Matthäuskirche (Stuttgart)
Die evangelische Matthäuskirche steht in Heslach, einem Stadtteil im Stadtbezirk Stuttgart-Süd der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Die Kirchengemeinde Stuttgart-Heslach gehört zum Kirchenkreis Stuttgart der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Namensgeber der Kirche ist Matthäus der Evangelist.
Geschichte
Die Matthäuskirche, auch genannt der „Heslacher Dom“, wurde im Auftrag der Stadt Stuttgart und nach Plänen von Conrad Dollinger gebaut. Nicht am selben Ort wie die nach der Neubaueinweihung auf einem freien Platz auf der Kreuzung mehrerer Straßen errichtete Matthäuskirche gab es nach Angaben in historischen Quellen bereits im 15. Jahrhundert eine Kapelle sowie zwei weitere Vorgängerbauten.[1] Errichtet wurde sie in der Zeit von 1876 bis 1881. 1890 ging sie in den Besitz der evangelischen Gemeinde über. Bereits 1910 war eine Renovierung durch Architekt Richard Böklen durchzuführen. Im Lauf des Zweiten Weltkriegs wurde sie 1943 und 1944 durch Bombentreffer schwer beschädigt. 1944 stürzten Teile des Gewölbes ein, der Dachstuhl brannte aus und auch die Orgel fiel dem Brand zum Opfer. Nach dem Krieg wurde die Kirche durch Architekt Schnell wieder aufgebaut, der Wiederaufbau war 1950 vollendet. Dem Architekten und Bauhistoriker Walther-Gerd Fleck oblag 1966–72 eine umfangreiche Renovierung; von 2009 bis November 2011 wurde die Matthäuskirche durch Architekt Hannes Schreiner innen und außen vollständig renoviert, umgebaut und die nach dem Krieg verschlossene Vierungskuppel wieder geöffnet.[1]
Architektur
Die neuromanische Kreuzbasilika wurde von Konrad Dollinger entworfen und mit mehrfachen Modifikationen von Adolf Wolff in Quadermauerwerk als Hausteinbau mit frühgotischen und Renaissance-Elementen ausgeführt.[2] Das Langhaus besteht aus einem Mittelschiff und zwei Seitenschiffen und wird von einem Querschiff gekreuzt, wobei sich die Seitenschiffe jenseits der Vierung jeweils um ein Joch fortsetzen. Im Osten des Mittelschiffs befindet sich ein Chor mit Fünfzehntelschluss ohne Kapellenkranz, im Westen ein Fassadenturm. Die Vierung mit nun wieder geöffneter Kuppel ist mit einem achtseitigen Zeltdach bedeckt. Vier Treppentürme an den Ecken des Langhauses führen zu den dreiseitig umlaufenden Emporen, die bis zum ersten Joch des Chors reichen. Die Sakristei wurde als Kapelle im Zwickel zwischen Querhaus und Chor eingefügt, gegenüber aus Symmetriegründen noch eine Taufkapelle bzw. Nebenraum.
Ausstattung
Prinzipalien
Nach der starken Beschädigung der Kirche waren die historistischen Prinzipalien Steinaltar, Taufstein und Kanzel 1950 wieder in Gebrauch genommen worden. Bei der Renovierung und Umgestaltung 2009–2011 wurde der Steinaltar wieder an seinen bauzeitlichen Platz in der Chorapsis zurückversetzt, der Taufstein erhielt im südlichen Seitenschiff hinten einen neuen Ort. Die entsprechenden modernen Prinzipalien Altar, Ambo und Taufblock mit Taufschale sind in Eichenholz gefertigt.
Kruzifix
Der Kruzifixus aus dem 15. Jahrhundert schwebt zentral im Chorbogen über der Altarzone.
Bestuhlung
Die neue flexible Bestuhlung ersetzt das in Blöcken und Reihen montierte bisherige Gestühl und ermöglicht unterschiedliche Gottesdienst- und Andachtsformen wie die Versammlung der Gemeinde im Kreis um den Altar, kleinere Feiern im Chor der Kirche, Konzerte und große Festgottesdienste.
Vierungskuppel
Die Vierungskuppel war bis zur Kriegszerstörung mit einer zentralen Öffnung versehen und mit sternen- und engelgeschmücktem Himmel bemalt. Dieses Kuppelgemälde war 1950 mit einer Zementschale abgedeckt und diese von Rudolf Yelin d. J. mit den vier Evangelisten und ihren Symbolen verziert worden.[3] Das von der Zementschale befreite historistische Kuppelgemälde wurde um 2010 behutsam restauriert und ziert nun wieder mit seinen Engeln und Sternen die geöffnete Kuppel über dem Altarraum.
