Michail Alexandrowitsch Woronzow

Michail Alexandrowitsch Woronzow (russisch Михаил Александрович Воронцов; * 15. November 1900 in Gnilizy bei Nischni Nowgorod; † 16. Februar 1986 in Moskau) war ein sowjetischer Vizeadmiral, Direktor des Informationskomitees beim Ministerrat der UdSSR, Direktor der GRU beim Marinegeneralstab der UdSSR und sowjetischer Marineattaché.

Leben

Geboren in einem Dorf bei Nischni Nowgorod schlug Michail Alexandrowitsch Woronzow nach seinem Schulbesuch ab 1915 eine Ausbildung an einer Militärsanitätsschule ein. Nach erfolgreichem Abschluss 1918 kämpfte er in den schnell zusammengestellten „roten“ Einheiten um die Sicherung der errungenen politischen Macht der Bolschewiki. Ende des Jahres wurde er dann als Ordonanzoffizier im Bereich des Marinehafens von Nischni Nowgorod eingesetzt. Danach versah er bis Ende 1920 seinen Dienst als Assistenzarzt auf einem schwimmenden Lazarettschiff. Von dort war er bis Sommer 1921 zu einer Sanitätseinheit bei der Wolga-Militärflotte kommandiert worden. Nur für kurze Zeit erfolgte dann seine Verwendung innerhalb der Hauptdirektion des Nordhafens von Nischni Nowgorod und ab Oktober 1921 dann gehörte er zur Zentralflotte der Marinetruppen mit Stammsitz in Sankt Petersburg. Hier absolvierte Woronzow zwei Jahre später einen Vorbereitungskurs für die Aufnahme an der Marinekommandantenschule, den er erfolgreich bewältigte. Im Jahr 1924 wurde er Mitglied der KPdSU.[1]

Ende 1926 schloss Woronzow die begonnene Ausbildung an der Marine-Schule ab und wurde daraufhin einer Abteilung des nördlichen Marinedienste mit Sitz in Leningrad angegliedert. Bereits ab April 1929 war er hier als Gruppenleiter tätig und übernahm im März 1930 das Kommando über das hydrografische Schiff „Azimuth“. Von dort erhielt er eine Kommandierung zum Studium an der hydrografischen Fakultät der Militärakademie der Roten Arbeiter- und Bauernarmee (RABA) „K. J. Woroschilow“ (russisch Военная академия Генерального штаба Вооружённых Сил Российской Федерации), das er im März 1934 abschloss. Daraufhin erfolgte sein Einsatz in der Region Fernost und er übernahm hier bis Mai 1938 die Leitung einer Abteilung, die für die Sicherheit des Schiffsverkehrs in diesem Raum zuständig war. Danach rückte er in die Position des stellvertretenden Leiters der hydrografischen Abteilung der Gesamtflotte der UdSSR auf.[2] Hier erfolgte im September 1939 seine Beförderung zum Kapitän 1. Ranges.

