Mordfall Johann Heinrich Rieber

Der Mordfall Johann Heinrich Rieber geschah am 21. Oktober 1835 in Bönnigheim.[1] Dabei wurde der Schultheiß von Bönnigheim, Johann Heinrich Rieber, hinterrücks angeschossen Er starb zwei Tage später an seinen Verletzungen. Aufgeklärt wurde der Mordfall im Jahr 1872 durch Hinweise aus den USA.[2] Rieber war von 1823 bis zu seiner Ermordung 1835 Schultheiß von Bönnigheim.

Mord

Heinrich Rieber (* 1794 in Bönnigheim) wurde in der Nacht des 21. Oktober 1835 wenige Schritte vor seiner Wohnung im sogenannten Kavaliersbau in Bönnigheim von hinten angeschossen und starb zwei Tage später an seinen Verletzungen.[3] Der Fall führte zu umfangreichen Ermittlungen unter Leitung des Oberamtsrichters Eduard Hammer, der dabei erstmals im Königreich Württemberg forensische Ballistik einsetzte,[2] um eine in Verdacht geratene Waffe kriminaltechnisch zu prüfen.[4][5]

Hierzu verglich der Oberamtsrichter Eduard Hammer die Spuren der aus den überprüften Waffen abgefeuerten Schrotladung mit den im Leichnam aufgefundenen Schrotkugeln und konnte die untersuchten Waffen auf diese Weise als Tatwaffe ausschließen. Besonders bemerkenswert ist dies vor dem Hintergrund, dass Alexandre Lacassagne die forensische Ballistik erst 1889 als eigenes Fachgebiet begründete.[6]

Hammer konnte seine methodischen Ansätze jedoch nicht veröffentlichen. Da der Mordfall ungeklärt blieb, hätte der Täter die betreffende Waffe als belastendes Beweismittel identifizieren und unauffindbar machen können. Hammer starb, bevor der Täter ermittelt wurde, und hatte daher keine Gelegenheit, seine Ergebnisse oder die Entwicklung seiner Methode der Fachwelt zugänglich zu machen.[7]

Erst 37 Jahre später, 1872, gingen aus Washington, D.C. Hinweise des ausgewanderten Bönnigheimers August Friedrich Wilhelm Rupp ein,[2] die den ehemaligen Waldschützen Gottlob Rüb aus Stetten am Heuchelberg als mutmaßlichen Täter benannten. Rüb soll den Mord begangen und später als US-Soldat im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg gefallen sein. Nach Auswertung von Unterlagen aus Deutschland und den USA sah die Staatsanwaltschaft Heilbronn den Fall als hinreichend geklärt an und stellte das Verfahren am 7. August 1872 „durch beruhigend Erklären“ ein,[3] womit der Mordfall Johann Heinrich Rieber offiziell als aufgeklärt gilt.[8]

Der Bönnigheimer Mordfall gilt als der einzige bekannte deutsche Mordfall des 19. Jahrhunderts, der in Amerika aufgeklärt wurde,[2] und hält mit 37 Jahren zudem den Rekord für die längste Aufklärungsdauer in diesem Jahrhundert.[2] Durch die Nachforschungen von Anne Marie Ackermann für ihren 2017 erschienen historischen, englischsprachigen Roman, der 2018 mit der Bronzemedaille des Independent Publishers Book Award in der Kategorie True Crime ausgezeichnet wurde,[9] fiel auf, dass die damals ausgelobte Belohnung für sachdienliche Hinweise nie ausgezahlt wurde. 2018 reiste daher der amtierende Bönnigheimer Bürgermeister in die Vereinigten Staaten, um dort die ausgesetzte Belohnung von umgerechnet 1000 Euro an die Nachkommen des Hinweisgebers zu überreichen.[10] Er beantragte zudem bei Guinness World Records die Anerkennung für die späteste ausgezahlte Belohnung zur Aufklärung eines Mordfalls,[11] was jedoch abgelehnt wurde.[12]

Literatur

  • Ann Marie Ackermann: Death of an Assassin: The True Story of the German Murderer Who Died Defending Robert E. Lee, The Kent State University Press, Kent, Ohio, 2017, ISBN 978-1-606353042
    • Ann Marie Ackermann: Tod eines Mörders. Ein spektakulärer Kriminalfall aus dem 19. Jahrhundert. Die wahre Geschichte eines deutschen Mörders, der bei der Verteidigung von Robert E. Lee starb. Silberburg-Verlag GmbH, 2019 (deutsche Übersetzung von Otfried Kies), ISBN 978-3-8425-2169-8

Einzelnachweise

  1. Rieber, Johann Heinrich. In: LEO-BW. Abgerufen am 8. Dezember 2025.
  2. a b c d e Bönnigheim - Bürgermeistermord. Abgerufen am 5. Dezember 2025.
  3. a b Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, Kreisgerichtshof Esslingen: Kriminalsenat / 1817-1870; Verfahren gegen: Täter nicht ermittelt; Tatzeit: 21.10.1835; Tatort: Bönnigheim/Oberamt Besigheim; Tat: Stadtschultheiß Rieber wird vor seinem Haus erschossen E319 Bü 146 [Ermittlungsakte].
  4. Alfred Drossel: Bürgermeistermord von Bönnigheim: Geschichte eines Kriminal-Visionärs. In: lkz.de. 18. Oktober 2021, abgerufen am 8. Dezember 2025.
  5. Ann Marie Ackermann, Isabelle Balázs: Mord am Stadtschultheißen: Württemberg als Geburtsort der forensischen Ballistik. In: Schwäbische Heimat 71(1). Researchgate.net, Januar 2020, S. 33-39, abgerufen am 8. Dezember 2025.
  6. Ann Marie Ackermann: Tod eines Mörders: Ein spektakulärer Kriminalfall aus dem 19. Jahrhundert. Silberburg-Verlag, Tübingen 2019, ISBN 978-3-8425-2169-8, S. 96.
  7. Ann Marie Ackermann: Tod eines Mörders: Ein spektakulärer Kriminalfall aus dem 19. Jahrhundert. Silberburg-Verlag, Tübingen 2019, ISBN 978-3-8425-2169-8, S. 101.
  8. Alexander Hettich: Bönnigheim/USA: Mordakte nach 146 Jahren endgültig geschlossen. In: stimme.de. 6. Juni 2018, abgerufen am 8. Dezember 2025: „Der brutale Mord an Bönnigheims Bürgermeister Johann Heinrich Rieber gilt seit 1872 als aufgeklärt.“
  9. Philipp Obergassner: Buchpremiere mit Schauspiel in Bönnigheim: Bürgermeistermord kommt auf die Bühne. 20. September 2019, abgerufen am 8. Dezember 2025.
  10. Ann Marie Ackermann: Tod eines Mörders. Ein spektakulärer Kriminalfall aus dem 19. Jahrhundert. Die wahre Geschichte eines deutschen Mörders, der bei der Verteidigung von Robert E. Lee starb. Hrsg.: Silberburg-Verlag GmbH. 1. Auflage. 2019, ISBN 978-3-8425-2169-8, S. 15.
  11. Bürgermeister 1835 in Bönnigheim erschossen: Kommt dieser Mord ins Guinness-Buch der Rekorde? In: stuttgarter-zeitung.de. 4. Juli 2018, abgerufen am 8. Dezember 2025.
  12. Philipp Obergassner: Mord an Bürgermeister Johann Rieber 1835: Bönnigheimer Mord landet nicht im Guinness-Buch der Rekorde. In: Stuttgarter Nachrichten. 21. August 2018, abgerufen am 5. Dezember 2025.