Muhammad an-Nafs az-Zakīya

Muhammad ibn ʿAbdallāh an-Nafs al-Zakīya (arabisch محمد بن عبد الله النفس الزكية‎; gest. 6. Dezember 762) war ein Hasanide, der während der spätumaiyadischen Zeit zum alidischen Thronprätendenten aufgebaut wurde. Während dieser Zeit richteten sich auch die Mahdi-Erwartungen der Anhänger der beiden extrem-schiitischen Sektenführer Abū Mansūr al-ʿIdschlī und al-Mughīra ibn Saʿīd auf ihn. Nach der abbasidischen Machtergreifung tauchte Muhammad an-Nafs al-Zakīya zunächst unter. Im Jahr 762 unternahm er zusammen mit seinem Bruder Ibrāhīm ibn ʿAbdallāh einen großangelegten Aufstand gegen den abbasidischen Kalifen al-Mansūr, der von den zaiditischen Schiiten und vielen muslimischen Gelehrten unterstützt wurde. Nach einigen Monaten wurde er allerdings von den Truppen des Kalifen niedergeschlagen.

Aufbau zum alidischen Thronprätendenten und Verehrung als Mahdi

Muhammad wurde während der Umayyadenzeit von seinem Vater ʿAbdallāh, der damals das Oberhaupt der Aliden war, als Thronprätendent erzogen und von ihm als Mahdi tituliert. Während des Kalifats von Hischām ibn Abd al-Malik machten verschiedene schiitische Propagandisten, die sich Muhammad ibn ʿAlī al-Bāqir nicht anschließen wollten, Werbung für ihn. Als nach dem Tod von al-Walid II. im Jahr 744 der Zerfall des umayyadischen Kalifats immer deutlicher wurde, rief ʿAbdallāh die Aliden und verschiedene andere Gruppen, die mit ihnen sympathisierten, darunter verschiedene Muʿtaziliten, in dem Ort al-Abwā im Hedschas zusammen und ließ sie seinem Sohn als zukünftigem Herrscher huldigen. Unter denjenigen, die ihm bei dieser Gelegenheit den Treueid leisteten, soll auch der spätere abbasidische Kalif al-Mansūr gewesen sein.[1]

Muhammad wurde wahrscheinlich auch von den Anhängern der beiden extrem-schiitischen Sektenführer Abū Mansūr al-ʿIdschlī und al-Mughīra ibn Saʿīd, die in der spätumaiyadischen Zeit hingerichtet wurden, als Imam anerkannt. Abū Saʿīd Naschwān al-Himyarī (gest. 1178) berichtet, dass eine Gruppe von Abū Mansūrs Anhängern der Auffassung war, dass Muhammad al-Bāqir Abū Mansūr nur als einen zeitweiligen Verwahrer (mustawdaʿ) eingesetzt hatte, um Zwistigkeiten zwischen den Anhängern von al-Hasan und al-Husain zu verhindern, so wie Mose Josua eingesetzt hatte, bevor die Nachfolge an die Nachkommenschaft seines Bruders Aaron ging. Nach Abū Mansūrs Tod sollte das Imamat wieder zu den Aliden zurückkehren. Sie überlieferten, dass Abū Mansūr gesagt hatte: „Ich bin nur ein Verwahrer und habe nicht das Recht, (das Imamat) an jemanden anders weiterzugeben, bis der erwartete Mahdi erscheint. Er ist Muhammad ibn ʿAbd Allāh an-Nafs az-Zakīya.“ Nach al-Himyarī war diese Gruppe als Muhammadīya bekannt.[2] ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī[3] (gest. 1037) und asch-Schahrastānī[4] (gest. 1178) berichten, dass nach al-Mughīras Hinrichtung auch eine Gruppe seiner Anhängerschaft Muhammad an-Nafs az-Zakīya anerkannte und auf sein Hervortreten wartete.

