Meier 19 (Film)
| Film | |
| Titel | Meier 19 |
|---|---|
| Produktionsland | Schweiz |
| Originalsprache | Schweizerdeutsch, Deutsch |
| Erscheinungsjahr | 2001 |
| Länge | 98 Minuten |
| Stab | |
| Regie | Erich Schmid |
| Drehbuch | Erich Schmid |
| Produktion | Erich Schmid, Christof Stillhard |
| Kamera | Pio Corradi |
| Schnitt | Karin Oettli |
Meier 19 ist ein Dokumentarfilm von Erich Schmid über die Affäre um Kurt Meier, der 1967 als Detektivwachtmeister der Stadtpolizei Zürich die Begünstigung von prominenten Verkehrssündern publik machte und nach seiner Entlassung den Leiter der Kriminalpolizei Walter Hubatka verdächtigte, 1963 Lohngelder in der Höhe von 88'000 Franken aus der Hauptwache «Urania» gestohlen zu haben. Zudem zeichnet der Film die Zürcher Jugendunruhen nach, die 1968 im Globuskrawall mündeten. Beide Ereignisse werden als Formen des Widerstands gegen das Establishment in einer «erstarrten Gesellschaft»[1] gewertet.
Meier 19 wurde am 3. August 2001 am Locarno Film Festival uraufgeführt.[2] Mit über 10'000 Kinoeintritten war er der erfolgreichste Dokumentarfilm des Jahres 2001 in der Schweiz.[3]
Inhalt
Die Rahmenhandlung bildet eine inszenierte Fernsehsendung, in der die Journalistin Daniela Lager Meier interviewt, nachdem dieser 1998 vom Zürcher Stadtrat eine Wiedergutmachung in der Höhe von 50'000 Franken erhalten hatte. Mit im Studio sitzt auch Paul Bösch, der Autor des Buchs Meier 19: Eine unbewältigte Polizei- und Justizaffäre, auf dem der Film beruht.
Zunächst wird kurz der Diebstahl der Lohntüten aus dem Tresor der Urania-Wache in der Nacht vom 26./27. März 1963 rekonstruiert. Meiers erfolgloser Versuch, diesen Diebstahl aufzuklären, trugen ihm 36 Strafverfahren ein und machten ihn zum «Sozialfall».[4]
Anschliessend begleitet die Kamera Meier nach Schöfflisdorf, wo er in einfachen Verhältnissen aufgewachsen war. Er schildert das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, der als Sigrist amtete: Er habe keine Liebe von ihm erfahren und sei von ihm schwer misshandelt worden. Deshalb habe er nach Abschluss seiner Mechanikerlehre die Familie verlassen und eine Arbeitsstelle bei Zenith in Le Locle angenommen. Nachdem er allerdings erlebt hatte, wie konjunkturabhängig die Uhrenindustrie war, trat er 1948 in die Stadtpolizei Zürich ein. Nach zehn Jahren Dienst in Uniform wurde er zum Detektiv befördert, und als solcher erlebte er den Lohndiebstahl im Jahr 1963.
Wie ein Angestellter einer Tresorfirma demonstriert, verfügt der Tresor, in dem die Lohntüten verwahrt wurden, über zwei unabhängige Schlösser mit unterschiedlichen Schlüsseln. In der Nacht des Diebstahls hatte der Verantwortliche nur eines der beiden Schlösser verschlossen. Zugleich fehlte einer der Schlüssel, seit der Tresor 1955 ins Lohnbüro transportiert worden war – zuvor hatte er im Büro von Hubatka gestanden.
Obwohl es aufgrund der Umstände wahrscheinlich ist, dass der Täter zum Polizeikorps gehörte, führte die Stadtpolizei die Ermittlungen selbst. In einer Einspielung kritisiert Arnold Winkler, der damalige Sekretär des Polizeikommandanten, dass der Fall nicht an die Kantonspolizei übergeben wurde.[5] Er habe auch den Eindruck gehabt, dass gegen die Offiziere nicht ernsthaft ermittelt worden sei.
In den folgenden Sequenzen schildert Roland Gretler die Umstände, die zu den Zürcher Jugendunruhen führten, insbesondere das harte Vorgehen der Polizei während des Rolling-Stones-Konzerts vom 14. April 1967 im Hallenstadion. Dass die Medien einseitig die Jugendlichen für die Eskalation verantwortlich machten, erklärt Gretler unter anderem dadurch, dass der Tages-Anzeiger-Journalist Alfred Messerli (der als Polizeiberichterstatter auch über den Lohndiebstahl schrieb), das Konzert zusammen mit dem Stadtpolizei-Kommandanten Rolf Bertschi und Hubatka besucht hatte.
Die «Affäre Meier 19» nahm ihren Anfang, als Meier an einem dienstfreien Tag mitten in der Stadt Zürich ein anderes Auto auf der falschen Strassenseite entgegenkam. Er stellte den Fahrer, den Direktor und Obersten Josef Guldimann, zur Rede und übergab den Fall an einen diensthabenden Kollegen. Später stellte er jedoch fest, dass dieser schwere Verstoss gegen die Strassenverkehrsordnung keine Konsequenzen hatte.
