Mira Rothenberg
Mira Rothenberg (* 15. Januar 1922 in Vilnius; † 16. April 2015 in Beverly Hills) war eine US-amerikanische Psychologin und emeritierte Professorin der Long Island University.[1]
Leben
Sie wurde als ältestes von drei Kindern des Gutsbesitzers Jacob Kowarski und der Zahnärztin Rose Joffe geboren. Als der Antisemitismus und die Bedrohung durch die Nationalsozialisten in Europa um sich griff, flohen ihre Mutter und ihre beiden jüngeren Geschwister in die Vereinigten Staaten; 1939 wanderte auch sie allein nach New York aus und schloss sich dort Verwandten an. Ihr Vater blieb in Litauen und starb im Holocaust. Nach ihrem Schulabschluss an der Evander Childs High School in der Bronx studierte sie zwischen 1955 und 1957 Pädagogik und Psychologie am Brooklyn College und an der Columbia University. Während ihres Studiums an der Columbia University engagierte sie sich ehrenamtlich in einer örtlichen Synagoge, als sie Waisenkindern begegnete, die aus Konzentrationslagern in Europa gerettet worden waren. Danach begann sie von 1957 bis 1962 ein Masterstudium in Psychologie an der Yeshiva University, der Hebräischen Universität von New York, und erwarb hier einen Masterabschluss.
1953 begann sie an der League School for Seriously Disturbed Children in Brooklyn zu unterrichten, die von Carl Fenichel gegründet worden war. Fünf Jahre später begleitete sie zusammen mit zwei Kollegen, Zev Spanier und Tev Goldsman, elf verhaltensauffällige Kinder auf eine abgelegene Insel in den Adirondacks zu einem intensiven Therapieprogramm. Ihre dabei gemachten Erfahrungen beschrieb sie in ihrem Buch „Die Kinder vom Raquette Lake: Ein Sommer, der die Behandlung von Autismus veränderte“. Diese Erfahrung inspirierte sie und Tev Goldsman zur Gründung der Blueberry Treatment Centers, das bis 1990 über 200 Kindern und Jugendlichen mit Autismus und Schizophrenie durch stationäre und teilstationäre Therapieprogramme, eine Kindertagesstätte und ein Sommercamp Unterstützung anbot. Sie war von 1959 bis 1985 klinische Leiterin dieses Centers. Daneben war sie auch Professorin für Psychologie an der Long Island University und betrieb als approbierte Psychologin in Brooklyn eine eigene Praxis. Sie sprach neben Englisch, die Sprachen Jiddisch, Russisch und Polnisch.
Werk
Durch ihren Lebensweg spezialisierte sich auf die Behandlung von autistischen, psychotischen und verhaltensauffälligen Kindern. Dabei hat sie maßgeblich zur Entwicklung von Behandlungsmethoden und klinischen Unterscheidungen für autistische und schwer verhaltensauffällige Kinder beigetragen, die sich von denen geistig behinderter Kinder unterscheiden.
Ihr Buch „Kinder mit smaragdgrünen Augen“ ist ein Erfahrungsbericht, in dem sie ihre Erlebnisse mit jüdischen Waisenkindern, die die nationalsozialistischen Konzentrationslager überlebt haben, sowie mit jugendlichen Insassen einer Jugendstrafanstalt beschreibt. Sie schildert den therapeutischen Prozess von acht autistischen oder schizophrenen Kindern – ohne dabei ihre Fehler und Misserfolge zu verschweigen. Darunter ist die Geschichte von Danny, einem besonders verstörten Kind, dem ersten autistischen Kind, das sie aufnahm und, wie sie selbst gesteht, mehr als alles andere liebte, das sie aber letztendlich nicht retten konnte: Seine Eltern, müde und verzweifelt angesichts seiner wiederholten Rückfälle, beschlossen irgendwann, ihn besiegt in eine psychiatrische Anstalt einweisen zu lassen.
