Martin Reinhart
Martin Reinhart (* 27. November 1967 in Wien) ist ein österreichischer Experimentalfilmer, Medienkünstler, Filmhistoriker, Erfinder und Hochschuldozent. Er ist Senior Lecturer im Masterstudium Art & Science an der Universität für angewandte Kunst Wien und forscht an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Wissenschaft, wobei er sich insbesondere mit Medienarchäologie, Wissenssystemen und digitaler Intelligenz beschäftigt.[1][2]
Leben und Werk
Reinhart studierte Bildnerische Erziehung und Werkerziehung an der Universität für angewandte Kunst Wien und schloss mit Auszeichnung bei Daniela Hammer-Tugendhat ab.[3] Er studierte zudem bei Bernhard Leitner und absolvierte eine zusätzliche Ausbildung als Filmtechniker in München und Hollywood.
In den 2000er-Jahren war Reinhart Mitbegründer und Miteigentümer der Firma Indiecam, die als Pionier der digitalen Filmproduktion gilt und gemeinsam mit Adobe den heute gültigen CinemaDNG-Standard entwickelte. Die von Indiecam entwickelten Kameras wurden in zahlreichen Hollywood-Produktionen eingesetzt.[4] Er war Kurator für Fotografie und Film am Technischen Museum Wien (2000–2003)[5] und arbeitete als Medienplaner für Ausstellungen und Museen.
Seit den 1990er-Jahren arbeitet Reinhart als Experimentalfilmer, Medienkünstler und Forscher. Sein Werk verbindet Medienarchäologie, Technologiegeschichte und künstlerische Forschung, wobei er neue Repräsentationsformen entwickelt – etwa die „Umkehrung“ filmischer Bildräume in den tx--Projekten. Internationale Aufmerksamkeit erlangte er mit dem Dokumentarfilm Dreams Rewired (2015, mit Manu Luksch und Thomas Tode), der aus historischem Filmmaterial eine Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts entwirft und die Sehnsüchte und Ängste der hypervernetzten Welt untersucht.[6][7][8] Der Film wurde als „marvellous tech film“ (The Guardian) gelobt und feierte internationale Festivalerfolge.
Mit Virgil Widrich entstanden die Kurzfilme tx-transform (1998), tx-reverse (2019) und tx-reverse 360° (2019), die bei internationalen Festivals gezeigt wurden, darunter dem Sundance Film Festival.[9] Die tx--Projekte wurden für ihre innovative Bildsprache und technische Experimentierfreude gelobt.[10] Gemeinsam mit Widrich entwickelte Reinhart zudem die interaktive Installation tx-mirror (2018), die im ZKM Karlsruhe ausgestellt wurde.[11]
Reinhart leitete zwei große, vom FWF geförderte Forschungsprojekte: Das PEEK-Projekt Data Loam (2017–2019) untersuchte alternative Wissenssysteme und digitale Intelligenz in der Kunst.[12] Das Folgeprojekt Radical Matter (2021–2024, in Zusammenarbeit mit dem Royal College of Art London) erforscht die Grenzen des Materialismus in Kunst, Philosophie und „Wild Science“.[13] Reinhart ist zudem Herausgeber des internationalen Journals radical⇌matter und organisierte zahlreiche Symposien, Ausstellungen und Workshops zu Themen wie Quantentheorie, feministische Theorie und analoge Ästhetik.[14]
In den letzten Jahren entwickelte Reinhart gemeinsam mit dem Physiker Leonard Coster ein System zur Autokorrelation großer Datenmengen, mit dem Ziel, eine „objektive Topographie des Weltwissens“ zu erstellen.[15]
Filmografie und Arbeiten (Auswahl)
- 1995/2000: Pinocchio (Kurzfilm)[16]
- 1998: tx-transform (Kurzfilm, mit Virgil Widrich)
- 2003: tx-dance (Kurzfilm, mit Michael Loebenstein)
- 2012: Revolution in Sound (Dokumentarfilm, mit Thomas Tode)
- 2014: Panzerkreuzer Potemkin (Rekonstruktion der Wiener Tonfassung von 1930, mit Enno Patalas)
- 2015: Dreams Rewired (Dokumentarfilm, mit Manu Luksch und Thomas Tode)
- 2018: tx-mirror (interaktive Installation, mit Virgil Widrich)
- 2018: Constant Ride (Kurzfilm, Vienna Shorts)[17]
- 2019: tx-reverse (Kurzfilm, mit Virgil Widrich)
- 2019: tx-reverse 360° (Kurzfilm, mit Virgil Widrich)
Stil und Themen
