Mary Abbott (Malerin)
Mary Lee Abbott (* 27. Juli 1921 in New York City; † 23. August 2019 in Manhattan, New York City) war eine US-amerikanische Malerin und gehörte zum Umfeld des Abstrakten Expressionismus in New York in den 1940er und 1950er Jahren.
Leben
Mary Abbott wurde am 27. Juli 1921 in New York geboren. Sie entstammte einer Familie, deren Vorfahren bis zu John Adams, dem zweiten Präsidenten der Vereinigten Staaten, zurückreichten. Ihre Mutter, Elizabeth Grinnell, war Dichterin. Mary Abbott entwickelte bereits in ihrer Kindheit ein großes Interesse für Kunst. Nach einer Infektion hinter dem Ohr und einer späteren Lungenentzündung war sie im Alter von etwa neun Jahren gezwungen, nahezu zwei Jahre lang das Haus nicht zu verlassen. Dies ermöglichte ihr eine intensive Beschäftigung mit dem Zeichnen und der Malerei.
In den frühen 1940er Jahren erlangte Mary Abbott zunächst Bekanntheit als Fotomodell. Sie zierte die Titelseiten bedeutender Modemagazine wie Vogue, Glamour und Harper’s Bazaar. Diese Tätigkeit trat jedoch in den Hintergrund, als sie sich zunehmend der bildenden Kunst zuwandte. Mary Abbott erhielt eine künstlerische Ausbildung und arbeitete in ihrem Umfeld mit bekannten Persönlichkeiten der damaligen Kunstszene zusammen, darunter George Grosz, Barnett Newman und David Hare. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entschied sie sich endgültig für eine Laufbahn als Künstlerin. Sie schloss sich der sogenannten Downtown Group an, einem losen Zusammenschluss von Künstlerinnen und Künstlern in New York. Über diese Verbindung kam sie mit Philip Pavia, Willem de Kooning und Jackson Pollock in Kontakt.
Ihr Verhältnis zu anderen Vertretern des abstrakten Expressionismus war unterschiedlich. Mit Willem de Kooning verband sie eine enge persönliche Beziehung, und die beiden waren ein Paar. Jackson Pollock hingegen stand sie kritisch gegenüber. Sie berichtete später von einem tätlichen Übergriff durch ihn. Diese Erfahrungen prägten ihr persönliches Verhältnis zu Teilen der Kunstszene, ohne dass sie ihre Zugehörigkeit zu den abstrakten Expressionisten grundsätzlich infrage stellte. In den 1950er Jahren arbeitete Mary Abbott eng mit der Dichterin Barbara Guest zusammen, die zur New York School of Poetry gehörte. Ziel dieser Zusammenarbeit war die Verbindung von Lyrik und Malerei. Abbott bezeichnete diese Werke als Poetry Paintings, bei denen sie versuchte, die Inhalte und Stimmungen der Gedichte in malerische Formen zu übersetzen.
Mary Abbott arbeitete vorwiegend abstrakt. Ihre Bildthemen speisten sich aus Eindrücken der Natur, aus Musik sowie aus persönlichen Erfahrungen. Einen bedeutenden Einfluss hatten auch Aufenthalte mit ihrem Ehemann, dem Geschäftsmann Tom Clyde, in St. Croix, Haiti und anderen Regionen der Karibik. Diese Orte spiegeln sich in der Farbgebung und Komposition ihrer Werke wider. Mary Abbott verstand ihre Hinwendung zur Abstraktion als bewusste Abkehr von der gegenständlichen Darstellung. Sie erklärte, dass die abstrakte Malerei ihr eine andere Form des Ausdrucks ermögliche als die gegenständliche Kunst. Ihre Arbeiten entstanden im Kontext des Abstrakten Expressionismus, einer nach dem Zweiten Weltkrieg in New York entstandenen Kunstrichtung, die den internationalen Bedeutungszuwachs der Stadt als Kunstzentrum maßgeblich mitprägte.
Obwohl Mary Abbott mit den bedeutenden Vertretern des Abstrakten Expressionismus verkehrte, blieb ihre öffentliche Anerkennung im Vergleich zu vielen ihrer männlichen Kollegen begrenzt. So nahm sie beispielsweise nicht an der einflussreichen 9th Street Art Exhibition von 1951 teil, die für die Etablierung dieses Kunststils von großer Bedeutung war. Diese begrenzte Sichtbarkeit teilte sie mit anderen Künstlerinnen ihrer Generation, darunter Elaine de Kooning und Perle Fine.
Literatur
- Irving Sandler: The New York School: The Painters and Sculptors of the Fifties, Harper & Row, New York 1978.
- Ann Eden Gibson: Abstract Expressionism: Other Politics, Yale University Press, New Haven 1997.
- Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 1: A – Bedeschini. Paris, 2006
- Joan Marter: Women of Abstract Expressionism, Yale University Press, New Haven 2016.