Martha Geiringer
Martha Geiringer (* 28. August 1912 in Wien; † 18. Januar 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau) war eine österreichische Biologin aus jüdischer Familie und Opfer des Holocaust.
Leben
Familie
Martha Geiringer wurde am 28. August 1912 in Wien in eine jüdische Familie geboren.[1] Sie war das zweite Kind von Wilhelm Geiringer (1881–1930), einem Cafébesitzer, und seiner Frau Irma, geb. Koerner (1885–1957).[2] Wilhelm Geiringer war ein entfernter Cousin von Gustav Mahler.
Martha hatte drei Geschwister: Alfred, Erich und Gertrude.[3] Die nachmalige Zeitzeugin Hanny Hieger war ihre Cousine.[4]
Ausbildung
Zwischen 1931 und 1935 studierte Geiringer Biologie und Soziologie an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien, allerdings ohne Abschluss. Danach arbeitete sie an der Biologischen Versuchsanstalt (BVA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Wiener Bezirk Leopoldstadt. Ihre Cousine Hanny Hieger gab an "Nebenher machte sie Häkelarbeiten, weil sie wenig durch ihre Forschungsarbeiten verdiente."[5]
Im Herbst 1937 nahm sie erneut ein Semester auf, um den Abschluss nachzuholen, und begann eine Dissertation unter der Leitung des Zoologen Hans Leo Przibram. Geiringer führte experimentelle Studien zur Metamorphose von Kröten durch und untersuchte die Rolle von Hormonen. Hier forschte sie zur Funktion von Adrenalin als Synergist von Thyroxin.[6]
Der Anschluss Österreichs im Frühling 1938 beendete ihre akademische Laufbahn: Aufgrund der antisemitischen Maßnahmen verlor sie ihre Stellung. In einer nach dem März 1938 erstellten Liste der BVA wurde sie als „nicht arisch“ geführt und mit dem Vermerk „ausgetreten“ zum 15. März 1938 – tatsächlich eine Zwangsentlassung.[2][7]
Exil, Versteck und Deportation
Gemeinsam mit ihrer Schwester Gertrude gelang ihr die Flucht aus Wien. Ein Versuch, in die Niederlande zu gelangen, scheiterte, woraufhin sie nach Belgien emigrierte. Im Oktober 1938 bemühte sie sich um die Fortsetzung ihres Biologiestudiums an der Universität Gent, doch der deutsche Konsul verweigerte 1939 die Verlängerung ihres Passes.[2][7]
Während ihre Schwester Gertrude 1939 nach England und später in die USA ausreisen konnte, blieb Martha Geiringer in Belgien. Dort ging sie eine Beziehung mit der Gynäkologin Yvonne Fontaine ein, die aus einer frankophonen bürgerlichen Familie stammte und mit dem Architekten Andreas Claessens verheiratet war.[8]
1939 reiste Geiringer auf die Philippinen, um dort mit einem aus Wien stammenden Exilanten eine Scheinehe einzugehen; das Vorhaben scheiterte. Hanny Hieger gab dazu abweichend an: „Martha bekam ein berufliches Angebot von den Philippinen. Sie war schon auf den Philippinen, hatte aber eine sehr gute Freundin in Belgien zurück gelassen. Deshalb fuhr sie dann doch zurück nach Belgien“.
Sie kehrte nach Europa zurück und befand sich am Tag der deutschen Invasion Belgiens im Mai 1940 in Gent. Nach einer kurzzeitigen Inhaftierung in Nizza kehrte sie im Januar 1941 nach Belgien zurück und tauchte dort mit Hilfe Fontaines unter.
Am 8. Juni 1941 meldete sie sich beim Fremdenbüro in Gent.[7] Fontaines Ehemann Claessens, der sich zunehmend im antisemitischen Milieu bewegte und in die belgische Kollaboration eintrat, reagierte eifersüchtig auf die Beziehung seiner Frau. Er denunzierte Martha Geiringer: Zunächst gegenüber dem Kollaborateur Willem Verhulst, der wiederum die NS-Behörden informierte. Claessens wurde 1947 zu vier Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe verurteilt.
Geiringer wurde zwischen 1941 und 1943 mehrfach durch die Gestapo festgenommen. Im Januar 1943 wurde sie infolge einer Razzia gegen die jüdische Bevölkerung von Gent in das SS-Sammellager Mecheln verbracht und von dort am 15. Januar 1943 mit dem Transport XVIII nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie vermutlich drei Tage später ermordet wurde.[9][10][7]
Würdigung
Das österreichische Kulturforum in Brüssel ließ für Geiringer am Sint-Joriskaai 5 in Gent einen Stolperstein setzen.[1]
Ihr Neffe, der Komponist und Pianist Frederick Adler, widmete ihr das Streichquartett Nr. 1 In memoriam Martha Geiringer, das im Mai 2005 in Gent uraufgeführt wurde.[2]
Literatur
- Marc Verschooris: Martha's Labyrint: een uitzonderlijke vrouwengeschiedenis, 1938–1944. Sterck & De Vreese, 2022.
- Marc Verschooris: Martha's Labyrinth. Love and Betrayal in Ghent 1938–1944. Armée de Verre, Gent 2024.
- Marc Verschooris: Uit de lus van de strop. Sterck & De Vreese, 2020.
- Marc Verschooris: Hoe zwart in het donker gedijt. Davidsfonds, Leuven 2015.
- Marc Verschooris: Schrijven in de schaduw van de dood. Over thuiskomen, opduiken en achterblijven (1940–1955). Gent 2005.
- Marc Verschooris: Overleven als een gevecht om het bestaan. Over politieke gevangenen en de joodse bevolking tijdens W.O.II te Gent. In: Bulletin trimestriel de la Fondation Auschwitz 94 (2007), S. 55–80. (PDF)
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b Außenministerium der Republik Österreich: Detail. Abgerufen am 24. November 2025 (österreichisches Deutsch).
- ↑ a b c d Martha Geiringer. In: Gedenkbuch der Universität Wien. Abgerufen am 16. März 2024.
- ↑ Marc Verschooris: Martha's labyrint : een uitzonderlijke vrouwengeschiedenis, 1938-1944. Sterck & De Vreese, 2022, ISBN 978-90-5615-915-3.
- ↑ Hanny Hieger | Centropa. Abgerufen am 24. November 2025.
- ↑ Hanny Hiegers Cousine Martha Geiringer. Abgerufen am 1. Dezember 2025 (deutsch).
- ↑ Societies and Academies. In: Nature. 139. Jahrgang, Nr. 3516, 20. März 1937, ISSN 0028-0836, S. 521–523, doi:10.1038/139521a0, bibcode:1937Natur.139..521. (englisch, nature.com).
- ↑ a b c d Martha Geiringer. In: Gedenkbuch der ÖAW. Abgerufen am 16. März 2024.
- ↑ Jonas Roelens: “Martha’s Labyrint Een uitzonderlijke vrouwengeschiedenis”. In: Témoigner. Entre histoire et mémoire. Revue pluridisciplinaire de la Fondation Auschwitz. Nr. 136, 10. April 2023, ISSN 2031-4183, S. 5–8, doi:10.4000/temoigner.11770 (openedition.org [abgerufen am 24. November 2025]).
- ↑ ‘Constellations brisées’: visibiliser les femmes qui ont aimé des femmes durant la Seconde Guerre mondiale. In: RTBF. Abgerufen am 29. April 2023 (französisch).
- ↑ Marta Geiringer. In: Zentrale Datenbank der Shoah-Opfer. Abgerufen am 16. März 2024.