Myrtice West
Myrtice West (* 14. September 1923 in Cherokee County, Alabama; † 12. April 2010 in Centre, Alabama) war eine US-amerikanische autodidaktische, visionäre Malerin, die sich der Art brut zurechnen lässt.
Werdegang
Myrtice West wurde 1923 als Tochter von William und Verely Snead geboren und wuchs mit zwei älteren Brüdern im Cherokee County auf. Ihr Vater war Landwirt und betrieb von den 1920er bis in die 1940er Jahre einen mobilen Laden, der die Landbevölkerung mit Waren versorgte. Die Familie lebte an verschiedenen Orten in Cherokee County und im Norden Georgias, und dementsprechend besuchte Myrtice West bis zur achten Klasse viele unterschiedliche Schulen im County. Später absolvierte sie einen Fernkurs und erwarb mit dem General Educational Development Test ihren Schulabschluss. Als Kind besuchte sie mit ihrer Familie abwechselnd die baptistische und methodistische Kirche.[1] Mit vierzehn Jahren wurde sie in Spring Creek getauft.[2] Aufgewachsen im sogenannten Bible Belt, hing auch sie dem evangelikalen Protestantismus an.[3]
Mit 17 Jahren heiratete Myrtice West am 24. Dezember 1940 Wallace West († 2005),[4] dessen Familie in der Nähe ihrer Großeltern lebte.[2] Mit der Hoffnung auf Arbeit zog das Paar nach der Heirat nach Atlanta, wo Wallace West eine Anstellung in einer Ofengießerei fand. Mit Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg meldete er sich zur Armee und wurde Flugabwehrausbilder. Das Paar lebte auf verschiedenen Stützpunkten im Süden, und Myrtice West kehrte nur zur Pflanzzeit nach Cherokee County zurück, um ihre Eltern auf der Farm zu unterstützen. Später diente ihr Mann in Asien. Nach seiner Rückkehr ließen sie sich dauerhaft in Cherokee County nur wenige Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt nieder.[5] Myrtice West und ihr Mann begannen sich mit Fotografie zu beschäftigen, erwarben eine Kamera und verkauften Porträtfotos. Myrtice West belegte einen Fernkurs, um die Kunst der Handkolorierung zu erlernen. Etwa zu dieser Zeit wurde sie trotz einer früheren Tumor-OP, bei der auch ein Eierstock entfernt worden war, schwanger, hatte aber eine Fehlgeburt. Danach malte sie verstärkt religiöse Szenen.[1][2]
Im Jahr 1956 bekam das Paar eine Tochter. Myrtice West widmete sich weiterhin der Fotografie und veröffentlichte in der von ihr und ihrem Mann gegründeten „Coosa Printing Company“ das Taschenbuch „Cherokee Looking Back“ mit Zeichnungen lokaler Sehenswürdigkeiten, die ihr Mann angefertigt hatte. Mit 15 Jahren heiratete ihre Tochter Martha Jane gegen den Willen ihrer Eltern den Einheimischen James Brett Barnett, der sich in den folgenden Jahren zunehmend gewalttätig gegenüber Martha Jane und den beiden gemeinsamen Kindern verhielt. Nachdem sie sieben Jahre in Japan gelebt hatten, kehrten Tochter und Schwiegersohn mit den Kindern 1980 in die Vereinigten Staaten zurück, trennten sich 1985 und ließen sich scheiden. Im Oktober 1986 wurde Martha Jane bei einem Besuch im Cherokee County im Haus ihrer Schwiegereltern von ihrem Ex-Mann erschossen.[3] Myrtice West erhielt das Sorgerecht für ihre Enkelkinder.[2][5][6][7]
In den folgenden Jahren zog Myrtice West ihre Enkelkinder auf, nahm später ihre pflegebedürftige Mutter († 1996) auf und kümmerte sich um ihren an Krebs erkrankten Mann.[1] Daneben war sie stetig künstlerisch tätig und bestritt mit dem Verkauf ihrer Bilder den Lebensunterhalt.[2][8] Im Jahr 2005 brannte Myrtice Wests Haus komplett nieder. Bis auf dreizehn Gemälde wurden dabei sämtliche Werke, die sich im Haus befunden hatten, zerstört, ebenso wie alle Malmaterialien und ihr persönlicher Besitz. Im Juni desselben Jahres starb ihr Mann. Trotz ihres sich verschlechternden Gesundheitszustandes, Herzproblemen und nachlassender Sehkraft[4] setzte sie ihre künstlerische Tätigkeit bis zu ihrem Tod fort. Sie starb im Jahr 2010 nach einem Schlaganfall in ihrem Haus in Centre.[2][6][7][9]