Im Zweiten Weltkrieg

Unmittelbar nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages am 23. August 1939 und dem daraufhin am 1. September durch Deutschland vollzogenen Überfall auf das Nachbarland Polen wurde Woronzow nach Berlin entsandt. Hier übernahm er an der sowjetischen Botschaft, Unter den Linden 61, die Aufgaben des Marineattachés. Zu dieser Zeit wurde die Botschaft von dem sowjetischen Diplomaten Alexander Alexejewitsch Schkwarzew (1900–1970) geleitet, der zeitgleich mit Woronzow in Berlin sein Amt übernommen hatte. Nur zwei Monate nach Woronzow traf der neue Leiter der NKWD-Residentur für Deutschland, Amajak Kobulow (1906–1955) in Berlin ein. Das war für die Zeit des Einsatzes sein unmittelbarer Vorgesetzter, zuständig für die militärischen Attachés und die an der sowjetischen Handelsmission in Berlin eingebauten Nachrichtenoffiziere. Vordergründiges Ziel des Einsatzes von Woronzow war es, Informationen über die militärischen Pläne Deutschlands, deren Bewaffnung, rüstungstechnische Entwicklungen und personelle Besetzung, gerichtet auf den Schwerpunkt der Dislozierung der Kriegsmarine, zu beschaffen.[3] In seiner Zuständigkeit als sowjetischer Marineattaché wurde Woronzow von der Gastland-Seite her durch den Leiter der deutschen Marineattachégruppe, Kapitän zur See Hans Mirow (1895–1986) offiziell betreut. Dessen Büro befand sich im Gebäude des Kriegsmarineministeriums, am Tirpitzufer. Miro selbst hatte im Vorfeld dieses Einsatzes eine Entwicklung als Marineoffizier genommen und war im September 1933 als Referent der Abwehrabteilung im Reichswehrministerium eingesetzt worden. Seit März 1935 gehörte er zu dem neu herausgebildeten deutschen Marinenachrichtendienst, der dem Oberkommando der Marine (OKW) angegliedert war. In seinem 1939 übernommenen Aufgabenbereich innerhalb der Attachégruppe in Berlin war Mirow, neben der Betreuung der „fremden Marineattachés“ zugleich für die organisatorische Begleitung des Einsatzes deutscher Marineattachés an den Botschaften und Gesandtschaften im Ausland zuständig.[4] Dazu gehörte unter anderem auch der an der deutschen Botschaft in Moskau notifizierte deutsche Marineattaché, Norbert von Baumbach (1900–1977), der direkte Gegenpart von Woronzow auf sowjetischem Territorium. Dieser war in seiner Position als militärischer Attaché unmittelbar in die Vorbereitungen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages und die anschließende Umsetzung, vor allem der ab September 1939 vollzogenen gegenseitigen Abstimmung beider Länder in marinetechnischen Sachverhalten und die Klärung von Grenzfragen auf dem nach dem 17. September 1939 besetzte, polnischen Gebiet einbezogen.[5]

Nachdem sich Woronzow in die für ihn neuen Aufgaben als Marineattaché eingearbeitet hatte, holte er 1940 seine Ehefrau und Sohn Juli Michailowitsch Woronzow (1929–2007) ebenfalls nach Berlin. Inzwischen war an der sowjetischen Botschaft in Berlin auch weitere personelle Verstärkung eingetroffen. So nahm im Dezember 1940 Wassili Iwanowitsch Tupikow (1901–1904) seine Tätigkeit als sowjetischer Militärattaché auf. Er gehörte mit zur Arbeitsgruppe um Kobulow. Mit dem Vorwurf der Nichteignung für das Amt des sowjetischen Diplomaten in Berlin wurde kurz vor seinem Eintreffen, im November 1940 der bisherige Botschafter Schkwarzer nach Moskau zurückgeholt und durch Wladimir Georgijewitsch Dekanosow (1898–1953) ersetzt. Dieser hatte vor diesem Amt, seit den 1920er Jahren eine Tätigkeit bei der GRU der Transkaukasischen SFSR ausgeübt. Seit 1938 stand er an der Spitze der sowjetischen Auslandsaufklärung.[6] Bis spätestens Sommer 1941 gelang es Woronzow in seinem Verantwortungsbereich mehrere brisante Informationen mit Details zum „Unternehmen Barbarossa“ – dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion – zu beschaffen. Anfangs zwar allgemein auf den Sommer 1941 datiert, konnte er bis Mai 1941 das genaue Datum des tatsächlichen Beginns für den 21./22. Juni 1941 konkretisieren.[7] Mehrere Einzelberichte dazu wurden direkt an Josef Wissarionowitsch Stalin (1878–1953) weitergeleitet. Damit reihte sich Woronzow mit in den Kreis der Personen ein, die sich in ihrem Verantwortungsbereich dafür einsetzten, die von Deutschland ausgehende Kriegsgefahr für die UdSSR mit konkreten Fakten zu belegen und diese Informationen zur Abwendung des geplanten Überfalls an die maßgeblichen Stellen in Moskau weitergeleitet zu haben. Zu ihnen gehörten unter anderem der in Frankreich agierende Sándor Radó (1899–1981),[8] Richard Sorge (1895–1944), der in Japan wirkte,[9] Rudolf von Scheliha (1897–1942), der durch seine Verbindungen nach Polen,[10] sowie Ilse Stöbe (1911–1942) über ihre Position im Reichsaußenministerium[11] und Harro Schulze-Boysen (1909–1942), als Angestellter der Pressegruppe im Reichsluftfahrtministerium in Berlin[12] zeitnah über diese Informationen verfügten. Die Weitergabe dieser streng geheim gehaltenen Daten an die sowjetische Regierung sahen sie alle als ihre Pflicht an, das bedrohte Land zu unterstützen. Einen Monat vor dem geplanten Überfall verließ die Familie von Woronzow Berlin und er selbst brachte sich zwei Tage vor dem Angriffstermin selbst noch in Sicherheit, da ihm die sofortige Schließung der sowjetischen Botschaft bewusst und die Gefahr für sein eigenes Leben bekannt waren. Trotzt der rechtzeitigen Übermittlung dieser Informationen und der damit verbundenen Warnungen maß Stalin diesen Informationen nicht die notwendige Aufmerksamkeit zu. Er vertraute mehr den deutschen Bekundungen und Vorschlägen, die gemeinsame Zusammenarbeit wie sie sich während des Hitler-Stalin-Paktes entwickelt hatte, weiter miteinander auszubauen.[13]

