Niedersachsen-Stürmer
Der Niedersachsen-Stürmer, bis 1929 mit dem Untertitel Revolutionäres Kampfblatt für das Landvolk, war von 1928 bis 1944 das als Wochenzeitung konzipierte Gauorgan der NSDAP im Gau Ost-Hannover.[1]
Der nationalsozialistische Gauleiter Otto Telschow gründete die Zeitung am 5. Oktober 1928 und war ihr erster Schriftleiter. Ihm folgten Gustav Hölzke (1930), Hans Schmitz und Hans Schildt (1931), Karl Gräfing (1931–34), Harry Greuel (1934–37/38), Otto Küddelsmann (1937/38–39), Georg Wischmann (1939/40), Wilhelm Marquardt (1940/41) und Friedrich Allerding (1941–1944).[1]
Gedruckt in Tostedt war der Erscheinungsort bis zum Umzug der Gauleitung nach Harburg im Oktober 1932 der Ort, in dem Telschow wohnte: Buchholz. Am 2. Oktober 1937 wechselte der Erscheinungort in die neue 'Gauhauptstadt' Lüneburg.[1]
Die Auflagenstärke betrug 1929 ca. 2000, 1930 ca. 3000 und ab 1933 zwischen 5000 und 6000 pro Woche.[1]
Unter dem Konkurrenzdruck anderer nationalsozialistischer Blätter wurde die Anzahl der wöchentlichen Ausgaben ab Anfang 1934 auf zwei gesteigert, dies aber schon zum 13. April 1935 wieder eingstellt. Nach Einstellung zum Jahresende 1944 wurde mit der Nachfolgerin der ebenfalls eingestellten Lüneburgschen Anzeigen ein neues „parteiamtliches Organ für den Gau Osthannover“ geschaffen, nämlich die Lüneburger Zeitung.[1]
Für den Germanisten Peter Stein dokumentiert der bis 1929 gültige Untertitel´des Blattes, „Revolutionäres Kampfblatt für das Landvolk“, den „strategischen Ansatz, auf dem Höhepunkt der Agrarkrise vom Land und von den Bauern her, die Stimmen von den Bauern [für die NSDAP] zu gewinnen“.[1]
Nachwirkungen
Der zeitweilige Schriftleiter des Niedersachsen-Stürmers (2. bis 9. September 1939 und 7. September 1940 bis 6. September 1941)[2], Wilhelm Marquardt (1899–1994), avancierte zur prägenden Figur in der NS-Kulturpolitik im Gau Ost-Hannover.[3] Marquardt, vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 Volksschullehrer in Immenbeck und Kreisjugendpfleger[4], hatte ebenfalls die Schriftleitung des Harburger Kreiskalender ab Ende 1934 inne, und führte diese – ausgenommen der Zeit der vorübergehenden Einstellung des Kreiskalenders durch Krieg und Nachkriegszeit von 1942 bis 1953 – bis einschließlich 1981 fort. Er hatte schon im Vorwort des ersten Kreiskalenders 1935 nicht nur die Programmatik der Heimatforschung für den Kreiskalender umrissen, sondern es sollte ebenfalls „nationalsozialistisches Gedankengut in das Volk hineingetragen werden“[5] – eine dem Niedersachsen-Stürmer analoge Ausrichtung (s. o.). Als Schriftleiter des Niedersachsen-Stürmers trat er für „eine harte Politik gegenüber den 'fremdvölkischen' Zwangsarbeitern, insbesondere den Polen, ein[...], wobei er die Hinrichtungen von Polen durch die Gestapo offensiv verteidigte“.[6]
Insgesamt bescheinigt Dirk Stegmann Marquardt den Wandel von „einem eher traditionell konservativen Begriff von Volk, Brauchtum und Heimat“ vor dem Krieg hin zur „Übernahme der nationalsozialistischen, rassistischen Volkstumsideologie im Krieg“, die in der bedingungslosen Bejahung des von Goebbels verkündeten totalen Kriegs mit der „'nötige[n] Härte'“ in seiner Position als stellvertretender Gaupropagandaleiter im Jahre 1943 gipfelte.[2]
Nach dem Krieg folgten für Marquardt, der während der NS-Zeit 28 Parteiämter innegehabt hatte[7], ab 1945 zunächst Internierung, Spruchkammerverfahren in Fallingbostel und Entnazifizierung. Die verhängte zweijährige Haftstrafe galt durch die Internierung als abgegolten, eine Rückkehr in den Lehrerberuf war Marquardt, der sich im Entnazifizierungsverfahren selber als „'idealen Nationalsozialisten'“ bezeichnet habe, der jedoch mit NS-Verbrechen nichts zu tun gehabt hätte[7], durch die Einstufung als wesentlicher Förderer des Nationalsozialismus ausgeschlossen.[7][8] Auf Vermittlung des Hittfelder Bürgermeisters arbeitete Marquardt ab 1952 jedoch wieder als Lehrer in Hittfeld und kehrte später an die Immenbecker Schule zurück, wo er auch pensioniert wurde.[7][8]
Für die Tätigkeit beim Kreiskalender sowie das Verfassen von Orts- und Dorfchroniken, die Stegmann zufolge zwar „allesamt den Zeitraum 1939 bis 1945 konsequent aussparten“[8], wurde Marquardt unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.[9][10] Eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Schörshusen an die damalige Niedersächsische Landesregierung zu diesem Vorgang erbrachte, dass 1.) die Verleihung wegen Marquardts unbestrittener „Verdienste auf dem Gebiet der Heimatpflege nach dem 2. Weltkrieg“ erfolgt sei, 2.) dass den Landkreisen Harburg und Stade die Tätigkeit Marquardts für den Niedersachsen-Stürmer nicht bekannt gewesenen sei, 3.) dass zwischenzeitlich aber eine bei der für die Gesamtbeurteilung zuständigen Bezirksregierung Lüneburg aufbewahrte Personalakte doch „Hinweise auf die Tätigkeit als Hauptschriftleiter“ des Niedersachsen-Stürmers enthalte, die aber bei der Gesamtbeurteilung der „Ordensanregung damals bedauerlicherweise nicht mit herangezogen [wurde]“ und 4.) dass eine Ordensentziehung nur durch den Bundespräsidenten „in einem förmlichen und rechtstaatlichen Ordensentziehungsverfahren nach § 4 des Gesetzes über Titel, Orden und Ehrenzeichen“ vorgenommen werden könne, wobei allein dem Bundespräsidenten obliege, darüber zu entscheiden, ob ein solches Verfahren eingeleitet würde.[11]
Marquardt selber hat auch auf Nachfrage über seine „engere politische Tätigkeit zwischen 1933 und 1945 beharrlich geschwiegen“, so Dirk Stegemann. Zur Judenverfolgung habe Marquardt sich dahingehend geäußert, dass es diese in der Region gar nicht gegeben hätte, da im Landkreis überhaupt keine Juden gewohnt hätten.[2] Diese "erwiesenermaßen" falsche Aussage[2] täuscht auch über die nachgewiesene Augenzeugenschaft Marquardts der Ereignisse der Novemberpogrome 1938 in Lüneburg hinweg und seine nie ganz aufgeklärte Rolle dabei.[7]
Literatur
- Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 2: Großbock – Ochtendung. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-08078-9 (Online-Ausgabe).
