Martinskirche (Oberesslingen)

Die evangelische Martinskirche ist ein geschütztes Kulturdenkmal nach dem Denkmalschutzgesetz. Die Pfarrkirche steht in Oberesslingen, einem Stadtteil von Esslingen am Neckar im Landkreis Esslingen in Baden-Württemberg. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Esslingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Geschichte

Die Oberesslinger Kirche wurde erstmals im Jahre 1275 erwähnt. Seit 1360 waren für lange Zeit die Grafen von Rechberg Patronatsherren. Bedeutendster Pfarrer dieser Kirche war Meister Konrad (1280–98). Das Patrozinium der Kirche war lange Zeit ganz unbekannt. Ein Eintrag im Urbar des Katharinenhospitals von 1493 gilt als Hinweis auf ein Martinspatrozinium, was auf ein hohes Alter hinweisen würde. Dafür sprechen auch mehrere, merowingerzeitliche Gräberfelder nahe der Kirche, die zudem auf einer römischen villa rustica des 2./3. Jahrhunderts errichtet worden war.

Der erste evangelische Pfarrer an der Oberesslinger Kirche ist im Jahre 1534 belegt. Das Aussehen des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Baus ist nur durch die Ortsansicht im Kieserschen Forstlagerbuch von 1686 bekannt (hoher Turm mit barocker Zwiebelhaube). Dieser Bau lag im nördlichen Teil des heutigen Friedhofs und wurde im frühen 19. Jahrhundert abgerissen, die neue Pfarrkirche wurde 1827/28 in unmittelbarer Nähe davon erbaut. Sie erhielt das Martinspatrozinium, auch wenn nicht ganz sicher war, ob der Vorgängerbau es einst getragen hatte.

Baugeschichte

Die Saalkirche wurde 1828 nach einem Entwurf von Friedrich Bernhard Adam Groß im Kameralamtsstil und mit klassizistischen Gestaltungselementen erbaut. Sie besteht aus einem Langhaus aus Quadermauerwerk und einem Risalit in der Fassade im Nordwesten, in dem sich das dreitürige Portal befindet. Darüber erhebt sich ein verputzter, mit einem flachen Pyramidendach bedeckter Dachturm, der die Turmuhr und den Glockenstuhl beherbergt. Im Südosten schloss der Kirchenraum zunächst mit einer Kanzelaltarwand ab, hinter der ein kleiner Sakristeianbau auch den Zugang zur Kanzel enthielt. Der Kirchenraum hatte axialsymmetrisch (Mittelgang – Taufstein – Altar – Kanzel) somit den Zuschnitt einer Predigtkirche mit der Kanzel auf der Mitte einer Schmalseite. Unter Leitung des Architekten Albert Kimmich gab es 1956/57 vor allem wegen des Wunsches, für die chormusikalische Arbeit einen geräumigen Altarraum nutzen zu können, eine einschneidende Umgestaltung: die Südempore wurde abgebaut, die Südostwand asymmetrisch mit einem Chorbogen geöffnet und außen anstelle der kleinen Sakristei erstmals in voller Höhe ein dreiseitig geschlossener Chor angebaut.[1][2] Eine neue Kanzel wurde in die südliche Raumecke gestellt, in die Mitte des Chors der Altar, dahinter ein beherrschendes Kruzifix, und die Orgel in den Chorraum hineingenommen.

Der Architekt Dag Metzger und der Künstler Bernhard Huber waren 2003/2004 mit einer umfassenden Neugestaltung beauftragt. Der damit eingeleitete Atmosphärenwandel[3] unter Beibehalt der Raumstruktur führte zu einer gläsernen Raumöffnung im Eingangsbereich, zu mehr Spielraum für die Beteiligung von Gemeindegruppen im Gottesdienst und zur bewussten Gestaltung eines Taufbereichs. Die bisher unbefriedigende Lichtgebung im Chor wurde mittels Lichteinfall vom neuen Glasdach in den Chor behoben. Die Wandmalerei im Chor mit ihrer senkrechten Linienstruktur lässt an ein Prismenspektrum denken.

