Michaelskirche (Stuttgart-Degerloch)
Die evangelische Pfarrkirche, seit 1949 Michaelskirche, ist ein Kulturdenkmal von allgemeiner Bedeutung nach dem Denkmalschutzgesetz. Sie steht in Degerloch, einem Stadtbezirk der Landeshauptstadt Stuttgart in Baden-Württemberg. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenkreis Stuttgart der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Geschichte
Die neuromanische Michaelskirche geht auf eine schmale mittelalterliche Filialkirche aus dem 14. Jahrhundert zurück, von der die unteren drei Geschosse des Kirchturms im Westen erhalten sind. 1592 wurde zur Erweiterung der nach der Reformation notwendigen Sitzplatzkapazität eine Westempore eingebaut. Heinrich Schickhardt verlängerte im Jahr 1621 unter Abbruch des Ostchores die Kirche in östlicher Richtung auf die doppelte Länge, einschließlich einer Umlauf-Empore, auch im Osten für die Orgel, mit drei Außenaufgängen. Ein Chorraum wurde nicht gebaut, sondern durch Platzierung der Holzkanzel auf der Mitte der Südwand samt davor dem Altar eine Querkirche geschaffen, die bis 1890 so blieb.[1] Als die Degerlocher Kirche im 19. Jahrhundert zu klein wurde, erhielt sie ihre heutige Gestalt mit großem Querschiff und Chor und fünfgeschossigem Turm unter hohem Zeltdach aus Sandstein-Quadermauerwerk in Formen der Neuromanik in den Jahren 1889 und 1890 nach Entwürfen von Christian Friedrich von Leins, den aufwändigen Innenausbau nach Planung von Heinrich Dolmetsch. Damit wurde die Kirche von einer Querkirche zu einer Längskirche umgewandelt. Das oberste Geschoss des Kirchturms beherbergt seitdem hinter den als Biforien gestalteten Klangarkaden den Glockenstuhl. Im Zweiten Weltkrieg geringfügig beschädigt, wurde die Kirche 1961/62 durch Entfernen jeglicher neugotischen Gestaltung purifiziert und nach Entwurf von Hans Seytter vereinfacht neu ausgestaltet.[2]
„Die heutige Michaelskirche war bis zum Jahr 1927 die Degerlocher Kirche. Dann baute die im Lauf des 19. Jahrhunderts herangewachsene katholische Gemeinde ihre Mariä-Himmelfahrts-Kirche. Auch die evangelische Gemeinde, die seit der Eingemeindung Degerlochs nach Stuttgart 1908 rasch, zeitweise stürmisch gewachsen war, baute weitere Kirchen (1932 Hoffeldkirche, 1955 Heilig-Geist-Kirche, 1960 Versöhnungskirche). Dadurch wurde es notwendig, auch der alten Degerlocher Kirche einen Namen zu geben. Nach reiflichen Überlegungen wurde (um 1949) der Name Michaelskirche gewählt, als eine der Kirchen hoch oben auf dem Berg, auf denen schon die ersten Michaelskirchen errichtet worden waren. Zum andern sollte der Name Michael, der ‚gegen Hölle und Teufel Kämpfende‘, gerade in der Gegenwart die Gemeinde daran erinnern, daß ihr dieser Kampf aufgetragen ist, und daß sie nur bestehen wird, wenn sie wach und kampfbereit ist für die Sache ihres Herrn.“[3]
Ausstattung
Über die neugotische Ausgestaltung und Ausstattung der Kirche war sehr ausführlich berichtet worden.[4] Danach war für die ikonografische Konzeption der Wand- und Deckenbemalung Jakob Grünenwald zuständig, Professor an der Kunstschule Stuttgart (später: Akademie der Bildenden Künste), dort Leiter der Zeichenklasse, außerdem Ausschussmitglied im Verein für Christliche Kunst in der evangelischen Kirche Württembergs. Die komplette sinnbildliche Ausmalung wurde von Theodor Bauerle (1865–1914), Sohn von Karl Wilhelm Bauerle, geschaffen. Der Berliner Glasmaler Paul Gerhard Heinersdorff schuf 1890 vor Kirchenfertigstellung fünf unpassende Chorfenster ohne Baumeister-Bewilligung, die dann aber doch eingebaut worden waren.