Sein Untertauchen während der frühen Abbasidenzeit

Anders als von Muhammads Vater ʿAbdallāh erhofft, gelangten wenige Jahre später allerdings nicht die Aliden, sondern die Abbasiden zur Macht. Muhammad und sein Bruder Ibrāhīm hielten sich verborgen und machten auf diese Weise deutlich, dass sie nicht bereit waren, das Kalifat von Abu l-Abbas as-Saffah anzuerkennen. Auf die gleiche Weise verhielten sie sich, als im Juni 754 al-Mansūr das Kalifat antrat.[5] Al-Mansūr fürchtete die beiden Brüder und ließ nach ihnen überall suchen. Bei seiner Wallfahrt im Jahr 758 erfuhr der Kalif, dass Muhammad in den Bergen des Stammes Dschuhaina lebte, doch konnte er ihn dort nicht ergreifen lassen.[6] Um der beiden Brüder habhaft zu werden, ließ er ab 758 mehrere ihrer Verwandten, darunter ihren Vater und Onkel, gefangensetzen und in der Haft misshandeln. Muhammad und Ibrāhīm reisten unterdessen auf der Arabischen Halbinsel umher und sammelten Anhänger um sich, ohne aber irgendwo offen hervorzutreten.[7] Muhammad sandte seinen Sohn ʿAlī nach Ägypten, der dort mit Hilfe des Missionars Chālid ibn Saʿīd einige Anhänger gewinnen und den Statthalter Hamīd ibn Qahtaba täuschen konnte. Dieser wurde deswegen Anfang 762 aus seinem Amt entlassen.[8]

Der Aufstand

Am 22. September 762 schließlich erschien Muhammad vor Medina und nahm die Stadt im Handstreich ein.[9] Mehrere bedeutende Persönlichkeiten der Stadt, darunter der Rechtsgelehrte Mālik ibn Anas, kündigten den Abbasiden die Loyalität auf und schlossen sich ihm an. Ein Verwandter, al-Hasan ibn Muʿāwiya, wurde als Statthalter nach Mekka geschickt, konnte diese Stadt ebenfalls in Kürze in seine Gewalt bringen und die Bewohner auf die Seite Muhammads ziehen.[10] Muhammads Bruder Ibrāhīm nahm unterdessen mit Unterstützung der Zaiditen die Stadt Basra ein.[11]

Es kam zu einem Briefwechsel zwischen al-Mansūr und Muhammad, in dem der Kalif dem Rebellen, für den Fall, dass er sich ergebe, völlige Straffreiheit in Aussicht stellte. Nachdem dies keine Wirkung gezeigt hatte, schickte er seinen Verwandten ʿĪsā ibn Mūsā mit einem Heer von 4.000 Kämpfern gegen ihn aus. Als sich das Heer Medina näherte, sagten sich viele Einwohner der Stadt wieder von Muhammad los und rieten ihm, erneut unterzutauchen.[12] Muhammad lehnte dies jedoch ab und bereitete die Verteidigung Medinas vor, wobei er sich nach dem Vorbild der Abwehr der Mekkaner durch seinen Vorfahren Mohammed richtete.[13] Nachdem viele Bewohner Medinas die Stadt verlassen hatten, rückte ʿĪsā ibn Mūsā auf die Stadt vor.[14] Am 6. Dezember wurde Muhammad an-Nafs az-Zakīya im Kampf getötet, sein Haupt wurde anschließend an den Kalifen gesandt.

Muhammads Bruder Ibrāhīm konnte sich noch bis Februar 763 in Basra halten, wurde dann aber ebenfalls von den kalifalen Truppen besiegt. Muhammads Sohn ʿAbdallāh al-Aschtar floh nach Sindh, wurde dort aber getötet.[15] Einem weiteren Bruder, Idrīs, gelang es, in den westlichen Maghreb auszuweichen und dort 789 mit Unterstützung einheimischer Berberstämme einen alidischen Staat zu begründen. Seine Nachkommen, die Idrisiden, herrschten bis zum Anfang des 10. Jahrhunderts über weite Gebiete des heutigen Marokko.

Die Muhammadīya-Sekte

Al-Baghdādī zufolge trat nach dem gescheiterten Aufstand von Muhammad an-Nafs az-Zakīya im Jahre 762 eine Spaltung der Mughīrīya ein. Eine Gruppe der Mughīriten wandte sich von ihrem ehemaligen Sektenführer al-Mughīra ab und verfluchte ihn. Sie sprachen: „Er hat gelogen mit seiner Behauptung, dass Muhammad ibn ʿAbdallāh ibn al-Hasan der Mahdi ist, der die Erde beherrschen wird, denn er wurde getötet und hat nicht einmal ein Zehntel der Erde beherrscht.“[16] Eine andere Gruppe hielt dagegen an al-Mughīras Lehre fest und behauptete, dass derjenige, der 762 in Medina getötet worden war, nicht wirklich Muhammad an-Nafs az-Zakīya war, sondern ein Satan, der seine Gestalt angenommen habe. Sie lehrten, dass der wirkliche Muhammad an-Nafs az-Zakīya nicht gestorben sei, sondern sich in einem der Berge aufhalte, bis ihm befohlen werde, hervorzutreten. Zum Zeitpunkt, wenn Muhammad an-Nafs az-Zakīya hervortrete, so meinten sie, würden mit ihm 17 Männern erweckt werden, von denen ein jeder einen Buchstaben des größten Gottesnamens erhalten werde, mit dem sie dann die feindlichen Heere besiegen und ihre Weltherrschaft errichten würden. Nach al-Baghdādī wurde erst diese Gruppe Muhammadīya genannt, wegen ihres Wartens auf Muhammad an-Nafs az-Zakīya.[17]