Werk
Myrtice West war eine zeitgenössische Volkskünstlerin,[2] deren Werk stark von ihrer Lebensgeschichte geprägt war.[5] Sie betrachtete ihr Talent als Gabe Gottes und malte ab Ende der 1970er Jahre[4] Interpretationen biblischer Texte.[6] Ihr erstes Werk war eine Reihe von Studien aus der Offenbarung des Johannes, gefolgt von weiteren Büchern der Bibel, insbesondere den prophetischen Büchern.[3] Insgesamt umfasst ihre „Offenbarungsserie“ dreizehn großformatige, ausdrucksstarke Gemälde, die sie innerhalb von sieben Jahren malte.[10] Zuerst skizzierte sie die Figuren mit Bleistift und trug dann eine dünne aus trockenem Pulver und Wasser angerührte Schicht Farbe auf. Danach arbeitete sie mit Öl- und Acrylfarben weiter.[1] Daneben schuf sie auch Porträts, Szenen aus ihrer Gegend[5] und Erinnerungen an ihren Alltag in Alabama. Innerhalb ihrer ausdrucksstarken Werke fügte sie oft erklärende Texte oder Erzählungen hinzu.[7]
Myrtice West verwendete unterschiedliche Materialien, darunter Holzvertäfelungen, Leinwände, Fundstücke wie Vogelhäuser,[7] Sperrholzplatten und über Fliegengitterrahmen gespannte Stoffbezüge.[1] Teilweise übermalte sie alte, weggeworfene Gemälde.[5]
Ab den 1980er Jahren bot Myrtice West ihre Bilder mit ländlichen Szenen und ihre „Offenbarungsbilder“ auf einem lokalen Festival in Rome in Georgia zum Verkauf an. Darüber wurde die Galerieleiterin Miriam Fowler des „Alabama State Council on the Arts“ (ASCA) auf ihre Kunst aufmerksam und nahm vier der Offenbarungsbilder in eine Ausstellung von „Outsider“-Künstlern auf, die 1991 in der Alabama Artists Gallery ausgestellt wurden. In Folge zeigten mehrere Galeristen in Alabama und darüber hinaus Interesse an Myrtice Wests Werk.[1]
Ausstellungen (Auswahl)
- 1991: Outsider Artists in Alabama. Alabama Artists Gallery[2]
- 1995/1996: Revelation: The Paintings of Myrtice West. Art Museum of the University of Memphis, Memphis (Einzelausstellung)[2][8]
- 2004/2005: Revelations and Reflections of American Self-Taught Artists. Wanderausstellung[11]
- 2005: Coming Home! Self-Taught Artists, the Bible and the American South. Museum of Biblical Art, New York[12]
- 2007: Amazing Grace: Self-Taught Artists from the Mullis Collection. Georgia Museum of Art[4]
Literatur
- Carol Crown (Hrsg.): Wonders to Behold: The Visionary Art of Myrtice West. Mustang Publishing 1999, ISBN 978-0-9144-5799-2
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f Ann Oppenhimer, Chuck Rosenak: The Story of Myrtice West & the Revelations Series. In: Wonders to Behold: The Visionary Art of Myrtice West. Buchauszug auf myrticewest.com
- ↑ a b c d e f g h i West, Myrtice. In: Encyclopedia of Alabama. Abgerufen am 4. Januar 2026
- ↑ a b c Myrtice West: Divine Inspiration. In: Raw Vision. Ausgabe 61, Winter 2007 (eingeschränkte Vorschau ohne Seitenzahl)
- ↑ a b c d Doug Gross: Artist alive and painting despite reported death. In: eu.telegram.com vom 1. November 2007. Abgerufen am 4. Januar 2026
- ↑ a b c d e Myrtice West - Biography. In: AskArt. Abgerufen am 4. Januar 2026.
- ↑ a b c 50 Artists / 5. In: Raw Vision: Women in Outsider Art. Ausgabe 103, Herbst 2019, S. 48 (PDF; 59,9 MB).
- ↑ a b c d Myrtice West. In: The Folkaholic. Abgerufen am 4. Januar 2026
- ↑ a b Leslie Luebbers: Foreword. In: Wonders to Behold: The Visionary Art of Myrtice West. Buchauszug auf myrticewest.com
- ↑ Myrtice West 1923–2010. In: myrticewest.com vom 4. Dezember 2010. Abgerufen am 4. Januar 2026
- ↑ Review: Wonders to Behold. In: Artisans: Folk art, antiques, and outsider art. Abgerufen am 4. Januar 2026
- ↑ Happy 81st birthday!. In: myrticewest.com vom 14. September 2004. Abgerufen am 4. Januar 2026
- ↑ Myrtice makes the New York Times. In: myrticewest.com vom 22. Mai 2005. Abgerufen am 4. Januar 2026