In die Sowjetunion zurückgekehrt, übernahm Michail Woronzow ab August 1941 die stellvertretende Leitung der 1. Nachrichtendirektion beim Volkskommissariat der sowjetischen Marine. Seinen Sitz hatte er im Marinehauptquartier. Nach zwei Monaten rückte er in die Position des Leiters dieser Direktion auf. Unmittelbar nach der deutschen Niederlage in Stalingrad Anfang 1943 gab er aktuelle Informationen über einen von der Wehrmacht in der Nähe von Kursk geplanten erneuten deutschen Vorstoßes zum Aufbrechen des bestehenden Frontverlaufs nach Moskau weiter. Dementsprechend verfügte er auch in diesem neuen Aufgabenbereich weiterhin über sichere Quellen im Hinterland des Feindes. Im Februar 1944 erhielt Woronzow die Beförderung zum Konteradmiral.[14] Die Leitung der Nachrichtendirektion hatte er bis April 1945 inne.

In der Sowjetunion

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wechselte Michail Woronzow dann für ein Jahr in die Aufgaben des Leiters der Marine-Vorbereitungsschule in Baku. Dann übernahm er ab April 1946 die Leitung der 2. Direktion der GRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije) beim Generalstab der sowjetischen Streitkräfte. Auch in dieser Position verblieb er nur ein Jahr und erhielt ab Juni 1947 den Auftrag, als stellvertretender Leiter die 1. Direktion des Informationskomitees beim Ministerrat der UdSSR zu führen.

Ab März 1949 kehrte Woronzow zur GRU zurück und leitete für ein Jahr beim Generalstab der sowjetischen Streitkräfte die 2. Direktion des militärischen Nachrichtendienstes. Anfang 1950 war er kurzzeitig beim Marinegeneralstab im Bereich des dortigen Marinenachrichtendienstes eingesetzt und übernahm dann ab April die Aufgaben des Chefs der dortigen 2. Hauptdirektion. Hier erhielt er Anfang 1951 die Ernennung zum Vizeadmiral.[15] Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt 1952 in der Marinepersonalabteilung, wechselt er in die Lehrtätigkeit und vermittelte mehrere Jahre 1957 als Dozent an der Höheren Militärakademie „K. J. Woroschilow“ seine Erfahrungen, verknüpft mit wissenschaftlichen Erkenntnissen an die nachfolgende Offiziersgeneration in den Fachgebieten operative Strategie und Taktik. Zwischendurch nahm er in diesem Bereich die Aufgaben eines Abteilungsleiters wahr. Von der Militärakademie wechselte er 1957 zur Militärdiplomatischen Akademie der UdSSR. Als Stellvertreter für Wissenschaft war er zugleich für die Ausgestaltung der akademischen Tätigkeit dieser Institution zuständig. Nach zwei Jahren in dieser Verantwortung stand er ab Ende 1959 jeweils für mehrere Monate dem Oberbefehlshaber der Marinestreitkräfte und der 2. Abteilung beim Generalstab der Marine mit Erfahrungen und seinen Verbindungen zur Verfügung.[16] Im April 1964 wurde er dann in die Reserve versetzt und in den Ruhestand verabschiedet. Seinen Wohnsitz nahm er in der Hauptstadt der UdSSR.

Michail Woronzow verstarb am 16. Februar 1986 in Moskau und wurde anschließend auf dem Kunzewoer Friedhof, im westlich gelegenen Stadtteil Moschaiski beigesetzt.