Als Guldimann ein Jahr später seinen Fahrausweis zurückerhielt, obwohl er ein Stopp-Signal missachtet und einen Verkehrsunfall verursacht hatte, sah sich Meier darin bestätigt, dass prominente Personen von der Stadtpolizei geschont wurden. Nachdem er auf dem Dienstweg nichts erreicht hatte, wandte er sich an die Medien. Der Blick berichtete auf der Titelseite über den Fall.[6]
In der Folge verlor Meier nicht nur seine Arbeitsstelle, sondern er wurde auch wegen Amtsgeheimnisverletzung verurteilt. Von seinen Kameraden erhielt er keine Unterstützung, zumal Hubatka in einer Pressekonferenz klargestellt hatte, dass ihnen das gleiche Schicksal drohte, falls sie interne Unstimmigkeiten öffentlich machen sollten.[7]
In einer weiteren Einspielung äussert Meiers Anwältin Gertrud Heinzelmann die Vermutung, dass Meier deshalb die Konfrontation mit seinen Vorgesetzten wagte, weil er einen Verdacht bezüglich des Lohndiebstahls hatte. Der Polizist Alfred Wendel, der am Abend des Diebstahls auf der Urania-Wache Dienst hatte, gab zu Protokoll, er habe Hubatka mehrmals in der Nähe des Tatorts gesehen. Diese Aussage – die Wendel im Film wiederholt[8] – wurde aber bei den Ermittlungen ignoriert.
Nach seiner Entlassung stellte Meier deshalb Strafanzeige gegen Hubatka und erreichte, dass die Untersuchung neu aufgerollt wurde. Allerdings war der zuständige Staatsanwalt Rudolf Geber dem Verdächtigen Hubatka unterstellt, was Bösch als einzigartig in der Schweizer Rechtsgeschichte einstuft.[9] Wendel beschreibt denn auch, wie Gerber ihm zu suggerieren versuchte, er habe an einem anderen Ort gesessen, von wo aus er Hubatka gar nicht hätte sehen können.[10] Obwohl er bei seiner Aussage blieb, wurde die Untersuchung bald wieder eingestellt.
1967 setzte der Zürcher Gemeinderat gegen den Willen des Stadtrats eine parlamentarische Untersuchungskommission zur Affäre Meier 19 ein. Wie der damalige Ratspräsident Alfred Messerli ausführt, ging jedoch der Kommissionsbericht in der Ratssitzung vom 3. Juli 1968 in der Debatte über den Globuskrawall vom 29. Juni 1968 unter und hatte keine Konsequenzen.[11] Dies obwohl der Bericht Meiers Korruptionsvorwürfe im Wesentlichen bestätigte.
Der Globuskrawall und die ihm vorausgehende Eskalation nach dem Jimi-Hendrix-Konzert im Hallenstadion wird in der Folge mit dokumentarischem Filmmaterial und mit Aussagen von Zeitzeugen ausführlich nachgezeichnet. Die Polizei ging in beiden Fällen hart gegen die Jugendlichen vor. Verschiedene Zeitzeugen berichten darüber, wie Verhaftete misshandelt wurden.[12] Auch in diesem Zusammenhang wird Hubatka durch Peter Spring (der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten Chef der Tagesschau des Schweizer Fernsehens DRS war) belastet: Hubatka sei bei diesen Misshandlungen anwesend gewesen, er habe aber später geleugnet, davon gewusst zu haben.[13]
Meier 19 wurde zu einer Symbolfigur für die Jugendbewegung, weil er ihr Misstrauen gegenüber der Polizei bestätigte. Rodolphe Widmer, damals wissenschaftlicher Mitarbeiter der Schweizer Nationalbank, verfasste aufgrund von Meiers Informationen einen Bericht mit dem Titel «Ist Dr. Hubatka der Zahltagsdieb?». Dieser Bericht führte zu einem Ehrverletzungsprozess, in dem Widmer und Meier zu unbedingten Gefängnisstrafen verurteilt wurden, die sie allerdings nie antraten, weil die Tat nach einem Rekurs verjährte. Widmer reichte weitere Klagen ein und erreichte damit, dass er Einsicht in die Akten des Zahltagsdiebstahls erhielt.
