Me (Mythologie)
Unter Me (Keilschrift: đš, ME, zu lesen: me, Aussprache: me, Akkadisch: paráčŁu[1]) wird eine Reihe von sumerischen Ritualen verstanden, die als Eigentum von Göttern aufgefasst wurden. WĂ€hrend der DurchfĂŒhrung eines Me verkörpert sich die jeweilige Gottheit in der Person, die das Ritual durchfĂŒhrt. Me hatten in der sumerischen Religion und Kultur eine zentrale Bedeutung.
BegriffsklÀrung
FĂŒr die sumerische Religion und Kultur sind die Me von zentraler Bedeutung, obgleich lange Zeit die exakte Ăbersetzung dieses Begriffs unklar war. In der Forschung wurden die Me u. a. als (numinose bzw. göttliche) MĂ€chte bzw. KrĂ€fte,[2] Funktionen, Aufgaben oder Pflichten,[3] Ămter und Institutionen,[4] Insignien und weitere konkrete Symbole,[5] Konzepte, Prinzipien, Universalien oder Archetypen[6] aber auch als Kultordnungen[7] oder Ritualhandlungen[8] verstanden. JĂŒngste Studien von Annette Zgoll machen deutlich, dass es sich bei den Me konkret um Rituale handelt, die im antiken Mesopotamien als Eigentum von Göttern aufgefasst wurden.[9] Dasselbe Konzept gilt fĂŒr den akkadischen Ăquivalenzbegriff paráčŁu in der assyrisch-babylonischen Kultur.
Die Schwierigkeiten der Begriffsbestimmung von Me liegen im hermetischen Stil der sumerischen religiösen Texte begrĂŒndet.[10] In abkĂŒrzender Schreibweise können Rituale somit durch rituelle GegenstĂ€nde bezeichnet werden, wie zum Beispiel Thron oder Zepter fĂŒr Inthronisationsrituale stehen können. Hingegen können durch ein Tuch oder ein Kraut Rituale bezeichnet werden, die Fruchtbarkeit bewirken. Heilige Texte, die von Göttern erschaffen wurden, tragen zudem den Vermerk "Wortlaut der (göttlichen) Worte" (ka enim-ma). Die rituelle Verortung der Me ist nicht zuletzt daran ersichtlich, dass der Begriff in sumerischen Texten hĂ€ufig zusammen mit vielen weiteren rituellen Termini wie Ritus (garza), Ritualspruch (ka enim-ma) oder Ritual-Niederschrift (geĆĄ-hur) erscheint.[11]
DurchfĂŒhrung von Ritualen
Aus mesopotamischer Perspektive obliegt die DurchfĂŒhrung von Ritualen originĂ€r den Göttern, denen bestimmte Rituale gehören.[12] Wenn Menschen, speziell Herrscher oder verschiedene Priester und Ritualexperten, solche Rituale durchfĂŒhren, verkörpert sich die jeweilige Gottheit wĂ€hrend der DurchfĂŒhrung in der durchfĂŒhrenden Person.[13]
Die Rituale im Preislied Innana und Enki
In diesem Text gelingt es der Göttin Inanna durch einen klugen Plan, Rituale von dem Ritual- und Weisheitsgott Enki zu erhalten.[14] Im betrunkenen Zustand verspricht dieser der Göttin die Me des unterirdischen SĂŒĂwasserozeans Abzu. Innana belĂ€dt ihr Schiff damit und bringt sie trotz Verfolgung durch Enkis Boten am nĂ€chsten Tag in die Stadt Unug (Uruk),[15] deren Stadtgöttin sie ist.
Die Me werden im Mythos von Innana und Enki viermal listenartig aufgezÀhlt. Die genaue Zahl der EintrÀge ist unklar (64[16] bzw. 94[17] bzw. bis zu 110).[18] Auch hier bewÀhrt sich die Deutung von Me als Rituale: Lange Zeit wurde angenommen, dass jeder Eintrag in Innana und Enki ein Me sei. Eine neue Deutung, die von A. Zgoll erarbeitet worden ist, zeigt nun, dass hÀufig mehrere EintrÀge eine Gruppe bilden, die ein bestimmtes Ritual bezeichnen.[14]
In der PopulÀrkultur
- Im Roman The Moon's Fire-Eating Daughter von John Myers Myers stiehlt der Protagonist in einer Umdichtung des Mythos von Inanna und Enki zusammen mit Inanna die Me, insbesondere das Me der Schreibkunst, um selbst Dichter werden zu können.
- Im Science-Fiction-Roman Snow Crash von Neal Stephenson spielen die Me die Rolle einer Art sprachlicher Software, die von den Priestern an die Bevölkerung ausgeteilt wird; in der sumerischen Ursprache werden durch das Anhören Hirnfunktionen umprogrammiert.
- In Computerspielen wie Civilization (Sid Meier 1991) oder dem Brettspiel Civilization (Francis G. Tresham 1980) wird die Entwicklung frĂŒher Kulturen mit einem Technologiebaum nachvollzogen, dessen Elemente Ă€hnliche kulturelle Errungenschaft wie die Me darstellen.
Siehe auch
Literatur
- Jeremy Black, Anthony Green: Gods, Demons and Symbols of Ancient Mesopotamia. London 1992.
