Nanno Marinatou

Nanno Marinatou (griechisch Ναννώ Μαρινάτου, ursprünglich Ourania Marinatou (griechisch Ουρανία Μαρινάτου); meist Nanno Marinatos[1]; * 28. Mai 1950 in Athen) ist eine griechische Archäologin, die sich auf die Minoische Kultur und Religion spezialisierte und in den USA an der University of Illinois at Chicago das Fach Classics lehrte.

Leben und Karriere

Nanno Marinatou ist die Tochter von Aimilia Loverdou Marinatou und des Archäologen Spyridon Marinatos (1901–1974). Durch ihren Vater wurde schon früh ihr Interesse an der bronzezeitlichen Archäologie geweckt. Sie besuchte die Deutsche Schule Athen, an der sie 1968 ihren Abschluss machte. Anschließend studierte sie Archäologie an der University of Colorado Boulder. Sie erwarb dort ihren Bachelor- und ihren Master-Abschluss.[2] 1979 wurde sie dort promoviert, ihre Doktorarbeit trug den Titel „Thucydides and Traditional Religion“.[3] Danach lehrte sie als Gastprofessorin an verschiedenen amerikanischen und europäischen Universitäten, unter anderem am Oberlin College in Ohio, an der Universität Bergen (Norwegen) und an der Universität Zürich. 2001 übernahm sie eine Professur an der University of Illinois at Chicago, wo sie bis zu ihrem Ruhestand 2019 lehrte.[4][5]

Während ihrer Laufbahn nahm sie an verschiedenen Ausgrabungen teil. 1974 bei ihrem Vater und von 1993 bis 1997 mit Manfred Bietak in Tell el Dab’a (Ägypten). Sie spezialisierte sich auf die alten Religionen der Ägäis und Ägyptens. Außerdem untersuchte sie die religiösen Vorstellungen bei Homer, Herodot und Thukydides. Zu ihren Veröffentlichungen gehören über 100 Fachartikel und mehrere Bücher.[2]

In der ihr gewidmeten Festschrift des Journal of Ancient Egyptian Interconnections wird sie als „a leading figure in the area of interconnections bright light in the constellation of Classical Studies“[6] (eine führende Persönlichkeit im Bereich der Verbindungen ein leuchtender Stern am Himmel der Klassischen Philologie) beschrieben. Es wurde dort auch hervorgehoben, dass sie besonders über die Rolle der minoischen Kultur und ihre Verbindungen zum alten Ägypten forschte. In einem Interview mit Dimitris Garyphalis in dem Griechischen Archäologischen Journal (Περιοδικό Θέματα Αρχαιολογίας) sprach sie über ihre Forschung und sagte, dass sie, nachdem sie die Symbole der minoischen Religion entschlüsselt hatte, zu dem Schluss gekommen sei, dass die Große Göttin, die von dem Archäologen Arthur Evans als „Mutter Erde“ bezeichnet worden war, eine Sonnengöttin sei.[7] Marinatou vertrat darüber hinaus die Meinung, dass es eine kulturelle Gemeinschaft («πολιτιστικής κοινής») im östlichen Mittelmeerraum gegeben habe, und belegte diese Theorie mit Bildern.[8]

Mitgliedschaften und Auszeichnungen

Nanno Marinatou ist Mitglied des Österreichischen Archäologischen Instituts, korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts sowie Mitglied der Athener Archäologischen Gesellschaft.[9]

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Art and Religion in Thera. Reconstructing a Bronze Age Society. Mathioulakis, Athen 1984.
    • deutsch: Kunst und Religion im alten Thera. Mathioulakis, Athen 1987, ISBN 960-7310-26-8.
  • Minoan Religion: Ritual, Image, and Symbol. University of South Carolina Press, Columbia, South Carolina 1993, ISBN 0-87249-744-5.
  • Santorini: Archäologie, Geschichte, Religion. Mathioulakis, Athen 1995, ISBN 978-960-731023-1.
  • The Goddess and the Warrior. Routledge 2000, ISBN 978-0-415-21829-0.
  • mit Manfred Bietak, Clairy Palyvou: Taureador Scenes in Tell el-Dab‘a (Avaris) and Knossos. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2007, ISBN 978-3-7001-3780-1.
  • Minoan Kingship and the Solar Goddess: A Near Eastern Koine. University of Illinois Press, Urbana, Ill. 2010, ISBN 978-0-252-03392-6.
  • Akrotiri – Santorini. The Biography of a Lost City. Militos, Athen 2014, ISBN 978-960-464630-2.
  • Sir Arthur Evans and Minoan Crete: Creating the Vision of Knossos. I. B. Tauris, London 2015, ISBN 978-0-857-73883-7.
Herausgeber
  • mit Robin Hägg: The Minoan Thalassocracy. Myth and Reality. Proceedings of the Third international Symposium at the Swedish Institute in Athens, 31 May – 5 June, 1982 (= Skrifter utgivna av Svenska Institutet i Athen Ser. in 4° Bd. 32). Svenska Institutet i Athen, Stockholm 1984, ISBN 91-85086-78-9.
  • mit Robin Hägg: Greek Sanctuaries. New Approaches. Routledge, London 1993, ISBN 0-415-05384-6.
  • mit Fritz Blakolmer, Lefteris Platon: Pax minoica revisited. Nnew research on Arthur Evans' concept of the political expansion of Minoan Crete. Harrasowitz, Wiesbaden 2025, ISBN 978-3-447-12327-3.

Literatur

  • Nanno Marinatos: A Tribute. In: Journal of Ancient Egyptian Interconnections. Bd. 7, 3, 2015, S. 1–2 (Digitalisat).

Einzelnachweise

  1. So auf dem Titel aller ihrer Bücher.
  2. a b Νανώ Μαρινάτου (68) - ex-dsathen.gr. Abgerufen am 27. Dezember 2025.
  3. Marinatos, Nanno Ourania Classics and Mediterranean Studies | University of Illinois Chicago. Abgerufen am 27. Dezember 2025 (englisch).
  4. a b Nanno Marinatos Distinguished Professor Event UIC today. Abgerufen am 27. Dezember 2025.
  5. Marinatos, Nanno Ourania Classics and Mediterranean Studies University of Illinois Chicago. Abgerufen am 27. Dezember 2025 (englisch).
  6. Journal of Ancient Egyptian Interconnections, Bd. 7 Number 3, September 2015, S. 1-2. Abgerufen am 27. Dezember 2025 (englisch).
  7. Ναννώ (Ουρανία) Μαρινάτου Συνέντευξη στον Δημήτριο Γαρουφαλή, Διευθυντή Θεμάτων Αρχαιολογίας, S.111. Abgerufen am 27. Dezember 2025 (griechisch).
  8. Ναννώ (Ουρανία) Μαρινάτου Συνέντευξη στον Δημήτριο Γαρουφαλή, Διευθυντή Θεμάτων Αρχαιολογίας, S.117. Abgerufen am 27. Dezember 2025 (griechisch).
  9. Biography NANNO (Ourania) MARINATOS. Abgerufen am 27. Dezember 2025 (englisch).