News-Deprivation

News-Deprivation ist ein Begriff, der vom Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zürich geprägt wurde, und bedeutet den Verzicht von Medienkonsumenten auf journalistisch aufbereitete Nachrichten.[1] Der Begriff wird spätestens seit Mitte der 2010er Jahre in Schweizer Massenmedien verwendet.

Definition

Das FÖG definiert News-Deprivierte als Konsumenten, welche einen weit unterdurchschnittlichen Newskonsum haben,[2] wobei News als traditionelle Massenmedien oder «Old-World-Newsrepertoires» definiert werden. Dazu gehören z. B. Fernsehen und Zeitungen. Es geht also nicht um einen Mangel an Information, sondern um den Schwerpunkt der Informationsquellen. So basiert die Einteilung in News-Deprivierte als Gruppe, welche sich über «New-World-Newsrepertoires» wie Social Media, YouTube etc. informieren.

Rezeption in den Medien

Der Begriff «News-Deprivation» bzw. «news-depriviert» wird in Deutschschweizer Leitmedien und anderen etablierten Medien in der Schweiz spätestens seit 2016 rezipiert, meist im Zusammenhang mit Veröffentlichungen des FÖG wie dem von diesem herausgegebenen Jahrbuch Qualität der Medien.[3][4][5][6][7][8][9]

Von einigen Medien wird der Begriff insbesondere auch verwendet im Zusammenhang mit Spitzenpolitikern, die nach eigenem Bekunden nicht oder nur in sehr begrenztem Umfang traditionelle Medien konsumieren, um sich zu informieren, zum Beispiel Bundesrat Ignazio Cassis, der 2023 durch entsprechende öffentliche Äusserungen für Aufregung gesorgt hatte.[6]

Im Onlineportal Infosperber bemängelte Marco Diener 2025 die Wahl der Bezeichnung als für einen Grossteil der Bevölkerung unverständlich und als falsch angewendet, weil «Deprivation» Entzug bedeute, nicht jedoch freiwilligen Verzicht, um den es sich tatsächlich handle.[10]

Auch der Journalist Michael Marti kritisierte im November 2025 im Tages-Anzeiger sowohl den Ausdruck «News-Deprivation» als auch die Befunde in den jährlich erscheinenden FÖG-Berichten, durch die der Begriff etabliert wurde. Er wies darauf hin, dass ausschliesslich das FÖG den Begriff «News-Deprivation» systematisch verwende; international werde das Phänomen üblicherweise weniger dramatisierend als «News Avoidance» (englisch für «Nachrichtenmeidung») bezeichnet. Ähnlich wie Diener bemängelte Marti, dass das Wort «Deprivation» dem Vokabular der Psychologie entstamme, damit einen medizinischen Befund suggeriere und negative Assoziationen wie «Mangel, Defizit, Verwahrlosung» wecke, obschon FÖG-Leiter Mark Eisenegger beteuere, der Ausdruck sei «nicht stigmatisierend, weil er keine moralische Wertung impliziert». Dass das Meiden traditioneller Nachrichtenmedien prinzipiell ein «grundlegendes Problem für die Demokratie» sei wie im «Jahrbuch» 2025 des FÖG behauptet, stellte Marti in Frage. Unter anderem begründete er dies damit, dass aus demselben Werk des FÖG hervorgehe, dass «News-Deprivierte» zur politischen Mitte tendierten und autoritäre politische Führungsfiguren wie Donald Trump deutlicher ablehnten, als Personen mit intensivem Medienkonsum dies täten.[11]

Internationaler Kontext

Forschung zum Thema Mediennutzung im angelsächsischen Raum verwendet den Begriff News-Deprivation bisher nicht, sondern beschreibt den Informationskonsum als Trend ohne ausdrückliche Einteilung in News-Depriviert und nicht News-Depriviert.[12][13] Einige Verbreitung hat allerdings der Ausdruck News Avoidance («Nachrichtenmeidung»).[14]

Einzelnachweise

  1. Mark Eisenegger, Jörg Schneider, Lisa Schwaiger: «News-Deprivation» als Herausforderung für moderne digitale Gesellschaften. 2020, S. 7–47, doi:10.5167/uzh-196644 (uzh.ch [abgerufen am 30. Oktober 2025]).
  2. Jahrbuch Qualität der Medien: News-Deprivation nimmt weiter zu – mit Folgen für die Demokratie. Universität Zürich, 27. Oktober 2025, abgerufen am 30. Oktober 2025.
  3. Philipp Loser: «Diese Menschen sind anfällig für Populisten». In: tagesanzeiger.ch. 18. November 2016, abgerufen am 31. Oktober 2025 (Interview mit Mark Eisenegger, Leiter der Studie zum Jahrbuch Qualität der Medien).
  4. Über ein Drittel zählt zu den News-Deprivierten. In: srgd.ch. SRG Deutschschweiz, 15. Oktober 2019, abgerufen am 31. Oktober 2025.
  5. Rafael von Matt: Jahrbuch Qualität der Medien - «Die Unterversorgung mit News ist ein Problem». In: srf.ch. 24. Oktober 2022, abgerufen am 31. Oktober 2025.
  6. a b Raffael Schuppisser: News-Deprivierter Bundesrat: Cassis liest keine Zeitung. In: CH Media. 16. September 2023, abgerufen am 31. Oktober 2025.
  7. Ines Häfliger: «Die Informationsflut versetzt uns in einen Alarmzustand», sagt der Medienpsychologe. In: nzz.ch. 15. Juli 2024, abgerufen am 31. Oktober 2025.
  8. Studie sieht News-Deprivation als Gefahr für Schweizer Demokratie. In: watson.ch. 27. Oktober 2025, abgerufen am 31. Oktober 2025.
  9. «Jahrbuch Qualität der Medien» – Gefahr für Schweizer Demokratie: Der Anteil News-Deprivierter hat sich seit 2009 verdoppelt. In: tagesanzeiger.ch. 27. Oktober 2025, abgerufen am 31. Oktober 2025.
  10. Marco Diener: Das Gejammer über die «News-Deprivierten». In: Infosperber. 28. Oktober 2025, abgerufen am 31. Oktober 2025.
  11. Michael Marti: Debatte um News-Muffel: Das Ehepaar Bezos und die demokratiegefährlichen Schweizer. In: Tages-Anzeiger. 3. November 2025, abgerufen am 4. November 2025.
  12. Overview and key findings of the 2025 Digital News Report | Reuters Institute for the Study of Journalism. In: reutersinstitute.politics.ox.ac.uk. Abgerufen am 30. Oktober 2025 (englisch).
  13. How The American Media Landscape is Polarizing the Country | The Pardee Atlas Journal of Global Affairs. In: sites.bu.edu. Abgerufen am 30. Oktober 2025 (englisch).
  14. Liste von Fachliteratur mit «News Avoidance» im Titel auf Google Scholar