- Gertrud Farber-FlĂŒgge: Der Mythos "Inanna und Enki" unter besonderer BerĂŒcksichtigung der Liste der me. Biblical Institute Press. Vol. 10 of Studia Pohl, Dissertationes scientificae de rebus orientis antiqui. Rome 1973.
- Samuel Noah Kramer: The Sumerians: Their History, Culture, and Character. The University of Chicago Press, Chicago 1963. ISBN 0-226-45238-7
- Samuel Noah Kramer und John Maier: Myths of Enki, the Crafty God. Oxford University Press, New York 1989.
- Brigitte Groneberg: Die Götter des Zweistromlandes â Kulte, Mythen, Epen. Stuttgart 2004.
- Willem H. Ph. Römer: Mythen und Epen in sumerischer Sprache. In: Willem H. Ph. Römer, Dietz Otto Edzard (Hrsg.): Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Band 3, Lieferung III. GĂŒtersloher Verlagshaus, GĂŒtersloh 1993, ISBN 3-579-00074-8.
- Annette Zgoll: Rituale: SchlĂŒssel zur Welt hinter der Keilschrift, Göttinger BeitrĂ€ge zum Alten Orient 6, UniversitĂ€tsverlag Göttingen, Göttingen 2025, ISBN 978-3-86395-671-4.
Weblinks
- Inana and Enki Englische Ăbersetzung der Keilschrift-Quellen am ETCSL (The Electronic Text Corpus of Sumerian Literature, University of Oxford, England)
Einzelnachweise
- â Jeremy Black, Anthony Green: Gods, Demons and Symbols of Ancient Mesopotamia. London 1992, S. 130
- â Annette Zgoll: Der Rechtsfall der En-áž«edu-Ana im Lied nin-me-ĆĄara (= Alter Orient und Altes Testament. Alter Orient und Altes Textament, Nr. 246). Ugarit-Verl, MĂŒnster 1997, ISBN 978-3-927120-50-1, S. 66â75.
- â G. Farber-FlĂŒgge: Der Mythos âInanna und Enkiâ unter besonderer BerĂŒcksichtigung der Liste der âmeâ. Studia Pohl 10, Nr. 10. Rom 1973, S. 123.
- â van Dijk, J.J.A./Falkenstein, A.: Sumerische Götterlieder Teil 2. Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Nr. 1. Heidelberg 1960, S. 122.
- â Steinkeller, P.: On the Reading of the Pre-Sargonic Personal Name Utu and Related Matters. Journal of Near Eastern Studies, Nr. 74, 2015, S. 44.
- â Kraus, F.R.: Altmesopotamisches LebensgefĂŒhl. In: Journal of Near Eastern Studies. Band 19, 1960, S. 119.
- â Alster, B.: On the Interpretation of the Sumerian Myth âInanna and Enkiâ. Zeitschrift fĂŒr Assyriologie und Vorderasiatische ArchĂ€ologie, Nr. 64, 1975.
- â van Dijk, J.J.A.: Einige Bemerkungen zu sumerischen religionsgeschichtlichen Problemen. In: Orientalistische Literaturzeitung. Band 62, 1967, S. 234.
- â Annette Zgoll: Rituale: SchlĂŒssel zur Welt hinter der Keilschrift (= Göttinger BeitrĂ€ge zum Alten Orient. Nr. 6). UniversitĂ€tsverlag Göttingen, Göttingen 2025, ISBN 978-3-86395-671-4.
- â Annette Zgoll: Rituale: SchlĂŒssel zur Welt hinter der Keilschrift (= Göttinger BeitrĂ€ge zum Alten Orient. Nr. 6). UniversitĂ€tsverlag Göttingen, Göttingen 2025, ISBN 978-3-86395-671-4, S. 74â84.
- â Annette Zgoll: Rituale: SchlĂŒssel zur Welt hinter der Keilschrift (= Göttinger BeitrĂ€ge zum Alten Orient. Nr. 6). UniversitĂ€tsverlag Göttingen, Göttingen 2025, ISBN 978-3-86395-671-4, S. 40â73.
- â Annette Zgoll: Rituale: SchlĂŒssel zur Welt hinter der Keilschrift (= Göttinger BeitrĂ€ge zum Alten Orient. Nr. 6). UniversitĂ€tsverlag Göttingen, Göttingen 2025, ISBN 978-3-86395-671-4, S. 473â516.
- â Annette Zgoll: Rituale: SchlĂŒssel zur Welt hinter der Keilschrift (= Göttinger BeitrĂ€ge zum Alten Orient. Nr. 6). UniversitĂ€tsverlag Göttingen, Göttingen 2025, ISBN 978-3-86395-671-4, S. 517â626.
- â a b Annette Zgoll: Rituale: SchlĂŒssel zur Welt hinter der Keilschrift (= Göttinger BeitrĂ€ge zum Alten Orient. Nr. 6). UniversitĂ€tsverlag Göttingen, Göttingen 2025, ISBN 978-3-86395-671-4, S. 339â392.
- â Willem H. Ph. Römer: "Mythen und Epen in sumerischer Sprache." In: Willem H. Ph. Römer, Dietz Otto Edzard (Hrsg.): Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Band 3, Lieferung III. GĂŒtersloher Verlagshaus, GĂŒtersloh 1993, S. 402.
- â Kramer 1963, S. 116.
- â Kramer und Maier 1989, S. 67.
- â Farber-FlĂŒgge, S. 100.