Miklós Kállay

Miklós Kállay von Nagykálló [ˈmikloːʃ ˈkaːlːɒi] (* 23. Januar 1887 in Nyíregyháza, Komitat Szabolcs, Ungarn; † 14. Januar 1967 in New York) war ein ungarischer Politiker und von 1942 bis 1944 Ministerpräsidient Ungarns.

Er versuchte während seiner Amtszeit erfolglos, Ungarn aus dem Bündnis mit Deutschland zu lösen.

Leben

Herkunft und frühe Politik

Miklós Kállay von Nagykálló entstammte einer alten Grundbesitzerfamilie des mittleren Adels. Er war der achte Sohn von András Kállay, dem einstigen Obergespan des Komitats Szabolcs.

Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und anschließender Promotion wurde Kállay Oberstuhlrichter (főszolgabíró) in Nagykálló und war von 1922 bis 1929 Obergespan des Komitats Szabolcs. Anschließend wurde er unter Ministerpräsident István Bethlen Staatssekretär im Handelsministerium, das von János Bud geführt wurde. Ab 1931 war er Parlamentsabgeordneter für den Wahlkreis Kemecse und wurde im Folgejahr im Kabinett von Ministerpräsident Gyula Gömbös Ackerbauminister. Wegen Meinungsverschiedenheiten mit Gömbös trat er im Januar 1935 zurück und hielt sich bis 1942 aus der aktiven Politik fern. Unterdessen war er ab 1936 bis 1942 Präsident des Landesbewässerungsamtes und wurde 1937 von Reichsverweser Miklós Horthy zum Mitglied des Oberhauses auf Lebenszeit ernannt.

Ministerpräsident

Der England-freundliche Kállay, der in der Politik relativ unerfahren war, wurde im März 1942 von Horthy gebeten, eine Regierung zu bilden. Er sollte die Politik László Bárdossys, der das Land in eine gefährliche Abhängigkeit von Deutschland gebracht hatte, revidieren. Mit seinen Ministern, die er aus dem Kabinett seines Vorgängers übernahm, entwickelte sich sein politisches Handeln zu einer Schaukelpolitik (hintapolitika): In möglichst geringem Umfang sollten die Forderungen Deutschlands erfüllt werden, während zugleich so schnell wie möglich mit den Westalliierten eine Einigung über die Beendigung des Krieges erzielt werden sollte, um eine sowjetische Besetzung Ungarns zu vermeiden. Letzteres gestalete sich schwierig, da einige Mitglieder seines Kabinetts deutschfreundlich waren und Finanzminister Lajos Reményi-Schneller regelmäßig vertrauliche Informationen an das Deutsche Reich weitergab.

Er versuchte, die ungarischen Juden, die Presse und die Parteien der Linken zu schützen. Die Lage der in Ungarn verbliebenen Zwangsarbeiter verbesserte sich nach seinem Amtsantritt. Kállay forderte zwar im April 1942 die „Umsiedlung“ von 800.000 Juden als „Endlösung der Judenfrage“, um Hitler damit entgegenzukommen, betonte jedoch, dass dies erst nach dem Kriegsende ausgeführt werden könne. In Übereinstimmung mit Miklós Horthy vermied Kállay drastische Schritte und widerstand dem Druck der deutschen Regierung. Diese war mit Kállays halbherzigen Maßnahmen unzufrieden und verstärkte ab Oktober 1942 den Druck auf Ungarn, um durch gesetzgeberische Maßnahmen die völlige Entfernung der jüdischen Bevölkerung aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben, das Tragen des Judensterns und schließlich die Deportation in die Vernichtungslager zu erreichen. Infolgedessen sah er sich auch gezwungen, die 2. Armee an die Ostfront zu senden, die im Januar 1943 am Don vollständig vernichtet wurde.

Während Hitler erstmals im April 1943 die Absetzung Kállays verlangte, knüpfte dieser geheime Verbindungen zu den Westalliierten, in deren Folge im September 1943 geheime Friedensverhandlungen aufgenommen wurden. Als Zugeständnis an die Deutschen übergab Kállay jedoch das bis dahin von ihm selbst geführte Amt des Außenministers an Jenő Ghyczy, lehnte aber schärfere Maßnahmen gegen die fast 1 Million ungarischen Juden ab. Indessen wurde die zweite Front der Alliierten nicht wie von Ungarn erhofft im Westbalkan, sondern in der Normandie errichtet, und sowjetische Truppen rückten immer näher auf Ungarn vor.

Flucht und Exil

Um die Loyalität Ungarns als Bündnispartner zu sichern, besetzte Deutschland im Unternehmen Margarethe das Land am 19. März 1944. Kállay suchte am selben Tag in der Türkischen Botschaft in Budapest Zuflucht und wurde als Ministerpräsident abgesetzt. Dort blieb er bis zu seiner Verhaftung durch die Pfeilkreuzler am 19. November 1944.[1] Er wurde in das Konzentrationslager Dachau, später nach Mauthausen verbracht. Kállay gehörte zu über 140 Sonder- und Sippenhäftlingen, die nach Südtirol verschleppt und dort in Niederdorf am 4. Mai 1945 befreit wurden.[2]

Nach der Befreiung blieb er im italienischen Exil und kehrte nicht in das unter sowjetischen Einfluss geratene Ungarn zurück. 1951 ging er in die USA, wo er 1967 verstarb. Seine sterblichen Überreste wurden 1995 in die Familiengruft der Kállays nach Kállósemjén umgebettet.

Seine Memoiren Hungarian Premier; A Personal Account of a Nation’s Struggle in the Second World War erschienen 1954.

Literatur

  • György Ránki: Unternehmen Margarethe. Die deutsche Besetzung Ungarns. Böhlau, Wien 1984, ISBN 3-205-00600-3.
  • István Deák: Kállay von Nagykálló, Miklós. In: Mathias Bernath, Felix von Schroeder (Hrsg.), Gerda Bartl (Red.): Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Band 2. Oldenbourg, München 1976, ISBN 3-486-49241-1, S. 324 f.
  • Franz Sz. Horváth: Kállay, Miklós, in: Handbuch des Antisemitismus, Band 2/1, 2009, S. 420f.
  • Ágnes Kenyeres et al.: Kállay Miklós. In: Magyar életrajzi lexikon. Akadémiai Kiadó, Budapest 1969 (arcanum.com).
  • Tamás Tarján: Kállay Miklós Miniszterelnök halála. In: rubicon.hu. Abgerufen am 14. November 2025 (ungarisch).
  • István Haeffler (Hrsg.): Országgyűlési Almanach az 1939–44. évi Országgyűlésről. Magyar Távirati Iroda, Budapest 1940, S. 568 ff. (hungaricana.hu).
  • Péter Sipos: Kállay Miklós. In: Magyarország a második világháborúban • Lexikon A-ZS. PETIT REAL Könyvkiadó, Budapest 1997 (arcanum.com).
Commons: Miklós Kállay – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Türkische Botschaft Budapest: Büyükelçilik Tarihi ve Önceki Büyükelçilerimiz, abgerufen am 18. November 2011.
  2. Peter Koblank: Die Befreiung der Sonder- und Sippenhäftlinge in Südtirol, Online-Edition Mythos Elser 2006