Monetärkeynesianismus
Der Monetäre Keynesianismus bezeichnet eine wirtschaftstheoretische Richtung innerhalb des Post-Keynesianismus, die die Geldwirtschaft als eigenständigen Ordnungsrahmen begreift. Zentrale Annahmen sind die Endogenität des Geldes, die monetäre Bestimmung des Zinses (als Prämie für den Verzicht auf Liquidität) und die Dominanz der Vermögensmärkte für Einkommensbildung und Beschäftigung. In Deutschland ist der Ansatz eng verbunden mit der sogenannten Berliner Schule um Hajo Riese.[1]
Begriffsbestimmung
Der Monetäre Keynesianismus versteht sich als Reformulierung der keynesianischen Theorie mit monetärem Kern (monetary theory of production). Geld ist nicht bloß Schleier über Realprozessen, sondern konstitutiv für Preise, Zins und Verteilung. Der Zins wird als monetär bestimmter Preis für die Aufgabe von Liquidität (Liquiditätspräferenz) interpretiert; Reallohn und Profitrate ergeben sich endogen aus dem monetären Prozess.[2][3]
Geschichte
Der Ansatz entwickelte sich seit den 1970er Jahren im deutschsprachigen Raum, insbesondere an der Freien Universität Berlin. Als prägende Figur gilt Hajo Riese, dessen Schüler- und Kollegenkreis (u. a. Karl Betz, Hansjörg Herr, Ulrich Fritsche, Michael Heine, Tobias Roy, Heike Joebges) das Programm systematisiert und angewandt hat.[2] Eine frühe Systematisierung erfolgte mit der zweibändigen Edition von Rieses Schriften.[2]
Ein programmatisches Merkmal der Berliner Schule ist die Ableitung zentraler Kategorien aus dem Gläubiger-Schuldner-Verhältnis. Bereits Karl Betz bezeichnete dieses Verhältnis als „Grundverhältnis kapitalistischer Vergesellschaftung“ und verknüpfte daran die monetäre Bestimmung des Zinses als Prämie für den Verzicht auf Liquidität.[4] In der Programmatik von Hajo Riese fungiert das Gläubiger-Schuldner-Verhältnis explizit als Ausgangspunkt der Theorie der Geldwirtschaft; entsprechend werden Zins, Einkommen und Verteilung als Ergebnisse eines monetären Prozesses gefasst.[5]
Zu den frühen Beiträgen aus dem Umfeld der Berliner Schule zählt die Dissertation von Mathilde Lüken-Klaßen (FU Berlin 1991) und die darauf basierende Monografie Währungskonkurrenz und Protektion: Peripherisierung und ihre Überwindung aus geldwirtschaftlicher Sicht (Metropolis 1993).[6] Neuere Arbeiten rekonstruieren die Theorie und verorten die Berliner Schule innerhalb des internationalen Post-Keynesianismus.[7][8]
Theoretische Grundlagen
- Endogenes Geld und Kredit: Geld entsteht primär durch Bankkreditschöpfung; die Geldmenge folgt dem Kreditbedarf.
- Zins als monetäre Größe: Der Marktzins ist die Prämie auf den Verzicht von Liquidität (Liquiditätspräferenz); er setzt den Standard, an dem sich die Profitrate ausrichtet.
- Liquiditätsprämie von Währungen: In offenen Volkswirtschaften tragen Währungen unterschiedliche Liquiditätsqualitäten; Zinsdifferenzen kompensieren dies (Portfolioperspektive der Devisenmärkte).
- Preis- und Einkommensbildung: Preise besitzen eine Einkommens- (Faktorentlohnung) und eine Gewinnkomponente (Quasirenten/Marktlagengewinne).
- Politikkoordination: Geld-, Lohn- und Fiskalpolitik müssen konsistent agieren; diskretionäre Feinsteuerung ist begrenzt wirksam, automatische Stabilisatoren sind wichtig.[2][3]
Politikimplikationen
- Zentralbankpolitik: Zinssteuerung ist zentral, aber durch Liquiditätspräferenzen der Portfolios begrenzt.
- Lohn- und Tarifpolitik: Stabilisiert den monetären Prozess.
- Außenwirtschaft: Wechselkurs- und Zinsregime sollten die Liquiditätsqualität der heimischen Währung berücksichtigen.[2]
Abgrenzung
- Zur Neoklassik/Neoklassischen Synthese: Geld ist nicht neutral; Zins und Profit sind monetär bestimmt.
