Nemeische Spiele

Die Nemeischen Spiele (historische Schreibweise auch nemeïsch) (altgriechisch Νέμεια Némeia, auch: die Nemeen) waren einer der vier Panhellenischen Wettkämpfe, die im antiken Griechenland alle zwei Jahre im Heiligtum von Nemea ausgetragen wurden. Sie wurden wie die Isthmischen Spiele jeweils im Jahr vor bzw. nach den Olympischen Spielen (im 2. und 4. Jahr der Olympiade) ausgetragen. Wie diese waren die Spiele dem obersten olympischen Gott Zeus gewidmet[1].

Geschichte

Gründungsmythen

Der Sage nach wurden die Spiele eingeführt, nachdem Herakles den Nemeischen Löwen besiegt hatte.[2]

Die verbreitetere Version stammt aus dem Sagenkreis der Sieben gegen Theben: Den nemeischen König Lykurgos hatte ein Orakel davor gewarnt, seinen Sohn Opheltes zu Boden zu legen, ehe dieser laufen konnte.[3] Lykurgos vertraute daraufhin der Amme Hypsipyle das Kind an. Um den sieben Heerführern, die auf ihrem Weg nach Theben über Nemea kamen, eine Quelle zu zeigen, legte Hypsipyle das Kind jedoch auf wilden Sellerie[4] ab. Opheltes wurde daraufhin von einer Schlange gebissen und starb. Um die Götter günstig zu stimmen, hielten die Sieben Leichenspiele für Opheltes ab, den sie fortan Archemoros („Anfang des Unheils“) nannten, und stifteten regelmäßige Spiele. Der Sieger wurde mit einem Kranz aus Sellerie gekrönt.

Geschichte

Die historischen Belege für die Spiele setzen im Jahr 537/36 v. Chr. ein.[5] Die Leitung der Spiele lag ursprünglich bei der Stadt Kleonai, mit der Unterwerfung durch die Stadt Argos im Jahr 450 v. Chr. übernahm diese auch die Spielleitung.

Die Spiele ähnelten ursprünglich einem Kriegsschauspiel, und nur Soldaten und deren Söhne durften daran teilnehmen. Erst später wurden sie allen Griechen geöffnet. Anfangs zwischen Kleonai und Phlius beheimatet, wechselte der Wettkampfort einige Male zwischen Nemea, Kleonai, Korinth und Argos, zwischenzeitlich wurden die Spiele auch Kleonische Spiele genannt.

Die Nemeen fanden in einem „Drei-Jahr-Rhythmus“ statt,[6] laut Pausanias im Winter,[7] laut Eusebius im ersten Jahr der Olympiade im Winter und im dritten Jahr der Olympiade im Sommer. Zur Zeit der Schlacht bei Marathon war es in der Gegend um Argos üblich geworden, in Nemeaden zu rechnen. Im Jahr 218/7 v. Chr. besuchte Philipp V. von Makedonien die Spiele[8].

Im 1901 von Wracktauchern gefundenen Mechanismus von Antikythera (1. Jahrhundert v. Chr.), welcher erst 2010 vollständig entschlüsselt wurde, gibt es eine vierjährige Nebenuhr, die die Panhellenischen Spiele anzeigt, darunter auch den Termin am Austragungsort Nemea.

Programm der Spiele

Athletischer Wettkampf

Der athletische Teil der Nemeischen Spiele wurde nackt durchgeführt.

  • Stadion – Kurzstreckenlauf über 178 m.
  • Diaulos – Kurzstreckenlauf über 355 m (Zwei Stadien).
  • Hippios – Mittelstreckenlauf über 710 m (Vier Stadien).
  • Dolichos – Langstreckenlauf, genaue Länge nicht bekannt. Möglicherweise über 20 oder 24 Stadien (3550 m bzw. 4260 m).
  • Hoplitodromos – Waffenlauf über 355 m (Zwei Stadien).
  • Pyx – Faustkampf.
  • Pankration – Mischung aus Ringen und Boxen.
  • Pale – Aufrechtes Ringen.
  • Pentathlon – Fünfkampf aus Stadion, Pale, Diskos, Akontion und Halma (Fünfsprung).

