Massaker von al-Dawayima
Das Massaker von al-Dawayima war ein Massaker der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) an palästinensischen Zivilisten, das sich am 29. Oktober 1948 in dem Dorf al-Dawayima während des Palästinakriegs ereignete.
Hintergrund
Al-Dawayima lag 18 Kilometer westlich von Hebron und hatte 1944/45 3.710 Einwohner.[1] Das Dorf wurde vom Nachrichtendienst der Hagana als „sehr freundlich“ eingestuft.[2]
Während des Palästinakrieges starteten die IDF am 15. Oktober 1948 die Operation Joav, um die ägyptische Armee aus dem Negev und den nördlich angrenzenden Territorien zurückzudrängen. Bis zum 22. Oktober, an dem die Operation durch einen UN-Waffenstillstand unterbrochen wurde, konnten die Israelis wichtige Erfolge erzielen: Die westliche und die östliche Flanke der ägyptischen Armee wurden voneinander getrennt, die Majdal–Beit Jibrin-Linie durchtrennt und eine Einheit der Ägypter in Brigadengröße bei Faluja eingekesselt.[3] Bereits an den Tagen unmittelbar nach Inkrafttreten des Waffenstillstandes begannen israelische Einheiten, das von der IDF kontrollierte Gebiet auszuweiten und näher an die bei Faluja eingeschlossenen ägyptischen Truppen heran zu rücken. Am 28. Oktober nahm das israelische 89. Battalion al-Qubeiba, das Nachbardorf von al-Dawayima, ein; die Ägypter hatten das Dorf ohne Kampf verlassen. Am 29. Oktober erreichten israelische Einheiten al-Dawayima.[4]
Beteiligte israelische Soldaten stellten das Massaker teilweise als Vergeltungsaktion für das Massaker von Kfar Etzion dar, das am 13. Mai 1948 von Soldaten der Arabischen Legion und Angehörigen lokaler Milizen an jüdischen Bewohnern des Kibbuzes Kfar Etzion und Kämpfern der Hagana verübt worden war.[2][5]
Verlauf
Al-Dawayima wurde am 29. Oktober 1948 mittags während des Freitagsgebets vom 89. Bataillon der Achten Brigade der IDF eingenommen, nachdem dieses nur „leichtem Widerstand“ begegnet war.[2][6] Die israelischen Truppen gaben zunächst von Halbkettenfahrzeugen aus Mörser- und Maschinengewehrfeuer ab und stürmten anschließend unter Maschinengewehrfeuer das Dorf, wobei Bewohner in ihren Häusern, in den Gassen sowie während der Flucht auf den umliegenden Hügeln erschossen wurden.[2] Laut dem Historiker Ilan Pappe kesselten die israelischen Soldaten das Dorf von drei Seiten ein und ließen die Ostflanke offen, um die Einwohner über diese zur Flucht zu bewegen. Als jedoch keine Fluchtbewegung einsetzte, eröffneten die Soldaten das Feuer auf die Menschen.[7]
Die Moschee, in der sich zum Zeitpunkt des Einmarschs der israelischen Truppen sowohl Gläubige als auch Schutzsuchende versammelt hatten, wurde zu einem Schwerpunkt des Massakers. Ein weiterer Schwerpunkt war die nahe des Dorfes gelegene Höhle Tor Il-Zagha, wo die Soldaten Menschen, die dort Schutz gesucht hatten, ermordeten.[8]
Der Historiker Saleh Abdel Jawad schätze die Anzahl der Todesopfer auf zwischen 100 und 200.[9] Meron Benvenisti schrieb von „zwischen 80 und 100 männlichen Dorfbewohnern“ sowie einer unbestimmten Anzahl an Frauen und Kindern, die getötet wurden.[10]
Augenzeugenberichte
Ein Bericht des Arab Refugee Congress gegenüber den Vereinten Nationen vom 14. Juni 1949 gab die unter Eid abgegebene Schilderung der Ereignisse durch den Muchtar von al-Dawayima, Hassan Mahmoud Ihdeib, wieder:
