Niken des Lysander
Die Niken des Lysander sind eine bei Pausanias beschriebene rundplastische Nikengruppe aus zwei Figuren aus Sparta.[1] Der spartanische Feldherr Lysander stiftete die Figurengruppe nach der Schlacht bei Aigospotamoi Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. Archäologisch sind die Statuen nicht überliefert, auch ihr genaues Aussehen ist unbekannt. Sie gelten als polemische „Zitate“[2] der Nike des Paionios in Olympia.
Quellen
Pausanias beschreibt das Weihgeschenk (Anathem) in seiner Beschreibung Griechenlands im Kapitel über die Zitadelle von Sparta wie folgt:
- „Es gibt da auch ein anderes Heiligtum der Athena Ergane. In der Halle gegen Süden befinden sich ein Tempel des Zeus mit dem Beinamen Kosmetas und davor das Grabmal des Tyndareos. Die Halle gegen Westen enthält zwei Adler und ebenso viele Siegesgöttinnen auf ihnen, ein Weihgeschenk Lysanders zur Erinnerung an seine beiden Taten, bei Ephesos, als er Antiochos, den Steuermann des Alkibiades und attische Trieren besiegte und später an den Ziegenflüssen, wo er die attische Flotte vernichtete“.[3]
Aufstellungskontext
Die Niken des Lysander stehen in einer längeren Tradition von Weihgaben. Nach ihrem Sieg über die Athener und ihre Verbündeten in der Schlacht von Tanagra im Jahre 457 v. Chr. hatten die Spartaner eine goldene Schale (oder einen Schild) in Olympia geweiht, die oder der in prominenter Position gemeinsam mit einem Inschriftenstein am Zeustempel angebracht wurde.[4] Diese Weihgabe an einer zentralen Stelle eines der wichtigsten religiösen Zentren Griechenlands bildete ein gut sichtbares Symbol der Niederlage Athens. Somit diente es auch abseits der religiösen Funktion (Dank an Zeus für den Sieg) auch als demonstratives Zeichen der Überlegenheit des spartanischen Staates gegenüber den Athenern.
Vor diesem Hintergrund ist die Aufstellung der Nike des Paionios zu verstehen. Sie erfolgte um 420 v. Chr. nach einem Sieg der athenischen Verbündeten aus Messenien und Naupaktos über Sparta in einem nicht näher angegebenen Krieg, wohl einem Abschnitt des Peloponnesischen Krieges. Die Stiftung der auf einem hohen Pfeiler angebrachten Siegesstatue muss als eine bildliche und politische Antwort auf das Anathem der Spartaner gesehen werden, die allein durch die Aufstellung nicht nur den spartanischen Sieg bei Tanagra schmälerte, sondern auch den Kampf um die Vormachtstellung zwischen Athen und Sparta öffentlichkeitswirksam in Bilder fasste.
Angesichts dieser Vorgeschichte müssen die Niken des Lysander als eine politische Antwort auf die Nike des Paionios gewertet werden. Ausdrücklich wendete man sich damit von der Intention eines solchen Anathems als reine Dankesgabe an die Gottheit ab. Zwar wurden die Niken des Lysander offiziell der Athena geweiht, der inhaltliche Bezug zu dieser Göttin fehlt allerdings völlig. Das wird deutlich durch die Darstellung der Adler, die als Begleittiere des Zeus in einem Athenaheiligtum zunächst unpassend wirken und sich dadurch erklären lassen, dass hier auf die – bei einem Zeustempel aufgestellte und dementsprechend ebenfalls von einem Adler begleitete – Nike des Paionios verwiesen werden sollte.[5] Es wurde also ein Motiv übernommen, das in Olympia mit einer deutlich antispartanischen Intention behaftet war, um einen Sieg Spartas über Athen zu demonstrieren. Damit trat der politische Aspekt des Anathems gegenüber dem religiösen in den Vordergrund.[6]
Auch aus dem Weihanlass der Niken des Lysander wird das provokante Konzept des Anathems deutlich. Die Schlacht bei Aigospotamoi brachte die Entscheidung über den Ausgang des Peloponnesischen Krieges und gipfelte in der Kapitulation Athens. Die Spartaner entschieden sich in polemischer Weise dafür, für die bildliche Darstellung dieses wichtigen Sieges dasselbe Motiv zu verwenden, das in Olympia eindeutig mit einem antispartanischen Grundgedanken verknüpft war. Sie ließen es zudem in zweifacher Ausführung aufstellen. Diese bewusste Parallelität stellt eine Demütigung des athenischen Staates und eine Herabsetzung bisheriger athenischer Siege über Sparta dar.
Literatur
- Reinhard Förtsch: Kunstverwendung und Kunstlegitimation im archaischen und frühklassischen Sparta. Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2736-6.
- Bernhard Schmaltz: Typus und Stil im Historischen Umfeld. In: Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts. Band 112, 1997, S. 77–107.
- Cornelia Thöne: Ikonographische Studien zu Nike im 5. Jahrhundert v. Chr. Untersuchungen zur Wirkungsweise und Wesensart (= Archäologie und Geschichte. Band 8). Verlag Archäologie und Geschichte, Heidelberg 1999, ISBN 3-9804648-2-2 (zugleich Dissertation, Universität Heidelberg 1992).
Einzelnachweise
- ↑ Cornelia Thöne: Ikonographische Studien zu Nike im 5. Jahrhundert v. Chr. Untersuchungen zur Wirkungsweise und Wesensart. Verlag Archäologie und Geschichte, Heidelberg 1999, ISBN 3-9804648-2-2, S. 118; Reinhard Förtsch: Kunstverwendung und Kunstlegitimation im archaischen und frühklassischen Sparta. Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2736-6, S. 61 f.
- ↑ Reinhard Förtsch: Kunstverwendung und Kunstlegitimation im archaischen und frühklassischen Sparta. Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2736-6, S. 62.
- ↑ Pausanias, Beschreibung Griechenlands 3,17,4, Übersetzung nach Reinhard Förtsch: Kunstverwendung und Kunstlegitimation im archaischen und frühklassischen Sparta. Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2736-6, S. 61.
- ↑ Pausanias, Beschreibung Griechenlands 5,10,4. Pausanias beschreibt das Anathem (möglicherweise aufgrund einer Fehlzuweisung seinerseits) als Schild, das Epigramm hingegen nennt eine Schale. Dazu: Corinna Reinhardt: Schild oder Phiale? Die Lakedaimonier-Weihung und das Problem des festen Datums für den Zeus-Tempel in Olympia. In: Athenische Mitteilungen. Band 136/137, 2021/2022, S. 363–392.
- ↑ Reinhard Förtsch: Kunstverwendung und Kunstlegitimation im archaischen und frühklassischen Sparta. Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2736-6, S. 62.
- ↑ Tonio Hölscher: Die Nike der Messenier und Naupaktier in Olympia. In: Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts. Band 89, 1974, S. 70–111, DOI:10.11588/propylaeumdok.00004453 (Open Access), hier S. 76–77.