Martin Binder (Künstler)
Martin Binder (* 1990 in Göttingen) ist ein deutscher Künstler und Designer. Er lebt in Berlin und arbeitet interdisziplinär zwischen Kunst, Design und urbaner Praxis. Seine Arbeiten untersuchen das Verhältnis von Mensch und Natur sowie die politische Dimension öffentlicher Gestaltung, insbesondere im Kontext feindlicher Stadtmöblierung (Hostile Architecture).
Biografie
Binder studierte von 2009 bis 2012 Industrial Design an der Freien Universität Bozen. Ergänzend absolvierte er Studienaufenthalte an der Saint Petersburg State University of Industrial Technologies and Design im Bereich Modedesign sowie an der Aalto University in Helsinki (Programm Visual Culture and Contemporary Arts). 2014 bis 2017 schloss er ein Masterstudium „Art in Context“ an der Universität der Künste Berlin ab.[1]
Werk
Binders Arbeiten bewegen sich zwischen Skulptur, Installation und Design. Zentrale Themen sind die Konstruktion von Naturbildern durch den Menschen, die Transformation von Landschaft durch technische Eingriffe, sowie soziale Dimensionen des öffentlichen Raums. Er verwendet dafür traditionelle Materialien wie Holz ebenso wie digitale Verfahren (3D-Druck, 3D-Scanning, CNC-Fräsen, Drohnenfotografie).
Binder beteiligt sich regelmäßig an Wettbewerben im Bereich Kunst am Bau und öffentlicher Gestaltung. Er gehört u. a. dem Deutschen Künstlerbund an und ist Mitglied in Fachgremien wie der Kommission „Kunst im öffentlichen Raum“ des bbk berlin. Darüber hinaus ist er auch als Jurymitglied bei Kunst-am-Bau-Verfahren in Berlin tätig.[2]
Seit 2023 gestaltet er die Trophäe des Eisvogel-Preises, dem Preis für nachhaltige Filmproduktion vom BMUV und der Heinz Sielmann Stiftung.[3]
Besondere Aufmerksamkeit erhielt Binder mit Arbeiten, die sich mit Hostile Design, hostiler Architektur befassen – städtischen Gestaltungen, die den Aufenthalt unerwünschter Gruppen im öffentlichen Raum erschweren sollen. Dazu gehört das Projekt Safe&Urban. Binder gründete die fiktive Stadtmöblierungsfirma „Safe&Urban“, mit der er dystopische Produkte entwirft: Überzeichnete Formen defensiver Architektur, die als misanthropische 3D-Renderings und Animationen Vorurteile und Diskriminierung im öffentlichen Raum aufgreifen und hinterfragen. From Hostile to Hospitable aus dem Jahr 2024 ist ebenfalls eine Arbeit zum Thema Hostile Design. Hier entwickelte er eine Augmented-Reality-Anwendung, die Beispiele feindlicher Stadtmöblierung in Berlin kartiert und alternative, inklusivere Gestaltungsvorschläge visualisiert. Betroffene Organisationen wie querstadtein e.V. und die Berliner Stadtmission waren beteiligt.[4][5][6]
In einem Interview mit der Plattform Feinschwarz.net erläuterte Binder, dass Maßnahmen wie Bänke mit Armlehnen gegen die Möglichkeit sich hinzulegen oder schwer zugängliche Abfallbehälter selten offen als Ausschlussmaßnahmen thematisiert werden, sondern oft „still miterfunden“ seien.[7] Die Berliner Zeitung schrieb über Binders Untersuchungen zu feindlicher Stadtmöblierung, er zeige „wie Architektur und Stadtmöblierung gezielt bestimmte Gruppen ausschließen – Bänke, die Schlafen verhindern, oder Abfallbehälter, die nur Einwerfen, nicht Herausnehmen erlauben“.[8] Internationale Designmedien wie Designboom und Colossal beschrieben seine Projekte als künstlerische Strategien, die Ironie und Interaktion nutzen, um Machtstrukturen in Alltagsobjekten sichtbar zu machen.[9] So charakterisierte Designboom die Arbeit Balance Bench als „Parkbank, die Kooperation erzwingt: Man kann sie nur gemeinsam benutzen.[10] Das Werk kommentiert soziale Dynamik und stellt gewohnte Erwartungen an Möblierung in Frage“.[11]
