child on life support, says judge. In: BMJ. Band 360, 21. Februar 2018, ISSN 0959-8138, doi:10.1136/bmj.k849, PMID 29467154 (bmj.com [abgerufen am 21. Oktober 2020]).