Mitropane Laghidse
Mitropane Laghidse (georgisch მიტროფანე ლაღიძე; russisch Митрофан Варламович Лагидзе Mitrofan Warlamowitsch Lagidse; * 22. Juni 1869 in Tscholewi, Russisches Kaiserreich, heute Zqaltubo, Georgien; † 2. Januar 1960 in der Georgischen SSR) war ein georgischer Unternehmer und der Erfinder der Fruchtsaftgetränke „Wody Laghidse“.
Leben
Mitropane Laghidse wurde am 22. Juni 1869 in der georgischen Region Imeretien in eine verarmte Familie des niederen Adels geboren[1].
Mit 14 Jahren wurde er Lehrling in der Apotheke von Petre Kokochashvili und Caesar Ivanitsky in Kutaissi[2]. Ivanitsky stammte aus Polen und wurde aus politischen Gründen nach Georgien umgesiedelt. Neben der Apotheke besaß er in Kutaisi eine Limonadenfabrik, in der auch Mitropane arbeitete. Dort erlernte Mitropane das Herstellen alkoholfreier Fruchtsaftgetränke, und er übernahm nach Ivanovskys Tod selbst die Leitung der Produktion[1].
Bei der Zubereitung von Erfrischungsgetränken aus ausländischen Essenzen begann er, mit natürlichen Rohstoffen aus Gräsern und Früchten zu experimentieren und entwickelte 1887 eine neue Rezeptur für ein Fruchtsaftgetränk auf Basis natürlicher Produkte.
Im Jahr 1890 eröffnete er in Kutaissi eine eigene Produktionsstätte, und 1900 gründete er eine Gesellschaft zur Herstellung alkoholfreier Getränke auf der Grundlage der Limonadenproduktion in Kutaissi und eröffnete einen Laden für alkoholfreie Getränke. 1902 reiste er durch Deutschland und Frankreich und studierte dort Methode und Technik der Herstellung von kohlensäurehaltigem Wasser.[2] Nun wurden Glasbehälter aus Frankreich nach Georgien geliefert, und die zukünftige Marke erhielt ein Etikett mit dem Bild der Mutter Laghidses mit Brautschleier.[3] Mit Laghidses Unterstützung wurde 1904 in Kutaissi das erste Elektrizitätswerk gebaut[2], anschließend kaufte er in Frankreich Kühlschränke zur Eisherstellung, die er in der Nähe des Elektrizitätswerks für Lebensmittelzwecke aufstellte. Bis dahin hatte die Bevölkerung von Kutaissi im Winter den Schnee gesammelt und in Scheunen eingelagert.[1]
Zwischen 1890 und 1917 verbreitete Laghidse illegale revolutionäre Literatur aus Russland und dem Ausland. Deswegen und für die Organisation von Streiks kam er dreimal ins Gefängnis von Kutaissi, wodurch die Arbeit seines Werks erheblich behindert wurde. Im Jahr 1903 nahm Lagidse an einer dreitägigen Protestdemonstration junger Arbeiter in Kutaisi teil. Er beteiligte sich am Bau von Tunneln im Gefängnis von Kutaisi und an der Flucht der politischen Gefangenen daraus. Im Jahr 1904 führte Laghidse in seinem Werk auf Vorschlag von Sascha Tsulukidze, Micha Tschakaja und Iwan Gomarteli den Achtstundentag ein, der damals noch sehr selten war. Er wurde nach Sibirien verbannt, konnte jedoch dank der Hilfe des Dichters Ilia Tschawtschawadse[1] gerettet werden.
Im Jahr 1906 eröffnete Lagidse mit Hilfe der Dichter Ilia Tschawtschawadse und Akaki Zereteli in Tiflis eine Produktionsstätte für Erfrischungsgetränke und am Golowinsky Prospekt das Geschäft „Wody Laghidse“ (Wasser Laghidse). Die Getränke des Werks wurden schnell populär und in den Jahren 1913 und 1914 auf Ausstellungen und Messen in Sankt Petersburg, Moskau und Wien ausgezeichnet.