Literatur

  • Al-Balāḏurī: Ansāb al-ašrāf. Bd. II, Ed. Wilferd Madelung. Steiner, Wiesbaden, 2003. S. 507–526.
  • F. Buhl: Art. "Muḥammad al-Nafs al-Zakiyya" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. VII, S. 388b-389b.
  • Franz-Christoph Muth: Der Kalif al-Manṣūr im Anfang seines Kalifats (136/754 bis 145/762): aus d. arab. Chronik von aṭ-Tabarī übers. u. mit histor. u. prosograph. Anm. versehen. Frankfurt/Main 1988.
  • Amikam Elad: "The Rebellion of Muḥammad b. ʿAbd Allāh b. al-Ḥasan (known as al-Nafs al-Zakīya) in 145/762." In J.E. Montgomery (Hrsg.): ʿAbbasid Studies: Occasional Papers of the School of Abbasid Studies, Cambridge, 6–10 July 2002. Leuven, 2004. S. 147–98.
  • Amikam Elad: The rebellion of Muhammad al-Nafs al-Zakiyya in 145/762. Ṭālibīs and early ʿAbbāsids in conflict. Brill, Leiden 2016.
  • Henri Laoust: Les schismes dans l’Islam. Introduction à une étude de la religion musulmane. Payot, Paris 1983. S. 63–66.
  • Tilman Nagel: "Ein früher Bericht über den Aufstand von Muḥammad b. ʿAbdallāh im Jahr 145 h" in Der Islam 46 (1970) 227–262.
  • Renato Traini: "La Corrispondenza tra al-Manṣūr e Muḥammad 'an-Nafs az-zakiyyah'" in Annali di Istituto Orientale di Napoli Nuova Serie 14 (1964) 773–798.

Einzelnachweise

  1. Muth: Der Kalif al-Manṣūr im Anfang seines Kalifats (136/754 bis 145/762). 1988, S. 63.
  2. Abū Saʿīd Našwān al-Ḥimyarī: al-Ḥūr al-ʿīn ʿan kutub al-ʿilm aš-šarāʾif dūna n-nisāʾ al-ʿafāʾif. Dār Āzāl, Beirut, 1985. S. 222f.
  3. ʿAbd al-Qāhir al-Baġdādī: al-Farq baina l-Firaq. Ed. Muḥammad ʿUṯmān al-Ḫišn. Maktabat Ibn Sīnā, Kairo, o. D. S. 212.
  4. aš-Šahrastānī: Religionspartheien und Philosophen-Schulen zum 1. Male vollst. aus d. Arab. übers. u. mit erkl. Anm. vers. von Theodor Haarbrücker. 2 Bde. Halle 1850-51. Bd. I, S. 203.
  5. Muth: Der Kalif al-Manṣūr im Anfang seines Kalifats (136/754 bis 145/762). 1988, S. 62.
  6. Muth: Der Kalif al-Manṣūr im Anfang seines Kalifats (136/754 bis 145/762). 1988, S. 77–79.
  7. Vgl. Muth: Der Kalif al-Manṣūr im Anfang seines Kalifats (136/754 bis 145/762). 1988, S. 67–69.
  8. Laoust: Les schismes dans l’Islam. Introduction à une étude de la religion musulmane. 1983, S. 64.
  9. Vgl. Muth 121-122.
  10. Vgl. Muth 128, 145-150.
  11. Vgl. Laura Veccia Vaglieri: Art. "Ibrāhīm ibn ʿAbdallāh" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. III, S. 983b-985b.
  12. Muth: Der Kalif al-Manṣūr im Anfang seines Kalifats (136/754 bis 145/762). 1988, S. 155f.
  13. Muth: Der Kalif al-Manṣūr im Anfang seines Kalifats (136/754 bis 145/762). 1988, S. 157–158.
  14. Vgl. Muth 159-165.
  15. Elad: The rebellion of Muhammad al-Nafs al-Zakiyya in 145/762. 2016, S. 142f.
  16. So zitiert bei al-Baġdādī: al-Farq baina l-Firaq. S. 212.
  17. Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert der Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam. De Gruyter, Berlin 1997. Bd. IV, S. 386.