Martinskirche (Stuttgart-Möhringen)

Die evangelische Martinskirche steht in Möhringen, einem südlichen Stadtbezirk der Landeshauptstadt Stuttgart in Baden-Württemberg. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenkreis Stuttgart der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die spätgotische Kirche wurde 1464 fertiggestellt, ihr Kirchenschiff 1855 durch den heutigen neugotischen Bau ersetzt, während des Zweiten Weltkriegs weitgehend zerstört und 1948–49 wieder aufgebaut. Sie gilt als eines der prägenden Bauwerke des Stadtteils.

Geschichte

Im 15. Jahrhundert stand an der Stelle der heutigen neugotischen Martinskirche ein romanischer Vorgängerbau. Von diesem sind zwei Säulen erhalten, welche heute die Innenseite des Spitalhoftores zieren. Diese Vorgängerkirche war baufällig geworden, 1459 stürzte der Kirchturm ein. Man entschied sich für einen Neubau. Ausführender Architekt war der Baumeister Hans Böblinger. Anhand zweier Schlusssteine – der eine im spätgotischen Netzgewölbe im Chor, der andere im unteren Turmgewölbe – lässt sich die Fertigstellung der Kirche auf das Jahr 1464 datieren. Da Möhringen im 16. Jahrhundert zum Territorium der Reichsstadt Esslingen gehörte, wurde hier 1531 gemeinsam mit Esslingen die Reformation eingeführt, unterbrochen durch das Interim 1548–1552.

Um das Jahr 1595 wurde das Langhaus, ursprünglich nur geringfügig breiter als der Chor und der Turmsockel, etwas weiter nach Süden verbreitert und dadurch der Innenraum verbessert. Es konnte eine hölzerne Südempore eingebaut und gegenüber, nördlich am Chorbogen, eine Steinkanzel errichtet werden.[1] Auch ein neuer Taufstein und auf der Empore eine Orgel wurden gestellt. Später erhielt der Chorraum noch eine hölzerne Empore.

Dieser Vorgängerbau der heutigen Kirche wurde im Lauf des 19. Jahrhunderts für die anwachsende Kirchengemeinde zu klein. 1852/1853 wurde der baufällige Kirchturm erneuert und mit einer neugotischen Steinspitze mit gusseiserner Pyramide und Laterne ausgestattet. Der spätgotische Turmsockel blieb erhalten. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde auch das große Westportal mit dem darüber liegenden Fenster geschaffen. 1853 wurde das alte Kirchenschiff abgerissen und in den Jahren 1853 bis 1855 nach Plänen des Stuttgarter Baumeisters Christian Friedrich von Leins neugotisch erneuert. Am 11. November 1855 (Namenstag des Kirchenheiligen Sankt Martin) wurde die Kirche eingeweiht.

Nach Behebung gravierender baulicher Mängel und einer Generalüberholung 1935 wurde die Martinskirche im März 1944 durch einen Bombentreffer fast vollständig zerstört. 1948 begann der Wiederaufbau unter Leitung von Architekt Hans Seytter, am 16. Oktober 1949 wurde die Kirche wieder eingeweiht. Aufgrund der damaligen Wirtschaftslage wurde sie nur vereinfacht rekonstruiert; insbesondere unter Verzicht auf die hochgemauerten alten Gewölbe. Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Kirche außen saniert.[2]

Architektur

Die Möhringer Martinskirche wurde 1855 in der Bauform einer dreischiffigen Basilika als „massiver Sandsteinbau, mit Gewölben aus leichten Tontöpfen und tönernen Rippen in allen drei Schiffen“ errichtet. „Leins behielt den dreischiffigen Grundriß des Langhauses bei, reduzierte jedoch die ursprünglich fünf vorgesehenen Joche auf vier. Dadurch wurden sämtliche Joche breiter und durch die Verminderung von Pfeilern etc. Material eingespart. Die breiteren Joche bewirkten ein freieres und helleres Mittelschiff.“ Der Kirchturm erhielt an der Spitze eine nach Leins'schen Plänen in Wasseralfingen gegossene Pyramide aus Gusseisen. „Beim Wiederaufbau [nach dem Zweiten Weltkrieg] wurden die Fialen auf den Strebepfeilern fallen gelassen, der Turmhelm ohne Laterne errichtet, im Inneren die Kirche wesentlich niedriger wieder aufgebaut, wobei das Triforium oder die zweite Empore und der Obergaden durch eine eingezogene polygonale Holzdecke ersetzt und damit die Orgelempore sehr viel tiefer angebracht wurde. Rekonstruiert und in den alten Formen erneuert wurde lediglich der Chor und sein Gewölbe.“[3]