Reiterischer Wettkampf

Der Reitwettkampf fand in einem Hippodrom statt. Das Hippodrom von Nemea ist bis heute nicht entdeckt worden, die Längenangaben sind daher Schätzungen. Bis zur Eroberung Griechenlands durch die Römer, bei der diese Praxis verboten wurde, war der Reitwettkampf der einzige Wettkampf der Panhellenischen Spiele, bei dem Frauen teilnehmen durften. Das lag daran, dass nicht der Athlet als Teilnehmer galt, sondern der Besitzer des Pferdes. So konnten auch Städte Mannschaften finanzieren.

  • Tethrippon – Wagenrennen mit Viergespann über 8400 m.
  • Synoris – Wagenrennen mit Zweigespann über 5600 m.
  • Keles – Galopprennen über 4200 m.

Nemeische Spiele der Neuzeit

Die Society for the Revival of the Nemean Games[9] (Deutsch: Gesellschaft zur Wiederbelebung der Nemeischen Spiele) wurde 1994 nach mehr als zwanzig Jahren archäologischer Arbeiten in Nemea zur Wiederbelebung der antiken Tradition gegründet. Die zeitgenössischen Spiele stellen dabei mehr eine Nachstellung als einen tatsächlichen sportlichen Wettkampf dar und finden seit 1996 alle vier Jahre statt. Die Spiele 2020 fanden auf Grund der Pandemie nicht statt, im Juni 2024 wurden die Spiele zum achten Mal abgehalten.[10] In Griechenland gelten die Spiele der Bildung in Geschichte und als Gegenstück zu der Kommerzialisierung der Olympischen Spiele. Die Wettkämpfe finden nach Alter und Geschlecht sortiert statt und stehen auch international Interessierten offen. Statt Medaillen erhalten die Sieger wie in der Antike einen Kranz aus wildem Sellerie. Aus den Wettkämpfen sticht der ebenfalls wiederbelebte Hoplitodromos hervor. Die Teilnehmer tragen weiße Chitone und laufen barfuß.[11]

Literatur

  • William Smith: Dictionary of Greek and Roman Antiquities, (1870)
  • Oscar William Reinmuth: Nemea 4. In: Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike in fünf Bänden. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1979, Band 4, Sp. 47. ISBN 3-423-05963-X
  • Ingomar Weiler: Der Sport bei den Völkern der alten Welt: Eine Einführung. Darmstadt 1981, ISBN 978-3-5340-7056-5
  • Stephen G. Miller, Nemea: A Guide to the Site and the Museum. Berkeley 1989 (2. Auflage Athen 2004)
  • Stephen G. Miller (with contributions by Robert C. Knapp and David Chamberlain), Excavations at Nemea II: The Early Hellenistic Stadium, Berkeley and Los Angeles: University of California Press, 2001
Commons: Nemeische Spiele – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Pindar, Nemeische Oden 3,65
  2. Vgl. Bibliotheke des Apollodor 2,5,1,4 und Scholien zu Pindars Nemeischen Oden
  3. Hyginus, Fabulae 74
  4. Hyginus, Fabulae 74; Pausanias (2,15,2) spricht von Gras (πόαν).
  5. Oscar William Reinmuth: Nemea 4, Sp. 47
  6. Bakchylides, Epinikien 9,23 (τριετεῖ)
  7. Pausanias 2,15,3
  8. Polybios, Historien 5,101.
  9. Website der Society for the Nemean Games. Abgerufen am 15. August 2024 (englisch).
  10. https://nemeangames.org/en/home-english/
  11. Peter Linden: Alles für den Siegerkranz aus Sellerie. In: Süddeutsche Zeitung. 4. August 2016, abgerufen am 15. August 2024.