Nagel Auktionen
Nagel Auktionen ist ein Kunstauktionshaus mit Sitz in Stuttgart. Das Auktionshaus veranstaltet jährlich reguläre Auktionen (Kunst- und Antiquitäten, Moderne & Zeitgenössische Kunst, Asiatische Kunst, Luxusarmbanduhren, Islamische Kunst und Sammlerteppiche) sowie Sonderauktionen. Es ist Mitglied im Bundesverband Deutscher Kunstversteigerer e. V.
Geschichte
Der promovierte Chemiker Fritz Nagel (1897–1981) gründete 1922 in seiner Heimatstadt Mannheim eine Kunsthandlung. Er stammte aus einer kunstsinnigen Familie. Schon der Großvater war in Mannheim ein bekannter Goldschmied und vermittelte nebenbei Werke von Münchner Malern. Der Vater, der das großväterliche Juweliergeschäft übernahm, handelte ebenfalls mit Kunst und Antiquitäten. Sein Onkel Wilhelm Nagel studierte an der Karlsruher Akademie unter Ferdinand Keller und wurde Landschaftsmaler.
Während des Chemiestudiums besuchte Fritz Nagel auch Vorlesungen in Kunstgeschichte. Auf seinen Reisen nach Wien, Berlin und München sowie durch die Besuche der Kunstauktionen des Hofkunsthändlers Felix Fleischhauer in Stuttgart wurde dieses Interesse gestärkt. Zwei Jahre nach Eröffnung seines Antiquitätengeschäftes führte er die erste Kunstauktion in Mannheim durch.
In der Folgezeit konnte Nagel zahlreiche Sammlungen und Wohnungen auflösen, darunter auch die Inventare der Orangerie des Großherzogs von Hessen-Darmstadt und der Schlösser Schloss Heiligenberg, Schloss Langenzell bei Heidelberg und Schloss Friedewald bei Daaden. 1932 fand die 50. Kunstauktion auf Schloss Talheim statt. Ebenso wurde bedeutende Privatsammlungen versteigert, darunter die Sammlung moderner Gemälde des Verlegers Alexander Koch aus Darmstadt. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Fritz Nagel zum Wehrdienst einberufen. Das Mannheimer Ladengeschäft wurde geschlossen.
In Stuttgart organisierte Nagel die erste Nachkriegsauktion, eröffnete 1950 erneut ein Ladengeschäft und war als Auktionator und Kunsthändler tätig. 1956 gehörte er zu Ausstellern der Deutschen Kunst- und Antiquitätenmesse in München und nahm zehn Jahre an dieser Verkaufsschau teil.
Kurz vor der 200. Kunstauktion übergab Nagel 1964 das Auktionsgeschäft in die Hände seines jüngeren Sohnes Gert K. Nagel (* 1936), eines Restaurators für Gemälde und Skulpturen, der das Auktionshaus ausbaute.
Die Auktionen der Nachkriegszeit fanden noch in der Stuttgarter Liederhalle statt. Das erste ständige Auktionslokal wurde in der Breitscheidstr. 127 eingerichtet. Schon 1974 mussten neue, größere Räume in der Hasenbergstr. 31 angemietet werden. 1980 folgte der Umzug in einen Neubau in der Mörikestraße 17–19. Das Stuttgarter Kunstauktionshaus entwickelte sich unter der Leitung von Gert K. Nagel zu einem mittelständischen Unternehmen. Traditionell bediente man alte und moderne Kunst, also Gemälde, Skulpturen und Grafik, ebenso wie europäisches Kunsthandwerk, Möbel und vor allem Sammlerteppiche, aber auch außereuropäische Kunst.
Am 1. Januar 1990 verkaufte Gert K. Nagel die Firma an seinen Mitarbeiter Robin Phillip Straub (1956–2004). Dieser stammte ebenfalls aus einer kunstsinnigen Familie. Vater Karl Ludwig Straub (1900–1997) hatte am Bauhaus in Dessau studiert, war Assistent von László Moholy-Nagy und später als Grafiker tätig. Kurz nach der Übernahme zog das Auktionshaus in die Adlerstr. 31. In der Folge richtete Straub das Auktionshaus auf das internationale Geschäft aus aus. Er erwarb in der Neckarstraße ein altes Firmengebäude, das 1906 von dem Stuttgarter Architekturbüro Schmohl & Stählin erbaut worden war. Nach einer Renovierung wurde das Haus im September 2003 eröffnet.
