Mitteleuropa (Naumann)

Mitteleuropa ist eine politische Schrift von Friedrich Naumann aus dem Jahr 1915. Sie gilt als eine der wichtigsten Bemühungen, die Kriegsziele im Ersten Weltkrieg zu formulieren. Naumann sah im Krieg ein Ereignis, das notwendigerweise zur Bildung einer geeinten mitteleuropäischen Großmacht führen müsse.

Vorarbeit

Schon in seinem Septemberprogramm hatte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg am 9. September 1914 unter anderem die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbundes gefordert. Naumann, Sozialpolitiker und zugleich Befürworter einer imperialistischen deutschen Politik, konzentrierte sich nun auf ein kontinentales imperialistisches Programm. Er bereiste Österreich-Ungarn und veröffentlichte dann ab Februar 1915 laufend Aufsätze über die Zukunft Europas in der Zeitschrift Die Hilfe.

Inhalt

Nach diesen Vorstudien erschien im September 1915 sein umfangreiches Buch Mitteleuropa. Es hat folgende Kapitel:

  1. Der gemeinsame Krieg und seine Folgen
  2. Zur Vorgeschichte Mitteleuropas
  3. Konfessionen und Nationalitäten
  4. Das mitteleuropäische Wirtschaftsvolk
  5. Gemeinsame Kriegswirtschaftsprobleme
  6. In der Weltwirtschaft
  7. Zollfragen
  8. Verfassungsfragen

Auf die Julikrise, die Kriegsschuldfrage und überhaupt den Kriegsverlauf geht Naumann nicht ein, sondern er fasst den Krieg, wie er im ersten Kapitel darlegt, als Ausgangslage auf, um die Grundlagen einer neuen Gestaltung zu legen. So habe schon Otto von Bismarck im Krieg von 1870 das Deutsche Reich hergestellt. Entsprechend müssten jetzt das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn zusammengeschlossen werden. Dieser unbedingt erforderliche Zusammenschluss ist die Grundthese des Buches. Der Krieg werde zum Schöpfer einer mitteleuropäischen Idee, da sowohl Österreich-Ungarn als auch das Deutsche Reich allein zu schwach seien, um dem Ansturm der Gegner standzuhalten. Der neue Oberstaat sei eine zwingende Notwendigkeit der eigenen Selbsterhaltung. In diesem Staatenbund seien mehrere Angleichungen nötig, zum Beispiel beim Militär, der Währung, bei Maßeinheiten und im Recht. Vor allem brauche Mitteleuropa ein neues Geschichtsbewusstsein, um eine geschichtliche Größe zu werden. Dazu müsse der Partikularismus wie vorher zugunsten der deutschen Reichsidee jetzt zugunsten einer mitteleuropäischen Staatsidee überwunden werden.

In ruhiger Sprache entwirft Naumann das Bild eines Hegemonialstaates, der seine Vormachtstellung durchaus mit großer Rücksichtnahme auf andere Staaten und nationale Minderheiten ausübt. Er glaubt, dass die Zerrissenheit Mitteleuropas in Konfessionen und Nationalitäten durch vernünftige Verträge zu überwinden sei und nimmt die allmähliche Herausbildung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsvolkes an, dem die gemeinsamen Interessen wichtiger sind als die Unterschiede. Deshalb müsse es als Wirtschaftsgemeinschaft über ein einheitliches Zollgebiet verfügen, als Heeresgemeinschaft nach außen durch Schützengräben abgesichert sein und als Staatsgebilde durch eine gemeinsame Außenpolitik zusammengehalten werden.

Rezeption

Schon nach wenigen Monaten waren über 100.000 Exemplare des Werkes verkauft, dem Naumann nach dem Kriegseintritt Bulgariens an der Seite der Mittelmächte die 1916 erschienene Schrift Bulgarien und Mitteleuropa folgen ließ. Das Buch löste eine lebhafte politische Debatte aus, in die sich Naumann selbst durch Aufsätze in der Hilfe und der Wochenschrift Mitteleuropa einschaltete. Dabei musste er seine oftmals vagen und durch die militärische Entwicklung überholten Thesen nach mehreren Seiten zugleich verteidigen. Erst nach dem Auseinanderfallen der Donaumonarchie und der Novemberrevolution sah er sich genötigt, einen vorläufigen Abschied von seiner Idee zu nehmen.

Jörg Drews kommentierte in seinem Beitrag für Kindlers Literatur Lexikon, der „unbedenklich über Länder und Machtverhältnisse schaltende Gestus von Naumanns Ausführungen, die Mischung aus nüchternen ökonomischen Berechnungen und Großmachtphantasien“ sei nur mehr historisch verständlich.[1]

Eine ungeahnte Beachtung erhielt das Werk in der angloamerikanischen Presse, wo es viel stärker als in Deutschland mit der deutschen Politik identifiziert wurde. The New York Times sprach im Juni 1917 von einem durch deutsche Truppen geschaffenen Empire of Mitteleuropa, dessen Verwirklichung bereits seit vielen Jahrzehnten angestrebt worden sei. Der Begriff Mitteleuropa wurde zu einem Synonym für das befürchtete imperialistische Ausgreifen Deutschlands auf den Rest Europas und sogar auf die außereuropäische Welt. Letztlich bedrohe Mitteleuropa weltweit Demokratie und Liberalismus, wie ein Artikel der New York Times Anfang 1918 konstatierte.[2]

Einzelnachweise

  1. Jörg Drews: Mitteleuropa. In: Kindlers Literatur Lexikon, Band 15, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1974, ISBN 3-423-03155-7, S. 6371
  2. Florian Greiner: Der Mitteleuropa-Plan und das Neue Europa der Nationalsozialisten in der englischen und amerikanischen Tagespresse. Zeithistorische Forschungen, Heft 3, 2012