Reinharts Arbeiten verbinden Medienarchäologie, Technologiegeschichte und künstlerische Forschung. Er untersucht die Wechselwirkungen zwischen Zeit, Raum und Wahrnehmung im Film und entwickelt neue Darstellungsformen, die wissenschaftliche, technische und künstlerische Prozesse verschränken. Kritiker heben seine „kompromisslose Experimentierfreude“ (Stadtkino Wien) und die „radikale Versuchsanordnung“ (sixpackfilm) seiner Werke hervor.[18]
Lehre
Reinhart unterrichtete an der Universität Wien, der Kunstuniversität Linz und als Gastdozent am Royal College of Art in London. Seit 2021 lehrt er als Senior Lecturer im Masterstudium Art & Science an der Universität für angewandte Kunst Wien, wo er Exkursionen, Ausstellungen und interdisziplinäre Projekte leitet.[19]
Publikationen (Auswahl)
- Data Loam. Sometimes Hard, Usually Soft. The Future of Knowledge Systems (Hrsg., De Gruyter, 2021)[20]
- A Window of Opportunities: A Brief History of the German Technical Journal Die Filmtechnik (1925–1932) (2021)[21]
- Know your Name. A short history of occidental knowledge systems since the Renaissance (2020)[22]
Weblinks
- Offizielle Website
- Martin Reinhart in der Internet Movie Database (englisch)
- Universitätsprofil – Universität für angewandte Kunst Wien
- Martin Reinhart beim ZKM Karlsruhe
Einzelnachweise
- ↑ Martin Reinhart – Senior Lecturer, Art & Science. In: Universität für angewandte Kunst Wien. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Martin Reinhart. In: ZKM Karlsruhe. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Martin Reinhart – Curriculum Vitae. In: reinhart.media. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Martin Reinhart – Biographie. In: Refreshing Films. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Martin Reinhart. In: ZKM Karlsruhe. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Dreams Rewired. In: Docuseek. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Dreams Rewired review. In: The Guardian. 11. Dezember 2015, abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Mobilisierung der Träume – Kritik zu Dreams Rewired. In: critic.de. 2015, abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ 2020 Sundance Film Festival – New Frontier Lineup Announced. In: Sundance Institute. 6. Dezember 2019, abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Freies Kino: Martin Reinhart – Radical Matter. In: Stadtkino Wien. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ tx-mirror – Virgil Widrich & Martin Reinhart. In: ZKM Karlsruhe. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Data Loam – Sometimes Hard, Usually Soft. The Future of Knowledge Systems. In: De Gruyter. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ radical⇌matter. In: Universität für angewandte Kunst Wien. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ radical⇌matter: When Materialism is no Longer Enough. In: Universität für angewandte Kunst Wien. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Martin Reinhart – Filmhistoriker und Filmemacher. In: Sirene Operntheater. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Pinocchio – Martin Reinhart. In: reinhart.media. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Constant Ride – Martin Reinhart. In: Vienna Shorts Film Festival. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Freies Kino: Martin Reinhart – Radical Matter. In: Stadtkino Wien. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Martin Reinhart – Senior Lecturer, Art & Science. In: Universität für angewandte Kunst Wien. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Data Loam – Sometimes Hard, Usually Soft. In: De Gruyter. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ A Window of Opportunities. In: reinhart.media. Abgerufen am 16. Dezember 2025.
- ↑ Know your Name. In: reinhart.media. Abgerufen am 16. Dezember 2025.