Nach Straubs Tod im Dezember 2004 wurde die Firma Nagel Auktionen von einem inhabergeführten Unternehmen in eine GmbH & Co. KG umgewandelt.[1]
Im Jahr 2014 zählte Nagel zu den führenden Kunstauktionshäusern Deutschlands, war eine international gefragten Adressen für asiatische Kunst und profitierte vom Interesse der asiatischen Käuferschaft an den übrigen Sparten des Hauses.[2]
2018 wurde mit einem Erlös von 7,3 Millionen Euro für eine seltene kaiserlich-chinesische Drachenvase mit Qianlong-Siegelmarke ein Rekordergebnis für Kunsthandwerk im deutschsprachigen Raum erzielt werden.[3]
Im Sommer 2020 wurde gemeldet, dass die Firma, nicht zuletzt in Folge der Corona-Krise und deren besondere Auswirkung auf den asiatischen Markt, in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Eine Insolvenz konnte allerdings abgewendet werden, das Unternehmen strebe eine Sanierung in Eigenverwaltung an. Künftig wolle man neben dem Standbein der asiatischen Kunst auch stärker die zu dieser Zeit besonders gefragte Moderne berücksichtigen.[4]
Im Jahr 2021 wurde mit dem erzielten Ergebnis von 14.070.000 Euro, für den Verkauf einer Chinesischen Bronze, das bis dato teuerste Kunstwerk auf dem deutschen Auktionsmarkt versteigert.[5]
Im Jahr 2022 erreichte das Auktionshaus mit dem Verkauf der "Art Kite Collection" öffentliche Aufmerksamkeit. Dabei handelt es sich um flugdrachen, die von bekannten Künstlern gestaltet wurden, darunter Gerhard Richter, Robert Rauschenberg, Frank Stella, Atsuko Tanaka, Yayoi Kusama und Niki de Saint Phalle. Die Versteigerung erbrachte ein Ergebnis von 8,7 Mio. Euro.[6]
Auktion Schätze der Tek Sing
Im November 2000 versteigerte Nagel 350.000 chinesischen Porzellanen von der 1822 auf dem Weg von China nach Indonesien in der Gasparstraße, eine Meerenge zwischen Sumatra und Borneo, gesunkenen Dschunke Tek Sing. Die acht Tage andauernde Versteigerung unter dem Titel Schätze der Tek Sing erregte weltweites Medieninteresse. Das Gebrauchsporzellan umfasste vor allem Schalen und Teller, aber auch Schenkgefäße und eine kleine Anzahl von dekorativen Objekten. Bei der Mehrzahl der Stücke handelte es sich um Blau-Weiß-Ware mit vielgestaltigen Dekoren, die im Süden Chinas hergestellt worden waren.[7]
Nagel Auktionen baute eine Dschunke in Originalgröße nach und zeigte die schönsten Exponate im Jahr 2000 in der Ankunftshalle des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Zusätzlich wurden Werbeveranstaltungen in New York, Paris, London und Südostasien durchgeführt. Zur Auktion in einem eigens dafür errichteten Zelt wurden rund 3000 Kunden registriert.[8] Die Auktion erhielt einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde.[9]
Der Umstand, dass die Bergung der Funde nicht fachgerecht dokumentiert worden war und die Tatsache, dass der Finder Teile der Ladung zerstören ließ, um die Preise für den Rest in die Höhe zu treiben, haben zu internationaler Kritik am Verkauf der Objekte geführt.[10]
Sonstige bekannte Versteigerungen seit 1990
- 1990 Glas-Sammlung Uwe Friedleben[11]
- 1995 Inventar Schloss Osterberg
- 1996 Inventar Schloss Möckmühl
- 1997 Inventar Schloss Orsenhausen
- 1998 Inentar Schloss Gaussig[12]
- 2002 Sammlung „Adolf Hölzel und sein Kreis“[13]
- 2008 Sammlung J. J. Ludwig, Regensburg[14]
- 2009 Sammlung Neckermann[15]
- 2013 Sammlung Julius Eberhardt[16]
- 2016 Sammlung Gert K. Nagel[17]
- 2022 Versteigerung der "Art Kite Collection"
- 2023 Sammlung Ferdinand III Mülhens[18]
- 2024 Nachlass Wilhelm Kuhnert[19]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Handelsregister A des Amtsgerichts Stuttgart, Chronologischer Auszug zur Registernummer 11831, abgerufen unter handelsregister.de.
- ↑ Sabine Spindler: "Hier werden saftige Preise erzielt." Hrsg.: Handelsblatt. Nr. 151, 8. August 2014, S. 57.
- ↑ Rekordpreis für eine chinesische Vase, Handelsblatt vom 7. Dezember 2018.
- ↑ Susanne Schreiber: Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung. In: Handelsblatt. 24. Juni 2020, abgerufen am 25. November 2020.
- ↑ Clara Zimmermann: Nagel, Rekord für chinesische Bronze, 23. Juni. In: Weltkunst, das Kunstmagazin der Zeit. 23. Juni 2021, abgerufen am 10. Mai 2023.
- ↑ Auktion bei Nagel: Künstlerdrachen landen unter dem Hammer. Abgerufen am 5. Juni 2023.
- ↑ Die Welt vom 16. Dezember 2000 über die Auktion Schätze der Tek Sing, abgerufen am 7. März 2011
- ↑ Dschunke bringt einem Schatzsucher das große Los, Handelsblatt vom 23. November 2000.
- ↑ Kunstschätze aus Asien am Stöckach, Stuttgarter Zeitung vom 21. März 2014.
- ↑ Chen Lin: Exploration of the Nanhai No.1 china.org.cn vom 31. August 2007, abgerufen am 25. November 2020
- ↑ Die Kollektion Friedleben kommt in Stuttgart zur Versteigerung, Handelsblatt vom 21. August 1990.
- ↑ Erstaunlich starke Nachfrage, Handelsblatt vom 13. Februar 1998.
- ↑ Ressort Kunstmarkt, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. November 2002.
- ↑ Erfolg für die Sammlung J. J. Ludwig, Handelsblatt vom 20. März 2008.
- ↑ Liebe zur Kugelspielerin, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. März 2009.
- ↑ Kostbare Wiener Sammlung, Handelsblatt vom 27. September 2013.
- ↑ Erfolgreich abgesetzt, auch bei forschen Untergeboten, Handelsblatt vom 4. Februar 2014.
- ↑ Feine Nase, nicht nur für Düfte, Handelsblatt vom 22. November 2023.
- ↑ Löwensprung in Brüssel, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Februar 2024.