Nichts als Gespenster (Erzählband)

Nichts als Gespenster ist ein Erzählband von Judith Hermann. Es handelt sich um eine Sammlung von sieben Kurzgeschichten, die erstmals 2003 im S. Fischer Verlag erschienen sind.

Mit einer Startauflage von 100.000 Exemplaren und eigentlich großem medialen Interesse kommt der Erzählband dennoch nicht so gut bei der Kritik an, wie Sommerhaus, später.[1] Als übergreifendes Thema der Erzählungen in Nichts als Gespenster könnte die Möglichkeit beziehungsweise Unmöglichkeit von Liebe und Partnerschaften in postmoderner Zeit bezeichnet werden.[2] Das maßgebende Motiv ist das Reisen.[3] Dass die Geschichten überall auf der Welt spielen, ist eine bewusste Entscheidung Judith Hermanns, um nach Sommerhaus, später nicht als ‚Berlin-Literatin‘ abgestempelt zu werden.[4] Vor dem Schreiben der Kurzgeschichten aus Nichts als Gespenster ist Hermann viel auf Reisen gewesen, unter anderem mit dem Goethe-Institut in Island oder Venedig. Sie schreibt schon immer nah an dem entlang, was sie auch erlebt oder was sie in ihrem Leben beschäftigt. Die Orte ihrer Reisen sind mit in die Geschichten eingeflossen.[4]

Inhalt

Den Erzählungen ist ein Motto vorangestellt:

Wouldn´t it be nice

if we could live here

make this the kind of place

where we belong

Dabei handelt es sich um einen vierzeiligen Songtext der Beach Boys aus dem Song Wouldn´t it be nice, womit Judith Hermann eine Referenz zur Popmusik zieht.[2.1]

Ruth (Freundinnen)

Die namenlose Ich-Erzählerin verspricht ihrer Freundin Ruth, sich nicht auf deren neuen Bekannten Raoul einzulassen. Während eines Besuchs bei Ruth, die als Schauspielerin arbeitet, begegnet die Erzählerin Raoul zum ersten Mal in der Theaterkantine. Zwischen den beiden entwickelt sich eine unausgesprochene Spannung, obwohl Ruth weiterhin stark auf Raoul fixiert ist. Nach dem Aufenthalt reist die Erzählerin zunächst nach Paris, wo sie sich jedoch fremd und unsicher fühlt, und kehrt bald nach Berlin zurück. Kurz darauf erhält sie von Raoul einen Brief mit Fahrkarten nach Würzburg. Sie folgt der Einladung, trifft ihn dort wieder und verbringt eine Nacht mit ihm, ohne dass Ruth davon erfährt.[5]

Kaltblau

Jonina und ihr Freund Magnus, die auf Island leben, bekommen Besuch von Irene und Jonas. Gemeinsam verbringen sie einige Tage in Olurfsbudir, gemeinsam mit Joninas Schwester Sunna. Die Gruppe unternimmt Ausflüge über die Insel, wobei Jonas, der leidenschaftlich fotografiert, die Eindrücke festhält. Während des Aufenthalts beginnt Jonina, sich in Jonas zu verlieben. Am letzten Abend beobachtet sie heimlich, wie Irene und Jonas vor ihrer Hütte in einen handgreiflichen Streit geraten. Am nächsten Tag reist die Gruppe ab, ohne das Geschehen zu thematisieren. Später bricht der Kontakt zwischen den beiden Paaren weitgehend ab. Jonina erzählt Magnus nie von dem Streit.[6]

Acqua Alta

Hauptartikel: Acqua Alta

Die namenlose Ich-Erzählerin reist nach Venedig, um dort ihre Eltern zu besuchen, die sich auf einer längeren Urlaubsreise befinden. Bei einem Spaziergang durch die Stadt kommt es an der Rialtobrücke zu einem sexuellen Übergriff durch einen Venezianer. Am folgenden Tag begegnet sie demselben Mann erneut in einem Café, diesmal in Gegenwart ihrer Eltern. Während diese den Vorfall nicht bemerken, fühlt sich die Erzählerin dem Mann schutzlos ausgeliefert. Die Szene wird mit Gedanken an das regelmäßige Hochwasser, das Acqua alta, überblendet. Nach einigen gemeinsamen Unternehmungen mit den Eltern reist die Erzählerin schließlich mit dem Zug aus Venedig ab.[7]

