Narrenhände beschmieren Tisch und Wände
Narrenhände beschmieren Tisch und Wände ist ein Ausspruch des Volksmunds, der als Sprichwort zur Abqualifizierung benutzt wird. Vermehrt seit den 2000er Jahren[1] wird der Ausspruch vor allem im Zusammenhang mit negativer Beurteilung von Graffiti gebraucht.[2]
Herkunft und Verwendung
Die ursprüngliche Herkunft und Entstehung ist unbekannt. Dass hier die Figur des Narren abwertend gebraucht wird, könnte auf die Herkunft aus dem Mittelalter hinweisen. Immer wieder auftauchende Quellenangaben, die Wilhelm Busch, aber auch Erich Kästner oder Joachim Ringelnatz als Urheber benennen, lassen sich nicht fundieren.
Der Universalgelehrte Jan Gruter überlieferte 1610 eine niederländisch-flämische („belgische“) Fassung des Ausspruchs: „Zotten[3] handen beschryven alle wanden“.[4] Der Ausspruch findet sich 1828 in einem Lehr- und Lesebüchlein für Elementar-Schüler des Lehrers Anton Heilingbrunner aus Wasserburg am Inn.[5]
Es existieren die sprachlichen Abwandlungen „Narren Hände beschmeissen alle Wände“, „Narrenhände besudeln Tisch und Wände“[6] und „Aberwitz und Narrenhand, malet sich auf jede Wand.“[7]
Dichterische Verarbeitungen
Goethe verarbeitete die ins Deutsche übertragene Redensart bereits 1802 in seinem Gedicht von Künstlers Fug und Recht auf: „Da doch der Saal und seine Wänd / Gehörten nur für Narrenhänd“.[8]
Auch Friedrich Nietzsches griff 1882 den Ausspruch lyrisch in Die fröhliche Wissenschaft auf:
„Narr in Verzweiflung
Ach! Was ich schrieb auf Tisch und Wand
mit Narrenherz und Narrenhand,
das sollte Tisch und Wand mir zieren? ...
Doch i h r sagt: "Narrenhände schmieren -
und Tisch und Wand soll man purgieren,
bis auch die letzte Spur verschwand!"
Erlaubt! Ich lege Hand mit an -,
ich lernte Schwamm und Besen führen,
als Kritiker, als Wassermann.
Doch, wenn die Arbeit abgetan,
säh' gern ich euch, ihr Überweisen,
mit Weisheit Tisch und Wand besch...“
Literatur
- Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 3. Leipzig 1873. (Abschrift auf zeno.org, abgerufen am 15. Oktober 2025)
Einzelnachweise
- ↑ Narrenhand, die, auf dwds.de, abgerufen am 15. Oktober 2025.
- ↑ Reinhard Roche: Graffiti. Sprachliche Wirkungsmuster und Aktionsziele einer Kontrakultur . beschmieren Tisch und Tuch, besprühen Haus und Wände" |. In: bpb.de. Bundeszentrale für politische Bildung, 26. Mai 1984, abgerufen am 15. Oktober 2025 (Ursprünglich veröffentlicht in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament", 21/1984).
- ↑ niederländisch zot „Narr, Tor“ ist etymologisch verwandt mit deutsch „Tor; töricht“.
- ↑ Janus Gruterus: Florilegium ethico-politicum nunquam ante hac editum … Accedunt … Proverbia … Belgica, Bd. III. Jonas Rhodius, Frankfurt am Main 1610, S. 176. (Google-Books)
- ↑ Anton Heilingbrunner: Die Schulgesetze oder Anweisung zu einem ordentlichen und gesitteten Betragen für Schulkinder in ihren verschiedenen Verhältnissen. Erklärt und durch lehrreiche Erzählungen erläutert. Ein Lehr- und Lesebüchlein für Elementar-Schüler. Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Ernst August Fleischmann, München 1828, S. 90. (Digitalisat auf digitale-sammlungen.de, abgerufen am 15. Oktober 2025) – Nach dem Autor wurde die Anton-Heilingbrunner-Schule benannt.
- ↑ Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 3. Leipzig 1873. (Abschrift auf zeno.org, abgerufen am 15. Oktober 2025)
- ↑ Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 1. Leipzig 1867, Sp. 10. (Abschrift auf zeno.org, abgerufen am 15. Oktober 2025)
- ↑ Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke. Hrsg. Siegfried Seidel. Band 1, Berlin 1960, S. 407–409. (Abschrift auf zeno.org, abgerufen am 15. Oktober 2025)