Martinskirche (Metzingen)
Die evangelische Pfarrkirche St. Martin steht in Metzingen, einer Stadt im Landkreis Reutlingen in Baden-Württemberg. Die heutige Metzinger Gesamtkirchengemeinde[1] gehört zum Kirchenbezirk Bad Urach-Münsingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen.
Geschichte
Die spätgotische Hallenkirche mit einem Langhaus zu fünf Jochen wurde um 1500 anstelle eines romanischen Vorgängerbaus erbaut.[2] Sie besteht aus einem Mittelschiff und zwei Seitenschiffen, einem eingezogenen, dreiseitig geschlossenen Chor im Osten des Mittelschiffs und einem Kirchturm im Westen vor dem Mittelschiff. Heinrich Schickhardt erhöhte und vollendete den Turm 1613 auf 57 Meter.
Architektur
Oberbaurat Christian Friedrich von Leins gestaltete 1873 das Innere der Martinskirche konsequent nach den Leitsätzen des Eisenacher Regulativs,[3] unter anderem mit der neuen Kanzel vorne am nördlichen Chorbogen statt wie seit 1613 am dritten nördlichen Pfeiler. Damit ging die neue Gestühlsanordnung mit Blick auf die Kanzel und den Altar einher. Für die Einwölbung der Langhaus- und Seitenschiffe wandte er eine neuartige, von ihm zuvor bei der Einwölbung der Tübinger Stiftskirche erprobte Bautechnik an:[4] weder ein unbezahlbarer Stein-Massivbau noch ein preiswertes Holzgewölbe, sondern ein Gewölbe mit Zementguss-Rippen und leichten Tuffstein-Gewölbefeldern.
Der Reutlinger Architekt Manfred Wizgall behielt bei der umfassenden Renovierung und Neugestaltung 1962–1964 diese Einwölbung bei, entfernte aber sonst die neugotischen Einbauten, Seitenemporen und Ausstattung auch der Prinzipalien. 1981 folgte eine Außenrenovierung, 1993 die Renovierung des Chores und 2004 des Schiffs.
Ausstattung außen
An der Südwand des Langhauses ist ein Gedenkstein eingelassen. Er ist einem 1512 verstorbenen Steinmetzen Jörg Adler gewidmet, der möglicherweise die Martinskirche errichtet hat.[5] Über dem Hauptportal im Turmsockel hat sich anlässlich der Fertigstellung des Turms die Metzinger Ehrbarkeit in einem Steinfries mit ihren ehedem bemalten Wappenschilden dargestellt.
Ausstattung innen
Am dritten von vier nördlichen Arkadenpfeilern steht die Renaissance-Steinkanzel von 1613 mit ihrem Holz-Schalldeckel. Der Bildhauer Hermann Bach schuf 1883 das Luther-Steinrelief über der Sakristeitür, Jakob Brüllmann 1938 den hölzernen Altarkruzifixus. Die Chor- und Sakristeifenster von Rudolf Yelin d. J. von 1946[6] wurden 1953 ersetzt durch die Chorfenster (Stiftungen) des Reutlinger Kunsterziehers am Isolde-Kurz-Gymnasium, Adolf Huber (1910 bis nach 1992) mit den Motiven Geburt, Passion und Auferstehung Christi. Die Farbverglasung des Maßwerks im Westportal-Tympanon mit der Mantelteilung des Kirchenpatrons schuf 1964 Adolf Valentin Saile, und die Kanzel-Holzreliefs (Fußwaschung, Blindenheilung, ungläubiger Thomas, Emmausjünger) schnitzte Karl Hemmeter. Die Orgel wurde 1979 vom Orgelbau Friedrich Weigle errichtet.[7] Die erste Orgel ist 1700 nachgewiesen.
Literatur
- Julius Baum: Die Kirchen des Baumeisters Heinrich Schickhardt; Dissertation Tübingen 1905, S. 70 f
- Erwin Rall: Die Kirchenbauten der Schwaben und Südfranken im 16. und 17. Jahrhundert; maschinenschriftliche Dissertation Technische Hochschule Stuttgart 1922
- Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Baden-Württemberg II, Regierungsbezirke Freiburg und Tübingen. Deutscher Kunstverlag, München 1997, S. 463.
- Arbeitskreis Stadtgeschichte der VHS Metzingen-Ermstal (Hg.): Martinskirche Metzingen - Wahrzeichen einer Stadt; in: Sonderreihe A der Metzinger Heimatblätter, Band 6; Metzingen 2004
- Sönke Lorenz, Wilfried Setzler (Hg.): Heinrich Schickhardt – Baumeister der Renaissance. Leben und Werk des Architekten, Ingenieurs und Städteplaners; Katalog zur Ausstellung „Ein schwäbischer Leonardo? Heinrich Schickhardt (1558-1635). Baumeister, Ingenieur, Kartograph“ des Stadtarchivs Herrenberg und des Stadtarchivs Stuttgart; Leinfelden-Echterdingen 1999. S. 216
Weblinks
- Website der Kirchengemeinde
- Mehr Bilder und Informationen zur Martinskirche auf kirchen-online.com
- Informationen zur Kirche auf kirchbau.de
Einzelnachweise
- ↑ Website der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Metzingen
- ↑ Details der Bauforschung
- ↑ Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche - Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen; Ubstadt 2025, S. 178, 246, 299 - ISBN 978-3-95505-592-9.
- ↑ Eva-Maria Seng: Der evangelische Kirchenbau im 19. Jahrhundert. Die Eisenacher Bewegung und der Architekt Christian Friedrich von Leins (= Tübinger Studien zur Archäologie und Kunstgeschichte, Band 15). Dissertation von 1992, veröffentlicht Tübingen 1995, S. 509–511, Anm. 219.
- ↑ Karl Halbauer: Predigstül - Die spätgotischen Kanzeln im württembergischen Neckargebiet bis zur Einführung der Reformation; in der Reihe: Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B: Forschungen, Band 132; Stuttgart 1997, S. 301 f, Fußnote 55
- ↑ Claudia Lamprecht: Rudolf Yelin (1902–1991): Werkverzeichnis der baugebundenen Arbeiten; o. O. (Stuttgart), o. J. (1991), S. 61.
- ↑ Information zur Orgel
Koordinaten: 48° 32′ 12,4″ N, 9° 17′ 9,7″ O