1921 brannte das Werk nieder, und vorübergehend kochte Laghidse im Keller seines Wohnhauses in der Gribojedow-Straße in Tiflis Sirupe und füllte Wasser in Flaschen ab. Als die sowjetischen Behörden den Keller des Unternehmers beschlagnahmten und dort Bewohner einquartierten, beschloss Lagidse, sich auch seines Ladens zu entledigen, da er davon ausging, die bolschewistische Regierung werde sich nicht mit dem Keller begnügen. Um ihnen zuvorzukommen, übertrug er 1926 sein Geschäft vollends dem Staat[3]. 1927 bauten die sowjetischen Behörden eine neue Fabrik, zu deren Direktor sie Lagidse ernannten. Für seine Zeit war das Werk gut ausgestattet und nutzte moderne Technik; so wurde 1934 dort in Georgien erstmals Kohlendioxid produziert.[4] In der Sowjetunion glaubte man, durch die Popularisierung des Laghidse-Wassers könne der Wodkakonsum reduziert werden.[1] Die Fabrik ist bis heute in Betrieb, ihr Direktor ist inzwischen Mitropanes Enkel Tornike Laghidse.
Als 1930 der abchasische Politiker Nestor Lakoba Mitropane Laghidse einlud, in Abchasien zu arbeiten, ging er nach Sochumi, wo unter seiner Leitung eine Mineralwasserfabrik gebaut wurde.[1]
Anfang der 1930er Jahre wurde Laghidse vorgeworfen, er halte die Rezepte seiner Getränke geheim, und man lud ihn nach Moskau vor zu Lawrenti Beria. Laghidse antwortete, er habe keine Geheimnisse und könne das Getränk vor Ort zubereiten. Anschließend musste er das Getränk vor den Augen Josef Stalins zubereiten.
In der Sowjetzeit waren die Getränke von Laghidse sehr beliebt. So gibt es Hinweise darauf, dass während der Konferenz von Jalta Laghidse-Wasser auf dem Tisch stand und Roosevelt 2000 Flaschen davon mitnahm[5]. In der Fabrik „Wody Laghidse“ gab es damals eine eigene Abteilung zur Herstellung von Limonaden für die oberste Führung des Landes: Die Getränke wurden montags nach Moskau geliefert. Es sind Informationen über die Vorlieben erhalten geblieben: Stalin selbst bevorzugte Zitronen-Limonade, Chruschtschow Birnen und Orangen, Breschnew Birnen und Estragon, Kalinin Orangen, und Mikojan trank am liebsten Birnen- und Zitronengetränke. Im Jahr 1952 wurde eine Lieferung verschiedener Getränke (Birnen-, Hartriegel-, Zitronen-, Sahne-Brause- und exotische Getränke wie Sahne- und Schokoladengetränke) an Truman geschickt, als Antwort auf dessen Geschenk von tausend Flaschen Coca-Cola.
Im Jahr 1952 wurde Laghidse zum Chefberater der Verwaltung „Fruchtversorgung“ (Главфруктводы) des Ministeriums für Lebensmittelindustrie der UdSSR ernannt. In einer von diesem Ministerium herausgegebenen Rezeptsammlung für alkoholfreie Getränke beziehen sich die meisten Rezepte auf Laghidse-Wasser.
Mitropane Warlamowitsch Laghidse starb am 2. Januar 1960. Er wurde auf dem Saburtalo-Friedhof in Tiflis beigesetzt.
