Mussolini-Bahnhof
Der Mussolini-Bahnhof (in der Planungsphase: Empfangsbahnhof Heerstraße, nicht zu verwechseln mit dem S-Bahnhof Berlin Heerstraße) war ab 1937 als nicht-öffentlicher Bahnhof für Staatsempfänge in Berlin geplant und Teil des Projekts „Welthauptstadt Germania“.
Vorgeschichte
Traditionell wurde in Berlin der Anhalter Bahnhof für große Staatsempfänge genutzt. Staatsgäste reisten in der Regel vor dem Zweiten Weltkrieg mit einem Sonderzug an.[1]
Die Planungen für die „Welthauptstadt Germania“ sahen unter anderem vor, die innerstädtischen Berliner Kopfbahnhöfe – darunter den Anhalter Bahnhof – aufzugeben und durch zwei weiter außen gelegene, monumentale Durchgangsbahnhöfe, einen Nord- und einen Südbahnhof, zu ersetzten. Für Staatsempfänge mit dem Zug anreisender Staatsgäste musste deshalb eine neue Anlage geschaffen werden. Für diese Umgestaltung der Bahnanlagen in und um Berlin wurde am 12. Mai 1937 die Reichsbahnbaudirektion Berlin gegründet.[1]
Planung
In einer Besprechung von Vertretern der Reichsbahnbaudirektion Berlin und dem für das Projekt „Welthauptstadt Germania“ zuständigen Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, Albert Speer, am 7. Juni 1939 wurde der Standort des Empfangsbahnhofs Heerstraße festgelegt.[1] Der Bahnhof sollte im Süden an die Berliner Stadtbahn und die Bahnstrecke nach Potsdam und im Norden an die Strecken Berlin–Lehrte und Berlin–Hamburg angeschlossen werden. Baubereich war im Wesentlichen der westliche Abschnitt des heutigen Messegeländes und die dort heute verändert geführte Jafféstraße. An dieser Stelle war für die Olympischen Spiele 1936 bereits ein Bahnhof für Tagesbesucher angelegt worden, der nach dem Ereignis funktionslos war und für den Empfangsbahnhof Heerstraße abgerissen wurde.[2]
Gedacht war zunächst an ein Provisorium, das nach Inbetriebnahme des neuen Nordbahnhofs wieder aufgegeben werden sollte, da dann im Umfeld des Bahnhofs Heerstraße kein Fernverkehr, sondern eine Güterzugstrecke zwischen Berlin-Grunewald und dem neu zu errichtenden Güterbahnhof in Berlin-Buch vorbeiführen sollte.[1]
Als nächsten Schritt stellte die Reichsbahn Vorlagen für Adolf Hitler her. Diese verantworteten der Architekt Theodor Dierksmeier und der „Reichsbühnenbildner“ Benno von Arent. Hitler entschied sich für den Entwurf Dierksmeiers. Auf Grundlage dieser Entscheidung beauftragte das Reichsverkehrsministerium am 16. Juni 1939 die Reichsbahnbaudirektion Berlin mit dem Bau. Mit Führererlass vom 23. Juni 1939 legte Hitler die Fertigstellung der Anlage auf den 1. Juni 1940 fest.