Glasgemälde
Über eine bauzeitliche Glasgemälde-Ausstattung der Kirche bis zum Krieg liegen keine Informationen vor. Nach dem Wiederaufbau bis 1950 konnten 1960 die drei Maßwerkfenster im Chor durch Adolf Valentin Saile mit Glasgemälden gestaltet werden. Die Themen Weihnachten, Ostern und Pfingsten, in den Sechspässen darüber Symbole der Dreifaltigkeit, folgen auf den ersten Blick einem traditionellen Programm. Bei näherem Hinsehen entfalten die Werke jedoch einen Reichtum an Gedanken, der sie zu Bildpredigten werden lässt.
Saskia Schultz schuf 2011 mit immergrünem Mistelzweig-Dekor die Farbverglasung der Fensterrosette des südlichen Querhauses und unterhalb davon die der vier Lanzettfenster, deren Misteln noch der Text vom Hohen Lied der Liebe (1 Kor 13,1 ff ) zugeordnet ist.
Orgel
1896 erstellt Weigle als Opus 187 eine neue pneumatische Orgel mit 27 Registern, verteilt auf zwei Manualen und Pedal.[4] Diese wurde 1944 schwer beschädigt. Als Ersatz errichtete Orgelbau Friedrich Weigle 1952 als Opus 906[5] eine neue dreimanualige elektropneumatische Orgel mit zunächst 24 Registern. 1967 wurde sie von Weigle auf 49 Register erweitert, 1981 durch Diethelm Berner erneut erweitert und nachintoniert. Heute besitzt die Orgel 73 Register.[5]
Um den Gesang der im Chor stattfindenden Gottesdienste besser begleiten zu können, kaufte die Gemeinde 1970 eine gebrauchte Orgel von Werner Bosch Orgelbau mit 6 Registern.
Literatur
- Norbert Bongartz: Der Vorstadt-Dom in neuer Romanik; in: Festschrift der Matthäuskirchengemeinde zum 100jährigen Jubiläum, Stuttgart 1981
- Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Baden-Württemberg I, Regierungsbezirke Stuttgart und Karlsruhe. Deutscher Kunstverlag, München 1993, S. 746.
- Norbert Bongartz: Vom edlen Wettbewerb der Konfessionen beim Kirchenbau in Stuttgart - Zur Baugeschichte der Matthäuskirche; Benefiz-Vortrag zur Förderung ihrer Innenrenovierung am 13.7.2010, Stuttgart 2010.
- (Festschrift) Wiedereröffnung des „Heslacher Doms“; hg. Ev. Kirchengemeinde Stuttgart-Heslach, Stuttgart 2011.
- Hermann Ehmer: Werdende Großstadt – wachsende Kirche. Die kirchliche Entwicklung Stuttgarts zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg; in: Blätter für württembergische Kirchengeschichte, 113. Jg. Stuttgart 2013, Seite 227–274.
Weblinks
- Matthäuskirche auf der Website der Kirchengemeinde
- Mehr Bilder und Informationen zur Matthäuskirche auf kirchen-online.com
- Informationen zur Orgel auf OrganIndex
Einzelnachweise
- ↑ a b Matthäuskirche, Evangelische Kirchengemeinde Stuttgart-Heslach, abgerufen am 19. April 2024
- ↑ Eva-Maria Seng: Der evangelische Kirchenbau im 19. Jahrhundert. Die Eisenacher Bewegung und der Architekt Christian Friedrich von Leins; Tübinger Studien zur Archäologie und Kunstgeschichte Band 15, Dissertation von 1992, veröffentlicht Tübingen 1995, S. 601 ff
- ↑ Claudia Lamprecht: Rudolf Yelin (1902-1991)- Werkverzeichnis der baugebundenen Arbeiten; o. O. (Stuttgart), o. J. (1991), S. 113
- ↑ Die Orgeln der alten Heslacher Kirche und der Matthäuskirche Stuttgart von 1748 bis 1981. Abgerufen am 16. Januar 2025.
- ↑ a b Stuttgart/Heslach, Matthäuskirche – Organ index, die freie Orgeldatenbank. Abgerufen am 16. Januar 2026.
Koordinaten: 48° 45′ 43,6″ N, 9° 9′ 38,7″ O