Nationalreligion

Eine Nationalreligion ist eine Religion, die ihre Gläubigen in einer als Abstammungsgemeinschaft definierten Nation findet. Nationalreligionen werden im Lauf der Geschichte häufig zu Staatsreligionen.

In einem evolutionistischen Verständnis wurden Nationalreligionen und Volksreligionen bis ins frühe 20. Jahrhundert als Zwischenstufe zwischen den „Naturreligionen“ des Animismus, die von indigenen Völkern praktiziert werden, und den Weltreligionen eingeordnet, wo Gott insbesondere in den monotheistischen Religionen als entmaterialisiert, spiritualisiert und transzendent gedacht wird.[1]

Unter dem Einfluss nationalistischer Ideen wird in mehreren religiös pluralistischen Ländern versucht, eine Nationalreligion zu konstruieren, um dadurch eine Homogenität der Bevölkerung zu erzielen. Beispiele hierfür sind der Hindunationalismus der Bharatiya Janata Party in Indien und der Staats-Shintoismus in Japan. Doch auch Universalreligionen, denen die Exklusion Anderer an sich fremd ist, können den Charakter einer Nationalreligion annehmen: Diese Religion ist dann wesentlicher Bestandteil der kulturellen Identität der Mehrheitsbevölkerung, ethnische und religiöse Minderheiten werden ausgegrenzt. Ein Beispiel hierfür ist Sri Lanka mit seiner mehrheitlich buddhistisch singhalesischen Bevölkerung, wo Hindus, Muslime und Christen teilweise ausgegrenzt werden.[2]

Als Nationalkirche werden christliche Kirchen bezeichnet, deren Organisation sich auf einen einzelnen Staat bezieht und beschränkt. Im nationalsozialistischen Deutschland versuchten die Deutschen Christen das Christentum als „deutsch-germanische“ Nationalreligion zu etablieren.[3]

Auch das Judentum in Israel wird als Nationalreligion bezeichnet, und zwar sowohl in seiner vorexilischen Zeit,[4] als auch im modernen Israel.[5]

Einzelnachweise

  1. Christoph Auffarth, Hubert Mohr: Religion. In: dieselben, Jutta Bernard, (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Bd. 3, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 978-3-476-02070-3, S. 162.
  2. Christoph KleineStaat und Religion. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 4. Auflage. Band 7, Mohr-Siebeck, Tübingen 2004.
  3. Tanja Hetzer: Deutsche Christen. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 5: Organisationen, Institutionen, Bewegungen. de Gruyter Saur, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-027878-1, S. 146.
  4. Hans Heinrich Schmid: Heiliger Krieg und Gottesfrieden im Alten Testament. In: Fritz Stolz (Hrsg.): Religion zu Krieg und Frieden. Theologischer Verlag, Zürich 1986, S. 49–65, hier S. 52, zitiert nach Hans-Michael Haußig: Judentum: Gewaltnarrative im Tanach und im Talmud. In: Jacqueline Werkner (Hrsg.): Handbuch Religion in Konflikten und Friedensprozessen. Springer VS, Wiesbaden 2024, ISBN 978-3-658-44928-5, S. 711–724, hier S. 715.
  5. Max Haller: Radikale Werte. Die Interessen der Menschen und ihre gesellschaftlich-politische Durchsetzung. Springer VS, Wiesbaden 2024, ISBN 978-3-658-42953-9, S. 385.