Ausstattung

In das Halbrundfenster über der ursprünglichen Kanzelaltarwand hatte die Stuttgarter Künstlerin Käte Schaller-Härlin rechtzeitig zum Weihnachtsfest 1918 ein expressionistisches Glasgemälde geschaffen: nach Ende des Ersten Weltkriegs mit einer zwiespältigen, aber zeitgeschichtlich bedenkenswerten Kombination von Bildthemen, nämlich sowohl das Geburtsgeschehen in Bethlehem als auch Flucht und Kindermord. Die Künstlerin selbst hatte ein Jahr zuvor ihren Mann, Vater ihrer kleinen Tochter, im Krieg verloren. Dieses Weihnachtsfenster wurde beim Kirchenumbau 1956 ins Nordwestfenster umgesetzt und für die dort kleinere Fensteröffnung leider rundum beschnitten und hinsichtlich Signatur leicht umgearbeitet.

Der bayerische Bildhauer Karl Hemmeter schuf 1957 für die umgestaltete Martinskirche den dominanten Holzkruzifixus, der hinter dem Altar aufgestellt wurde.

Für die drei Türen des Nordwest-Hauptportals aus schwerem, gegossenem grünem Dick- oder Dallglas schuf Ulrich Henn im Jahr 1973 drei Bronzegitter mit Weinrankenmotiv, in die Bronzefiguren, -szenen und -medaillons zur Barmherzigkeit, dem Lebensthema des Kirchenpatrons Martin von Tour integriert sind: in der Mitte Martin von Tour und seine Barmherzigkeit (Mantelteilung), links die Werke der Barmherzigkeit, und rechts der Leidensweg und die Verhöhnung Jesu (seine erlittene Unbarmherzigkeit).[4]

Die acht Steinblöcke, aus denen der neue Altar von Bernhard Huber besteht, lassen von allen Seiten eine Kreuzstruktur erscheinen. Auch den Taufstein hat er entworfen.

Die Orgel wurde 1958 von Orgelbau Friedrich Weigle als Opus 1007 erbaut. Sie umfasst 31 Register auf drei Manualen und Pedal. 2004 überarbeitete Orgelbau Mühleisen das Instrument technisch und klanglich.[5]

Literatur

  • Siegwart Rupp: Kirchenbauten im württembergischen Kameralamtsstil;in: Schwäbische Heimat 3/1972, S. 178–196
  • Festschrift zum 150jährigen Jubiläum der Martinskirche vom 3. – 10. September 1978; Hg. Evangelische Martinskirchengemeinde Oberesslingen 1978
  • Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Baden-Württemberg I, Regierungsbezirke Stuttgart und Karlsruhe. Deutscher Kunstverlag, München 1993, S. 596.
  • Eva-Maria Seng: Der evangelische Kirchenbau im 19. Jahrhundert. Die Eisenacher Bewegung und der Architekt Christian Friedrich von Leins. Tübinger Studien zur Archäologie und Kunstgeschichte Band 15, Tübingen 1995, S. 204, Bilderseite 34 Abb. 97 f
  • Peter Schaal-Ahlers: Junge Fotografen sehen Kirchen – Evangelische Kirchen in Esslingen; hg. Ev. Gesamtkirchengemeinde Esslingen 2009, Seite 35
Commons: Martinskirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Johannes Merz: Der evangelische Kirchenbau in Württemberg; Sonderabdruck aus dem Christlichen Kunstblatt für Kirche, Schule und Haus; Stuttgart 1920, Text S. 10f sowie Abb. 30
  2. Siegwart Rupp: Über protestantischen Kirchenbau in Württemberg; in: Schwäbische Heimat, Heft 2/1974, Stuttgart 1974
  3. Jörg Bauer, Johannes Dürr (Hg.): Atmosphärenwandel - Martinskirche Esslingen - Ein künstlerisches Konzept von Bernhard Huber; Regensburg 2004
  4. Die Türen der Martinskirche in Oberesslingen, gestaltet von Ulrich Henn - Eine Einführung von Christel Hoffmann; Berlin/Esslingen 2023
  5. Information zur Orgel auf Organ index, abgerufen am 7. Mai 2024.

Koordinaten: 48° 43′ 53″ N, 9° 20′ 9,7″ O