Kunst am Bau
- 2022: Dazwischen, Integrierte Gesamtschule Kandel. IGS Kandel – Integrierte Gesamtschule, Kandel. Mit dem Entwurf Dazwischen gewann Binder den Wettbewerb. In der Jurybegründung heißt es: „Die Jury hob besonders hervor, dass er die Schüler*innenperspektive ernst nimmt und künstlerische Elemente in die Freiraumplanung integriert.“
- 2022: Fichte-fragmentiert, Orankesee-Schule Berlin
- 2023: Hausbau. Eine Spurensuche, Bauhaus-Archiv. Die Arbeit befindet sich im Erweiterungsbau des Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung. Laut offizieller Jurybegründung „überzeugte Martin Binder die Jury durch eine eindrückliche Reflexion der Herkunft und Verarbeitung der für den Neubau verwendeten Materialien. Das Projekt verbindet ästhetische Qualität mit einer kritischen Auseinandersetzung über die Sichtbarkeit von Bauprozessen.“[12] Die Arbeit dokumentiert, „wie Holz, Glas und Beton vom Rohstoff bis zum fertigen Baustoff verarbeitet werden. In Fotografien, Filmen und Druckgrafiken entsteht ein narratives Panorama der Materialherkunft, das den Bauprozess transparent macht.“[13]
- 2023: Value of Biodiversity, Postblock Nord - Neubau ministerielle Nutzung, Berlin.[14]
- 2023: Campus Schöfferstraße, Hochschule Darmstadt. Zusammen mit Atelier Loidl Landschaftsarchitekten.[15]
Kunst im öffentlichen Raum
- 2017: Denkmal Emanzipationsbewegung, Berlin
- seit 2017: Safe&Urban, Berlin
- 2022: Palliativgarten, Charité - Virchow Campus, Berlin
- 2024: Hostile to Hospitable, Berlin (AR-Anwendung)
- 2025: Balance Bench, Einbeck
Ausstellungen (Auswahl)
Einzelausstellungen
- 2015: one two tree, Third Space, Helsinki
- 2016: vor lauter Bäumen, KWS Art Lounge, Einbeck
- 2018: Portrait of a birch tree, superbien! Greenhouse for Contemporary Art, Berlin
- 2023: Portrait of a birch tree, B-Part, Berlin
Gruppenausstellungen (Auswahl)
- 2018: Hacking Urban Furniture, ZK/U Berlin
- 2022: Re:booth, Berlin
- 2025: Manifest:io, Arena Berlin
Publikationen
- 2014: DIENADEL Nr. 03. Kunstbeitrag in: Kulturwissenschaftliche Zeitschrift für Kunst und Medien, Leuphana Universität Lüneburg. ISSN 2195-9943.
- 2017: Naturliebe. Erneuerbare Haltungen. In: Katalog zur 23. Themenausstellung im Künstlerverein Walkmühle, Wiesbaden. ISBN 978-3-946634-16-4.
- 2020: Hostile Design – Über menschenfeindliche Architektur.[16]
- 2020: Hacking Urban Furniture (HUF). Essay im Katalog zur Gruppenausstellung „HUF“. ISBN 978-3-945659-16-8.[17]
- 2020: Revolution in Chile. Wie ein Land seinen öffentlichen Raum zurückerobert und was wir daraus lernen können. Textbeitrag in: Zeitschrift kunststadt stadtkunst des bbk Berlin, Juni 2020.
- 2021: Domestizierte Ökosysteme.[18]
- 2021: Die diskriminierende Stadt.[19]
- 2025: From Hostile to Hospitable: Using Interactive WebAR Technology to Address Hostile Design in Public Spaces and to Visualise Utopian Alternatives in the Context of AR Activism[20]
Preise und Auszeichnungen (Auswahl)
- 2021 Preis „Beyond Crisis“, Ideenwettbewerb „Deutschland – Land der Ideen“
- 2023–24 Aurora Fellowship, HTW Berlin, für From Hostile to Hospitable[21]
- 2023–24 EHF-Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung
- 2024 Artist Residency, Centro Internazionale di Scultura, Peccia
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Offizielle Website Martin Binder, Biografie & Ausstellungen. Abgerufen am 21. September 2025.