Benennung
Die Bezeichnung als „Mussolini-Bahnhof“ beruhte ebenfalls auf einer Entscheidung Adolf Hitlers. Auch der heutige Theodor-Heuss-Platz, damals Adolf-Hitler-Platz, und der Straßenzug von dort zum neuen Bahnhof (heute der östliche Abschnitt der Heerstraße) sollten in „Mussoliniplatz“ und „-straße“ umbenannt werden.[2]
Baubeginn
Die Arbeiten begannen unmittelbar. Die Lieferung großer Mengen Naturstein wurde beauftragt und deren Lieferung aufgenommen, drei große Bagger bereiteten das Baufeld im Tag- und Nachtbetrieb vor, 200.000 m³ waren dafür abzutragen. Auch der Beginn des Zweiten Weltkriegs änderte nichts, die Arbeiten wurden zunächst fortgesetzt.[3] Noch im Januar 1940 wurden Bauarbeiten vergeben.[4] Aber zu einem unbekannten Zeitpunkt, noch Anfang 1940, wurde der Baubetrieb eingestellt.[2] Im Oktober 1940 wurde über eine „Wiederaufnahme der Bauarbeiten“ gesprochen und im Sommer 1941 war die Lieferung für Marmor an die Baustelle vorgesehen.[4]
Empfangsanlage
Der Bahnhof sollte zwei Gleise an einem 20 m breiten und 460 m langen Mittelbahnsteig in Tieflage erhalten. An den Außenseiten der Halle waren Gepäckbahnsteige von 6 m Breite vorgesehen.[5] Die Bahnsteighalle sollte 145 m lang, 40 m breit, 20 m hoch und aus hellgelbem Sandstein errichtet werden. An der südlichen Fassade der Bahnsteighalle sollte als Huldigung an Benito Mussolini in Form eines Wappens ein großes „M“ vor einem Liktorenbündel[Anm. 1] und der Jahreszahl 1940 angebracht werden.[2]
Vom südlichen Ende der Bahnsteighalle führte eine Freitreppe auf die Ebene des Empfangsgebäudes, das rechtwinklig zu Bahnsteighalle und Gleisen platziert werden sollte. Darin war eine große, ebenfalls aus Sandstein errichtete Halle mit Marmorverkleidung für den Empfang der Gäste vorgesehen. Geplant waren in dem Gebäude auch weitere Empfangs-, Konferenz- und Nebenräume. Davor war ein großer Platz anzulegen, der durch Pylonen, Reihen von Fahnenmasten und Tribünen gerahmt werden sollte.
Gleisseitig war die Anlage ebenfalls aufwändig: Wegen der Tieflage der Gleise im Bereich des Bahnhofs und der geforderten, möglichst hohen Zahl von Anbindungen an von Berlin ausgehende Strecken waren in den Zufahrten Steigungen von 10 ‰ und 14 ‰ sowie der Einbau von Weichen in Sonderkonstruktion erforderlich. Gleichwohl hätte der Bahnhof nicht von allen auf Berlin zuführenden Strecken aus angefahren werden können. Das Betriebskonzept sah daher vor, Züge, die solche Strecken nutzten, frühzeitig und weit vor Berlin auf Strecken umzuleiten, von denen aus der Bahnhof anfahrbar war. In einer späteren Phase war vorgesehen, im Zusammenhang mit dem Bau eines Güterzug-Außenrings diese Anbindung noch zu verbessern. Die Bedienung von Weichen und Signalen sollte von einem eigenen Stellwerk aus erfolgen, das am Nordende des östlichen Gepäckbahnsteigs geplant war. Leerzüge sollten in die Abstellbahnhöfe Berlin-Grunewald und Berlin-Rummelsburg gefahren werden.[4]
Reste
Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand die Baustelle aus der aufgelassenen Baugrube. Dort lagerten noch mehrere hundert Tonnen behauener Formsteine mit einem Volumen von 650 m³, auch noch 1959. Von der Anlage ist nichts mehr erhalten.[6]
Literatur
Peter Bock und Alfred Gottwaldt: Regierungszüge, Kaiserbahnhöfe und Staatsfahrten in Deutschland 1889–1989. Geramond, München 2006. ISBN 3-7654-7070-8, S. 33.
Anmerkungen
- ↑ Das Liktorenbündel war das Emblem der Faschistischen Partei Italiens.
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Bock / Gottwaldt, S. 95
- ↑ a b c d Bock / Gottwaldt, S. 99
- ↑ Bock / Gottwald, S. 97, 99
- ↑ a b c Bock / Gottwaldt, S. 101
- ↑ Bock / Gottwaldt, S. 100
- ↑ Bock / Gottwaldt, S. 102
Koordinaten: 52° 30′ 2,6″ N, 13° 16′ 3,3″ O