- Zu anderen Post-Keynesianern: Gemeinsamkeiten mit „fundamentalists“ (Unsicherheit, Geld als Asset); stärkerer Fokus auf monetäre Gleichgewichte und Portfoliologik.[7]
Vertreterinnen und Vertreter
- Hajo Riese (Begründer der Berliner Schule)
- Karl Betz (systematische Fundierung, Zins-Profit-Verknüpfung)
- Hansjörg Herr (Weltwährungssystem, Entwicklung)
- Ulrich Fritsche, Michael Heine (Empirie/Investitionen, Wachstum)
- Heike Joebges (Finanzsystem, Währungskrisen, Euro-Ungleichgewichte)
- Mathilde Lüken-Klaßen (Geld- und Außenwirtschaft; vgl. [6])
- Tobias Roy (Mitherausgeber der Riese-Schriften; Systematisierung des monetären Ansatzes)[2]
- Waltraud Schelkle (Beiträge zu Geld-/Währungstheorie; Mithg. von Rätsel Geld)[9]
Siehe auch
Literatur
- Karl Betz; Ulrich Fritsche; Michael Heine; Hansjörg Herr; Heike Joebges; Tobias Roy; Jürgen Schramm (Hrsg.)': Hajo Riese: Grundlegungen eines monetären Keynesianismus. Ausgewählte Schriften 1964–1999. 2 Bde., Metropolis, Marburg 2001.
- Karl Betz: Ein monetärkeynesianisches makroökonomisches Gleichgewicht. Metropolis, Marburg 1993.
- Karl Betz: „‚Kapital‘ und Geldkeynesianismus“, in: PROKLA 72, 1988.
- Mathilde Lüken-Klaßen: Währungskonkurrenz und Protektion: Peripherisierung und ihre Überwindung aus geldwirtschaftlicher Sicht. Metropolis, Marburg 1993.
- Heike Joebges: Crisis recovery in a country with a high presence of foreign owned companies – The case of Ireland. IMK Working Paper Nr. 175, Düsseldorf 2017.
- Sebastian Dullien; Heike Joebges; Alejandro Márquez-Velázquez: „Führt lockere Geldpolitik zu Hauspreisblasen? Lehren aus der theoretischen Literatur“, Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung 85 (1), 2016, S. 111–123.
- Peter Spahn: „Monetärer Keynesianismus: Versuch einer Rekonstruktion von Hajo Rieses ‚Theorie der Geldwirtschaft‘“, Hohenheim Discussion Paper 02-2024 (Open Access).
- Eckhard Hein: „Post-Keynesian Economics in Germany Since the 1970s“, Review of Political Economy, online first, 2025.
- Waltraud Schelkle; Manfred Nitsch (Hrsg.): Rätsel Geld: Annäherungen aus ökonomischer, soziologischer und historischer Sicht. Metropolis, Marburg 1995.
Einzelnachweise
- ↑ Nachruf: Hajo Riese (1933–2021). In: Keynes-Gesellschaft. Abgerufen am 5. Oktober 2025.
- ↑ a b c d e f Hajo Riese: Grundlegungen eines monetären Keynesianismus. Ausgewählte Schriften 1964–1999. Metropolis, Marburg 2001, ISBN 978-3-89518-359-1.
- ↑ a b Karl Betz: Ein monetärkeynesianisches makroökonomisches Gleichgewicht. Metropolis, Marburg 1993, ISBN 978-3-926570-82-6.
- ↑ Karl Betz: »Kapital« und Geldkeynesianismus. In: PROKLA 72. 1988, abgerufen am 5. Oktober 2025.
- ↑ Grundlegungen eines monetären Keynesianismus. In: Metropolis Verlag. Abgerufen am 5. Oktober 2025.
- ↑ a b Mathilde Lüken-Klaßen: Währungskonkurrenz und Protektion: Peripherisierung und ihre Überwindung aus geldwirtschaftlicher Sicht (= Studien zur monetären Ökonomie. Band 12). Metropolis, Marburg 1993, ISBN 3-926570-61-X.
- ↑ a b Peter Spahn: Monetärer Keynesianismus: Versuch einer Rekonstruktion von Hajo Rieses ‚Theorie der Geldwirtschaft‘. In: Hohenheim Discussion Paper 02-2024. 2024, abgerufen am 5. Oktober 2025.
- ↑ Eckhard Hein: Post-Keynesian Economics in Germany Since the 1970s. In: Review of Political Economy. 2025, doi:10.1080/09538259.2025.2490937.
- ↑ Waltraud Schelkle, Manfred Nitsch: Rätsel Geld: Annäherungen aus ökonomischer, soziologischer und historischer Sicht. Metropolis, Marburg 1995, ISBN 3-89518-052-1.