Zuhälter

Die namenlose Ich-Erzählerin reist nach Karlovy Vary, um ihren Freund Johannes zu besuchen, mit dem sie eine wechselvolle, nie zeitgleich erwiderte Zuneigung verbindet. Johannes, der Malerei studiert hat und häufig längere Zeit an verschiedenen Orten lebt, hat sie gebeten, einen Text zu einem seiner Bilder zu verfassen. Während ihres Aufenthalts erkundet sie mit ihm die Stadt, erinnert sich an frühere gemeinsame Erlebnisse und stößt auf Hinweise zu einer Frau namens Miriam, mit der Johannes offenbar eine intime Beziehung führt. In seiner Abwesenheit liest sie dessen Briefe, die ihre Vermutungen bestätigen. Ein gemeinsamer Besuch in einem Nachtclub verstärkt ihre Unsicherheit über sein Leben. Am Ende der Reise stellt sich heraus, dass das Bild, über das sie schreiben sollte, noch nicht fertig ist. Seit ihrer Rückkehr hat die Erzählerin Johannes nicht wieder gesehen.[8]

Nichts als Gespenster

Die Protagonistin Ellen reist mit ihrem Freund Felix durch die USA. In Austin, Nevada, begegnen sie in einer Hotelbar dem Einheimischen Buddy, der durch seine Art sofort auffällt. Gemeinsam verbringen sie den Abend mit Gesprächen und einigen Partien Billard. Buddy berichtet von seinem Kind und davon, wie besonders es sei, kleine Turnschuhe für ein Kind zu kaufen. Jahre später erinnert sich Ellen an diese Begegnung zurück und verbindet sie mit ihrer eigenen Entscheidung, mit Felix ein Kind zu bekommen.[9]

Wohin des Wegs

Die namenlose Ich-Erzählerin ist in Jakob verliebt, verbringt viel Zeit mit ihm und erzählt ihm kurz vor Neujahr von einem früheren Silvester in Prag. Damals ist sie mit Peter gereist, den sie trotz ihrer Gefühle für Lukas als Begleiter akzeptiert. Gemeinsam mit weiteren Bekannten verbringen sie die Tage mit Gesprächen, Essen und Feiern. In der Silvesternacht steht sie mit Peter auf einer Brücke, während anderswo ihre Freunde Micha und Sarah ihre Verlobung beschließen. Die Erzählung wird durch Rückblenden und Einschübe zu ihrer Beziehung mit Jakob ergänzt. Am Ende erkundigt sich Jakob nach dem Verbleib der früheren Weggefährten, doch die Erzählerin verweist nur darauf, dass jede Geschichte ihr Ende habe.[10]

Die Liebe zu Ari Oskarsson

Im Oktober reist die namenlose Ich-Erzählerin mit Owen nach Tromsø, wo sie am Nordlicht-Festival auftreten sollen. Da das Festival ausfällt, bleiben sie im Gästehaus Gunnarshus, zusammen mit Caroline und Martin. Bei einem Künstlerfest lernen sie den Festivalleiter Ari Oskarsson und dessen Frau Sikka kennen, mit denen es in der Folge zu gegenseitigen Annäherungen und Kuss-Szenen kommt. Am nächsten Tag erinnern sich Owen und die Erzählerin nur bruchstückhaft an die Geschehnisse, fahren noch einmal zu Oskarssons Haus und schließlich weiter auf eine Insel vor Tromsø. Dort gestehen sie sich, jeweils Liebesbekundungen an Ari und Sikka gerichtet zu haben, und beobachten gemeinsam die Nordlichter.[11]

Kritik

Die Erzählungen in Nichts als Gespenster sind deutlich länger als die Erzählungen in Judith Hermanns Erzählband Sommerhaus, später.[1] Hermann wird für die Darstellungen von Mittzwanzigern kritisiert, deren Hauptinteresse im Leben ihre größtenteils dysfunktionalen Beziehungen zu sein scheinen. Außerdem sei der Band kaum mehr als eine Reihe von ‚Ich-Geschichten‘, die seltsamerweise frei von Bezügen zu Ort, Nationalität, Geschichte und aktuellen Ereignissen seien.[12] Kritiker bezeichnen ihre Arbeit in dem Band auch als ‚nichtssagend‘.[13] Es gibt auch positivere Kritiken, welche das Werk als zugleich reflektierende und brechende literarische Darstellung der Empfindsamkeit einer Untergruppe europäischer Millennials bezeichnet, die darum kämpfen, Liebe zu finden und in einer globalisierten und zunehmend homogenisierten Welt ihre Identität zu finden.[12.1] In der Literaturkritik wird Judith Hermann auch als ‚Stimme einer neuen Generation‘ betitelt.[2.2]

Literatur

Textausgaben

  • Judith Hermann: Nichts als Gespenster. 4. Auflage, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2003, ISBN 978-3-596-15798-3, 320 Seiten.

