Moritz Rabinowitz
Moritz Moses Rabinowitz (* 20. September 1887 in Rajgród;[1] † 27. Februar 1942 im KZ Sachsenhausen) war ein norwegischer Geschäftsmann, der in Haugesund lebte. Er war einer der ersten norwegischen Juden, die nach der Besatzung durch die deutschen Truppen während des Zweiten Weltkrieges[2] verhaftet wurden. Er wurde am 10. April 1940 gesucht, am 4. Dezember 1940 verhaftet und nach Sachsenhausen deportiert, wo er ermordet wurde.[3] Auch der Rest seiner Familie wurde während des Holocaust ermordet.
Hintergrund
Moritz Rabinowitz war der Sohn von Isaac Levi (Isak Levy) und Chaya Rosa Rabinowitz. Sein Vater war Rabbiner im Dorf Rajgród (heute Woiwodschaft Podlachien) in Polen, damals Teil des Russischen Reiches, wo er geboren wurde. Rajgród war damals von jüdischer Tradition und Religion geprägt; die Mehrheit der etwa 4000 Einwohner waren Juden. Die jüdische Gemeinde dort wurde während des Holocausts ausgelöscht. Antisemitismus war weit verbreitet, und die Juden von Rajgród wurden von den russischen Behörden schikaniert; die Judenverfolgung war ein wichtiger Grund, warum viele damals nach Westen auswanderten. Seine Eltern schickten ihn 1901 zu Verwandten nach Norwegen (einem Onkel in Bergen), als er kaum 15 Jahre alt war. Zunächst arbeitete er als Verkäufer im Bekleidungsgeschäft seines Onkels in Bergen. Er hatte zwei Schwestern und einen jüngeren Bruder. Der Bruder emigrierte im Jahr 1914 nach Norwegen (die Brüder hatten sich seit 1901 nicht mehr gesehen), zuerst nach Haugesund und später nach Bergen.[4]
Rabinowitz kam 1911 nach Haugesund. Er heiratete Johanna Goldberg (1889–1939), Tochter des Oberkantors Eduard Goldberg in Berlin.[5] Einer ihrer Brüder, Salomon Goldberg, ist bekannt für den Bau der Synagoge „Friedenstempel“ Halensee in Berlin, ein anderer Bruder war der Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter und Modeschöpfer Max Goldberg. Moritz Rabinowitz und Johanna Goldberg bekamen 1918 eine Tochter, Edith.[4]
Geschäftstätigkeit
In Haugesund eröffnete Rabinowitz ein kleines Bekleidungsgeschäft, das sich zum führenden Bekleidungshersteller und -händler der Stadt entwickelte. Er besaß eigene Bekleidungsfabriken und Geschäfte entlang der gesamten Südwestküste, von Haugesund im Norden bis Kristiansand im Süden. Rabinowitz war in der Zwischenkriegszeit der einzige Jude in Haugesund.
Sein erstes Geschäft in der Stadt Haugesund eröffnete er in der Kaigaten. Einige Jahre später eröffnete er ein Geschäft in der damaligen Hauptstraße Haugesunds, der Strandgaten. Rabinowitz importierte Schuhe und Herrenbekleidung aus Deutschland und eröffnete schließlich Geschäfte in Haugesund, Stavanger, Sauda, Egersund und Kristiansand.
1930 gründete er die Haugesunds Konfeksjonsfabrikk A/S „Condor“, die in einem neuen funktionalistischen Gebäude in der Flotmyrgata untergebracht war.[6] In der Blütezeit beschäftigte er rund 150 Mitarbeiter. Rabinowitz vermarktete sein Unternehmen und baute eine bekannte Marke auf.[4]
Rabinowitz vermachte das Unternehmen einigen Mitarbeitern, die es nach dem Krieg weiterführten. Condor wurde 1975 geschlossen. Sein Vermögen betrug fast 1 Million NOK.[4]
Politisches Wirken
In öffentlichen Debatten in den 1920er- und 1930er-Jahren verteidigte Rabinowitz jüdische Interessen und reagierte auf ungerechte Kritik an Juden. Er war unter anderem in einer Debatte mit Alf Saxlund, dem Sohn von Eivind Saxlund, über die bekannte Fälschung der Protokolle der Weisen von Zion. Rabinowitz wurde in der antisemitischen Nationalt Tidsskrift (geführt von Mikal Sylten) angegriffen. Rabinowitz argumentierte gegen Jon Alfred Mjøens Theorien der Rassenhygiene und des Antisemitismus.