Ausstattung

Aus der Renaissancezeit ist der querrechteckige Korpus der Steinkanzel von 1595 mit seinem Maßwerk- und Beschlagdekor erhalten, ohne Skulpturenschmuck.[4] Er wird seit ungefähr dem Jahr 2000 ebenerdig südlich am Chorbogen wiederverwendet als Ambo oder Lesepult. Nördlich am Chorbogen wurde 1949 erhöht eine neue Holzkanzel gestellt, deren reliefierter Säulenfuß von Helmuth Uhrig gestaltet wurde. Von Rudolf Yelin d. J. gibt es in der Martinskirche mehrere Kunstwerke:[5] Die Holzdecke des Langhauses wurde 1949 in farbiger Lasurmalerei mit vier Bildern gestaltet. Sie zeigen (von West nach Ost) zunächst (über der Orgel) musizierende Engel, dann sechs Jünger Jesu (u. a. Petrus, Jakobus und Andreas), in der Raummitte Christus in der Mandorla, umgeben von den Symbolen der vier Evangelisten, und vor dem Chorbogen weitere Jünger Jesu (u. a. Matthäus und Johannes). 1960 und 1962 schuf Yelin Glasgemälde für fünf Chorfenster mit Szenen aus den Evangelien und der Apostelgeschichte (links außen: Geburt, Anbetung und Taufe Jesu, Sturmstillung, Bergpredigt; links der Mitte: Einzug in Jerusalem, Abendmahl, Gethsemane, Jesus vor Pilatus; Mitte: Grablegung Jesu, Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag, Christus als Weltenrichter, Engel; rechts der Mitte: Suizid des Judas, Verleugnung des Petrus, Engel mit den drei Marien am Grab, ungläubiger Thomas, Emmausjünger; rechts außen: Pfingsten, Bekehrung des Paulus, Steinigung des Stephanus, „Seid beständig!“) aus der Werkstatt Saile. Die Fenster erhielten im Jahr 2019 eine Schutzverglasung. Im Jahre 2008 gestaltete die Künstlerin Gertrud Angelika Wetzel die Taufschale für den Taufstein.

Orgel

Nach dem Wiederaufbau wurde 1951 eine neue Orgel der Firma E. F. Walcker & Cie. (Ludwigsburg) eingeweiht; realisiert wurden zunächst nur das Hauptwerk und ein Teil des Pedalwerkes; 1955 wurde das Instrument vollendet. Eine technische Instandsetzung erfolgte 1989/1990. Gleichwohl erwies sich das Instrument immer wieder als störanfällig, so dass ein Neubau beschlossen wurde.[6]

Die neue Orgel wurde 2020 von der Firma Johannes Klais Orgelbau fertiggestellt. Das Instrument hat 42 Register auf drei Manualwerken und Pedalwerk, außerdem zwei Transmissionen im Pedal.[7][8] Das Instrument wurde am 5. Juli 2020 eingeweiht. Das Festkonzert gestaltete der ehemalige Kirchenmusiker der Kirche Jens Wollenschläger.