Sekundärliteratur

  • Biendarra, Anke: Globalization, Travel, and Identity: Judith Hermann and Gregor Hens. In: Gegenwartsliteratur: ein germanistisches Jahrbuch 5, Tübingen: Stauffenburg, 2006.
  • Borgstedt, Thomas: Wunschwelten: Judith Hermann und die Neuromantik der Gegenwart. In: Gegenwartsliteratur: ein germanistisches Jahrbuch 5, Tübingen: Stauffenburg, 2006.
  • Hermann, Judith: Der Erfolg hat mich vorsichtiger gemacht. In: Radio-Interview mit Schriftstellerin Judith Hermann in der Sendung Zeitgenossen, 26. Dezember 2021, 45 Min. Moderation: Carsten Otte. Eine Produktion von SWR2.
  • Judith Hermann. In: Munzinger-Archiv. Munzinger. Personen, Ravensburg: Munzinger-Archiv GmbH, 2022. Stand: 18. März 2023
  • Kerscher, Julia: Weiblicher Tourismus im Zeichen von Alterität, Sexualität und Naturkatastrophen bei Judith Hermann. In: Literatur für Leser Nr. 4, 2013, S. 221–235.
  • Rink, Christian: Nichts als Gespenster. Zur Identitätsproblematik in den Erzählungen Judith Hermanns. In: Autobiographisches Schreiben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (1) Grenzen der Identität und der Fiktionalität, hrsg. von Ulrich Breuer, München: Iudicium, 2006, S. 112–125.

Einzelnachweise

  1. a b Judith Hermann. In: Munzinger. Personen. Munzinger-Archiv GmbH, Ravensburg 2022.
  2. Christian Rink: Nichts als Gespenster. Zur Identitätsproblematik in den Erzählungen Judith Hermanns. In: Ulrich Breuer (Hrsg.): Autobiographisches Schreiben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Grenzen der Identität und der Fiktionalität, Nr. 1. Iudicium, München 2006, S. 115.
    1. S. 121
    2. S. 113
  3. Julia Kerscher: Weiblicher Tourismus im Zeichen von Alterität, Sexualität und Naturkatastrophen bei Judith Hermann. In: Literatur für Leser. Nr. 4, 2013, S. 226.
  4. a b Judith Hermann: „Der Erfolg hat mich vorsichtiger gemacht“. In: Radio-Interview mit Schriftstellerin Judith Hermann in der Sendung Zeitgenossen. Moderation: Carsten Otte. Eine Produktion von SWR2, 26. Dezember 2021.
  5. Judith Hermann: Ruth (Freundinnen). In: Nichts als Gespenster. 4. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 978-3-596-15798-3, S. 11–59.
  6. Judith Hermann: Kaltblau. In: Nichts als Gespenster. 4. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 978-3-596-15798-3, S. 61–120.
  7. Judith Hermann: Acqua Alta. In: Nichts als Gespenster. 4. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 978-3-596-15798-3, S. 121–151.
  8. Judith Hermann: Zuhälter. In: Nichts als Gespenster. 4. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 978-3-596-15798-3, S. 153–193.
  9. Judith Hermann: Nichts als Gespenster. In: Nichts als Gespenster. 4. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 978-3-596-15798-3, S. 195–232.
  10. Judith Hermann: Wohin des Wegs. In: Nichts als Gespenster. 4. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 978-3-596-15798-3, S. 233–271.
  11. Judith Hermann: Die Liebe zu Ari Oskarsson. In: Nichts als Gespenster. 4. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 978-3-596-15798-3, S. 273–318.
  12. Anke Biendarra: Globalization, Travel, and Identity: Judith Hermann and Gregor Hens. In: Gegenwartsliteratur: ein germanistisches Jahrbuch. Nr. 5. Stauffenburg, Tübingen 2006, S. 236.
    1. S. 248
  13. Thomas Borgstedt: Wunschwelten: Judith Hermann und die Neuromantik der Gegenwart. In: Gegenwartsliteratur: ein germanistisches Jahrbuch. Nr. 5. Stauffenburg, Tübingen 2006, S. 207.