Diese Akten enthielten auch das Alibi von Hubatka, der erklärte, zum Zeitpunkt des Diebstahls nicht in der Urania-Wache gewesen zu sein – obwohl er vom Polizisten Wendel gesehen worden war. Zudem deckte Paul Bösch bei seinen Recherchen auf, dass in diesem Alibi zwei unterschiedliche Schreibmaschinentypen verwendet wurden, was eine nachträgliche Manipulation vermuten lässt.[14] Dieses Alibi wurde 1973 im Zürcher Kantonsrat diskutiert, aber gemäss Bösch hat Justizdirektor Arthur Bachmann «die ganze Sache vernebelt».[15]
Meier suchte auch das Gespräch mit verschiedenen Stadträten. Ernst Bieri schlug ihm vor, sich vom Stadtarzt eine «leichte psychische Invalidität»[16] attestieren zu lassen, was jener strikt ablehnte. Wie Bieri im Film darlegt, wollte er Meier auf diesem Weg zumindest zu einer Invalidenrente verhelfen.[17]
Meier verfasste schliesslich ein Flugblatt mit dem Titel «Wir fragen schon lange: Warum wird Dr. Hubatka gedeckt?» Dieses führte zu einer weiteren Ehrverletzungsklage, und Meier wurde zur Höchststrafe von sechs Monaten Gefängnis verurteilt, die er im Bezirksgefängnis Uster verbüsste.
Der Rest des Films konzentriert sich auf Meiers persönliche Verhältnisse. Seine Ehe ging wegen seiner langjährigen Auseinandersetzung mit den Behörden in die Brüche. Noch mehr als der erfolglose Versuch, Hubatka als Zahltagsdieb zu überführen, beschäftigt Meier aber nach eigenen Aussagen sein Verhältnis zu seinem Vater. In einer der letzten Sequenzen besucht er dessen Grab und bezeichnet die Versöhnung mit seinem Vater als seine letzte grosse Aufgabe im Leben.
Hubatka selbst kommt im Film nicht zu Wort. Im Abspann steht dazu: «Dr. Walter Hubatka liess sich im Alter von 62 Jahren vorzeitig pensionieren – aus gesundheitlichen Gründen. Aus demselben Grund sah er sich nicht in der Lage, beim Film mitzumachen.»
Kritiken
«Gesellschaftliche Dimension und Biografie bringt Schmid überzeugend in Beziehung. […] Insgesamt gelingt Schmid ein lebendiges, dramaturgisch sinnig und dicht orchestriertes Gesamtbild der Zeit in der Traditionslinie des anwaltschaftlichen Dokumentarfilms […]» – Cinema[18]
«Mit der Parteinahme für Kurt Meier erweist sich Erich Schmid wie schon in seinem vorangehenden Dokumentarfilm über […] Peter Surava als leidenschaftlicher Antwalt von tragischen Figuren, denen in einem pervertierten Machtapparat die eigene moralische Integrität zum Fallstrick wurde. Dabei zelebriert Schmid kein Märtyrertum, sondern bloss das unnachgiebige Eintreten für missachtete Gerechtigkeit.» – Aargauer Zeitung[19]
«[…] absolut sehenswert. Ein sozialgeschichtlich wichtiger Dokumentarfilm.» – Der Landbote[20]
«Kokett ist die Vorbemerkung, dieser Film wolle ‹nicht den Eindruck erwecken›, der ehemalige Chef der Zürcher Kriminalpolizei, Walter Hubatka, sei der Dieb der Zahltagssäcklein – worauf im Verlauf der nächsten 98 Minuten hauptsächlich dies getan wird. […] Aber aus allen Indizien und Verdächtigungen resultiert nicht einmal eine einleuchtende Spekulation, weshalb denn Hubatka eine derart riskante Unternehmung gewagt haben könnte.» – Neue Zürcher Zeitung[21]
Weblinks
- Meier 19 auf Play Suisse
- Meier 19 bei IMDb
- Meier 19 bei Swiss Films
- Dokumentation auf der Website von Erich Schmid
Einzelbelege und Anmerkungen
- ↑ Meier 19, 00:21:30
- ↑ Nicole Hess. «Meier 19» auf der Filmleinwand erfolgreich. Tages-Anzeiger, 4. August 2021, S. 11.
- ↑ Christian Rentsch. Meier 19. Tages-Anzeiger, 19. September 2002.
- ↑ Meier 19, 00:04:45
- ↑ Meier 19, 00:18:40
- ↑ Meier 19, 00:27:50
- ↑ Meier 19, 00:31:00
- ↑ Meier 19, 00:36:15
- ↑ Meier 19, 00:39:50
- ↑ Meier 19, 00:38:15
- ↑ Meier 19, 01:04:00
- ↑ Meier 19, 01:00:00
- ↑ Meier 19, 01:01:45
- ↑ Meier 19, 01:12:10
- ↑ Meier 19, 01:15:30
- ↑ Meier 19, 01:18:10
- ↑ Meier 19, 01:19:20
- ↑ Thomas Schärer. Meier 19 (Erich Schmid). Cinema, 47 (2002), S. 198f.
- ↑ Valentin Rabitsch. Glaube an Gerechtigkeit. Aargauer Zeitung, 11. Oktober 2001.
- ↑ Elisabetta Antonelli. Wertvolles Zeitdokument. Der Landbote, 27. September 2001.
- ↑ Christoph Egger. Der wackere Polizist und die Dunkelmänner. Neue Zürcher Zeitung, 28. September 2001, S. 67.