1933 veröffentlichte er zum Thema Verdenskrisen og vi (übersetzt dt. „Die Weltkrise und wir“), in dem er Hitler und den Nationalsozialismus angriff.[7] Er setzte den Kampf fort, indem er Hunderte von Leserbriefen an die Zeitung von Haugesund schrieb. Er schickte Telegramme an die Präsidenten Hindenburg (1933), Roosevelt (1935) und Chamberlain (1938).[8]
Verhaftung, Deportation und Tod
Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht unter dem Decknamen Unternehmen Weserübung auf Dänemark und Norwegen landeten Truppen am 9. April 1940 in Norwegen und am 10. April in Haugesund. Die Gestapo legte großen Wert darauf, Rabinowitz in der kleinen Küstenstadt zu fassen. Er hatte mehrere Verstecke entlang der Küste vorbereitet und zog von einem zum anderen, immer mit der Gestapo auf seinen Spuren.[9]
Nach seiner Gefangennahme wurde Rabinowitz im KZ Sachsenhausen interniert, wo er in der Baracke für Juden untergebracht wurde, obwohl er offiziell als politischer Häftling eingestuft wurde. Er wurde am 27. Februar 1942 ermordet.[10]
Schicksal der Familie
Seine Tochter Edith (geb. 16. August 1918, gest. 3. März 1943), ihr Ehemann Hans Reichwald (geb. 29. September 1916, gest. 17. Januar 1943) und ihr Sohn Harry (geb. 23. November 1940, gest. 3. März 1943) wurden ebenfalls in Auschwitz ermordet. Reichwald wurde am 26. Oktober 1942 verhaftet und am 26. November mit dem Schiff „Gotenland“ deportiert. Edith und ihr Sohn wurden am selben Tag verhaftet und am 24. Februar 1943 mit dem DS „Donau“ deportiert. Nach ihrer Ankunft in Auschwitz wurden sie direkt in die Gaskammer gebracht.
Sein Bruder Herschel Hermann Rabinowitz (1891–1942), der in Bergen lebte und ab 1924 mit Rosa Goldberg (1894–1934), einer Schwester seiner Schwägerin Johanna verheiratet war, wurde am 22. Dezember 1942 in Auschwitz ermordet.
Erinnerungsorte
Monument in Haugesund
Rabinowitz wird mit einem Denkmal ganz im Süden der Haraldsgata in Lillesund in Haugesund geehrt. Das Denkmal wurde am 6. Mai 1986 vom damaligen Sprecher des Stortings Jo Benkow im heutigen Rabinowitzparken enthüllt.
Stolpersteine
Am 9. November 2013, dem 75. Jahrestag der Reichspogromnacht, wurde in Haugesund ein Stolperstein zum Gedenken an Moritz Rabinowitz verlegt. Der Stein befindet sich auf dem Bürgersteig vor seinem ehemaligen Haus in der Strandgata in Haugesund. In Bergen wurde ein Stolperstein zum Gedenken an seinen Bruder Herschel Hermann verlegt.
Literatur
- Arne Vestbø: Moritz Rabinowitz – En biografi. Spartacus, Oslo 2011, ISBN 82-430-0561-7.
- Raimund Wolfert: Die Goldbergs. Zwischen Friedenstempel, Lunapark und Haus der Modeindustrie (Jüdische Miniaturen, 164). Hentrich & Hentrich, Berlin 2015, ISBN 978-3-95565-088-9.
Weblinks
- Artikel über Rabinowitz Kulturminneårets artikkel om Rabinowitz ( vom 11. Oktober 2009 im Internet Archive) (norwegische)
- Foto aus Moritz Rabinowitz' Leben und Werk Digitaltmuseum.no
- Artikel über Rabinowitz «- Unnskyld, Moritz Rabinowitz» Haugesunds Avis, 30. April 2011 (norwegisch)
- Moritz Rabinowitz‘ Flucht in den Tagen nach Kriegsausbruch am 9. April 1940 Moritz Rabinowitz sin flukt i dagene etter krigsutbruddet 9. april 1940 ( vom 8. Januar 2011 im Internet Archive) Haugaland Museum (norwegisch)
Einzelnachweise
- ↑ Notice de personne: Rabinowitz, Moritz (1887–1942). Bibliothèque nationale de France (BnF), abgerufen am 27. September 2025 (französisch).
- ↑ 2. Kapitel: Völkerrechtliche Grundlagen für den Kulturgüterschutz während des Zweiten Weltkrieges. In: Rückerstattung der Nazi-Beute. de Gruyter Recht, Berlin, New York 17. Januar 2008, doi:10.1515/9783899496123.1.15.
- ↑ Ragnar Ulstein: Jødar på flukt. Samlaget, 1995.
- ↑ a b c d Arne Vestbø: Moritz Rabinowitz: en biografi. Spartacus 2011. ISBN 978-82-430-0561-7 side 53-56
- ↑ Raimund Wolfert: Die Goldbergs. Zwischen Friedenstempel, Lunapark und Haus der Modeindustrie (Jüdische Miniaturen, 164). Hentrich & Hentrich, Berlin 2015, ISBN 978-3-95565-088-9, S. 43–49, 55–58.
- ↑ Condor Konfeksjonsfabrikk, auf industrimuseum.no
- ↑ hdl.handle.net
- ↑ Noa Ben David: Building “Something That Lasts”. In: European Journal of Jewish Studies. Band 18, Nr. 2, 9. September 2024, ISSN 1025-9996, S. 277–300, doi:10.1163/1872471x-bja10084.
- ↑ Arne Vestbø: Moritz Rabinowitz: en biografi. Spartacus, Oslo 2011, ISBN 978-82-430-0561-7.
- ↑ Daniel Magnus Aadnesen: Moritz Rabinowitz [– et resymé av en biografi]. In: Historieportal Per Gjendem. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 14. Juli 2014; abgerufen am 13. September 2025 (norwegisch).