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f Peter Stein: «Für die Heimat und das deutsche Vaterland». Die Tagespresse im Landkreis Harburg von 1918–1950. In: Dirk Stegmann (Hrsg.): Der Landkreis Harburg 1918–1950. Gesellschaft und Politik in Demokratie und nationalsozialistischer Diktatur (= Schriften zur Volkskunde und Geschichte des Landkreises Harburg. Band 4). Christians, Hamburg 1994, ISBN 3-7672-1203-X, S. 93–107, hier S. 104.
- ↑ a b c d Dirk Stegmann: Exkurs: Lokale Karrieren innerhalb der Gauleitung. In: Dirk Stegmann (Hrsg.): Der Landkreis Harburg 1918–1950. Gesellschaft und Politik in Demokratie und nationalsozialistischer Diktatur (= Schriften zur Volkskunde und Geschichte des Landkreises Harburg. Band 4). Chritians, Hamburg 1994, ISBN 3-7672-1203-X, S. 411–416, hier S. 413.
- ↑ Dirk Stegmann: Lüneburg 1918 – 1945. Stadtgesellschaft zwischen Kaiserreich, Republik und Diktatur. Hrsg.: Museumsstiftung Lüneburg im Auftrag und mit Förderung der Hansestadt Lüneburg. von Stern, Lüneburg 2000, ISBN 978-3-946481-05-8, hier S. 504.
- ↑ Dirk Stegmann: Exkurs: Lokale Karrieren innerhalb der Gauleitung. In: Dirk Stegmann (Hrsg.): Der Landkreis Harburg 1918–1950. Gesellschaft und Politik in Demokratie und nationalsozialistischer Diktatur (= Schriften zur Volkskunde und Geschichte des Landkreises Harburg. Band 4). Chritians, Hamburg 1994, ISBN 3-7672-1203-X, S. 411–416, hier S. 412.
- ↑ Giesela Wiese, Rolf Wiese: Zur Geschichte des „Harburger Kreiskalenders“. In: Heimat- und Museumsverein Winsen [Luhe] und Umgebung e. V. (Hrsg.): Historisches Jahrbuch für den Landkreis Harburg 2024. Geschichte, Kultur, Kunst und Natur (= Historisches Jahrbuch für den Landkreis Harburg. Band 1). Christians, Winsen 2023, ISBN 978-3-946053-20-0, S. 11–16, hier S. 12–13.
- ↑ Dirk Stegmann: Lüneburg 1918 – 1945. Stadtgesellschaft zwischen Kaiserreich, Republik und Diktatur. Hrsg.: Museumsstiftung Lüneburg im Auftrag und mit Förderung der Hansestadt Lüneburg. von Stern, Lüneburg 2000, ISBN 978-3-946481-05-8, hier S. 497.
- ↑ a b c d e Biografie - Wilhelm Marquardt. In: Novemberpogrome 1938 in Niedersachsen. Lüneburg. Abgerufen am 18. November 2025.
- ↑ a b c Dirk Stegmann: Lüneburg 1918 – 1945. Stadtgesellschaft zwischen Kaiserreich, Republik und Diktatur. Hrsg.: Museumsstiftung Lüneburg im Auftrag und mit Förderung der Hansestadt Lüneburg. von Stern, Lüneburg 2000, ISBN 978-3-946481-05-8, hier S. 535.
- ↑ Carlo Eggeling: Vergessen und Vergeben. In: Landeszeitung für die Lüneburger Heide GmbH (Hrsg.): Lüneburgs Weg unters Hakenkreuz (= LZ-Zeitsprung). von Stern'sche Druckerei, Lüneburg 2018, S. 26–27, hier S. 27.
- ↑ Vgl. auch Ein Alt-Nazi und das Bundesverdienstkreuz. In: die tageszeitung. 25. November 1988, abgerufen am 28. Oktober 2025.
- ↑ Drucksache 11/3482. (pdf) Antwort auf eine Kleine Anfrage – Drucksache 11/3231 –. Niedersächsischer Landtag – Elfte Wahlperiode, 8. Februar 1989, S. 2, abgerufen am 28. Oktober 2025.