I Hauptwerk C–c4
01. Salicional 16′
02. Principal 08′
03. Viola di Gamba 08′
04. Quintatön 08′
05. Concertflöte 08′
06. Octave 04′
07. Flauto dolce 04′
08. Quinte 0223
09. Superoctave 02'
10. Mixtur major IV 02′
11. Trompete 08′
II Positiv C–c4
12. Salicional 8′
13. Gemshorn 8′
14. Doppelgedeckt 8′
15. Principal 4′
16. Rohrflöte 4′
17. Nasat 223
18. Octave 2′
19. Terz 135
20. Mixtur minor III 113
21. Clarinette 8′
22. Vox humana 8′
Tremulant
III Schwellwerk C–c4
23. Lieblich Gedeckt 16′
24. Flaut amabile 08′
25. Viola 08′
26. Vox coelestis 08′
27. Fugara 04′
28. Traverse 04′
29. Piccolo 02′
30. Cornettino II–III 0223
31. Trompette harmonique 08′
32. Oboe 08′
Tremulant
Pedalwerk C–g1
33. Violone 16′
Salicional (= Nr. 1) 16′
34. Subbass 16′
Lieblich Gedeckt (= Nr. 23) 16′
35. Octavbass 08′
36. Violoncello 08′
37. Gedecktbass 08′
38. Octave 04′
39. Fagott 32′
40. Fagott 16′
41. Posaune 16′
42. Trompete 08′
Normalkoppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P
Sub- und Superoktavkoppeln: jeweils III/I, III/II, III/III; zusätzlich III/P als Superoktavkoppel

Geläut

Im Turm der Martinskirche hängen vier Glocken.[9]

Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer
 
Masse
(kg)
Durchm
(mm)
Nominal
 
Inschrift
 
1 Dominica 1806 Johann Gottlob Krieger (Breslau) 1589 1460 cis1 Mich Goss Johann Gottlob Krieger 1806 in Breslau
2 Betglocke 1952 Heinrich Kurtz (Stuttgart) 1140 1220 e1 Dein Reich komme
3 Kreuzglocke 1948 840 1090 fis1 Wachet und betet
4 Taufglocke 1952 560 960 gis1 Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden

Literatur

  • Eduard Paulus: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Neckarkreis – Inventar; Stuttgart 1889, S. 460
  • Unsere wiederaufgebaute evang. Kirche in Stuttgart-Möhringen, zerstört am 15. und 16. März 1944, erbaut in den Jahren 1946 bis 1949, Einweihung am 16. Oktober 1949; Stuttgart-Möhringen 1949
  • Dieter Stievermann: Die Möhringer Martinskirche und ihre wechselvolle Geschichte - Festschrift zum Martinstag 1980, im Gedenken an die Weihe der neugotischen Kirche vor 125 Jahren am 11. November 1855; Stuttgart-Möhringen, 1980
  • Eva-Maria Seng: Der evangelische Kirchenbau im 19. Jahrhundert. Die Eisenacher Bewegung und der Architekt Christian Friedrich von Leins. Tübinger Studien zur Archäologie und Kunstgeschichte Band 15, Dissertation von 1992, veröffentlicht Tübingen 1995, S. 436–450, Bilderseiten 55–57 Abb. 154–161
  • Restaurierung der Martinskirche Möhringen 2001-2007 - Ein Werkbericht von Gergs und Blum, Partnerschaft freier Architekten; Hg. Evangelische Gesamtkirchengemeinde Möhringen, Stuttgart o. J. (2007)
Commons: Martinskirche (Stuttgart-Möhringen) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche - Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen; Neulingen 2023, S. 244, 299 - ISBN 978-3-949763-29-8.
  2. Grundlegende Informationen zur Kirche auf der Website der Gemeinde
  3. Alle Zitate aus: Eva-Maria Seng: Der evangelische Kirchenbau im 19. Jahrhundert. Die Eisenacher Bewegung und der Architekt Christian Friedrich von Leins. Tübingen 1995, S. 446f, 449
  4. Karl Halbauer: Predigstül - Die spätgotischen Kanzeln im württembergischen Neckargebiet bis zur Einführung der Reformation; in der Reihe: Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B: Forschungen, Band 132; Stuttgart 1997, S. 453
  5. Claudia Lamprecht: Rudolf Yelin (1902–1991): Werkverzeichnis der baugebundenen Arbeiten; o. O. (Stuttgart), o. J. (1991), S. 134–1936.
  6. Informationen zur alten Orgel
  7. Informationen zur Orgel auf der Website der Gemeinde
  8. Informationen zur Klais-Orgel und der Orgelgeschichte auf Organ index. Abgerufen am 16. Dezember 2022.
  9. Videoaufnahme des Geläuts und Informationen zu den Glocken auf der Website der Gemeinde.

Koordinaten: 48° 43′ 33,1″ N, 9° 8′ 41,2″ O