„Ein Teil der gepanzerten Fahrzeuge fuhr mit gezückten Maschinengewehren in das Dorf ein – jüdische Soldaten sprangen aus den Panzerwagen und verteilten sich in den Straßen des Dorfes, wo sie wahllos auf alles schossen, was sie sahen. Die Dorfbewohner begannen zu fliehen, während die Älteren in der Moschee und andere in einer nahe gelegenen Höhle namens Iraq El Zagh Schutz suchten. Die Schießerei dauerte etwa eine Stunde. Am nächsten Tag traf sich der Muchtar mit den Dorfbewohnern und vereinbarte, in dieser Nacht ins Dorf zurückzukehren, um das Schicksal derjenigen zu herauszufinden, die zurückgeblieben waren. Er berichtet, dass sich in der Moschee die Leichen von etwa 60 Personen befanden, die meisten davon waren Männer im fortgeschrittenen Alter, die in der Moschee Zuflucht gesucht hatten. [...] Er sah eine große Anzahl von Leichen auf den Straßen, Leichen von Männern, Frauen und Kindern. Dann begab er sich zur Höhle von Iraq El Zagh. Am Eingang der Höhle fand er die Leichen von 85 Personen, ebenfalls Männer, Frauen und Kinder. Der Muchtar führte daraufhin eine Zählung der Dorfbewohner durch und stellte fest, dass insgesamt 455 Personen vermisst wurden, darunter 280 Männer und der Rest Frauen und Kinder.“
Avraham Vered, einer der beteiligten Soldaten des 89. Bataillon, beschrieb die Geschehnisse wie folgt:
„Als wir auf die Dächer kletterten, sahen wir Araber in den Gassen [unter uns] herumrennen. Wir eröffneten das Feuer auf sie ... Von unserer erhöhten Position aus sahen wir eine weite Ebene, die sich nach Osten erstreckte ... und die Ebene war bedeckt von Tausenden von flüchtenden Arabern ... Die Maschinengewehre begannen zu rattern, und die Flucht verwandelte sich in eine Panik.“
Ein israelischer Soldat namens Schabtai Kaplan berichtete in einem Brief an Eliezer Peri von den Beobachtungen eines befreundeten Soldaten, der als Augenzeuge am Tag nach der Eroberung in al-Dawayima war:
„Es gab keine Schlacht und keinen Widerstand (und keine Ägypter). Die ersten Eroberer [die das Dorf betraten] töteten 80 bis 100 [männliche] Araber, Frauen und Kinder. Sie töteten die Kinder, indem sie ihnen mit Stöcken den Schädel einschlugen. Es gab kein Haus ohne Tote. Die zweite Welle der Armee war eine Kompanie, zu der der aussagende Soldat gehörte. Arabische Männer und Frauen, die im Dorf geblieben waren, wurden ohne Essen und Wasser in Häusern eingesperrt. Dann kamen Pioniere, um die Häuser in die Luft zu sprengen. Ein Kommandant befahl einem Pionier, zwei alte arabische Frauen in ein bestimmtes Haus zu bringen, das mit ihnen darin gesprengt werden sollte. Der Pionier weigerte sich und sagte, er nehme nur Befehle von seinem Kommandanten entgegen. Also befahl der Kommandant seinen Soldaten, die Frauen einzusperren, und das Grauen wurde vollbracht.“[12]
Kaplan schrieb darüber hinaus, ein Soldat hätte damit geprahlt, dass er eine Frau erst vergewaltigt und anschließend erschossen habe. Eine weitere Frau sei von Soldaten für ein oder zwei Tage zur Arbeit herangezogen worden und anschließend zusammen mit ihrem Neugeborenen ebenfalls erschossen worden.[12][13]
Nachwirken
Flüchtlinge aus al-Dawayima, die Hebron erreichten, berichteten dort Beobachtern der Vereinten Nationen von den Geschehnissen.[2]
Am 3. November beauftragte Jigal Allon den Befehlshaber der Achten Brigade, Jitzchak Sadeh, den Gerüchten, laut denen das 89. Bataillon „viele Dutzend Gefangene am Tag der Eroberung von al Dawayima“ getötet hatte, nachzugehen. Zwei Tage später wies Allon Sadeh an, dem Bataillon aufzutragen, in das Dorf zurückzukehren und die Leichen der Ermordeten zu vergraben.[13]
Generalstabschef Jaakow Dori gab am 5. November eine Untersuchung der Ereignisse in al-Dawayima in Auftrag, nachdem er am Vortag von Jigael Jadin über das Massaker informiert worden war. Isser Be’eri, Leiter des Nachrichtendienstes der IDF, legte am 18. November seinen finalen Bericht vor, für den er beteiligte Soldaten befragt hatte. Laut Be’eri seien 80 Einwohner während der Eroberung des Dorfes getötet worden; 22 weitere seien später vom 89. Bataillon gefangen genommen und ermordet worden. Be’eri empfahl, den verantwortlichen Befehlshaber, der gestanden hatte, vor Gericht zu stellen – was jedoch nie umgesetzt wurde.[14][15]