Literatur

  • M. A. Alekseev, A. I. Kolpakidi, V. Y. Kochik: Enzyklopädie des militärischen Geheimdienstes. 1918–1945. Moskau 2012, S. 203f.
  • Hans Coppi, Sabine Kebir: Ilse Stöbe: Wieder im Amt. VSA Verlag, Hamburg, 2015, ISBN 978-3-89965-660-2.
  • V. K. Grabar: Gespeist aus dem Speer. Verlag der Staatlichen Universität St. Petersburg, St. Petersburg 2009, ISBN 978-5-8465-0769-2.
  • A. I. Kolpakidi, D. P. Prochorow: Das GRU-Reich. Band 2, Olma-Press Verlag, Moskau 2000, ISBN 5-224-00600-7.
  • Julius Mader: Dr.-Sorge Report. Berlin 1985, DNB 850416914.
  • Walter Riccius: Die Institution der Luftattachés. Deutsche Luftattachés von Beginn bis 1945. Dr. Köster Verlag, Berlin 2024, ISBN 978-3-96831-061-9.
  • Ulrich Sahm: Rudolf von Scheliha 1897–1942 – Ein deutscher Diplomat gegen Hitler. C. H. Beck Verlag, München 1990, ISBN 3-406-34705-3.
  • Stefan Roloff: Die Rote Kapelle. Ullstein Verlag, 2002, ISBN 3-548-36669-4;
  • P. A. Sudoplatov: Der Geheimdienst und der Kreml. Notizen eines unerwünschten Zeugens. Geya Publ., Moskau 1996, ISBN 5-85589-024-4.
  • Peter Steinbach, Johannes Tuchel: Lexikon des Widerstandes 1933–1945. C. H. Beck Verlag, München 1998, ISBN 3-406-43861-X.
  • Claudia Weber: Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz 1939–1941. C. H. Beck Verlag, München 2019, ISBN 978-3-406-73531-8;

Einzelnachweise

  1. M. A. Alekseev, A. I. Kolpakidi, V. Y. Kochik: Enzyklopädie des militärischen Geheimdienstes. 1918–1945. Moskau 2012, S. 203f.
  2. V. K. Grabar: Gespeist aus dem Speer. Verlag der Staatlichen Universität St. Petersburg, St. Petersburg, ISBN 5-8465-0769-7.
  3. P. A. Sudoplatov: Der Geheimdienst und der Kreml. Notizen eines unerwünschten Zeugens. Geya Publ., Moskau 1996, ISBN 5-85589-024-4.
  4. Walter Riccius: Die Institution der Marineattachés. Deutsche Marineattachés von Beginn bis 1945. Dr. Köster Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-96831-040-4, S. 234f.
  5. Claudia Weber: Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz 1939–1941. C. H. Beck Verlag, München 2019, ISBN 978-3-406-73531-8, S. 140ff.
  6. Biografie über Wladimir Dekanosow, Munzinger Archiv, in: https://online.munzinger.de/
  7. P. A. Sudoplatov: Der Geheimdienst und der Kreml. Notizen eines unerwünschten Zeugens. Geya Publ., Moskau 1996, ISBN 5-85589-024-4.
  8. Sándor Radó: Dora meldet. Berlin (Ost) 1974, S. 89ff.
  9. Julius Mader: Dr.-Sorge Report. Berlin 1985, S. 166ff.
  10. Ulrich Sahm: Rudolf von Schelihe 1897–1942 - Ein deutscher Diplomat gegen Hitler. Verlag Beck, München 1990, S. 125ff.
  11. Hans Coppi, Sabine Kebir: Ilse Stöbe: Wieder im Amt. VSA Verlag, Hamburg 2015, 66ff.
  12. Walter Riccius: Die Institution der Luftattachés. Deutsche Luftattachés von Beginn bis 1945. Dr. Köster Verlag, Berlin 2024, ISBN 978-3-96831-061-9, S. 283f.
  13. Hans Coppi, Sabine Kebir: Ilse Stöbe: Wieder im Amt. VSA Verlag, Hamburg 2015, 67f.
  14. M. A. Alekseev, A. I. Kolpakidi, V. Y. Kochik: Enzyklopädie des militärischen Geheimdienstes. 1918–1945. Moskau 2012, S. 204.
  15. Biografische Daten über Michail Woronzow in: http://www.hrono.ru/biograf/bio_we/voroncovma.php
  16. A. I. Kolpakidi, D. P. Prochorow: Das GRU-Reich. Band 2, Olma-Press Verlag, Moskau 2000, ISBN 5-224-00600-7.