Niedermayer-Hentig-Expedition

Die Niedermayer-Hentig-Expedition war eine kaiserlich-deutsche zivil-militärische Expedition nach Afghanistan. Das Ziel der ursprünglich von osmanischer Seite vorgeschlagenen Initiative war, Afghanistan auf Seiten der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg zu ziehen.

Verlauf

Am 6. September 1914 reiste ein erstes Kontingent von 23 Deutschen unter der Leitung von Wilhelm Wassmuss nach Konstantinopel ab.[1] Ihm folgte kurz darauf Oskar von Niedermayer mit einer weiteren Gruppe. Waßmuß und Niedermayer trafen in Konstantinopel schließlich zusammen und reisten über Aleppo nach Bagdad, dass am 9. Januar 1915 erreicht wurde. Waßmuß trennte sich kurz darauf im Streit von der Expedition, um bis Kriegsende in Südpersien einen Kleinkrieg lokaler Stämme gegen die Briten zu inszenieren, daher der Name „Niedermayer-Hentig-Expedition“. Nach Auseinandersetzungen mit den türkischen Behörden, die in Persien insgeheim annexionistische Pläne verfolgten und die, da die Kosten von Deutschland getragen wurden, die Kontrolle über die Initiative verloren, konnte Niedermayer Ende März 1915 Bagdad verlassen. Zuletzt war noch der türkische Offizier Kazim Bey zu der Expedition gestoßen. In der Folge kommandierte Niedermayer Teile der Gruppe nach Isfahan und Kermanschah in Persien und reiste selbst mit der Hauptgruppe nach Teheran. Er begann dort sogleich, ein Agentennetzwerk aufzubauen und entfaltete eine rege konspirative Propaganda- und Agitationstätigkeit.[2]

Zur selben Zeit hatte sich in Berlin eine weitere Gruppe um den indischen Prinzen Mahendra Pratap und den deutschen Leutnant Werner Otto von Hentig gebildet, die von Afghanistan aus Aufstände in Britisch-Indien schüren wollten. Am 15. Juni 1915 traf Hentig mit indischen Exilpolitikern in Teheran ein und „erinnerte“ Niedermayer an das eigentliche Ziel der Reise – Afghanistan. Eine Woche später begab sich die Gruppe daher nach Isfahan, von wo aus ab dem 6. Juli 1915 der Durchbruch ostwärts durch die Salzwüste Kawir gewagt werden sollte. Nach sieben strapaziösen Marschwochen, die von Wüstenhitze, Desertionen und Diebstählen der Begleitmannschaften sowie ständiger Bedrohung durch Räuberbanden und feindliche Patrouillen geprägt wurden, erreichte die Karawane mit etwa 60 Mann das persisch-afghanische Grenzland. Am 22. August 1915 wurde die Expedition vom Gouverneur der Stadt Herat freundlich in Empfang genommen und hatte damit ihre erste Begegnung mit afghanischen Regierungsvertretern. Allerdings wurde eine weitere Gruppe abgefangen, die eine Funkausrüstung und das meiste Gepäck bei sich hatte. Am 7. September folgte die Weiterreise nach Kabul.

Am 2. Oktober 1915 kam die Expedition in Kabul an.[2] Sie wurde zwar mit militärischen Ehren begrüßt, aber trotzdem in einer Art Hausarrest gehalten. Nur durch die Drohung mit einem Hungerstreik erreichte sie ein Treffen mit dem Emir von Afghanistan, Habibullah, der sie schließlich Mitte Oktober in seiner Sommerresidenz empfing. Die deutschen Emissäre drängten ihn, den Heiligen Krieg aufzunehmen, den der türkische Sultan gegen die Alliierten verkündet hatte. Dem Emir wurden dafür Geld und Waffenlieferungen geboten. Habibullah antwortete ausweichend; dem britischen Gesandten in Kabul versicherte er gleichzeitig, dass Afghanistan neutral bleiben würde. Die Verhandlungen zogen sich hin, bis am 24. Januar 1916 ein Freundschaftsabkommen zwischen dem Deutschen Reich und Afghanistan unterzeichnet wurde. Darin wurde unter anderem die Lieferung von 100.000 Gewehren und 300 Geschützen sowie beträchtliche Geldsummen zugesagt. Hentig wurde als diplomatischer Vertreter des Deutschen Reichs anerkannt. Trotzdem verfolgte Habibullah weiterhin eine Politik der Neutralität – die russische Offensive an der Kaukasusfront und die fehlenden Erfolge des Osmanischen Reichs hatten einen Sieg der Mittelmächte unwahrscheinlich gemacht. Die Deutschen mussten einsehen, dass ihre Mission gescheitert war, und verließen Afghanistan im Mai 1916. Aus deutscher Perspektive konnte trotzdem als Erfolg verbucht werden, dass die Expedition in Russland und Indien für erhebliche Irritationen gesorgt hatte.[3]

Folgen

Die Ankunft der Niedermayer-Hentig-Expedition in Kabul markierte die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland.[4]

Eine Darstellung der „Niedermayer-Hentig-Expedition“ in einem Roman mit kontrafaktischem Ausgang hat 2015 Steffen Kopetzky geschrieben.[5]

Siehe auch

Literatur

  • Ludwig W. Adamec: Afghanistan 1900–1923. A Diplomatic History. University of California Press, Berkeley CA u. a. 1967.
  • Oskar von Niedermayer: Unter der Glutsonne Irans. Kriegserlebnisse der deutschen Expedition nach Persien und Afganistan. Einhorn-Verlag, Dachau 1925 (ab der 2. Auflage: Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1936, unter dem Titel: Im Weltkrieg vor Indiens Toren. Der Wüstenzug der deutschen Expedition nach Persien und Afghanistan). Online hier verfügbar.
  • Werner Otto von Hentig: Mein Leben – eine Dienstreise. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1962.
  • Werner Otto von Hentig: Von Kabul nach Shanghai. Bericht über die Afghanistan-Mission 1915/16 und die Rückkehr über das Dach der Welt und durch die Wüsten Chinas. Libelle Verlag, Lengwil 2003, ISBN 3-909081-37-1.
  • Hans-Ulrich Seidt: Berlin, Kabul, Moskau. Oskar Ritter von Niedermayer und Deutschlands Geopolitik. Universitas Verlag, München 2002, ISBN 3-8004-1438-4.
  • Steffen Kopetzky: Risiko. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-608-93991-0.
Commons: Niedermayer-Hentig-Expedition – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Wilfried Loth, Marc Hanisch (hrsg.) Erster Weltkrieg und Dschihad – Die Deutschen und die Revolutionierung des Orients, Oldenbourg Verlag München 2014, S. 100
  2. a b Lukas Herbeck: Oskar Ritter von Niedermayer. Ein bayerischer Hauptmann im Orient 1912–1918. Eine Ausstellung der Bayerischen Archivschule, hg. vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv, München 2014. Seite 5. PDF. Abgerufen am 28. Dezember 2025.
  3. F. M. Bailey: Mission to Tashkent. Jonathan Cape, London 1946, S. 8: „The isolated activities of these agents caused no serious difficulties, but we were concerned to see that they did not disturb peace and order in Afghanistan and among the tribes lying between Afghanistan und the north-west of India.“
  4. Auswärtiges Amt: Deutschland und Afghanistan feiern 100jährige Freundschaft, Meldung von 31. August 2015.
  5. Steffen Kopetzky: Risiko. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-608-93991-0.