Am 7. November erreichte ein Team von UN-Beobachtern den Ort, fand jedoch – abgesehen von zerstörten Häusern und einer Leiche – keine Hinweise auf ein Massaker. Aufgrund der mündlichen Aussagen von palästinensischen Überlebenden, nahmen sie aber dennoch an, dass ein Massaker stattgefunden hatte.[16] Die israelischen Truppen verwehrten dabei dem UN-Team den Zugang zu Teilen des Dorfes, darunter auch zur Moschee.[17]
Der ehemalige Muchtar des Dorfes kehrte 1984 in Begleitung eines israelischen Journalisten erstmals nach al-Dawayima zurück und zeigte diesem eine Zisterne, in der seiner Aussage zufolge die Leichen von Opfern des Massakers begraben wurden. Der Journalist initiierte daraufhin eine Grabung, bei der menschliche Knochen gefunden wurden.[18]
Trivia
Nach dem Palästinakrieg zerstörten die israelischen Behörden das Dorf.[19] Auf den Ruinen von al-Dawayima wurde 1955 das israelische Dorf Amatzya gegründet.[18] Im Jahr 2013 wurden weitere Teile der Ruinen abgetragen, um Platz für die Siedlung Karmei Katif, die ihren Namen in Anlehnung an die geräumten Siedlungsblock Gusch Katif im Gazastreifen trägt, zu schaffen.[19]
Weblinks
Koordinaten: 31° 32′ N, 34° 55′ O
Einzelnachweise
- ↑ Walid Khalidi (Hrsg.): All that remains. The Palestinian villages occupied and depopulated by Israel in 1948. Institute for Palestine Studies, Washington D.C. 1992, ISBN 0-88728-224-5, S. 213.
- ↑ a b c d e f Benny Morris: The birth of the Palestinian refugee problem revisited (= Cambridge Middle East studies. Nr. 18). 2. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge / New York 2004, ISBN 0-511-81665-0, S. 469.
- ↑ Benny Morris: 1948. A history of the first Arab-Israeli war. Yale University Press, New Haven / London 2008, ISBN 978-0-300-12696-9, S. 320 f. u. 330.
- ↑ Morris 2008, S. 332 f.
- ↑ Shay Hazkani: Dear Palestine. A Social History of the 1948 War. Stanford University Press, Stanford, California 2021, ISBN 978-1-5036-1465-9, S. 158 f.
- ↑ Saleh Abdel Jawad: Zionist Massacres: the Creation of the Palestinian Refugee Problem in the 1948 War. In: Eyal Benvenisti, Chaim Gans, Sari Hanafi (Hrsg.): Israel and the Palestinian Refugees (= Beiträge zum ausländischen öffentlichen Recht und Völkerrecht. Band 189). Springer, Berlin / Heidelberg / New York 2007, ISBN 978-3-540-68160-1, S. 59–127, hier: S. 90.
- ↑ Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas. 2. Auflage. Westend, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-86489-258-5, S. 260.
- ↑ Abdel Jawad 2007, S. 90 f.
- ↑ Abdel Jawad 2007, S. 67.
- ↑ Meron Benvenisti: Sacred landscape. The buried history of the holy land since 1948. University of California Press, Berkeley / Los Angeles / London 2000, ISBN 0-520-21154-5, S. 153.
- ↑ Arab Refugee Congress' account of the Dawaymeh massacre - UNCCP's Technical Committee on Refugees - Working paper. In: United Nations The Question of Palestine. 14. Juni 1949, abgerufen am 22. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch). Vgl. auch Pappe 2019, S. 259 f.
- ↑ a b Yair Auron: Breaking the Silence. The Poem That Exposed Israeli War Crimes in 1948. In: Haaretz. 18. März 2016, abgerufen am 16. Oktober 2025 (englisch, Kaplans Brief wurde hier in Gänze abgedruckt.).
- ↑ a b Morris 2004, S. 470.
- ↑ Morris 2004, S. 470 f.
- ↑ Yoav Gelber: Palestine 1948. War, Escape and the Emergence of the Palestinian Refugee Problem. 2. Auflage. Sussex Academic Press, Brighton / Portland 2006, ISBN 1-84519-075-0, S. 209.
- ↑ Morris 2004, S. 471.
- ↑ Michael Palumbo: The Palestinian Catastrophe. The 1948 expulsion of a people from their homeland. Faber and Faber, London 1987, ISBN 0-571-14864-6, S. XII.
- ↑ a b Khalidi 1992, S. 215.
- ↑ a b Bulldozing Palestinian History on Israel's Southern Hills. In: Haaretz. 22. Juni 2013, abgerufen am 21. Oktober 2025 (englisch).