- ↑ BBK Kulturwerk Berlin – Künstlerdatenbank, Profil Martin Binder, abgerufen am 21. September 2025.
- ↑ Bundesumweltministeriums: EISVOGEL – Preis für nachhaltige Filmproduktionen 2025- BMUKN - Bildergalerie. 12. Februar 2025, abgerufen am 24. September 2025.
- ↑ Safe&Urban: Hostile design and Ironic Street Furniture from Berlin based on exclusion strategies in public space. In: Instagram. Abgerufen am 24. September 2025 (englisch).
- ↑ Leonid Barsht, Martin Binder, Dagmar Schürrer, Maja Stark: From Hostile to Hospitable: Using Interactive WebAR Technology to Address Hostile Design in Public Spaces and to Visualise Utopian Alternatives in the Context of AR Activism (= KUI '24). Association for Computing Machinery, New York, NY, USA 2025, ISBN 979-84-0071032-2, S. 1–10, doi:10.1145/3719236.3719244 (acm.org [abgerufen am 24. September 2025]).
- ↑ FROM HOSTILE TO HOSPITABLE – AURORA XR School for Artists. Abgerufen am 24. September 2025 (britisches Englisch).
- ↑ Interview: Diskriminierung als Teil der Stadtarchitektur auf feinschwarz.net, abgerufen am 21. September 2025.
- ↑ Redaktion Feinschwarz: Diskriminierung als Teil der Stadtarchitektur - ein Interview mit Martin Binder. In: feinschwarz.net. 6. September 2020, abgerufen am 21. September 2025.
- ↑ Grace Ebert: A Teeter-Totter Style Bench Invites Sitters to Find Common Ground. In: Colossal. 13. Mai 2025, abgerufen am 21. September 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Martin Binder: martin binder installs park bench in germany that only works with mutual effort. In: designboom | architecture & design magazine. 8. Mai 2025, abgerufen am 21. September 2025 (englisch).
- ↑ Designboom: „bench that refuses to let you sit alone“, abgerufen am 21. September 2025.
- ↑ Kunst am Bau: Entscheidung im Kunstwettbewerb für das Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung. 13. Oktober 2023, abgerufen am 21. September 2025.
- ↑ Kunst am Bau. bauhaus.de, abgerufen am 21. September 2025.
- ↑ "Value of Biodiversity". In: Kunst-am-bau.bundesimmobilien.de. Abgerufen am 24. September 2025.
- ↑ Wettbewerb Freiflächen – h_da. Abgerufen am 22. September 2025.
- ↑ Martin Binder: Hostile Design: Gezielte Ausgrenzung im öffentlichen Raum. In: Qiio Magazin. 28. April 2020, abgerufen am 22. September 2025.
- ↑ Hacking Urban Furniture. Abgerufen am 22. September 2025.
- ↑ Martin Binder: Domestizierte Ökosysteme - Nur noch 1,4% der Erde ist Wildnis. In: Qiio Magazin. 4. Oktober 2021, abgerufen am 22. September 2025.
- ↑ Martin Binder: Die diskriminierende Stadt. In: Qiio Magazin. 17. März 2021, abgerufen am 22. September 2025.
- ↑ Leonid Barsht, Martin Binder, Dagmar Schürrer, Maja Stark: From Hostile to Hospitable: Using Interactive WebAR Technology to Address Hostile Design in Public Spaces and to Visualise Utopian Alternatives in the Context of AR Activism. ACM, 2024, ISBN 979-84-0071032-2, S. 1–10, doi:10.1145/3719236.3719244 (acm.org [abgerufen am 24. September 2025]).
- ↑ Projektbeschreibung „From Hostile to Hospitable“, HTW Berlin / Aurora XR School for Artists, abgerufen am 21. September 2025.