Familie
Laghidse war verheiratet mit Olympiada Vakhanija[1] und hatte fünf Kinder: Die älteste, Tina, arbeitete während des Zweiten Weltkrieges als Ärztin an der Front. Später arbeitete sie in der Fabrik ihres Vaters. Ihr folgten zwei Brüder, Tornike und Dschuancher, die Laghidse zum Studium nach Deutschland schickte. Mit Beginn des Krieges zogen die Brüder nach England und dann nach Frankreich um. Die jüngsten Kinder waren Vakhtang und Ramaz[3]. Vakhtang wurde 1937 wegen politisch unliebsamer Äußerungen verhaftet, kam aber dank Laghidses Bekanntschaft mit Stalin und Beria zwei Jahre später wieder frei[3].
Ehrungen
- Im Hof der Fabrik in Tiflis wurde ein Denkmal für Laghidse errichtet.
- In Tiflis wurde eine Straße nach ihm benannt.
- Jewgeni Jewtuschenko widmete dem Erfinder das Gedicht „Das Wasser von Laghidse“ („Was bedeutet Geschmack für eine Welt, die zu beschäftigt ist? Aber wichtig ist, dass man, müde von der Geschmacklosigkeit, dieses Gefühl eines goldenen Wunders spürt, das einst auf den Lippen zischte“).
- Fasil Iskander zitiert in der Novelle „Das Gelage der drei Fürsten im grünen Hof“ aus seinem Roman „Sandro aus Chegem“ (Сандро из Чегема) einen Dialog zwischen einer der Figuren und Mitropane Laghidse, in dem dieser den Erfolg seines Wassers mit Talent und Liebe zu seiner Arbeit erklärt.
- Nach Meinung von Giorgi Leonidse hat Laghidses Kornelkirschengetränk Sergei Jessenin zu einem poetischen Bild in seinem Gedicht inspiriert: „Verzeih mir, Kaukasus, dass ich dir versehentlich von ihnen erzählt habe. Lehre meine russischen Verse zu fließen wie der Saft der Kornelkirschen.“[6]
- Technik und Kultur von „Wod Laghidse“ wurden 2014 in die Liste des Immateriellen Kulturerbes Georgiens aufgenommen.[7]
Weblinks
- Laghidse Waters (englisch). Abgerufen am 13. Dezember 2025
- Stalins Cola - Das süße Geheimnis der Sowjetunion. Buch, Regie und Schnitt Stefan Tolz. 2025. bei arte. Abgerufen am 13. Dezember 2025
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g მიტროფანე ლაღიძე | Marketer. ('Mitropane Laghidse | Marketer'). 4. September 2017, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 15. Juli 2024; abgerufen am 13. Dezember 2025 (georgisch).
- ↑ a b c მიტროფანე ლაღიძე (1869–1960). ('Mitropane Laghidse (1869–1960)'). In: www.nplg.gov.ge. Abgerufen am 13. Dezember 2025 (georgisch).
- ↑ a b c d Ekaterina Mikaridze: Грузия между "Водами Лагидзе" и Кока-колой. ('Georgien zwischen „Laghidse-Wasser“ und Coca-Cola'). In: Sputnik Georgien. 9. März 2016, abgerufen am 13. Dezember 2025 (russisch).
- ↑ Митрофан Лагидзе: штрихи к портрету. ('Mitropane Laghidse: Skizzen zu einem Porträt'). Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 19. Januar 2012; abgerufen am 13. Dezember 2025.
- ↑ «Воды Лагидзе» и сильные мира сего. ('„Wasser von Laghidse“ und die Mächtigen dieser Welt'). Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 19. Januar 2012; abgerufen am 13. Dezember 2025.
- ↑ ЛЕОНИДЗЕ Г. Я вижу этого человека. ('Leonidze G. N. Ich sehe diesen Mann'). Abgerufen am 13. Dezember 2025 (russisch).
- ↑ UNESCO CULTURE FOR DEVELOPMENT INDICATORS. (PDF) Georgia’s Analytical and Technical Report. In: Culture & Creativity. EU-Eastern Partnership Culture & Creativity Programme, Oktober 2017, S. 82–88, abgerufen am 13. Dezember 2025 (englisch).