In ihrem Werk „Die Kinder vom Raquette Lake: Ein Sommer, der die Behandlung von Autismus veränderte“ beschreibt sie ihre Erfahrungen mit elf autistischen und schizophrenen Kindern im Sommer 1958. Um den in den Sommermonaten häufig auftretenden Rückfällen vorzubeugen, beschlossen sie und ihre Kollegen Zev Spanier und Tev Goldsman, ihre jungen Patienten in ein Camp am Raquette Lake in der Adirondack-Region im Norden des Bundesstaates New York zu bringen. Wie sie erklärte, galten schwer gestörte Kinder damals als unheilbar und wurden oft in Heime eingewiesen, wo ihre Bedürfnisse vernachlässigt und ignoriert wurden. Viele von Rothenbergs Patienten wiesen Anzeichen von Missbrauch und emotionalen Traumata auf. Auf der Insel entdeckten Rothenberg, Spanier und Goldsman, dass sich der Zustand ihrer jungen Patienten durch eine damals unkonventionelle Behandlungsmethode, die auf liebevoller Fürsorge und Toleranz basierte, verbesserte und viele der mit ihren Erkrankungen verbundenen emotionalen und körperlichen Probleme geheilt werden konnten.
Ehrungen/Positionen
- 2011: Ehrendoktorwürde der Yeshiva University[2]
- Frau des Jahres durch die Handelskammer von New York City und der National Organization for Mentally Ill Children
Privates
Sie war mit dem Ergotherapeuten Tev Goldsman († 2012) verheiratet; die Ehe wurde 1970 geschieden.[3] Beide sind Eltern von Akiva Goldsman (* 7. Juli 1962). Dieser wurde Autor, Regisseur und Produzent und gewann einen Oscar für sein Drehbuch zu „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“, dem Film nach dem gleichnamigen Buch von Sylvia Nasar über John Forbes Nash Jr., einem mathematischen Genie, das seine Schizophrenie überwand und den Nobelpreis für Spieltheorie erhielt. Mira Rothenberg verbrachte den Großteil ihres Lebens in New York, lebte aber zuletzt mit ihrem Sohn in Beverly Hills.
Publikationen (Auswahl)
- Monografien
- The Children of Raquette Lake: One Summer That Helped Change the Course of Treatment for Autism. North Atlantic Books, Berkeley 2012, ISBN 978-1-58394-467-7.
- Children with Emerald Eyes: Histories of Extraordinary Boys and Girls. North Atlantic Books, Berkeley 2003, ISBN 978-1-55643-448-8.
- Französische Ausgabe: Des enfants au regard de pierre. Seuil, Montrouge 1979, ISBN 978-2-02-005205-4.
- Griechische Ausgabe: Παιδιά με σμαραγδένια μάτια": Η ανθρωπιστική προσέγγιση της παιδικής ψύχωσης και του παιδικού αυτισμού από (Übernahme des französischen Titels: Kinder mit steinernen Augen). Kedros Publications, 1983.
- Litauische Ausgabe: Vaikai smaragdo akimis: Istorijos apie ypatingus berniukus ir mergaites, abgerufen am 25. November 2025.
Weblinks
- Literatur von und über Mira Rothenberg im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Mira Rothenberg, Pioneer in Therapy for Children, Dies at 93 auf New York Times vom 11. Mai 2015, abgerufen am 25. November 2025.
- Tal Trachtman Alroy: Remembering Mira Rothenberg, a Champion for Children with Autism auf Tablet: News&Politics, abgerufen am 25. November 2025.
- Anita White: Mira Rothenberg-Goldsman oral history conducted by USC Shoah Foundation 2002, abgerufen am 26. November 2025.
Einzelnachweise
- ↑ In Memoriam: Mira Rothenberg (1922–2015) auf Jewish Healing Center, Los Angeles, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Mira Rothenberg auf autism.light, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Tev Goldsman auf MyHeritage, abgerufen am 25. November 2025.