Die heute vorhandenen Glasgemälde stammen von Sohn und Enkel eines früheren Degerlocher Pfarrers: Walter Kohler entwarf noch vor seiner Wehrmachtseinberufung 1941 und seinem Bombentod 1945 die Verglasung der drei Chorscheitel-Fenster, die aber erst nach dem Krieg eingebaut wurden: links das Lebenswerk Jesu, beginnend mit der Geburtsgeschichte, dann seine Wunder und Taten; in der Mitte das Christi Erlösungswerk; und rechts seine Predigt in Gleichnissen.
Sein Sohn Wolf-Dieter Kohler schuf 1964 die zwei äußeren Chorfenster: links Genesis (Schöpfung, Sündenfall); rechts Apokalypse (Endgericht) und im westlichen Turmfenster (Taufkapelle) den Erzengel Michael im Kampf mit dem Drachen, der mit seinen zehn Hörnern und sieben Kronen unter den Füßen des Engels liegt (Offenbarung 12, 3). Alle Glasmalerei wurde in der Werkstatt Gaiser & Fieber gefertigt.
Bereits 1949 konnte von Walter Kohlers Freund Helmuth Uhrig das Lesepult aufgestellt werden, ebenfalls mit dem Michaels-Motiv.
Die alte Orgel von 1890, eine Stiftung des Fabrikanten Benger, wurde 1968 ersetzt durch die neue Orgel, gebaut mit 36 Registern auf drei Manualen und Pedal als Opus 1190 von Orgelbau Friedrich Weigle.[5] Im Chorraum befindet sich eine Kleinorgel derselben Firma mit sechs Registern.[6]
Literatur
- Erwin Rall: Die Kirchenbauten der Schwaben und Südfranken im 16. und 17. Jahrhundert; maschinenschriftliche Dissertation Technische Hochschule Stuttgart 1922
- Friedrich Keidel: Bilder aus Degerlochs Vergangenheit; Stuttgart 1926 (Neufassung von Siegfried Schoch, Stuttgart 1985)
- Karl Wais: Die Michaelskirche in Degerloch. Ein Gang durch die Kirche und ihre Geschichte; im Auftrag der evang. Kirchengemeinde verfaßt von Rektor i. R. Karl Wais; Degerloch 1970
- 100 Jahre Michaelskirche Stuttgart-Degerloch 1890-1990; hg. Ev. Kirchen-gemeinde Stuttgart Degerloch, Herbst 1990
- Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Baden-Württemberg I, Regierungsbezirke Stuttgart und Karlsruhe. Deutscher Kunstverlag, München 1993, S. 130.
- Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche – Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen; Neulingen 2023, S. 178 Fußnote 781, 247, 276 – ISBN 978-3-949763-29-8
Weblinks
- Kirchen auf der Website der Kirchengemeinde
- Mehr Bilder und Informationen zur Michaelskirche auf kirchen-online.com
Einzelnachweise
- ↑ Bestandsgrundriss Empore von 1889 siehe Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch. Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters; Stuttgart 2008, Seite 336 f
- ↑ Friedrich Keidel: Bilder aus Degerlochs Vergangenheit, Stuttgart 1926, S. 9f, 39, 51, 54, 84f, 123; Eva-Maria Seng: Der evangelische Kirchenbau im 19. Jahrhundert, Tübingen/Berlin 1995, S. 102, 339, 520; Ulrich Schülke: Degerloch wird Pfarrdorf. Dramatische Jahre in der Mitte des 15. Jahrhunderts, hrsg. von der Geschichtswerkstatt Degerloch e.V., Stuttgart 2019
- ↑ Karl Wais: Die Michaelskirche in Degerloch. Ein Gang durch die Kirche und ihre Geschichte; im Auftrag der evang. Kirchengemeinde verfaßt von Rektor i. R. Karl Wais; Degerloch 1970
- ↑ Die Kunst als Gehilfin der Predigt, Redaktionsartikel (Herausgeber: Prälat Heinrich Merz) im Christlichen Kunstblatt, 32. Jahrgang, Heft 12, Seite 178–186, Stuttgart 1890
- ↑ Stuttgart/Degerloch, Michaelskirche (Hauptorgel) – Organ index, die freie Orgeldatenbank. Abgerufen am 4. Februar 2024.
- ↑ Stuttgart/Degerloch, Michaelskirche (Chororgel) – Organ index, die freie Orgeldatenbank. Abgerufen am 4. Februar 2024.
Koordinaten: 48° 44′ 45″ N, 9° 10′ 18″ O